Eingang Klamurke Aus dem sozialen Leben

In Russland Notiertes

Bewußtseinsentwicklung und partnerschaftliche Zusammenarbeit

oder

Warum das mit der sozialen Erneuerung nicht funktionieren kann

Würde es sich bei dem geschilderten Erlebnis mitsamt ein paar ähnlichen selbstdurchlebten und in meinem Umfeld beobachteten Reinfällen nur um zufällige Einzelepisoden handeln, so dürfte man det vielleicht nicht so verallgemeinern und bräuchte es auch nicht zu veröffentlichen.

Problem ist bloß, daß solche Episoden Ergebnisse sind einer seit Jahren beobachteten unverändert vorherrschenden, sich oft hinter wohlklingenden Theorien versteckenden Mentalität, aufgrund deren starken Verbreitung es mir nicht sehr wahrscheinlich scheint, daß der Karren vor dem Abgrund noch zum Stillstand kommen könnte.

Aber das ist ja auch weiter nicht schlimm; ein bißchen Abgrund tut vielleicht ganz gut nach dieser behäbigen träg machenden Sattheit.

Trotzdem kann es nicht schaden, diese und jene der kaum ins Auge gefaßten Triebfedern der Abgrundfahrt sich nebenbei als solche mal anzuschauen.

Eine zum Thema passende anderswo veröffentlichte Notiz:

Die Welt wurde zu dem, wie sie jetzt ist unter anderem deswegen, weil zu viele da sind, die sie gleich als Ganzes retten wollen und darüber, zum Einen, ihr reales Umfeld vergessen, und zum Andern (mit diesem Vergessen zusammenhängend) die realen, auch in ihnen selber wütenden, asozialen Mechanismen.

Von daher auch die soziale Sterilität (und letztendlich Ineffektivität), die man in Kreisen, wo große Reden geschwungen werden, so oft erleben kann; und die Überraschungen, die man manchmal erlebt, wenn solche Welterretter über ihre Welterretterei in Machtpositionen reinrutschen und merkwürdige Wandlungsprozesse durchzumachen scheinen (sie wandeln sich ja gar nicht; die Umstände sind bloß so, daß ihre unbehelligt vor sich hin wütenden asozialen Tendenzen einen besseren Nährboden finden und sich ungestört austoben können)

Anfang der neunziger Jahre unternahm ich für das deutsche diakonische Werk einige Reisen nach Rußland, um Hilfsgütersendungen zu koordinieren. Dabei ergaben sich verschiedene Ansätze, die – mir wenig fruchtbar scheinenden – Hilfsgütersendungen durch gezieltes Unterstützen kleinerer Unternehmen zu ersetzen und den Leuten Hilfestellung zu leisten, selbst auf die Beine zu kommen. Da das diakonische Werk nicht mitzog, war ich gezwungen, im Alleingang zu handeln. Doch auch in meinem deutschen „Freundeskreis“ – der sich damals leider größtenteils auf das Umfeld des mit wohlklingendem Programm ausgestatteten Novalis-Hochschulvereins[1] erstreckte – stieß ich auf keinerlei Interesse; einzig X, der eine große Erbschaft gemacht hatte und von seinem ursprünglichen Beruf umsatteln wollte ins Geschäftliche, zog mit. – Ich war froh, daß man endlich handeln konnte; über die finanzielle Seite sprachen wir gar nicht und legten los. Für den Anfang unserer Unternehmungen hatte ich selbst noch etwas Reserven; bloß hatte ich die überschätzt; und wenig später ergab es sich, daß ich völlig auf dem Trocknen saß. Wasletzteres den – sehr vermögenden – X in keinster Weise störte. Über seinen Einsatz in Deutschland gab es nichts zu klagen; er setzte sich wirklich ein; nur ich selbst wurde in Moskau durch meine finanzielle Misere zunehmend handlungsunfähig. Hätte ich damals auch nur 200 Mark im Monat gehabt – für ihn wäre das eine Kleinigkeit gewesen – so hätte ich zügig und energisch handeln können; so aber erschwerte eine sich immer weiter verstärkende Lähmung das Handeln; und zu der objektiven Einschränkung durch die finanzielle Misere kam noch die Verunsicherung und der Ärger ob seines gar merkwürdigen Geizes.

