Eingang Klamurke Aus dem sozialen Leben

Reden und Sein

Über fortschrittliches Reden und über das Problem, weiterzukommen

Lockeres Behandeln oben erwähnter Thematik
in einem auszugsweise wiedergegebenen Briefwechsel
zwischen

und

Erika Reglin

Raymond Zoller

Den Funken zum Aufflammen dieses Briefwechsels gab die Dokumentation zu einem höchstlich interessanten Reinfall, den ich Anfang der neunziger Jahre in Sachen partnerschaftliche Zusammenarbeit erlebte. Es ging dabei um geschäftliche Möglichkeiten, die ich in Rußland aufgetan hatte und die ich mit einem begüterten deutschen Bekannten weiterverfolgen wollte. Mein Bekannter – sehr begütert; ich selbst mehr von der Hand in den Mund lebend, zum gegebenen Zeitpunkt aber mit leichten Reserven, die ich jedoch – wie sich alsbald herausstellte – überschätzt hatte. Jener Bekannte fand es ganz selbstverständlich, daß in Rußland vor Ort die ganze Arbeit machte, und war genau so selbstverständlich und offenbar rein aus Prinzip nicht bereit, nach Erschöpfung meiner Reserven meinen Lebensunterhalt dortselbst zu finanzieren (damals gab es erstens noch die D-Mark, und zwotens war zu jener Zeit in Rußland alles spottbillig; so daß ich inklusive Miete mit 200 Mark monatlich ungestört hätte leben und arbeiten können. Doch auch das wollte er nicht). Es ergab sich eine sehr absurde, irgendwie aber auch sehr typische Situation; und weil die Situation mir als etwas ins Groteske hineingesteigertes Typisches erschien, traf ich nach langem Zögern Anstalten, die Sache in der „Klamurke“ zu veröffentlichen. – Den zur Veröffentlichung vorgesehenen Text schickte ich in anderem Zusammenhang an Erika; und daraus ergab sich dann – neben dem Anstoß, die Sache tatsächlich zu veröffentlichen – unten auszugsweise wiedergegebener Briefwechsel.

Die zugrundeliegende Dokumentation findet man hier.

(wer det nach erstem Anlesen interessant finden sollte, kann sich den ganzen Text auch als bequem ausdruckbares PDF von hierselbst herunterladen; in jenem Ordner findet sich eine PDF-Datei mit der Benennung „Reden und Sein“; die ist gemeint)

Erika am 28.Mai 2010

das ist eine interessante und in der Tat typische Geschichte, wahrscheinlich, wie sie tausendfach auf unserer Erde vorgekommen ist und vorkommen wird. Als distanzierter Außenstehender habe ich gleich den Gedanken gehabt, daß Ihr die Finanzen noch vor dem ersten realen Tätigwerden hättet klar regeln müssen. Wie immer hat der die Macht, der das Geld hat. So muß jemand, der über die Finanzen verfügt, von vorneherein seine Macht wissentlich und willentlich aufgeben, wenn er der guten Sache dienen will. Anscheinend wollte X zwar der Sache dienen, aber er hat vergessen, daß er im ersten Schritt seine Stellung hätte aufgeben müssen. Deine Enttäuschung ist offensichtlich – hat X sich eigentlich nach diesem Fax gemeldet und habt ihr weiterhin „zusammen“ gearbeitet?

Ich denke auch, daß dir klar gewesen sein muß – ob bewußt oder unbewußt – daß Geld eine Rolle spielen würde und du insofern nicht auf eine Bezahlung bestanden hattest, weil das Thema erstens unangenehm ist und weil es dich zweitens ab dem Beginn der Zusammenarbeit auf eine niedere Stufe degradiert hätte und du X dann nicht auf Augenhöhe hättest begegnen können. Doch wie immer ist das Geld ein stummer Geselle, der durch seine kalte Präsenz klar die Regeln bestimmt, ohne, daß er etwas sagt. Er offenbart sich dann in seiner Gnadenlosigkeit, sobald man Verzweiflung oder Not signalisiert und die unausgesprochene Anklage in den Raum stellt, daß es ein Leichtes gewesen wäre, mit dem Herzen zu sehen. Die Menschen, die den stummen Gesellen stets neben sich haben, sehen nicht durch den Schleier und die Wahrnehmung ist manchmal derartig verzerrt, daß so einer nicht mal auf die Idee kommt, daß jemand, den man als zupackend, stark und motiviert erlebt hat, plötzlich hilfebedürftig werden könnte. Menschen ohne finanzielle Macht, aber mit innerer Unabhängigkeit machen häufig den Eindruck, daß sie mit allem allein klar kommen.

Von mir selbst weiß ich, daß es mir sehr schwer fällt, um Hilfe zu bitten. Weil diese Hilfe immer nur auf der Basis von Geldgeben stattfindet und ich das Gefühl habe, ich kann das nie zurückzahlen. Es ist das Verstricktsein ins System, daß wir den Geldwert über den Wert von realen Tätigkeiten stellen. Wenn diese realen Tätigkeiten aber nur mithilfe von Geld ausgeführt werden können, dann beißt sich die Katze in den Schwanz. Letztlich kann man sich gegenseitig nur vergeben – einer wie der andere sind gefangen in dem System, aus dem man nur entkommt, wenn man keinerlei Erwartungshaltung an andere hat. Daß das zu den schwierigsten Aufgaben des Menschseins gehört und ich nicht weiß, ob der Mensch überhaupt dazu fähig ist, ist sicher eine Tatsache.

Deinen Vergleich mit der Rückendeckung im Sinne von Kanonen und Pulverpreis finde ich sehr gelungen. Wie immer, läßt es sich in Bildern am besten denken und verstehen.

[…]

Raymond am 28.Mai 2010

[…]

Das Schlimme an der Sache ist ja, daß das es sich dabei um einen Menschen handelt, der nach außen hin mit Bewußteinswandel, sozialer Erneuerung und weiß der Teufel was sonst noch alles zu tun hat und unter dieser fortschrittlichen Maske, ohne es selbst zu merken, ein ganz normaler Spießer bleibt; und das Allerschlimmste: daß das wirklich typisch ist. Da kann man denn wirklich nichts mehr erwarten.

Damals hatte ich einerseits das deutliche Gefühl: daß ich diese Sache in Rußland durchziehen muß und hatte aufgrund des dumpfen Desinteresses in meiner fortschrittlichen Umgebung keine Wahl: wenn ich von vornherein Bedingungen gestellt hätte, hätte er sich möglicherweise gleich wieder zurückgezogen. Ich wollte unbedingt in der eingeschlagenen Richtung weiter, da mir schien, daß das für mich und andere wichtig ist; und ich hoffte, daß sich, wenn die Sache am Laufen ist, irgendein Modus der Zusammenarbeit ergibt. Daß er von vornherein so eingestellt war: daß das sein Geschäft ist – merkte ich schon; und ich zweifelte auch nicht daran, daß, wenn die Sache sich lohnt, er das große Geld macht, nicht ich. Aber ich ging davon aus, daß sich für mich dann irgendeine andere Fortsetzung ergibt. – Daß es zu einem solchen Grad der Unfairneß kommen würde – hätte ich nicht gedacht. Eigentlich hat er sich dadurch ja auch selbst alles kaputtgemacht; denn das Ganze war durchaus real und hätte was bringen können.

