Wilhelm von Dorten:
Gesammelte Werke Band V

Blödsinnig dargebrachte Weisheit

sowie

weisheitsvoll dargebrachter Blödsinn

(Nachfolgende Weisheiten findet man hierselbst auch in Form von Textgraphiken,
die man sich über den Schreibtisch oder dem Nachbarn an die Tür hängen kann
oder auch, den Zeitgenossen zum Ärgernis, bei Facebook oder wo sonst auch immer posten darf)

Aufwachphase

Der Durchschnittsmitteleuropäer, wenn er aus seinem behaglichen Tiefschlaf aufwacht oder wachgerüttelt wird und im Halbschlaf erste Anzeichen zu Bewußtsein kommender Fragen spürt – sucht als erstes nach ideologischen Krücken, mit denen er sich vor den Fragen und der auf ihn einstürzenden Realität retten kann.

Und stürzt sich in den ideologischen Kampf.

In dem Maße, wie er sich im Weiteren dann aus seiner halbschlafbedingten Ideologiephase herauswindet (so er sich herauswindet) und zur Sachlichkeit durchfindet, bedauert er, daß er nicht mehr schlafen kann, daß ideologische Krücken ihm nichts geben können, und daß er alles selbst machen muß.

Und daß in der Aufwachphase nach dem jahrzehntelangen kollektiven Tiefschlaf erst mal nicht mehr viel zu machen ist.

Bildung

Die dem Wort „Bildung“ anhaftende Begrifflichkeit hat im Laufe der Zeit eine interessante Wandlung durchgemacht. Ursprünglich war ja wohl eine institutionsunabhängige Ausgestaltung der Persönlichkeit gemeint (inklusive gesunder Menschenverstand und Fähigkeit zu unterscheiden zwischen Wort und Inhalt); heute versteht man darunter das Durchlaufen staatlich verordneter Rituale oder auch das Gelesenhaben möglichst vieler Bücher, die von hierzu befugten Stellen oder durch die öffentliche Meinung als „gescheit“ deklariert sind.

Bücherweisheit

Mein Leben wird nicht durch Angelesenes bestimmt.
Lektüre kann bloß Hilfe sein
bei der Klärung der eigenen Sicht.

Reine Bücherweisheit find ich komisch.

Es naht des Großen Chaos

Das Volk ernennt irgendwelche unterbelichtete Gestalten zu Politikern und lässt sich dann von der Propaganda weismachen, daß die ihre Probleme lösen. Die breiten Massen können sich ein Leben ohne solche Po-litiker schon gar nicht mehr vorstellen.

Und da die breiten Massen durch Kulturverfall, dümmliche Propaganda und sonstige fortschrittliche Wohltaten jeglicher Urteilsfähigkeit beraubt und zudem durch unhinterfragte untereinander verfeindete Partei- und Weltanschauungsprogramme aufgespalten sind, können sie auch ihre Probleme nicht selbst lösen.

Ob mit oder ohne Politiker-Hampelmänner: das Große Chaos eilt heran mit Riesenschritten.

Statistikverschönerung

So du die Statistiken schönigen willst

– entkleide diejenigen, die nicht reinpassen,
stillschweigend ihres Menschseins,

und schon leben wir in der besten aller möglichen Welten.

Erdenbewohnerklugheit aus Marsmenschensicht

Sie sagen das eine,
meinen was anderes,
und verstehen weder das, was sie sagen,
noch das, was sie meinen

Ausgestoßen aus der Stumpfsinnslandschaft

Einst nahm man sich ganz selbstverständlich die Dinge zu Herzen, und eine gewisse Fähigkeit, die Welt in ihrem Zusammenhang zu sehen, gehörte zum Alltag.

Im Zeitalter allgemeiner Verblödung aber wird das geringste Durchstoßen des Stumpfsinns als krankhaft oder als exotisch empfunden. Also entstanden Begriffe wie Hochbegabung und Hypersensibilität.

Wer in die Stumpfsinnslandschaft nicht reinpaßt, ist schrullig, verrückt, Verschwörungstheoretiker, oder auch, statt in alltagsfernen Abfall auf alltagsferne Höhen befördert, hochbegabt bzw. hypersensibel

Inhaltsgesättigtes Sprechen

Manchen Ideen tut man Unrecht, wenn man sie mit knappen einzelnen Worten bezeichnet. Denn viele Bezeichnun-gen, die früher vielleicht gesättigt waren mit dem betreffenden Inhalt, sind inzwischen zu Worthülsen erstarrt oder haben ganz andere Inhalte angenommen; mitunter sogar solche, die dem ursprünglich Gemeinten diametral entgegengesetzt sind.

Wem es ernst ist was zu sagen und wer Missverständnisse vermeiden will, der soll, redend, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, die Sache umschreiben; oder, notfalls: schweigen.