Wäre es so gewesen, daß ich ihn in etwas hineingezogen habe, was ihn partout nicht interessierte und worauf er sich nur aus Höflichkeit eingelassen hat, so hätte man das noch halbwegs verstehen können. Aber es war offensichtlich nicht so; er war mit Leib und Seele dabei[2]; bloß hatten wir eingangs unsere jeweiligen Rollen nicht klar umrissen; und da wir nichts über das Finanzielle abgemacht hatten, ging er – wie ich anschließend verstand – ganz selbstverständlich davon aus, daß er der Chef ist und die Gewinne einsacken wird und ich der in Rußland vor Ort tätige Mitarbeiter, der zudem – da wir über Finanzielles nix abgesprochen hatten – umsonst zu arbeiten hat[3]. – Ich selbst hatte auf Fairneß und auf eine in jenen Kreisen zumindest als Lippenbekenntnis herumgeisternde geistige Beweglichkeit gesetzt und ging davon aus, daß man das soziale Miteinander im Zusammenspiel mit der weiteren Entwicklung wird regeln können. Aufgrund der Erlebnisse mit diesem bewußtseinsfortschrittlichen X und Erlebnissen mit weiteren bewußtseinsfortschrittlichen Zeitgenossen kam ich dann zu dem Schluß, daß all dieser mit sozialer Entwicklung gekoppelte Bewußtseinsfortschritt reine Theorie bleiben muß; bis hin zum kaum noch zu vermeidenden großen Krach; und daß nach jenem Krach – so noch was übrig bleibt – vielleicht eine gewisse Bewußtseinsentwicklung, die auch eine gesunde soziale Entwicklung nach sich ziehen kann, möglich wird. Vielleicht…. Denn das Gesetz der Trägheit scheint stärker.

– Wie dem auch sei: Anfang Oktober 1992 setzte ich durch ein kurioses Fax – kurios in erster Linie durch die Umstände, auf die es sich bezog – diesem Spuk ein Ende. Dieses Fax ist nachfolgend auszugsweise und mit erläuternden Fußnoten wiedergegeben.

Moskau, den 1. Oktober 1992

lieber X.

die Art unserer Zusammenarbeit hat, wenn man so sagen kann: in ihrer innewohnenden Idee, eine gewisse Veränderung durchgemacht (oder aber: es war schon immer so; und es ist mir erst jetzt zu Bewußtsein gekommen; ganz blick ich da nicht durch). Aus verschiedenen Gründen erscheint es mir dringend an der Zeit, selbige Grundidee etwas unter die Lupe zu nehmen.

Bis vor nicht so langer Zeit ging ich davon aus, daß wir in der Baumaterialiensache im gleichen Boot sitzen; daß jeder auf seine Weise seinen Einsatz leistet und daß wir nach Maßgabe unserer Kräfte und Möglichkeiten uns gegenseitig unterstützen. Dann trat bei mir eine ernsthafte finanzielle Krise ein. Die Krise ist inzwischen am Abflauen; zumindest für meine Existenz hier in Rußland krieg ich die Sache aller Wahrscheinlichkeit nach in den Griff; und jetzt, wo die Wolken sich verziehen, bin ich sogar froh um diese Krise, da sie mir half, einiges, was die Art unserer Zusammenarbeit betrifft, deutlicher ins Bewußtsein zu heben.

Ich ging davon aus, daß wir uns gegenseitig, nach Maßgabe unserer Kräfte und Möglichkeiten, in diesem (wie mir schien: gemeinsamen) Projekt unterstützen. In diesem ganzen Komplex der Kräfte und Möglichkeiten gibt es nun einen Faktor, der nichts mit Fähigkeiten oder Einsatzwillen zu tun hat: Geld nämlich. Und hier liegt der Unterschied zwischen uns darin, daß Du welches hast, und ich nicht. Eigentlich müßtest Du verstehen, daß ich ohne Geld gar nicht in der Lage bin, auf Dauer hier unsere (wie mir schien: gemeinsamen) Interessen wahrzunehmen. Ich hab Dir die Situation geschildert. Wie Du Dich dem gegenüber verhältst, mußte Dir überlassen bleiben; irgendwas von Dir bitten oder gar fordern wollte ich nicht. - Außer dem Rat, mir durch das Luxemburgische Konsulat die Rückreise finanzieren zu lassen, kam nichts. Gut. Ich hab das zur Kenntnis genommen und verstand: daß wir wohl doch nicht im gleichen Boot sitzen.