Gemeldet hat er sich dann nicht mehr bei mir; ich habe nur von anderen gehört, wie er auf mein Fax reagiert hat. Zuerst habe er sich geärgert; und im Weiteren ließ er sich dann von „Freunden“ aus jenem fortschrittlichen Lager damit trösten, daß ich bloß ein harmloser Spinner bin (oder so wat ähnliches).

Ich wage zu behaupten: Würde nur ein Bruchteil der Leute, die groß von Bewußtseinswandel reden und von sozialer Verantwortung – sich selbst auch nur um ein Geringes um eigenen Bewußtseinswandel kümmern und mit sich wandelndem Bewußtsein sich wirklich in eine soziale Erneuerung einbringen – so stünden wir heute ganz anders da. Zumindest nicht am Abgrund.

Leute, die groß reden, brauchen natürlich auch große Veränderungen. Wo wirklich Bewußtseinsarbeit stattfindet kann man soziale Ideen auch in kleine Zusammenhänge hineinverkörpern; dadurch würden unter anderem auch gute Leute vor dem Absacken bewahrt. Solche kleinere Zusammenhänge gibt es zum Glück; aber sie sind dünn gesät und werden nicht von großsprecherischen Welterrettern betrieben.

Nach verschiedenen Reinfällen mit verschiedenen hochgeistigen Leuten war ich ganz arg am Rotieren; jonglierte an Abgründen entlang und kann bis heute nicht verstehen, warum ich da nicht reinfiel.

Anno 2001 begann ich dann, auf die Beine zu kommen; wieder eine ganz reale Sache, die aber danebenging (kannst du hier nachlesen; Abteilung "Abenteuer mit Strömungsaggregaten"). Im Weiteren wurde – und werde – ich von einem Bekannten unterstützt, der gleichfalls eine Erbschaft gemacht hat, und, ohne sich um welterrettende Theorien zu kümmern, einfach nur hilft (einige Leute aus meinem georgischen Bekanntenkreis wären ohne ihn gar nicht mehr am Leben; ich selbst möglicherweise auch nicht).

Es gibt tatsächlich auch solche Leute; aber sehr selten, und ihre Möglichkeiten sind natürlich begrenzt. Wie dem auch sei: Seit ein paar Jahren hab ich ein bescheidenes „bedingungsloses Grundeinkommen“; das kann aber natürlich nicht endlos so weitergehen; aber irgendwie schaff ich es nicht auf die Beine zu kommen.

Es ist ja nicht so, daß wir mit unserer Arbeit hier Spendengelder suchen würden; wir haben ganz reale Angebote; machten bislang nur den Fehler, daß wir damit in der deutschsprachigen Welt versuchten, Interessenten zu finden. Doch die Leute dort sind einfach zu unbeweglich; deshalb schwenken wir jetzt um.

Und daß in Europa noch irgendwas Sinnvolles möglich sein könnte – glaube ich nicht. Das dümpelt noch etwas vor sich hin und kracht dann zusammen.

Erika, am 28.Mai 2010

ja, es ist wohl so, daß die Menschen eigentlich nur reden, aber nichts tun wollen. Die Leute, mit denen ich hier im Netzwerk[1] zu tun habe, sind anders, zumindest sind diejenigen, die sich im aktiven Kreis bewegen, als Handelnde unterwegs. Wir haben Spendengelder aufgetan, aber die reichen immer nur für die Materialien und Mieten, wir schaffen im Grunde genommen Arbeit, haben aber selbst keine monetären Vorteile davon. Manchmal, wenn ich ganz verbittert bin, dann frage ich mich, wieso das eigentlich alles so unfair ist. Dann versuche ich mich wieder, zusammenzureißen und nicht alles so schwarz zu sehen. Das ist nicht leicht. Aber mindestens nehme ich die good vibrations mit, das bringt mich wieder hoch. Es gibt aber tatsächlich weniger Idealisten, als ich angenommen habe. Im Herbst haben wir hier eine größere Veranstaltung, die „Gespräche über morgen“ – wir erhoffen uns ein mediales Interesse, sind immer noch der Meinung, daß uns dies zu einer größeren Majorität verhelfen wird und die Forderung nach einem Grundeinkommen im Bundestag nicht mehr länger ignoriert wird. Wladimir Kaminer wird ebenfalls als Gast bei uns sein und noch einige andere bekannte Namen. Solche Zugpferde sind wichtig, denn ohne den Kommerz läuft im ersten Schritt nichts.

Das Gefühl, nicht auf die Beine zu kommen, das kenne ich. Ich muß aufpassen, daß es nicht zu einer großen Krise wird, denn die Gedanken, die mich beschäftigen, nehmen seltsame Ausmaße an, ich habe das Gefühl, die Leute sind komplett mit Blindheit geschlagen, überall, auf der Straße, in den Unterhaltungen mit Freunden, meine persönliche und die mediale Welt, verschließen ihren Geist vor dem, was hier vor sich geht. Es ist nicht leicht, mit mir umzugehen, wenn ich anfange, über Mißstände zu reden, niemand will das gerne hören und niemand will sich mit trüben Gedanken auseinandersetzen. Alle wollen vermeintlich glücklich sein, aber niemand ist es wirklich, wie mir scheint. Was mir gerade passiert, ist, daß ich meine Kraft und Energie nicht für Unternehmen in die Waagschale werfen will, die sich nur mit Schwachsinn auf dem Markt behaupten. Ich will nicht mehr länger Teil dieser verrückten Maschinerie sein, will nicht mitmachen beim Konsum-Wahnsinn, will niemanden mit meiner Arbeit unterstützen, der in meinen Augen nur den nächsten Blödsinn anbieten oder verkaufen will. Ich bin gerade auf dem Weg der Verweigerung und ich weiß, daß mir das nicht gut tut. Doch die tiefe Auseinandersetzung mit Geschichte, Geld, Philosophie usw. bringt einen irgendwann dahin, den Wahnsinn zu erkennen.

So habe ich fast täglich neue Aha-Effekte, wenn ich mir über Ursachen Gedanken mache. Ich glaube, daß man seinen Frieden nur in der Natur finden kann, daß die Abhängigkeit von anderen Menschen häufig mit einer großen Frustration verbunden ist. Heute habe ich mir überlegt, welchen Beruf ich wählen würde, wenn ich noch mal beginnen könnte. Es wäre entweder etwas, das mit Kräuterheilkunde zu tun hätte oder mit Geburtshilfe – ich würde auch nicht mehr hier in der Stadt wohnen, sondern auf dem Land. Ich glaube, ich würde mich mehr auf meinen weiblichen Ur-Zustand konzentrieren und aufhören, wie ein Mann sein zu müssen. Die Emanzipation hat mich zuerst überzeugt, dann verwirrt, dann enttäuscht. Es ist keine Gleichberechtigung, sondern eine Angleichung, die wir Frauen durchlaufen haben. Damit will ich nicht die Männer angreifen, im Gegenteil, beide Geschlechter haben naturbedingte Rollen, die sie annehmen können.

