Aus den gesammelten Werken des Ernst Tirckl-Wolff

Band I

Einzelheiten zur Biographie des Ernst Tirckl-Wolff findet man hier

Von dackelfressenden Nashörnern und nassen Fetischisten

Wo ist die Katze, die die Hörner nagt der Kühe?
Zeig mir das Nashorn, das am Straßenrand die Dackel frißt!
Besoffne Drachen fallen krachend von den Stühlen,
und aus dem Bache kraxelt naß ein Fetischist.

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Auf die Frage,
was ein aus dem Bache kraxelnder nasser Fetischist mit dackelfressenden Nashörnern zu tun hat,
lautete zunächst die Antwort:
daß er solches um des Reimes willen tut.
Und nach kurzem Überlegen:
daß selbiger Fetischist auf der Suche nach Fetischen in den Bach gefallen ist
und, da er aufgrund der Nässe dort nicht bleiben kann,
genau im richtigen Moment reimgerecht wieder herauskraxelt.

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Als Textgraphik

Brunnensprung

Fällst du stolpernd in den Brunnen,
wird dir das nicht gut bekummen.
Springst du zielbewusst hinein,
springt das Glück dir hinterdrein.

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Als Textgraphik

Von Nashörnern und Kakerlaken

Natürlich sind Nashörner größer als Kakerlaken;
doch dafür sind die Kakerlaken kleiner als die Nashörner.

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Als Textgraphik

Schwippschwager Schwappelmann

Der Schwippschwager Schwappelmann schaufelte Schnee mit der Schippe.
Dem Schwippschwager Schwappelmann wurde das alles zuviel.
Er schmiß in den Schnee seine Schippe und schaut’ in die Wolken;
doch die Wolken, die schwiegen und schaukelten schwankend dahin.

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Bei der Übersetzung eines russischen Textes ins Deutsche
stieß Kollege Tirckl-Wolff auf eines dieser zahllosen russischen Wörter,
die irgendwelchen Grad der Verschwägerung ausdrücken.
Die ungefähre Bedeutung des Wortes war ihm bekannt;
doch als allen familiären Zusammenhängen Fernstehender hatte er sich um die genauere Bedeutung nie Gedanken gemacht.
Nun aber, da er alles richtig übersetzen wollte,
musste er sich um diese Bedeutung kümmern.
Und stieß dabei, zum ersten Mal in seinem Leben, auf das deutsche Wort „Schwippschwager“.
Dies hat ihn so überrascht, daß er in wirrem Staunen obiges Gedicht schrieb.

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Als Textgraphik

Aus dem Tagebuch eines Fotografen

Seit ich Fliegen fotografiere,
hasse ich Schmeißfliegen.

Sie fliegen nervösen Zickzackkurs
und setzen sich, wenn überhaupt, nur kurz hin,
um dann weiter Zickzack zu fliegen.
Versuche, sie zu fotografieren, kosten nur Nerven
und bringen nix.

Schmeißfliegen werd ich in Zukunft,
wie eh und je,
totschlagen;
das ist einfacher als fotografieren.

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Aus Ernst Tirckl-Wolff: Tagebuch eines Fotografen
(Seit Kollege Tirckl-Wolff sich ernsthaft der Fotografie widmet, ist er nicht wiederzuerkennen)

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Als Textgraphik

Klagelied auf Ungeschriebenes

Bekannt ist mir wohl,
daß Lesben auf Wespen sich reimen,
und Wespen auf Lesben nicht minder.
Doch welches Gedicht
soll den Lesben und Wespen ich widmen?
– Da fällt mir nix ein

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Als Textgraphik

Von den Donnerstagen

Wenn es immer und ausschließlich nur an Donnerstagen regnen würde,
könnte man am Wetter ablesen,
wann Donnerstag ist.

So aber
könnte an einem Donnerstag
genausogut Dienstag sein.

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Als Textgraphik

Von Göttern und Nashörnern

Verwilderte Nashörner
jagen verängstigte Götter
durch nächtliche Himmel

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Als Textgraphik

Von Fliegen und Fliegenklatschen

Hätte Gott die Fliegen nicht geschaffen,

so gäbe es auch keine Fliegenklatschen,

und die Fliegenklatschenproduzenten
müßten sich sonstwie beschäftigen

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Als Textgraphik

Götterfeierabend

In den Abwasserschächten
verstecken sich die Götter
und ruhen aus von wirrendem Tun

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Als Textgraphik

Von Musen und Dichtern

Im Schatten der Fichte
erwartet die Muse den Dichter.
Mit Musen zu schmusen
macht Dichten erst schön.

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Als Textgraphik

Wenn ich Gott wär

Wenn ich Gott wär', wär' alles ganz anders:
Die Esel würd' ich mit Whisky erheitern;
die Hühner mit Bier zum Gesange verleiten,
und Kamele mit Eichhörnchen füttern

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Als Textgraphik

Abenteuerlust

Sie liebte es,
sich in ausgefallene Situationen zu begeben,
in denen sie sich dann so kunstvoll zu verheddern verstand,
daß sie sich nur mit Hilfe noch ausgefallenerer Maßnahmen daraus herauswinden konnte.