Sprache und Jargon

Probleme mit der Sprache sind ideologieübergreifend.

Denn jedwede Ideologie ersetzt die Sprache und das Denken durch Jargon; und je williger man sich von – egal welcher – Ideologie bestimmen läßt, desto ausgeprägter sind die Sprachprobleme.

Mögen auch die unterschiedlichen Ideologien die von ihnen Befallenen in unterschiedliche Sprachmuster und Vorstellungsmechanismen hineinzwängen – der Hintergrund ist überall der gleiche.

Journalistenmühsal

Bei einer dynamischen Faktenlage, von der einem nur ein paar zufällige Einzelheiten bekannt sind, ein Lügengebäude durchgehend in einer mehr oder weniger stimmig wirkenden Form zu halten, fordert fast übermenschliche Anstrengungen.

Vom Nichtverstandenwerden

In klarer Formulierung sagst du etwas und bekommst Antwort auf etwas, was du nicht gesagt hast oder was als zufällige Nebensächlichkeit höchstens ganz am Rande mitschwang.

Ganz hilflos fühlt man sich dabei. Wie wenn du beim Autofahren die Kupplung drückst, und statt des Auskuppelns geht das Licht an, die Hupe hupt los oder das Auto explodiert.

Nihilismus und Dogmatismus

Ehrlicher Nihilismus und strammer Dogmatismus sind einander polare Auslebensweisen der Ratlosigkeit.

In dem Maße, wie man innerlich frei und somit weniger ratlos wird, verblassen Nihilismus und Dogmatismus zu in der Seelenlandschaft eingesprenkelten möglichen episodischen Zwischenstationen.

In Bereichen, wo man noch nicht richtig durchblickt und auch weiß, daß man nicht richtig durchblickt, kann man bewußt, gewissermaßen als Arbeitshypothese, diesen oder jenen Dogmen huldigen: wohl wissend, daß das Dogmen sind und als solche reine Privatsache.

Und auch nihilistischem Hedonismus kann man sich ergeben: in eigenem Ermessen und wohldosiert. Bei entsprechender Bewußtheit weiß man selbst so ungefähr, was man grad braucht und was man seiner Umgebung wieauch sich selbst zumuten kann.

Rettende Strohhalme

Merkend, daß hinten und vorne nix stimmt,
klammern sie sich wie Ertrinkende an ihre Irrtümer:
weil sie sonst nichts mehr haben

Temperament

In meinem Denken bin ich temperamentvoll; und temperamentvoll bring ich meine Gedanken zum Ausdruck.

Manche Mehlsäcke machen mir wegen meines Temperaments den Vorwurf: ich sei nicht objektiv.

Aber ich bin objektiv; bloß fehlt mir die Fähigkeit und der Wille zum blutlosen Theoretisieren und Wortemachen. Wenn ich etwas denkend durchdringe, so tu ich das, weil es mich lebhaft interessiert oder ärgert. Und wenn ich etwas sage, so steh ich mit meiner ganzen Persönlichkeit und meinem ganzen Temperament dahinter.

Ich finde solche Haltung unbedingt richtig und habe nicht die geringste Absicht, sie zu ändern.

Höchstens noch zu verstärken.

Übergeistelte und unbegeistelte Gutbürgerlichkeit

Übergeistelte Gutbürgerlichkeit
wirkt mitunter zerstörerischer
als unbegeistelte

Wahlkampf und Volksverdummung

Jemand meinte: Man solle die Politiker für ihre Wahlkampfauftritte wegen Volksverdummung anzeigen.

Ich aber sage euch:

Das Wahlkampfblabla ist zu sehr reines Ritual, als dass man von gezielter Volksverdummung sprechen könnte. Ohne die eh bereits seit Jahren vorhandene und aus eigener Kraft mit wachsender Beschleunigung wachsende Verdummung würde niemand ein solches Ritual ernstnehmen, und das, was sich jetzt unerbittlich abzeichnet, wäre gar nicht möglich.

Schwarzhaarige Blonde

Gleich den Schwarzhaarigen
haben auch die Blonden das Recht,
als Schwarzhaarige bezeichnet zu werden.

Gleiches Recht für alle!

Falscher Knopf

Wer einen falschen Knopf drückt,
muß damit rechnen,
daß dadurch Prozesse in Gang gesetzt werden,
die nicht beabsichtigt waren.

Von der Sinnsuche des braven Bürgers

Wer den in grimmem Ernste dargelebten Unsinn des Alltags
für den einig möglichen Unsinn hält,
der wird ob des unbekümmert dahinfließenden Blödsinns dieser Texte
verärgert sich fragen,
was das soll und wo denn der tiefere Sinn liegt.

Wasletzteres er bei seinem Alltagsunsinn natürlich nie fragen würde.