Ich denke, das Schreiben ist manchmal nicht das Richtige. Es ist zu vergeistigt und mit zu wenig sinnlichen Erfahrungen behaftet. Ich höre Musik und fühle mich gleich besser. Das kann mir eigentlich kein Buch in diesem Ausmaß bieten. Auf Arte sah ich gestern einen Beitrag zu den verschiedenen lateinamerikanischen Musikstilen, die ab Mitte der Achtziger den amerikanischen und europäischen Markt eroberten und die kommerziell am erfolgreichsten Stücke erinnerten mich sehr an meine Teenager- und Mittzwanzigerzeit. Das setzt Glücksgefühle frei. Musik und Tanz ist wichtig, sollten wir alle mehr machen, vielleicht würden wir dann nicht so viel sinnlose Zeit verplempern mit Wissenschaft und Technik - uns fehlen darüber hinaus spirituelle Rituale, eine feste Überzeugung, an die wir unser Leben lang glauben und an der wir festhalten können. Meinem Sohn beizubringen, daß wir uns für das Essen bedanken können, das aus der Natur kommt, ist nicht leicht, wenn wir alles im Supermarkt einkaufen und er die Dinge verpackt, in Dosen, eingeschweißt sieht. Er kann keinen Bezug herstellen zwischen der Wurst, die er ißt und der Tatsache, daß dafür ein Huhn gestorben ist. Klar, mit dem Verstand wird er das irgendwann wissen, aber wissen bedeutet nicht, es im Ganzen zu begreifen/fühlen. Und das zieht sich durch jeden einzelnen Bereich unseres Lebens.

Wenn ich ganz „verrückt“ werde, dann denke ich, daß der Mensch selbst eine Fehlentwicklung der Natur gewesen sein muß. Eine ausgeartete Mutation. Denn wenn man sich in einem großen gesunden Wald umschaut, so hat dort alles seinen Platz und Sinn. Die Bäume, die Büsche, die Pilze, die Insekten, die Vögel, die Tiere. Sie alle leben innerhalb eines großen Kreislaufs. Alles, was stirbt, zersetzt sich im Boden und bringt neues Leben hervor. Nur wir sind mit Äxten unterwegs. Kein anderes Lebewesen ist derartig destruktiv.

[…]

Raymond, am 30. Mai 2010

Das Schlimme ist, daß die meisten Menschen wirklich mit Blindheit geschlagen sind und wohl – wenn überhaupt – erst zu sich kommen, wenn sie auf der Schnauze liegen.

Zur „Hansemark“ erhielt ich in einer kurzen Korrespondenz den lapidaren Kommentar:

„die sache mit den parallelwährungen wird sicher noch mehr publik werden, wenn es mehr "mittelschichtlern" dreckig geht.“

Ich seh das auch so; und außerdem bin ich der Ansicht, daß es dann endgültig zu spät ist. So lange der Durchschnittsbürger sein persönliches Behagen noch einigermaßen aufrechterhalten kann und so lange auch nur ein Fünkchen Hoffnung besteht, daß es sich auch weiterhin aufrechterhalten läßt, daß es vielleicht sogar – für ihn persönlich – „bergauf“ gehen kann – bleibt er eingeigelt in seiner engen Welt. Und der Durchschnittsbürger mit klein wenig mehr Grips wird vielleicht daneben noch sich mit fortschrittlichen Reden seine Vergnügungen schaffen und zeigen, wir fortschrittlich er ist; im Grunde aber bleibt er unbeirrt der scheuklappenbewehrte Bürger und wird, außer Reden, kaum was tun, was über seine gesetzlichen Bürgerpflichten hinausgeht. (eben um letzteres zu illustrieren hab ich in letzter Zeit verschiedene Dokumentationen zu Erlebnissen mit sich fortschrittlich gebenden „Alternativspießern“ veröffentlicht: wenn man anfängt, den Unterschied zu begreifen zwischen Worten und Gesinnung, läßt man sich zumindest nicht mehr durch solche Leute ablenken).

Wenn man Berichte liest aus der Niedergangszeit des Dritten Reiches, als die Sowjetische Armee bereits durch Ostpreußen sich Richtung Berlin bewegte, und mitbekommt, wie noch immer zahllose brave Bürger dieses zusammenbrechenden Reiches nicht wahrhaben konnten oder wollten, daß das, woran sie sich über mehrere Jahre hin gewöhnt hatten und was infolgedessen das „Einzig Wahre und Richtige“ ist – daß eben dieses „Einzig Wahre und Richtige“ auf dem letzten Loch pfeift - kommt einem schon das Staunen. Fleißig wurden, in treuer Befehlsausführung, KZ-Insassen liquidiert, damit sie durch die bösen Feinde nicht befreit werden, wurden Deserteure und „Querulanten“ aufgehängt, wurden Juden und Volksfeinde gejagt. – Aber zu Staunen gibt es da eigentlich nix. Das ist einfach die Massenträgheit. Wer sich kritiklos von den Umständen tragen läßt, das Funktionieren der Umstände mit seinem eigenen Funktionieren verwechselt, sich in diesen Umständen sein behagliches Nest gebaut hat oder immer noch hofft, es zu bauen – der identifiziert sich in solchem Maße mit dem „status quo“, daß er sich gar nicht vorstellen kann, es könne mal anders werden.

Daß sich in Europa in großem Stile noch was ändern läßt – glaube ich nicht. Dazu bräuchte es wache, einsatzwillige Menschen; und eben die fehlen. – Und auch die Leute, die aus ihrem gewohnten Behagen durch die Umstände plötzlich herausgezogen werden, wachen darüber nicht unbedingt auf; vermute, daß die meisten einfach in Panik geraten, durchdrehen. Vermute weiter, daß mit dem Verelenden der Massen die Amokläufe sich häufen werden; daß es zu Zusammenrottungen von Verzweifelten kommt mit gewaltsamen Ausschreitungen. Besonders für Deutschland seh ich in der Hinsicht schwarz.

Erreichen kann man höchstens noch was im Kleinen; daß man gewissermaßen Oasen schafft. Doch das geht nicht mit Programmen, sondern indem man aufeinander aufmerksam wird, gegenseitig die Fragen und Beweggründe berücksichtigt und nicht alles auf ein Programm abschiebt (in diesem Sinn war meine „Preisfrage“ in der Gruppe; das wurde leider nicht verstanden, und ich äußerte mich weiter nicht mehr; hab aber vor Kurzem noch mal den Gedanken präzisiert[2]) Sowas geht, eben, nur mit wachen, zur Wachheit drängenden konkreten Menschen.

[…]

Wir Menschen sind tatsächlich alle voneinander abhängig bzw., genauer gesagt: brauchen einander; das Fatale ist nur, daß dies aufgrund einer ungünstigen kulturellen Entwicklung, Bewußtseinsentwicklung eben als Abhängigkeit empfunden wird und auch zur Abhängigkeit wird.