Unter den Bedingungen, unter denen wir unsere gemeinsame Tätigkeit antraten, nahm ich mir nicht das Recht, irgendwas von Dir zu fordern; aber mir ist klar, daß Deine Einstellung in dieser Situation rein objektiv die Art unserer Zusammenarbeit modifiziert. Du hast mir einen zweiseitigen Brief an Birjukov übermittelt (und wie, wenn ich, Deinem Rat folgend, via luxemburgisches Konsulat mich inzwischen von hier abgesetzt hätte?). Der Gedanke, den zu übersetzen, bereitet mir plötzlich unüberwindliches Unbehagen. Ich werd ihn auch nicht übersetzen; außer zu den weiter unten angeführten Bedingungen. Da es mir nach wie vor ein Anliegen ist, daß die Sache mit Balabanovo auf den Boden kommt werd ich, sobald ich Zeit habe, unabhängig von allem aufgrund der in dem Brief enthaltenen Information ein paar Gespräche führen und Dich auch über den Inhalt der Gespräche unterrichten; doch werden wir, wie ich inzwischen verstehe, für das Weitere unsere Zusammenarbeit auch ihrem äußeren Erscheinungsbild nach in die Form bringen müssen, wie sie der "innewohnenden Idee" entspricht.

Ich hab, wie Du weißt, zeitweise als Dolmetscher und Übersetzer für größere Firmen gearbeitet und bei dieser Tätigkeit gut verdient. - Als ich begann, mir über die Qualität unserer Zusammenarbeit deutlicher Rechenschaft abzulegen, überschlug ich kurz, wieviel ich unter Zugrundelegung meines üblichen Tarifs allein für die Übersetzung des Vertrags und die Fahrten nach Balabanovo berechnen würde (mal ganz abgesehen von den weiteren Abklärungsgesprächen und der sonstigen Dolmetscherei bei Istok und Bjelyj Gorod usw.). Gesagt sei, daß allein diese Posten durch den Gegenwert des Faxgerätes, die 300 Mark für die Reise[4] und die 250 Mark, die Du mir dagelassen hast[5], bei weitem nicht abgedeckt wären. Zu den Zeiten, als ich davon ausging, daß wir gemeinsame Sache machen, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, solche Berechnungen anzustellen; inzwischen jedoch erscheint es mir - leider - unumgänglich (obwohl es mir nach wie vor zuwider ist).

Eine Zeitlang wurde ich durch die Ausweglosigkeit meiner finanziellen Lage niedergedrückt und am zügigen Arbeiten behindert; inzwischen lastet nur noch über meiner Tätigkeit für das Balabanovo-Projekt der dumpfe Unwille: daß da irgendwas nicht stimmt. Ich hab diese Sache selbst in Bewegung gebracht und bin nach wie vor daran interessiert, daß es weitergeht; jedoch ist es mir beim besten Willen nicht möglich, dies wie bisher weiterlaufen zu lassen; selbst unter dem Risiko, daß alles zusammenbricht. Wenn es weitergehen soll müssen wir nun klare Verhältnisse schaffen. Für eine wirklich gemeinsame Sache ist inzwischen meinem Empfinden nach der Zug (oder, um bei obigem Bild zu bleiben: das Boot) abgefahren; es wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß ich Dir für das Weitere in solid kapitalistischer Manier zu meinen üblichen Tarifen meine Arbeitskraft verkaufe. Das wäre: Schriftliche Übersetzung DM 1,50 pro Zeile (die Zeile zu 60 Anschlägen); Dolmetschen (machen wir es etwas günstiger) 45 Mark die Stunde (wobei auch Hin-und Rückfahrt als abgearbeitete Zeit zu diesem Tarif berechnet werden) - Bei Bedarf kann ich Dir ganz offizielle Rechnungen ausstellen. Wie weiter oben angedeutet: Da ich selbst am Weitergang des Balabanovo-Projektes interessiert bin (hab das immerhin selbst ins Rollen gebracht) führ ich, sobald ich Zeit habe, auf Grundlage der in dem Brief enthaltenen Information einige Gespräche und informiere Dich über den Verlauf. Solltest Du Wert auf eine Übersetzung des Briefes legen, so müßte ich dies in Rechnung stellen (über den Daumen gepeilt werden das ca. 150 Mark sein). - Und das gleiche gilt - so unangenehm mir das auch ist - für alle weiteren Schritte.

Hättest Du ein gewisses aktives Interesse an meiner Situation gezeigt, so hätte ich - bei eher geringem finanziellem Aufwand - unbehelligt durch die materiellen Sorgen, die zeitweise zu innerer Lähmung führten, wesentlich konsequenter und effektiver tätig sein können. Die jetztige Variante wird für Dich recht teuer; und zudem ist es mir leider nicht mehr möglich, mich in dem Maße engagiert mit dem Projekt zu verbinden, wie das früher der Fall war. - Unter Umständen wäre ich noch bereit, mich auf eine Pauschale einzulassen, damit die Sache nicht allzu teuer für Dich wird; aber umsonst arbeiten kann und will ich nicht mehr.

