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Kultur – was ist das?

Aus vorklamurkischen Zeiten

Vorbemerkung

Der einsamen schriftlichen Selbstgespräche müde, begann der Herr Chefredakteur Anfang der achtziger Jahre, seine mühsam den Nebeln entrissenen Gedanken zu veröffentlichungsreifen Artikeln zusammenzuballen.

An dem ersten dieser Artikel arbeitete er viele Wochen oder Monate (genau kann er sich nicht mehr erinnern; er weiß nur noch, daß das sehr lange ging). Ein sich über viele Seiten dahinerstreckendes Geschreibe tippte er da zusammen; und aus diesem Brei kristallisierte er mühsam einen knapp eine Seite langen Artikel heraus, welcher in der Zeitschrift "Jedermann" veröffentlicht wurde.

Von da ab erschien eine Zeitlang in jeder Jedermann-Nummer ein Artikel von ihm. Das ging nun alles sehr viel schneller. Übrigens schrieb er nach wie vor nie, um "einen Artikel zu schreiben", sondern immer in dem Bemühen, in klare Begriffe und Worte zu fassen, was ihn diffus bewegte. Aber es gab und gibt genug, was ihn bewegt und zur Klarheit drängt.

Auf seinen im "Jedermann" veröffentlichten Artikel "Kultur – was ist das?" erhielt er einen interessanten Leserbrief, auf welchen er, seinen Gepflogenheiten entsprechend, sofort antwortete. Es entwickelte sich ein reger Briefwechsel, der schließlich auszugsweise sogar, unter dem Titel "Von lebenden und eingegossenen Libellen", in Kleinstauflage veröffentlicht wurde.

Man traf sich ein paarmal, der Leserbriefschreiber und der Herr Chefredakteur, mal in München, mal in Stuttgart und auch in Basel; und dann brach der Kontakt für mehrere Jahre ab. Erst Anfang drittes Jahrtausend, als der Herr Chefredakteur in Tbilissi (Georgien) lebte und mit einem technischen Projekt beschäftigt war, sah man sich, in Zusammenhang mit diesem Projekt wieder.

Für das Weitere gäbe es einiges Interessante zu berichten, welches ohne diesen Artikel und ohne den Leserbrief nicht eingetreten wäre; und nun kam dem Herrn Chefredakteur der Gedanke: dieses als Spätfolge jenes Artikels eingetretene Interessante mit Beteiligung der Beteiligten literarisch herauszuarbeiten.
Als erstes veröffentlichen wir mal jenen Artikel; und dann sehen wir weiter.

Und gedankt sei den Mitarbeitern der "Jedermann"-Redaktion (inzwischen "Jedermensch"-Redaktion), daß sie den Artikel in ihrem Archiv herausgesucht und eingescannt haben.

Nach diesem langen Vorspann weiter denn mit dem Artikel:

"Der Mensch ist verschwunden.
Erbärmlich und nebensächlich wie eine Fliege
rührt er sich kaum noch in den Zeilen der Bücher."
(Juri Timofejewitch Galanskow: Das Manifest des Menschen)

Wir wollen versuchen, die Frage von den typischen Schwierigkeiten bei geistiger Zusammenarbeit (Lehrer-Schüler-Verhältnis; Arbeitsgruppen; usw…) aus aufzugreifen.

Die sind bekannt: Mangelndes Engagement ("Manchmal entsteht der Eindruck, als habe der westliche Student nur ein Ziel: so wenig wie möglich zu lernen und zu lesen, aber dafür seine Scheine und eine gute Examensnote zu bekommen." – German Andrejew in "Die Welt", 7.11.81); Herrschaftsansprüche; aneinander vorbeireden.

Mit Forderungen nach mehr Engagement, weniger Herrschaftsanspruch, weniger aneinander vorbeireden, ist dem, wie die Erfahrung zeigt, nicht beizukommen.

Will man dem aber doch beikommen, so wird man sich zweckmäßigerweise zuerst einmal dranmachen müssen, die Motivation der in Frage stehenden geistigen Zusammenarbeit klarzumachen.

Demgegenüber mag man einwenden, das sei doch Unsinn, da die Motivation doch offensichtlich in der behandelten Fragestellung selbst liege.
Meiner Erfahrung nach ist dem aber nicht so; es ist sogar eher die Ausnahme, daß die Motivation einer geistigen Auseinandersetzung in der behandelten Fragestellung aufgeht.

