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Der Löwe

„Das ist schrecklich“, – dachte Hürgokh. – „Das kann nicht sein!“

Doch es war.

Zumindest schien es so.

Hürgokh wußte um die Unberechenbarkeit des Seins; die Jahre hatten ihn gelehrt, daß nicht weniges, was man als Sein untrüglich vor Augen zu haben glaubt, sich im Nachhinein als Schein und Fata Morgana entpuppt. Kein Zweifel bestand für ihn, daß ein allfälliges Sein jener Erscheinung, die sich ihm darbot, schrecklich gewesen wäre; und deshalb hoffte er, daß auch diesmal, wie schon so oft, die Erscheinung des Seins entbehre und sich, gleich einem Traume, nach einiger Zeit verflüchtige.

„Das kann nicht sein“, – wiederholte er beschwörend, als wolle er die Erscheinung zum Nichtsein überreden.

Gemächlich trottete der Löwe auf ihn zu.

„Er sieht zwar recht seiend aus“, – dachte Hürgokh. – „Aber dafür auch ganz zahm. Vielleicht hat er grad keinen Hunger; oder aber es ist überhaupt ein zahmer Löwe. Wäre es ein zahmer Löwe, so wäre gegen ein Sein seinerseits natürlich nichts einzuwenden.“

Der Löwe blieb stehen, schnupperte, öffnete den Rachen und stieß ein markerschütterndes Brüllen aus.

„Ob ich davonlaufen soll?“ – überlegte Hürgokh. – „Falls ja, würde sich nur fragen: Wohin? Bevor ich den nächsten Baum erreiche, hätte er mich eingeholt.“

Denn es war weit und breit kein Baum in Sicht.

Plötzlich kam ihm der rettende Einfall: – „Vielleicht, “ – dachte Hürgokh, – „bin auch ich selbst bloß ein des Seins entbehrender Schein? Eine bloße Illusion?“ – Er wunderte sich, daß er früher nie an solche Möglichkeit gedacht hatte. – „In solchem Falle,“ – spann er den erlösenden Faden weiter, – „wäre es im Prinzip ohne jeden Belang, ob dem Löwen ein Sein zukommt, oder ob er bloß eine Illusion ist, weil es nämlich völlig gleichgültig wäre, ob er mich, als bloßen Schein, aufißt oder nicht.“

Der Löwe schaute Hürgokh aus traurigen Augen wie fragend an, schüttelte die Mähne, drehte sich um und trottete davon.

Dies hat Hürgokh dann trotz allem sehr erleichtert.

© Raymond Zoller

Zur russischen Fassung

Zur rumänischen Übersetzung






Diesen Text findet man, neben vielen anderen, in dem Taschenbuch

Raymond Zoller

Wie ich den König vom Pferd schubste

und sonstiges Episodisches

RaBaKa-Publishing, Edition Ivata
Erscheinungstermin: Juni 2013
Preis: 16,90 €
Seitenzahl: 196
ISBN: 978-3-940185-25-9


[Sollte der vom Pferde geschubste König über den Buchhandel nicht mehr erhältlich sein, so kann man es über den
Vertrieb des Seminar-Verlags
versuchen. Auf der durch das Link angesteuerten Seite ganz nach unten scrollen; dort findet man ihn]

Die Erzählungen kennzeichnet eine für Zoller typische inhaltliche Unernsthaftigkeit, kombiniert mit einer streng durchgestalteten Form. Die Szenen und Orte der Erzählungen reichen hinein ins Reich des Fantastischen; aber auch ganz normale Alltagsszenen weiß der Autor ins Absurde zu führen. Seine Protagonisten verhalten sich so, wie es nach Ansicht Zollers nicht allein Romanfiguren gut stände, sondern auch dem regelkonformen „Zivilisationisten“.

(Erika Reglin-Hormann)

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