Von Georges – dem Menschen, der mich und einige Leute aus meinem Freundeskreis finanziell über Wasser hält – fühle ich mich zum Beispiel nicht abhängig. Er läßt auch niemanden eine Abhängigkeit fühlen und richtet immer alles so ein, daß eine solche nicht entstehen kann. Ohne ihn wäre ich – gleich einigen weiteren Personen aus meinem Umfeld – möglicherweise gar nicht mehr am Leben. Vor mehreren Jahren hatten wir gemeinsam ein wirtschaftliches Projekt laufen, welches bei normaler Entwicklung auf Dauer beträchtliche Gewinne abgeworfen hätte; und wir machten uns bereits Gedanken darüber, wie man diese Gewinne über eine Stiftung sozial fruchtbar machen könnte; und auch hier konzentrierten wir uns darauf: daß niemand von den Geförderten in eine Abhängigkeitssituation kommen darf.

Abhängigkeit fällt dort weg, wo man einander kennt und einander vertraut.

Der Mensch ist insofern eine Fehlentwicklung, als er sich selbst dazu macht. Ein Baum wächst, in lockerer Wechselwirkung mit seiner Umgebung, so, wie es seiner Art entspricht. Der Mensch muß seine Entwicklung selbst in die Hand nehmen; wo er solches nicht tut – geht’s schief.

Raymond am 31.Mai 2010

In meinem letzten Brief bin ich auf zwei wichtige Punkte aus dem deinen nicht eingegangen; hol das nun nach (mit Briefebeantworten nehm ich es sonst immer sehr genau).

Zum Einen: Das Schreiben. Ich denke, daß deine Essayistik[3] ein wichtiger Beitrag ist: für Leute, die noch nicht ganz eingeschlafen und bewegungsunfähig sind; aber auch für dich selbst. Du ringst dich mit diesen Essays – zumindest in der Regel – ja auch selbst zur Klarheit durch; darin liegt ihr Wert für dich selbst, aber auch für die Leser. Reine Gedankenkonstrukte oder automatenhaftes Entlarven von Mißständen sind unfruchtbar (wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen….)

Zu Anfang schrieb ich selbst ausschließlich – rückblickend charakterisiert: recht grobschlächtige – Essayistik; nicht, um was zu schreiben, sondern, eben: um schreibend die Nebel zu lichten. Das war alles durchlitten; und insofern hatte es Sinn. Es gab vieles an diesem Geschreibe, das mich selbst störte; aber ich konnte es damals nicht besser; doch als ich merkte, daß ich anfange, mich zu wiederholen und daß manche einfach bloß zur Mache wird – hörte ich erst mal auf. Der Ausweg aus dieser Sackgasse ergab sich bei mir dann: weiter im Schreiben; und zwar: im Verfassen absurder Kurzgeschichten. Solches Zeugs hatte ich auch vorher, mehr zum Plausch und mehr nebenbei, ohne es irgendwie ernst zu nehmen, verfaßt; bis ich von anderen darauf aufmerksam gemacht wurde, daß da Substanz drin steckt. Ich schaute mir das dann selber genauer an und entwickelte es weiter. Eine andere, mehr künstlerische Art, mit der Absurdität umzugehen: in diesen Erzählungen erscheint sie, die Absurdität, in Reinkultur. Dadurch befreite ich meine Sprache von der verkrampften Grimmigkeit; und im Weiteren kam es zu gegenseitiger Befruchtung von Essayistik und Belletristik. (inzwischen hab ich den Eindruck, daß ich mit meiner Essayistik zu einem gewissen Abschluß gekommen bin. Ich versteh nun viel mehr als früher und wüßte viel mehr zu sagen; bloß habe ich den Eindruck, daß ich ins Blaue hinein schreibe und daß niemand es versteht. Die Essayistik war sowieso mehr eine Auseinandersetzung mit meiner deutschsprachigen Vergangenheit; für ein russischsprachiges Publikum hab ich noch nichts parat außer Belletristik; werd das deutsche Geschreibe vermutlich in lockerem Herumblödeln nun ausklingen lassen)

Bei dir liegt der Ausgleich, wie ich zu verstehen glaube, mehr in der Musik.

Irgendwie zu tun hat das auch mit dem Problem deiner Rolle als Frau. Hier muß man eine Zwischenfrage stellen: wo sind denn in der kulturellen Entwicklung Europas die Männer abgeblieben? Mannessache ist: zu kämpfen; und nicht, sich behaglich von unhinterfragten Strömungen dahintragen zu lassen. So bleiben viele grundlegende Verwirrnisse unhinterfragt. Zu solchem Kampfe gehört auch, daß man seine eigenen Überzeugungen hinterfrägt (statt sich von ihnen bewußtlos irgendwohin schleppen zu lassen). Und vieles andere mehr

Die Männer von heute sind in ihrem Durchschnitt eigentlich extrem denkfaul und unschöpferisch und nur in der Lage, aufgrund unhinterfragter Vorgaben irgendwelche Theorien und Programme zu konstruieren, oder in Kunst, Literatur irgendwelche Augenwischerei zu produzieren; für weiteres reicht’s nicht.

Eine Frau neigt ihrer Anlage nach eigentlich mehr dazu, „nach innen“ zu schauen und ist insofern eher in der Lage, ihr eigenes Darinnenstehen in der Welt ins Auge zu fassen; und wenn dazu noch eine gewisse Denkfähigkeit kommt – ja nu; tut sie halt das – wie in deinem Fall – was die männliche Umgebung eigentlich tun sollte und wozu selbige nicht in der Lage scheint.

Dann ist da noch eine Sache: der vermurxte unhinterfragte heutige Kulturbegriff. Eigentlich ist das, was man heute „Kultur“ nennt, nur ein Nachahmen dessen, was früher Kultur war; von lebendigem Zusammenwirken sich entwickelnder menschlicher Individuen keine Spur. (ohne dir was vorwerfen zu wollen: ich merke, daß du das auch nicht gepackt hast; aber da alles so festgefahren ist, ist es in der Tat sehr schwierig, es zu packen). Ein erstes Einsetzen des Prozesses, der zur Ablösung der Kultur durch Nachahmen von Kultur führte, wurde seinerzeit etwa von Nietzsche beobachtet. Auszüge aus einem Aufsatz, darin er besonders deutlich wird, habe ich hier zusammengefaßt. Und ich habe in der deutschsprachigen Welt bislang kaum jemanden getroffen, der die ganze Tragweite dieser Untersuchung verstehen würde (so er überhaupt auch nur ansatzweise versteht, was gemeint ist).

Oder ein etwas später, als die Katastrophe schon deutlicher war, von jemand anderem gehaltener Vortrag zum gleichen Thema; klein wenig dezidierter (hab ich auszugsweise hier veröffentlicht) und, meines Wissens, auch von kaum jemandem verstanden.

Die Auseinandersetzung mit solchen Texten ist keineswegs bloß eine gelahrte Beschäftigung für g’scheite Leute, sondern das Bewußtmachen der ganz realen Wurzeln unserer ganz realen heutigen Katastrophe.

