Eingang Klamurke
Zur Frage des Scheitern

Alles fließt

Wenn man die Geschichte der Klamurke und den klamurkischen Werdegang des Herrn Chefredakteur so verfolgt, stolpert man vielleicht über das viele «gescheiterte»: gescheitertes Medien-Projekt; gescheiterte Anläufe zur Schaffung der «Klamurke»; gescheitertes Studienprojekt; usw... Ein reines Trümmerfeld! - Doch soll man das, bitte, nicht zu eng sehen. «Scheitern» wird nämlich hier in einem Sinne gebraucht, wie er nur für gewisse Oberflächenstufen des Daseins gültig sein kann; für jene Schichten, in denen man den Wert einer Handlung oder eines Handlungskomplexes an der Übereinstimmung seines Resultates mit vorher gebildeten Vorstellungen («...projekt»; Zeitschriftenredaktion; usw...) mißt. Läßt sich so ein Resultat mit der vorher gebildeten Vorstellung partout nicht in Einklang bringen, so betrachtet man die Sache eben als «gescheitert». - Für eine tiefergehende Sichtweise hingegen verliert dieser Begriff des «Scheiterns» seinen Sinn; denn da geht es nicht um Resultate, sondern um den Strom der Entwicklung, für den die verschiedenen Erfolge und Mißerfolge, die Paläste und Trümmerfelder nur Episoden sind, die ihren Wert aus dem heraus enthalten, was man ihnen für die Entwicklung abgewinnen konnte: Aus ihrer Bedeutung für den Strom.

Als «Scheitern» hingegen erscheint in diesen tieferliegenden Schichten das Aussetzen der Entwicklung: Wenn der Strom erstarrt oder sich auflöst (so daß ein an der Oberfläche vonstatten gegangener erfolgreicher Palastbau hier unter Umständen als vollständiges Scheitern erscheinen kann). - Sicher hätten bei mehr Offenheit und Verbindlichkeit seitens verschiedener direkt oder am Rande Beteiligter[1] manche der in vorliegendem Zusammenhang angedeuteten Entwicklungslinien sich energischer, gestalteter entwickeln können; vielleicht hätten Formen entstehen können, die Ähnlichkeit gehabt hätten mit den vorstellungsmäßig vorweggenommenen: es hätte besser laufen können. Jedoch: Es lief. Und läuft. Wege wurden gegangen; Anregungen gegeben und empfangen; dadurch, daß man dieses Engagement auf sich genommen hat, ist vieles anders gelaufen, als es ohne dieses Engagement gelaufen wäre. Von mir selbst kann ich mit Sicherheit sagen, daß ich mich durch all dieses «Scheitern» hindurch entwickelt habe; und dies gilt - mit genau der gleichen Sicherheit - für viele der mittelbar und unmittelbar Beteiligten.

Der Sinn eines Zeitschriftenprojektes etwa liegt ja von vornherein nicht in dem, was aufs Papier kommt, sondern in den Bewußtseinsprozessen und sozialen Abläufen, die dadurch angeregt werden. Und solches läuft auch bereits in einer recht verstandenen Vorbereitungsphase ab; ganz egal, zu welchen Resultaten sie führt. So daß bei rechtem Zugriff der tieferliegende Sinn des Unternehmens unweigerlich erfüllt wird. - Sollte es gelingen, diese Prozesse zu intensivieren und bewußter zu führen, so wäre das natürlich sehr begrüßenswert; doch hängt das nicht nur von mir ab.


[1] Belletristische Untersuchung der Rolle, die eine gewisse weitverbreitete Mentalität beim Scheitern oder Beinahescheitern spielen kann, findet man in dem opus „Brief an einen unerwartet wieder aufgetauchten Ertrunkenen

Raymond Zoller

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