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Als Textgraphik

Aiolla im Lande der Drachen

In den mondbeschienenen Büschen
ertönte plötzlich lautes Rascheln,
und ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr,
daß irgendwas nicht stimmt.

Das beruhigte sie.

Denn sie hasste es, wenn immer alles stimmt.

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Als Textgraphik

Vom universalen Sein der Fischernetze

Auch wer kein Fisch ist,
kann sich in einem Fischernetze verfangen.

Denn Fischernetze sind universal.

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Als Textgraphik

Über das himmlische Sein

Im Himmel gibt es keine Kakerlaken,
und Wespen nicht einmal zur Herbsteszeit.
Nur Engel fliegen dort,
im Tiefflug wirr durch dichten Nebel;
und stoßen sie zusammen, schimpfen sie

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Als Textgraphik

Phantasievoller Machtmissbrauch

Den Berlusconi find ich noch lustig.

Als wackerer Machtmensch
mißbraucht er, wie alle, seine Macht;
doch tut er es spritziger, intelligenter
als all diese schmierigen Kleingeister.

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Als Textgraphik

Von einem Kübel mit Deckel

Willst du nicht doch
den Deckel des Kübels verschließen?

Der Abend wird zeigen, was drin ist.

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Als Textgraphik

Von freien Entscheidungen

Wenn jemand in einer Situation,
wo er zu wählen hat zwischen 'Geld oder Leben',
seine Geldbörse herausrückt,
so tut er dies aufgrund einer frei gefaßten Entscheidung.

Wer hier von Zwang redet,
der sieht die Dinge falsch
und täte besser daran,
sie richtig zu sehen.

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Als Textgraphik

Gänse und Enten zur Weihnachtszeit

Äßen die Menschen statt Gänsen zu Weihnachten Enten,

so müssten die Enten hungernd im Schilf sich verstecken

bis alles vorbei ist

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Als Textgraphik

Der seiner Bestimmung nicht gerecht werdende Mensch

Als Gott die Fliegen geschaffen,
da nervten die ihn sehr;
und Gott verstand,
daß er was falsch gemacht.

Die Fliegen zu vernichten
schuf er den Menschen.

- Der Mensch erfand die Fliegenklatsche
und noch so manche Gifte;
doch die Fliegen sind immer noch da,
und Gott wird so langsam nervös.

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Als Textgraphik

Zu des Volkes Erbauung

Wenn betrunkene Parlamentarier sich prügeln,
tun sie mehr fürs Volk und dessen Erbauung,
als wenn sie dösend in den Bänken
ihren Rausch ausschlafen.

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Als Textgraphik

Von den Hupfern zerstoppelter Hühner

Im großen Brausegebreche der Zeit
versinken, gleich Pflaumen im Meerrettichbrei,
die Hupfer zerstoppelter Hühner

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Als Textgraphik

Von kranken Kakerlaken und niesenden Schnaken

Aus grünen Büschen kriechen kranke Kakerlaken,
verwirrte Dackel winseln ratlos schrill im Chor.
Verschnupfte Schnaken schlüpfen niesend aus den Laken;
ein Esel guckt und wackelt mit dem Ohr.

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Als Textgraphik

Kraggemügge

In Kraggemügge ist die Welt zu Ende,
in Kraggemügge steht der Himmel schief.
In wirrem Krachen wackeln dort die Wände;
drum freut euch, daß es diesen Ort nicht gibt

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Um sicher zu gehen, daß es diesen Ort tatsächlich nicht gibt,
haben wir ihn via Google auf Nichtexistenz überprüft.

Idylle mit Müller

Klimpernde Mühlen klingen im Wind,
auf dem Dach hockt ein Rabe und krächzet.
Am Fluß auf dem Baum sitzt der Müller und singt,
und hält an den Ästen sich feste

Von stolpernden Drachen und erschrockenen Hasen

Wenn hoch in den Bergen in ewigem Eise
verirrte Drachen ins Stolpern geraten
und rumpelnd die Hänge hinunterpurzeln:
erschrecken im Tale die Hasen
und hoppeln davon

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Als Textgraphik

Straßenbahngejagte Nashörner

Fünf Nashörner waren’s. Sie rasten dahin
in brausendem dröhnendem Laufe.
Fünf Nashörner rannten die Schienen entlang
in wilder Flucht vor der Straßenbahn,
und stöhnten und brüllten und schnauften

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Als Textgraphik

Von hinkenden Hunden und hustenden Hühnern

Wild heulet der Sturm.
Die Hühner husten,
und hinkende Hunde durchstreunen die Felder

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Als Textgraphik

Verwirrte Gespenster

Verwirrte Gespenster,
in Höhlenwirrnis nach Auswegen suchend,
fragen den Wandrer, wo's lang geht.
- Der Wandrer erschrickt
und läuft weg.

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Als Textgraphik

Ein Unverstandener

„Protinus inrupit venae peioris in aevum“,
sagte Hürgokh und starrte betrübt an die Decke.

Doch niemand verstand ihn.

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Als Textgraphik

Band 2

© Raymond Zoller

Mitglied des
Vondorten'schen Multiversums

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