Erika am 31.Mai 2010

danke für diese erhellenden Worte. Du bringst es gut auf den Punkt und ich merke, daß deine Erfahrungen mit dem Schreiben meinen vorauseilen. Mir ist aufgefallen, daß ich mich weiterentwickelt habe, was das Schreiben betrifft – näher zu mir, aber in größerer Distanz zu anderen. Die Nebel zu lichten, war gar nicht meine bewußte Absicht, es ist von allein passiert. Vielleicht, wenn ich gewußt hätte, was mich erwartet, hätte ich die Finger davon gelassen. Es ist ein schmerzhafter Prozeß, denn immer, wenn man meint, eine gewisse Erkenntnis zu haben, setzt bereits eine nächste ein und ich bin mir nicht mehr über die vorherige im Klaren. Was irgendwann dazu führt, daß man dem Wort nicht mehr so viel Bedeutung zumißt und sie im Vergleich zu anderen sinnlichen Erfahrungen, die unmittelbar möglich sind, stark hinterher hinken. […]

Wenn du von Absurdität sprichst, meinst du damit Humor? Um sich seiner Grimmigkeit zu entledigen, ist es wohl lebenswichtig, daß man die Welt sowohl lachend als auch weinend begreift. Im Lachen liegt gleichzeitig der Trost, oder? Sich unverstanden fühlen, tritt wohl dann ein, wenn es keinen Reflektor für die eigenen Gedanken gibt. Man schreibt etwas und niemand reagiert. Dann ist es entweder zu schwierig gewesen oder aber der Leser kann schlicht keine Aufmerksamkeit bündeln. Menschen sind träge im Geist und mir selbst geht es oft so, daß wenn ich Werke eines anderen lese, die mir komplett unähnlich sind, ich Mühe habe, mich tiefer mit der Materie zu befassen. Darum komme ich auch immer wieder zu dem Ergebnis, daß Sprache niemals universell sein wird. Sie ist unvollkommen und heutzutage verkümmert Sprache zusehends, gleichzeitig lädt sie sich auf mit bedeutungslosen Synonymen, die manchmal eine Arglosigkeit vorgaukeln, die keine ist. Beispielsweise werde ich ärgerlich, wenn in den Medien oder bei öffentlichen Ansprachen das Wort „Genozid“ benutzt wird. Genozid ist ein harmloses Wort, weil es nicht direkt an das Gefühl appelliert. Genau wie Kollateralschaden. Es verschleiert wirklich üble Taten. Die „Moderne“ versucht ihr schlechtes Gewissen mit Ausdrücken zu kaschieren. Wie steht es dann um den Humor? Wenn er mit Sprache transportiert werden kann, hat man automatisch eine größere „Versteherschaft“, nehme ich an. Sobald die Leute lachen können, erreicht man sie auf der emotionalen Ebene.

Ich verstehe das ins Blaue hineinschreiben als eine Art von Anrufen, denn tätest du das nicht, würdest du einfach nur Tagebuch schreiben, oder? Ich verstehe die Sehnsucht nach einem Publikum darin, daß man sich gezwungenermaßen als Botschafter empfindet, der Menschen aufrütteln möchte. Nicht um der Eitelkeit Willen (die man nie unterschätzen darf), das hattest du ja auch schon mehrere Male durchklingen lassen – sondern um der Annäherung wegen. Die große Masse von Menschen, die nicht reagieren, das alles erkläre ich mir damit, daß der Mensch an sich nicht fähig ist, vorausschauend zu handeln und er sich in der Konfrontation mit wirklich wichtigen Problemen durch Ignoranz schützt, indem er etwas nicht glauben mag oder es einfach verdrängt. Erst, wenn die Probleme direkt vor der eigenen Nase stattfinden, findet auch die Handlung endlich statt. Meistens ist es dann zu spät. Das ist es, was mich furchtbar frustriert. Und dann stelle ich mir die Frage, ob ich als Schreibende nicht auch einfach nur meine Zeit vergeude, weil in dieser Zeit nichts weiter stattfindet. Aber dann sage ich mir auch, ich wäre gedanklich gar nicht bis hierher gelangt, wenn nicht dieser Prozeß stattgefunden hätte. Ich würde mich genauso ignorant benehmen, wie alle anderen.

Ich beobachte häufig die Kinder auf dem Spielplatz, wenn ich mit meinem Sohn da bin und vorgestern schaute ich einer Horde Kinder zu, wie sie über den Platz tobten. Es gab eine Anführerin unter ihnen, die bestimmte, wo es lang ging und was als nächstes zu tun sei. Sie befahl und die anderen folgten. Ich empfand sie als frech, vorlaut und zu „mächtig“. Dennoch motivierte sie die anderen Kinder und hielt sie in Atem. Auch unter Kindern kann man Hierarchien ausmachen, es ist zu sehen, daß sich Menschen gerne Anführern anschließen, denen sie ungefragt folgen, selbst, wenn sie streitsüchtig und gemein sind. Allerdings habe ich ja nur einen kleinen Ausschnitt miterlebt – ich kenne das Mädchen nicht. Mir scheint das beispielhaft für Erwachsene. Ich erlebe häufig, wie Menschen, die jemanden als charismatisch erleben, diesem aus der Hand fressen. Männer scheinen für Hierarchien anfälliger zu sein, die Geschichte und wie Unternehmen aufgebaut sind, zeigen das ziemlich gut. Das nach innen schauen von Frauen ist wohl so, wenn sie sich vorher nicht ganz vom System einfangen ließen. Ich habe durch Schwangerschaft und Geburt meine allererste archaische Erfahrung gemacht. Sie hat mich grundlegend verändert. Manchmal denke ich, daß Männern diese Art von Körpererfahrung fehlt. Welchen physischen Schmerz kann der Mann für sich durchlaufen, um zu einem Punkt zu gelangen, das Leben als etwas zu begreifen, das weit mehr ist als der Intellekt. Vor der Geburt meines Sohnes hatte ich einen „Wasserkopf“. Ich glaubte, mich mit Erziehungsfragen auszukennen, was für ein Irrtum. Ich wußte alles besser und in meiner grenzenlosen Ignoranz übersah ich alle Frauen und Kinder um mich herum. Ich konzentrierte mich auf die Karriere, aber irgendwo simmerte das Unbehagen. Schlußendlich macht sich der eigene Körper bemerkbar und sendet Signale. Außerdem habe ich seither das Gefühl, daß mein Filter, der vorher einwandfrei funktionierte und nur die Dinge durchließ, die ich meinem Geist gestattete, durchzudringen. Jetzt ist der Filter brüchig, löcherig und schützt mich nicht mehr. Vieles, was ich wahrnehme, berührt mich und ich muß mit meinen Emotionen kämpfen. Selbstbeherrschung ist ein Fluch. Eine Gewohnheit, die im Widerstreit liegt mit der Zwischenmenschlichkeit. Je weniger Gefühl ich zeige, umso weniger hat mein Gegenüber den Eindruck, ich hätte welche. Die frustrierendste Erfahrung, die ich im Zusammenleben mit Männern gemacht habe, ist, daß mein Rat oder meine Intuition nicht ernst genommen wurden. In der Wissenschaft haben Weiblichkeit und Erdung nichts zu suchen. In der männlichen Dominanz, in ihrer Vorgehensweise herrscht das Gesetz der Trennung und Aufspaltung. Man seziert und spaltet die Dinge voneinander ab und untersucht sie getrennt voneinander. Männer versuchen, dem Einzelnen auf den Grund zu gehen. Ich bin manchmal geradezu amüsiert über die Begeisterung, wenn es wieder mal heißt, man habe ein Gen identifiziert, das kleinste Materieteilchen entdeckt. Beziehungsweise baut man riesige Maschinen, um dem letzten aller Teilchen auf die Spur zu kommen. Alle Entdeckungen, ohne Ausnahme, haben immer einen Anteil „böse“ und einen Anteil „gut“. Und es ist mehr als offensichtlich, daß Entdeckungen und ihre anschließenden Methoden niemals einseitig verwendet wurden und es noch werden. Da kann ein Nobel noch tausend Mal aus seinem Grab einen Friedenspreis stiften.