Meist ist die Fragestellung in erster Linie Vorwand; Kampffeld etwa, auf dem "geistige" Vormacht behauptet oder erkämpft werden soll; oder halt etwas, dem man nachgeht, weil man als Lehrer, Student, Anthroposoph, Literat oder sonstwas sich dazu verpflichtet fühlt.

Die Motivation zu geistiger Zusammenarbeit wird so zu einem Mischmasch aus den verschiedensten Bereichen, unter denen die ausgesprochene Fragestellung nur eine nebengeordnete Rolle spielt. Und oft völlig untergeht.

Es ist sogar verpönt, als emotional und unsachlich verschrien, aus einer existentiellen Fragesituation, aus Betroffenheit heraus an die Dinge heranzutreten.
In einer Korrespondenz über die Frage, wie weit es sinnvoll ist, in geistige Auseinandersetzungen persönliche Erfahrungen einzubringen wurde gesagt, daß sowas "eigentlich nur die anregen kann, die in sich wenigstens noch ein Fünkchen einer Frage haben". Und: "Vielleicht geht ein solches Gespräch nur unter Freunden?"

Jedoch: dieses "Fünkchen einer Frage" – das ist doch eben der Bereich, in dem die geistige Auseinandersetzung überhaupt Sinn und Inhalt hat. Und wo die Fragestellung nicht Kampfplatz ist oder Tummelplatz von Funktionären, sondern existentieller Betroffenheit entspringt – da ist Freundschaft.

Aber dies ist – leider – fast die Ausnahme. Als Fragender und Betroffener fühlt man sich dem allgemeinen Überbau-Geistesleben gegenüber schuldig: "Aber vielleicht geht ein solches Gespräch nur unter Freunden?"

Weil dem so ist, deshalb ist es mit unserem Geistesleben, mit unserer Kultur, auch so schlimm bestellt. Das eigentliche Geistesleben, die eigentliche Kultur verschwindet unter einem undurchdringlichen Überbau. Trotz aller Opernhäuser, Theater, Häuser mit abben Ecken und Reden über freies Geistesleben.
Denn eigentliche Kultur ist nicht diese Arena für intellektuelle Wortgefechte, nicht dieser Tummelplatz für Funktionäre. Wirkliche Kultur resultiert aus dem Zusammenwirken fragender und strebender Menschen; alles andere ist Floskel und Überbau.

Wenn Kultur entstehen soll, müssen die Fragenden als erstes ihr schlechtes Gewissen gegenüber den Funktionären überwinden und sich bewußt werden, daß es auf sie ankommt und sonst niemand anders.

(Mit Funktionären meine ich Menschen, insofern sie sich von irgendeinem Status her und nicht existentiell mit "geistigem" beschäftigen. Damit sollen keine Fronten gebildet werden. Auch die notorischsten Funktionäre sind nicht von der Kultur ausgeschlossen, insofern sie Fragende sind.)

Zu Obigem meinte jemand, daß also "früher, in vorklamurkischen Zeiten, eben auch schon nicht mehr alles besser war".

Meine Antwort:

Auch schon sehr viel früher war alles „nicht mehr besser“.

Schon der Nietzsche musste sich mit all dem herumschlagen; und sicher nicht von ungefähr hat der Schiller, noch viel mehr früher, den Ausdruck „Brotgelehrtentum“ geschaffen. Und auch der Steiner musste nicht selten, mal durch die Blume, mal ungeniert offen, seine lieben Anthroposophen darauf aufmerksam machen, welch eitles Bildungsphilistertum in ihren Kreisen da grassiert.

Als ich mich mühsam aus dieser Finsternis herauskämpfte und Anfang der achtziger Jahre ganz langsam auf die Beine kam, war mir noch nicht bewusst, in welch hehrer Gesellschaft ich diesen Kampf da kämpfte.

Für manche hochgelahrte Anthroposophen aus meiner damaligen Umgebung war diese ganze Klamurkerei bloß müßiges Gespinne. Heute weiß ich mit Sicherheit, daß das kein müßiges Gespinne war, sondern ein unumgängliches Sichherauskämpfen aus den alles verfinsternden Sümpfen des Bildungsphilistertums. Und ich weiß inzwischen auch, daß vieles, was in diesen hochgelahrten Kreisen so verbreitet wird, bloß eitelkeitsbefriedigendes Gewäsch ist.

Es liegt mir fern, einen Menschen mit seinen Verirrungen zu identifizieren. Ein jeder kann sich mal verheddern. Ich auch.

Solange sie, in ihre Eitelkeit eingelullt, klug klingenden Wörterbrei produzieren, interessieren sie mich halt nicht...

Raymond Zoller