Nebenbei sei noch vermerkt, daß es mir nicht um den Umfang einer finanziellen Hilfe gegangen wäre, sondern um die innere Haltung. Hätte ich z.B. mit jemandem zu tun, der über gar keine finanziellen Mittel verfügt, der aber im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht hätte, Hilfestellung zu leisten; bei dem ich einfach das Gefühl gehabt hätte: daß er mich in dieser Situation, in der ich von hier aus so gut wie gar nichts ausrichten konnte, nicht hängenläßt, so hätte dies mir vollauf gereicht, selbst wenn die faktische Hilfe gleich Null gewesen wäre. Um ein Bild zu gebrauchen: Nehmen wir an, wir sind auf'm Kriegspfad und befinden uns in einer Situation, wo jemand uns Rückendeckung geben muß. Tut dies jemand, der nur Pfeil und Bogen zur Verfügung hat, von dem ich aber das Gefühl haben kann, daß ich mich auf ihn verlassen kann, daß er mich nicht hängenläßt - so beweg ich mich viel sicherer und hab auch eher die Chance, die Sache selbst in den Griff zu kriegen, als wenn solches durch jemanden bewerkstelligt wird, der in sicherer Entfernung mit 'ner Kanone oder auch mehreren auf 'nem Hügel hockt und von dem ich weiß, daß er, eingedenk der hohen Pulverpreise, seelenruhig zuschaut, wie ich draufgehe. - Solche innere Haltung kann man nicht fordern; entweder sie ist da, oder sie ist nicht da. Eine kleine Bitte hätte ich: Auf meinem Konto ist ein Manko von 800 Mark wegen der Krankenkassenabbuchungen. Da keinerlei Abmachung in punkto Überziehen besteht macht meine Bank Schwierigkeiten (da die Bank nichts mehr rausrückt ist die Krankenkasse inzwischen geplatzt; doch was soll’s; leben wir halt ohne). Wäre es möglich für Dich, diese 800 Mark[6] als Vorschuß für die kommenden Dienstleistungen zu überweisen (wie Du an den Tarifen siehst werden die wahrscheinlich bald aufgebraucht sein; allerspätestens bei einem Moskaubesuch durch die Dolmetscherei)



[1] Mit selbiger Mannschaft hatte ich dann doch noch ein Abenteuer zu bestehen, welches hier skizziert ist.
[2] Es ging in erster Linie um ein aus Holzabfällen hergestelltes patentiertes Baumaterial mit guter Wärmedämmung; daneben noch im einiges andere. Bei normalem Verhalten hätte man vermutlich was machen können; so aber wurde immerhin ein Lehrstück daraus in Sachen westliche Bürgermentalität
[3] Rückblickend stufte ich das als eine Äußerung durchschnittlicher europäischer, vor allem deutscher Mentalität ein. Ein typischer amerikanischer Geschäftsmann hätte in gesundem Pragmatismus verstanden, daß ein Mitarbeiter vor Ort nix tun kann, wenn er kein Geld hat zum Leben, und hätte mir die spärlichen Mittel, die ich benötigte, vorgestreckt. Ein typischer prinzipientreuer Deutscher sieht nur, daß man übers Finanzielle nichts abgemacht hat, und sonst sieht er gar nix; wundert sich höchstens etwas, daß es nicht funktioniert.
[4] Als wir im März 92 gemeinsam per Bahn nach Moskau reisten, kaufte er aus technischen Gründen die Fahrkarten; wobei wir davon ausgingen, daß ich ihm das Geld zurückgebe. Im Weiteren erinnerte er mich wiederholt daran; doch da ich meine finanzielle Situation falsch eingeschätzt hatte, war es mir nicht möglich, ihm sein Geld zurückzugeben
[5] in Verbindung mit dem Transport von Warenmustern. Da die Kosten durch die russische Firma getragen wurden, wurde das Geld nicht benötigt, und ich nahm es zur Deckung meiner Lebenskosten.
[6] wurde nicht überwiesen; wie überhaupt nach dem Fax keinerlei Reaktion mehr erfolgte, und wie es mir in dem weiteren jahrelangen Wirbel nicht gelang, das Problem in den Griff zu kriegen. Leb bis heute ohne Krankenkasse; doch was soll's…

Einen durch diese Publikation angeregten Briefwechsel findet man hier


© Raymond Zoller