Ich habe darum eine recht radikale Haltung eingenommen – zumindest theoretisch. Denn ich denke, daß z. B. die moderne Medizin kein Segen ist. Sie ist ein weiterer Versuch, den Tod zu ignorieren, Krankheiten als teuflisch zu betrachten und nicht als naturgegeben. Wenn der Körper es nicht selbst schafft, sich zu reparieren, dann ist die einzig richtige Konsequenz, das Leben loszulassen. Nun, das sagt sich so leicht. Doch wenn ich selbst einmal krank werde, wie werde ich mich entscheiden? Vor allem, wie würde ich entscheiden, wenn es um mein Kind geht? Muß es überhaupt eine ganz oder gar nicht-Haltung sein? Oder nehme ich mir ein bißchen hiervon und davon? Wäre nicht die moderne Medizin, wäre meine Mutter bereits mit Anfang sechzig gestorben. Wäre sie nicht, dann wären ganz viele Menschen in meinem persönlichen Umfeld nicht mehr am Leben – oder auch nicht – ihre seelischen Heilungskräfte kamen erst gar nicht zum Einsatz oder nur in geringem Ausmaß – ein gewisser Anteil wird wohl immer vorhanden sein. Ich stelle mir vor, wie es ist, wenn alles zusammenbräche. Alle, die bis dahin von Medikation abhängig wären, fänden ein schnelles Ende. Die natürliche Selektion würde unmittelbar folgen. Gebrechen oder Krankheiten, die allerdings erst durch die Moderne verursacht sind, gehören dann eigentlich nicht dazu, oder? Wer einen Autounfall hat, kann nichts dafür, wenn seine sonst einwandfreie Gesundheit plötzlich nicht mehr vorhanden ist. Hier beginnt die Konfusion.

[…]

Es ist also die allgemeine Strömung, die uns dahin getrieben hat. Sich ihr entgegenzustellen ist mühsam, setzt Zweifel frei, braucht Kräfte auf und bietet wenig Erfolgserlebnisse. Viele Männer, die das gesehen und beschrieben haben, wurden nicht gehört. Das ist verdammt traurig. Die Schriften, die du anführst, zeigen das und ich finde es gut, daß du sie mir geschickt hast. Ich finde sie leicht zu verstehen. Wir sind organische Wesen, als solche sollten wir fühlen und handeln. Das Mysterium des Lebens wird sich niemals im Detail offenbaren. Man kann es nur als Ganzes anerkennen, glauben und empfinden. Das Herumkramen in menschlichen Gehirnen, das Fahnden nach den letzten Mysterien ist sinnlos. Die Wissenschaft hat einen unglaublich mühsamen Umweg mit Millionen Leichen auf ihrem Weg genommen, um schlußendlich zu einer Erkenntnis zu gelangen, die all denen längst bekannt ist, die den direkten Weg nahmen. Obsessive Wissenschaft ist schon der Sache nach etwas, das die Menschen sich entfernen ließ von ihren menschlichen, tierischen und pflanzlichen Artgenossen. Der Blick durchs Mikroskop: eine Ablenkung von den Würmern, die in der Erde kriechen und ganze Kontinente umgraben, während der Wissenschaftler noch damit beschäftigt ist, dem Wurm seinen Platz zuzuweisen.

Wenn ich solche Gedanken mit meinen Freunden teile, bekomme ich in der Regel ein „ja, aber“ - sie fühlen sich ertappt, beschuldigt und ich bürde ihnen ihr eigenes Gewissen auf. Die einzige Chance, nicht einsam zu werden, ist, sich selbst komplett zu offenbaren und mitzuteilen, daß man daran kaputt zu gehen droht. Auf Dauer muß ich das aber lassen. Empathie ist nur begrenzt haltbar. Im Leid kann man gut und gerne ersticken. Also ist es ein ewiges Auf und Ab, hin und her. Zwischen Lachen und Weinen. So lange ich beides kann, ist es gut.

Raymond am 31. Mai 2010

mal ganz kurz zur Frage, was ich unter „absurd“ verstehe.

Ich setz das nicht gleich mit Humor; zum Humor wird’s erst, wenn man die Absurdität als solche durchschaut und von der komischen Seite betrachtet.

„Absurd“ ist, mit bestimmter „Färbung“, Ungereimtheit, Widersinn; eine Qualität also, mit der, meist unerkannt, unsere Alltagswirklichkeit durchtränkt ist und immer mehr durchtränkt wird. Für sich genommen also überhaupt nicht humorvoll und lustig, sondern eher bedrückend.

Als „absurd“ kann man etwa die Beispiele bezeichnen, die du in deinem letzten Blogbeitrag anführst[4]. Würde man diese Dinge zu etwas wacheren Zeiten auf die Bühne bringen, so wäre das lustig. Unter Umständen, wo solche Absurditäten nicht als Absurditäten gesehen werden, sondern als normale Faktoren den Alltag bestimmen, sind sie bedrückend und zerstörend. Allein mit der bloßen Auflistung von unerkannt unseren Alltag regelndem Widersinn könnte man vermutlich Bände füllen.

Ein paar Beispiele von mir herausdestillierter Absurdität: Die Klapperschlange; Der rote Knopf; Die Nashornfrage; Kruckh und Krabakukh; usw...

Det iss offensichtliche und lustige Absurdität.

[…]

Raymond am 1. Juni 2010

[…]

Unsere Erfahrungen, was das Schreiben betrifft, sind ähnlich.

Auch ich schrieb anfangs nicht, „um die Nebel zu lichten“; das ist nur eine rückblickende Charakterisierung. Eigentlich schrieb ich aus Verzweiflung. Anfangs waren das nur Tagebuchnotizen; und ganz zu Anfang blickte ich so wenig durch und war so wenig des Wortes mächtig, daß ich nicht einmal in Briefen hätte erklären können, was mich bedrückt.