Wilhelm von Dorten
bezüglich klamurkischer Belletristik

Rennende Rentiere

Da Rentiere gelegentlich rennen, darf man sie getrost auch Renntiere nennen.

Es sei denn, man deklariert das zweite 'n' als Tippfehler

Das Leben als Aprilscherz

In unseren Zeiten galoppierenden Fortschritts
ist jeder Tag erster April.

Realität und Aprilscherz nähern sich einander an,
gehen ineinander über
und sind kaum noch voneinander zu unterscheiden.

Und das Leben wird immer lustiger.

Klarheit mit Herz

Wer aber gedankliche Klarheit mit wilder Emotionalität zu verbinden weiß, dem gelingt es auf das Beste, sowohl reine Kopfmenschen als auch reine Gefühlsmenschen in tiefste Verwirrung zu stürzen.

Wie man die Spießerwelt ärgert

So du die Spießerwelt ärgern willst - sprich, fest auf der Erde stehend, in klaren, sicheren Worten aus, was du sagen willst; laß dir egal sein, ob jemand was kapiert oder nicht und verzichte auf jegliches Schimpfen und Hervorheben durch die Spießerwelt geschlagener Wunden.

Auf solchem Wege wirst du, so man dich beachtet, für Spießer wie Alternativspießer zu einem wahren öffentlichen Ärgernisse.

Zwischen den Stühlen

Für die Sichtweise von Zeitgenossen, die gerne auf Stühlen sitzen oder in Schubladen herumliegen, gibt es solche Individuen, die, wie sie sagen, „zwischen allen Stühlen sitzen“; und das ist für sie etwas Schlechtes.

Die so abgeurteilten aber gehen unbekümmert ihren Weg und können nicht verstehen, warum sie auf von irgendwem dahingestellten Stühlen herumsitzen sollten.

Der Weg zu wahrer Ernsthaftigkeit

In Zeiten verbissenen Scheinernstes läßt wahre Ernsthaftigkeit sich nur auf den Wegen wahren Unernstes wiedergewinnen.

Schöpferische Ausgestaltung des Unsinns als Kraftquell

Die Frage stellt sich, ob man durch ernsthaftes Vorgehen noch irgendwas am Weltenirrsinn ändern kann und ob es nicht sinnvoller ist, den Unsinn in bewußter schöpferischer Gestaltung auf die Spitze zu treiben.

Der Vorteil solchen Vorgehens liegt darin, daß ich selbst wieauch diejenigen, welche die Überzeichnung verstehen, unseren Plausch haben. All die übrigen wundern sich höchstens etwas.

Wobei ich es keineswegs als mein Ziel betrachte, möglichst viel Plausch zu haben. Aber wenn ich über Gebühr im Weltenmiste herumwühle, so werde ich handlungsunfähig und kann gar nix mehr machen. Herumwühlen in diesem Miste tu ich grad so viel, als nötig ist, um das Feld, in dem ich noch was tun kann, einigermaßen zu überschauen.

Das Herausarbeiten der komischen Seite unserer heutigen Weltkloake ist mehr ein Kraftquell für mich und für andere. An Aufklärung für solche, die noch immer nix merken, denke ich dabei nicht; denen iss sowieso nicht mehr zu helfen.

Von den Grünschuhigen mit Übergröße

Geht auf die Straßen und setzt ein Zeichen. Menschen dürfen nicht auf Grund ihrer Schuhgröße oder ihrer Schuhfarbe ignoriert und diskriminiert werden!

Und wir, die Grünschuhige mit Übergröße, werden so lange demonstrieren, bis die Menschen merken, daß wir da sind, und so genervt sind, daß sie uns diskriminieren.

Und dann legen wir mit unseren Demonstrationen erst richtig los.

(Wilhelm von Dorten,
zitierend den Schuhaktivisten
Friedrich Wipsfeld-Köllermops)

Von kleinen und großen Kindern

Wenn dem Kleinkind der Schnuller aus dem Bette fällt,
beginnt es reflexhaft zu weinen.

Und der kindgebliebene Erwachsene,
wenn er ein Schlagwort hört,
wirft sich reflexhaft in Positur und beginnt zu plärren;
wobei der Inhalt seines Geplärre davon abhängt,
welcher Herde er sich zugehörig fühlt.

Über Surrogate

Malzkaffee ist für mich nur dann unerträglich,
wenn ich bei seinem Verzehr an echten Kaffee denke,
den er ersetzen soll.

Wenn ich ihn als das trinke, was er ist,
bietet er zwar keinen Hochgenuß,
aber trinken kann man ihn

Zurück zu Band IV Wilhelm von Dorten In Laufe des Auffüllens kommt dann irgendwann auch Band VI

© Raymond Zoller
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