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Aus vorklamurkischen Zeiten

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Leserbrief auf den Artikel
"Kultur - was ist das?"

Georges Raillard;
Basel, am 4. März 1982

Lieber Herr Zoller!

Ich habe gestern Ihren Artikel im Jedermann gelesen („Was ist Kultur?“). Er hat mich sehr angeregt; ich glaube, Sie haben da den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich bin seit ein paar Jahren an der hiesigen Universität als Student beschäftigt und kenne (und erleide) die Situation, von der Sie so treffend schreiben. Ich fühle mich im Moment nicht in der Lage, Ihnen meine Gedanken zu diesem Thema mitzuteilen. Ich möchte Sie aber ermutigen, weiter solche und andere Dinge zu schreiben.

Ich schicke Ihnen stattdessen den Abzug eines Briefes, den ich, angeregt durch die Lektüre Ihres Artikels, einer Freundin aus der französischen Schweiz geschrieben habe. Ich habe ihr auch den Artikel gesandt. Ich weiß nicht, ob Sie mit diesem Brief von einem und an einen für Sie fremden Menschen etwas anfangen können. Übersehen Sie einfach das Persönliche darin! Vielleicht können die Gedanken darin, zu denen ich indirekt durch Ihren Artikel angeregt worden bin, Sie nun Ihrerseits wieder anregen. Falls nicht – dann werfen Sie es ohne schlechtes Gewissen weg!

Vielleicht sollte ich noch sagen, daß ich Nicht-Anthroposoph bin insofern, als daß es für mich darauf ankommt, daß mir etwas einleuchtet, und nicht, daß es anthroposophisch ist. Ich habe allerdings gesehen, daß mir viele anthroposophische Dinge einleuchten.

Mit herzlichen Grüßen

Georges Raillard.

Auszug aus dem
in obigem Schreiben erwähnten Brief

Georges Raillard an C.P.

Liebe C.!

„Was ist Kultur?“ fragtest du in Deinem Brief. Gestern las ich diesen Artikel in einer Zeitschrift. Dieser Artikel ermutigt mich sehr; ich glaube, das ist meine Antwort auf diese Frage. Er drückt ziemlich genau das aus, was ich empfinde: der „Kultur“ gegenüber, der Universität gegenüber usw.… (…)

Du bist für mich eine große Frage, auf die ich eine Antwort suchen will, suchen muß. (…)

Ich frage: Wer ist dieser Mensch? Wer bist Du? Damit beginnst Du für mich zu existieren, beginnst Du für mich real zu werden; dadurch bemerke ich, daß Du überhaupt existierst, dadurch werde ich auf Dich überhaupt erst aufmerksam. Vor dieser Frage habe ich Dich nicht bemerkt, nicht beachtet, habe ich nichts von Deiner Existenz gewusst; vor dieser Frage habe ich mich nicht für Dich interessiert. (…)

Ich frage, dann antworte ich; dann frage ich weiter, wieder gebe ich eine Antwort; dann frage ich noch weiter, noch bestimmter; dann merke ich vielleicht, daß die erste Antwort ganz falsch war, und ich muß noch einmal von vorne anfangen. So geht es unendlich weiter. Das ist für mich das Leben.

Jeder Mensch ist unendlich: unendlich groß, unendlich weit, unendlich tief. Auch Du. Darum kommt das Fragen und Antworten nie an sein Ende, kann nie an sein Ende kommen. Warum also überhaupt fragen, wenn der Mensch sowieso unendlich ist und das Fragen doch nie an ein Ziel gelangen kann? Ist das Fragen nicht sinnlos und vergebliche Mühe: die Antworten werden ja doch nie Sicherheit geben können? Warum sage ich nicht einfach: ich werde nie wissen, wer Du wirklich bist, darum beginne ich schon gar nicht zu fragen?

Es gibt für mich mehrere Gründe dagegen. Zum Beispiel ein logischer: Wenn ich sage, ich könne Dich nicht erkennen und würde Dich nie erkennen können, so ist das eine endgültige Antwort. (…) „Du bist unerkennbar“ ist auch ein Dogma.

Es gibt für mich auch noch einen psychologischen Grund, warum ich fragen will, fragen muß: eine Sache, nach der ich nicht frage, kann mich nicht interessieren. Eine Sache, die mich nicht interessieren kann, kann ich auch nicht gernhaben. Eine Sache, nach der ich nicht frage, ist mir gleichgültig, ich weiß nicht, daß sie existiert. (…) Ich kann nur danach fragen, was ich gernhabe; ich kann nur dasjenige gernhaben, wonach ich frage.

Antwort auf den Leserbrief

Raymond Zoller
am 8. März 1982

Sehr geehrter Herr Raillard,

Ihre Sendung „ohne schlechtes Gewissen wegzuwerfen“ kann mir nicht in den Sinn kommen; dazu hat sie mich zu sehr begeistert.

Daß Sie, nachdem Sie diesen Artikel gelesen und offensichtlich auch verstanden haben, überhaupt ein schlechtes Gewissen haben können, sich an den Autoren mit „Persönlichem“ zu wenden, mag ja einerseits erstaunlich sein; andererseits aber wiederum voll verständlich: die Menschen sagen und schreiben ja viel; auch sehr viel Wohlklingendes; aber oftmals genau das Gegenteil von dem, was sie meinen. So weit sind wir in unserer Beherrschung der Sprache gediehen, daß wir uns sogar hinter ihr verstecken können.

Ich versteck mich aber nicht; ich mein das wirklich so. Und von daher wird es wohl verständlich sein, daß Ihr Brief mich nur begeistern konnte (…)

Nebenbei gesagt: in die Lage, diesen Aufsatz oder Artikel zu schreiben, bin ich erst durch einen Briefwechsel gekommen, der durch eine andere Veröffentlichung von mir angeregt worden war. (…)

(Ich hab hier das „Sie“ angewendet, weil Sie – verständlicherweise – in Ihrem Brief gleichfalls das „Sie“ benutzten. Bei einer allfälligen Antwort überlass ich Ihnen die Wahl zwischen „Sie“ und „Du“ und werd mich dann Ihrer Wahl anschließen.)

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Raymond Zoller