Die ersten Essays, mit denen ich mich an die Öffentlichkeit wagte, waren rudimentär; meinem eigenen Dafürhalten nach taugten sie nicht viel; aber ich hatte das deutliche Gefühl: daß ich da durch muß; irgendwo notierte ich damals sogar: wenn ich irgendwann an einen Punkt gelange, wo ich mich über das Niveau all dieses Geschriebenen von Herzen ärgere, so hatte es seinen Sinn. – Dieser Punkt ist längst erreicht; das heißt, eigentlich ärgere ich mich nicht über diese ersten Gehversuche; finde sie, eben, sehr unausgegoren und sprachlich ungeschickt; gleichzeitig aber auch – was ich damals nicht ahnen konnte – inhaltsvoller als das geschliffene Blabla, zu dem ich damals noch ehrfurchtsvoll hochschaute.

Wie sehr dieses allmähliche Lichten der Nebel mit Vereinsamung verbunden ist – konnte ich damals nicht ahnen. Auch damals war ich einsam; aber auf andere Art. Den Unterschied zwischen beiden Einsamkeiten – der Einsamkeit aufgrund von Ratlosigkeit und der Einsamkeit aufgrund von Verstehen – hab ich hier umrissen.

In einem weiteren Brief werd ich dann, unter anderem, noch auf das von dir angeschnittene Problem des Absterbens der Sprache eingehen. Vorausgeschickt sei, daß wir Heutige fast gar nicht mehr wissen, was Sprache ist, da die Sprache zunehmend durch Jargon, Floskel, blutloses Zitieren ersetzt wurde; und eben letzteres nennt man „Sprache“, während man von Sprache selbst keine Ahnung hat. Ein paar Andeutungen zu diesem Prozeß des Sprachloswerdens findest du auch in den beiden Texten, die ich dir empfohlen habe.

Raymond am 2. Juni 2010

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Jene Zitatezusammenstellung zur „Genealogie des Bildungsphilistertums“ stammt aus Friedrich Nietzsches Pamphlet „David Friedrich Strauss, der Bekenner und Schriftsteller“.

Nietzsche galt, glaub ich, zu Lebzeiten eher als komische Figur. Später wurde er dann zur Kultfigur; was noch schlimmer ist. Für die einen eine positive Kultfigur, für die anderen eine negative; aber eben: Kultfigur und nicht Mensch.

Den Unterschied zwischen Kultfigur und Mensch versteht man heutzutage nicht; um es zu verstehen müßte man sich selbst in seinem Schauen beobachten; was für die meisten zu anstrengend ist. Eine Kultfigur ist ein in sich abgeschlossenes, fertiges Götzenbild, dem man, je nach Geschmack, anhängt oder das man bekämpft; bei welchselbigem Anhängen oder Bekämpfen man mitunter noch sehr wichtig tut.

Ich selbst erlebe Nietzsche als Menschen, dem es, so wie heute dir und mir, dreckig ging und der sich schreibend um Klärung bemühte. Sein dem Leiden entrungenes Geschreibe hat mir an einigen Punkten geholfen, mich in meinem eigenen Leiden besser zu orientieren. Er hat mir geholfen; selbst dort, wo er – wie mir scheint – im Eifer des Gefechts überzogen oder danebengehauen hat. Als einem sich mühsam aus seinem Elend herauswindendem Menschen kann ich ihm solches leicht verzeihen. – Was die Bildungsphilister, ob positiv, ob negativ, zu Nietzsche sagen – interessiert mich nicht; das ist Tanz um ein Götzenbild.

Den Autoren des zweiten Textes („Phrase, Konvention, Routine“) habe ich bewußt nicht genannt. Bei selbigem handelt es sich um Rudolf Steiner; und unterschlagen habe ich den Namen, weil ich nicht in den Geruch kommen wollte, ein „Anthroposoph“ zu sein. Ich bin ja auch kein Anthroposoph, war es nie und werde es nie sein; aber den Steiner schätze ich und kenne mich in seinen Schriften sogar verhältnismäßig gut aus. Kontakte mit seinen Anhängern enden meist in irgendwelchen chaotischen Mißverständnissen; nach Möglichkeit geh ich ihnen aus dem Weg. Mir selbst fehlt die Begabung, Anhänger zu sein.

Jene Zitatezusammenstellung stammt aus dem ersten Vortrag des sogenannten „Pädagogischen Jugendkurses“.

Zu dem in deinem Brief umrissenen „Sezieren der Wirklichkeit“ („dann hältst du die Teile in deiner Hand; fehlt, leider, nur das geistige Band“ – wie Goethe in seinem viel zitierten und wenig verstandenen ‚Faust’ schreibt): Ein großes Problem besteht noch darin, daß es heutzutage keine rechte philosophische, erkenntniswissenschaftliche Bildung mehr gibt; und selbst wo es „sie“ noch gibt, bleibt es bei Worthülsen, bei Worten, in denen man kramt. Meist kennt man ja nicht einmal den Unterschied zwischen Verstand und Vernunft (grob charakterisiert: Unter ‚Verstand’ verstand man ursprünglich das Sezieren, unter ‚Vernunft’ die Zusammenschau, das ‚geistige Band’).

In diesem Zusammenhang würde ich dir sogar ein Buch von jenem erwähnten Steiner empfehlen: „Erkenntnistheorie der Goethe’schen Weltanschauung“. Zu lesen im stillen Kämmerlein, weitab von diskussionswütigen Steinerianern und Antisteinerianern. Ich halte das auch so.

In Todesnähe war ich schon und kann rückblickend sagen, wie ich mich verhielt. Etwa zwei Monate lang ging das; Flüssigkeit in den Lungen, permanentes Fieber nie unter 38. In Moskau lebte ich damals. Man wollte mich ins Krankenhaus verfrachten; aber ich weigerte mich. Ich hatte das sichere Gefühl, daß ich diese Krankheit brauche und daß ich sie überstehe. Behandelt wurde ich von einer Bekannten, einer anthroposophischen Ärztin, die sich bei alledem sehr unwohl fühlte und mich lieber an die Schulmedizin abgegeben hätte. Ich merkte, daß sie ihr Handwerk verstand; sie verschrieb mir potenziertes Hornissengift und sonstiges Zeugs, das ich mir eigenhändig Tag für Tag spritzte. In einer Nacht war es so schlimm, daß ich damit rechnete, es nicht zu schaffen. Meine Freundin schlief im Nebenzimmer; ich weckte sie nicht; das einzige, was ich tat: mit letzten Kräften schaltete ich den Computer ein und begann, unausgereifte Notizen, Skizzen und Aufzeichnungen zu löschen, damit nach meinem Ableben niemand das lese. Da ich mich kaum aufrecht halten konnte, war das eine Heidenarbeit, die ich, unterbrochen von langen Erholungspausen, in mehreren Anläufen durchführen mußte. Vor dem Tod hatte – und habe – ich keine Angst; das Einzige, was mich an der Sache störte, war, daß niemand das verstand und daß ich auch keine Möglichkeit hatte, jemandem zu erklären, warum ich keine Angst habe. Einmal, als es besonders schlimm war und die Ärztin selbst durch eine Grippe abgehalten war, schickte sie den Notarzt zu mir. Der Notarzt wollte mich ins Krankenhaus abschleppen. Ich weigerte mich. Und wurde informiert: daß ich in zwei Wochen vermutlich tot bin, oder höchstens, günstigstenfalls, als Krüppel weitervegetieren werde. Und mußte einen Wisch unterschreiben: Daß man mich über die Schwere meines Zustands informiert hat und daß ich aus eigenem Ermessen auf das Krankenhaus verzichte. Weder starb ich noch wurde ich zum Krüppel; Wochen später rannte ich wieder, wie gewohnt, die Leute überholend die endlosen Treppen der Moskauer U-Bahn hoch; und als ich zum ersten Mal nach der Erkrankung wieder in der Redaktion auftauchte fand man, daß man mich noch nie so frisch und energisch erlebt hat.

Zur Zeit bin ich – wie schon seit vielen Jahren – ohne Krankenkasse und fast ohne Geld; eine ernsthafte Erkrankung könnte das Aus bedeuten. Damit muß ich leben. Und kann damit leben; kein Problem. Dafür kenn ich das Leben und möchte nicht tauschen mit all diesen von allen Seiten abgesicherten Theoretikern, die über alles reden und von nix eine Ahnung haben.

Erika am 2. Juni 2010

erstmal danke für deine Offenheit. Ich habe mit großem Erstaunen von deiner Erkrankung gelesen – du hast etwas durchlebt, vor dem viele Menschen – ich auch – große Angst haben. Auf sich selbst zu hören und das „Schicksal“ anzunehmen, so wie es kommt, ist nichts, was heute für Menschen auch nur ansatzweise in Frage kommt. Daß du dich mit unkonventionellen Mitteln behandeln ließest und nicht ins Krankenhaus gingst, war für dein Umfeld sicher schwer zu begreifen. Wie kam es, daß du genesen bist? Hast du eine Erklärung dafür? Bist du es selbst gewesen, der das „entschieden“ hat? Mußtest, wolltest du dem Tod so nahe kommen? Ich denke ebenfalls, daß die eigene Kraft, das Vertrauen in sich selbst eines der wichtigsten Dinge im Leben ist und doch mangelt es hier am meisten. Wir lassen uns viel von anderen erzählen, was gut oder was schlecht für uns ist. Wann immer man dabei ein komisches Gefühl hat, sollte man auf sich hören. Ich kenne sonst niemanden, der das in dieser Konsequenz getan hätte und ich weiß auch nicht, wie ich mich verhielte.

Raymond am 2. Juni 2010

das mit der Offenheit finde ich weiter nix Besonderes; ist ja nichts Schlimmes dabei. – Vorm Tod hab ich, aus verschiedenen Gründen, keine Angst. Das ist das Eine. Das andere: Hab ein gewisses Gespür für das, was ich brauche und was ich nicht brauche.

Von Medizin versteh ich nicht viel; weder von Schulmedizin noch von den verschiedenen „überphysische“ Kräfte mit einbeziehenden Richtungen. Verschiedene Grundprinzipien letzterer sind mir umrißhaft bekannt, teilweise auch einsichtig; aber, alles in Allem: richtig urteilsfähig bin ich nicht. So daß es für mich keinen großen Unterschied ausmacht, ob ich mich einem reinen „Schulmediziner“ anvertraue oder jemandem anders.

Das heißt, einen Unterschied gibt es schon: Die dogmatische Schulmedizin verdammt die Richtungen mit den „überphysischen“ Kräften in Grund und Boden, während die Vertreter letzterer, wo sie wirklich kompetent sind, auch die reine Schulmedizin nicht schlechter beherrschen – manchmal noch besser – als reine Schulmediziner. Die von der Schulmedizin berücksichtigten physikalische, chemische, physiologische Prozesse sind ja real und müssen berücksichtigt werden; problematisch wird det bloß durch die gewaltsame dogmatische Einengung. Ein guter Homöopath oder anthroposophischer Arzt ist einfach ein guter Schulmediziner mit erweitertem Horizont. Hängt aber natürlich immer von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Nicht jeder, der sich diplombewehrt als Arzt ausgibt, verfügt über den nötigen Durchblick, um einem zu helfen, ganz egal, was für Methoden er anwendet.

Bei jener Erkrankung hatte ich das deutliche Gespür: daß ich das für meine Entwicklung brauche und daß ich es überlebe. Vermutlich hätte ich es nicht überlebt, wenn ich mich in die Hektik eines Krankenhauses begeben hätte und mich mit Chemie hätte vollpumpen lassen. – Daß die riesigen Flüssigkeitsblasen, die sich in den Lungen gebildet hatten, ohne Abpumpen verschwinden würden – daran glaubte, außer mir, eigentlich niemand. Die anthroposophische Ärztin verschrieb mir zwar entsprechende Medikamente (irgendeine Silberlösung, die ich mir fleißig jeden Tag spritzte); doch auch sie meinte, das müsse man aufschneiden und abpumpen. Ich blieb unerbittlich; und irgendwann waren sie, die Blasen, weg, als hätte es sie nie gegeben.

Das waren natürlich – auch bewußtseinsmäßig – sehr komplizierte Prozesse, die da abliefen; man kann das alles nicht in ein paar Zeilen zusammenfassen; Resultat aber war, daß ich mich nach diesen zwei bis drei Monaten Krankheit frisch und energisch fühlte wie nie zuvor.

Was da abgelaufen ist versteh auch ich selbst nur ansatzweise; das ist alles zu kompliziert, als daß man ihm mit lapidaren „Erklärungen“ gerecht werden könnte.

Über gewisse ansatzweise Einblicke – über die ich nicht so leichthin sprechen möchte – verfüg ich schon; sonst wäre eine solche Konsequenz ja gar nicht möglich. Konsequenz ohne zumindest ahnungsweisen bewußten Kontakt mit der konsequent entwickelten Realität wäre einfach bloß blindwütige Starrköpfigkeit. Letztere ist mir fremd.

[…; das Weggelassene bezieht sich auf soziale „Bewegungen“]

Bin eigentlich kein „Bewegungsmensch“, das heißt, neig schon dazu, mich zu bewegen; meine: es ist nicht meine Art, mich auf „Bewegungen“ zu konzentrieren, mich ihnen anzuschließen. Ich versuche, mich zurechtzufinden und mit konkreten Menschen mich auszutauschen, die offen sind und in ähnlichem Bemühen begriffen sind. Die Zeiten, daß bewegte Massen noch irgendwas sinnvolles erreichen können sind meiner Ansicht nach vorbei; rechte Bewegung entsteht, wenn frei sich entwickelnde Einzelne sich frei mit frei sich entwickelnden Einzelnen zusammenschließen, um det mal so lapidar zu sagen. Aber das passiert leider sehr selten. Also nicht ein Sichanschließen an eine fertige „Bewegung“, sondern mehr ein gezieltes bewußtes „Vernetzen“ (ich meine bewußtes Vernetzen und nicht das blindwütige Kontaktesammeln, das man meistens darunter versteht)


[1] Hamburger Netzwerk Grundeinkommen
[2] In einer Gruppe zur Thematik des „Bedingungslosen Grundeinkommens“; Näheres siehe hier
[3] Siehe etwa hier
[4]Annoncen, Superbildung und der Traum vom Fliegen





© Raymond Zoller