Eingang Klamurke Aus dem sozialen Leben

Schreiben und Desperadoleben

Aus einem Briefwechsel zu meinem Geschreibe.
Obwohl ich kein Schriftsteller bin (von Beruf bin ich Absurdologe und Nebelkundler) schreibe ich sehr viel; sogar ist diese ganze Schreiberei unablösbar verbunden mit meiner biographischen Entwicklung, alsda sie für mich ein Mittel ist, mich von dem ganzen Unsinn, in den ich hineingeboren und durch meine Erziehung immer tiefer hineingezogen wurde, innerlich abzusetzen; und nebenbei eröffnet sich der Seele ein Quell an Kraft und Erfrischung, wenn die allgegenwärtige Absurdität schreibend auf die Spitze getrieben wird.

Aus einem Brief vom 29. Oktober 2008

[...] Das mit dem Schreiben ist bei mir ein wüstes Hin und Her. Angefangen hat das alles ja mit einer Art schriftlicher Selbstgespräche, aus denen sich dann vereinzelte Aufsätze herauskristallisierten, die auch veröffentlicht wurden. Über diesen Selbstgesprächen entwickelte ich mich tatsächlich, wurde, wie man so sagt, klüger; doch das war noch alles sehr verbissen. Daneben entstand dann, fast unbemerkt und von mir selbst kaum ernst genommen, zunächst als schwaches Rinnsal eine belletristische Linie. Darauf aufmerksam gemacht wurde ich durch andere, als ich für eine deutsche Theateraufführung mehrere Gedichte aus dem Russischen übersetzte, die vertont werden sollten und die, weil ich sie sprachlich gut ausgefeilt hatte, auch problemlos vertonen ließen. So wurde der Komponist auf meine eigene Produktion aufmerksam, und über ihn fiel dann auch mir selbst auf, daß da wat iss; und von da ab begann ich bewußt, Belletristik zu schreiben. Diese neue Richtung führte dann zu einem bewußteren Umgang mit der Sprache und zu einer Auflösung der Verbissenheit in der Publizistik [...]

Auch die „Klamurke“ entstand aus diesen orientierungssuchenden schriftlichen Selbstgesprächen, während die ganze Belletristik mehr als Zugabe betrachtet wurde. Gelegentlich macht man mich darauf aufmerksam, daß das alles zusammengehört; aber selbst krieg ich es nicht immer richtig zusammen. Problem war auch, daß ich während dieser ganzen „literarischen Anlaufzeit“ im deutschsprachigen Gebiet keinen rechten Austausch hatte (praktisch überhaupt keinen Austausch hatte ich), und, abgesehen von der kurzen Episode mit den russischen Gedichte-Übersetzungen, welche die Weichen Richtung Belletristik stellten, völlig alleine blieb. Ansätze von Austausch mit deutschsprachigen Autoren kamen erst zustande, als ich, mit zunehmender Tendenz, vom Deutschen zum Russischen zu wechseln, bereits in Georgien lebte... Das war, als ich anfing, in Dirk Schröders „Textgalerie“ zu veröffentlichen (wo ich dann von Stefan S. für Erozuna „entdeckt“ wurde). Mit der deutschsprachigen Literaturszene kam ich sonst kaum in Berührung; überhaupt schreckte mich die Seichtheit und Gekünsteltheit des heutigen deutschsprachigen Kulturbetriebs, so daß ich eine solche Berührung auch weiter nicht suchte; sagen wir es so: wir beide, der deutsche Literaturbetrieb und ich, waren einander fremd und hätten miteinander partout nix anzufangen gewußt; und ein jeder ging, ohne mit dem andern in Berührung zu kommen und ohne daß man sich gegenseitig vermißt hätte, seine Wege. Und da ich völlig alleine blieb, ging meine Entwicklung auch entsprechend langsam voran; halbwegs voran kam ich eigentlich erst, als ich mit russischsprachigen Literaten und sonstigen russischsprachigen Kulturschaffenden in Kontakt kam, mit denen ich mich verständigen konnten (manche von ihnen verstanden die Untergründe meines „literarischen“ Bemühens stellenweise besser als ich selbst).

(Unter diesem Link findest du die deutsche Übersetzung von zwei Ansprachen, die anläßlich einer Lesung im Schriftstellerverband gehalten wurden; eine von jemandem, der „von der Seite“ auf meine Schreiberei schaut, und eine von mir selbst)

Den „Drachen“ – der dann im Weiteren die Grundlage abgab für das Drehbuch1 – mochte ich zu Anfang überhaupt nicht. Hatte die Erzählung, in zahllosen Anläufen, geschrieben, und nun war sie da; sogar in einer deutschen Version und in einer russischen. Die russische Version hatte ich auf meiner russischen Netzpräsenz veröffentlicht; und dort entdeckte sie eine Bekannte, die davon begeistert war und sich sogar eine Zeitlang in ihrem Messenger „Aiolla“ nannte. Durch sie wurde ich angeregt, dieses von mir geschaffene Opus genauer unter die Lupe zu nehmen; und erst da verstand ich, daß das doch aber gar nicht so schlecht ist und daß es irgendwelche Tiefen hat, die mir während des Schreibens nicht recht bewußt waren. Und so überarbeitete ich denn erst mal die russische Version und anschließend auch noch die deutsche und brachte es in einen Zustand, in dem es sich später als Drehbuch geradezu anbot... Irgendwas ist da dran, das ich teilweise selbst noch nicht ganz verstehe beziehungsweise überhaupt erst ansatzweise anfange zu verstehen... Und so geht es mir mit vielem, das ich schreibe: daß die Untergründe, so überhaupt, mir nur nach und nach zu Bewußtsein kommen...

Eigentlich finde ich es auch gut, daß Stefan S. damals auf den Gedanken brachte, gezielter „erotisches“ zu schreiben. Die Erotik spielt vor allem in den längeren Erzählungen eine wichtige Rolle; allerdings reichen ihre Wurzeln irgendwo in recht „ernsthafte“ Bereiche, die für „Erozuna“ vermutlich weniger interessant sind (mit Stefan S. selbst könnte man sich vielleicht sogar verständigen2...).

Brief vom 29. Oktober 2008

[...] Was das Desperadosein3 betrifft, so hast du wohl insofern recht, als ich insgesamt, rein lebensmäßig, eher ein „Desperado“ bin; und dieses biographische Desperadotum zeigt sich ganz selbstverständlich auch dort, wo ich schreibend einem Publikum entgegentrete oder nicht entgegentrete. Eigentlich wollte ich schon von Kindheit auf ganz normal sein; aber aus irgendwelchen Gründen funktioniert das nicht. Der Mainstream und ich sind zwei Wesenheiten, die irgendwie nicht zusammen passen: wir mögen uns gegenseitig nicht. Wenn ich mal wieder versuche, normal zu sein und der Mainstream merkt, daß ich schon wieder da bin, bäumt er sich auf uns spült mich hinaus aufs offene Meer, wo ich auch hingehöre; oder ich merke von mir aus, daß irgendwat nicht stimmt und werf selbst das Steuer herum. Und so extrem iss det alles, daß ich sogar aus meinem heimatlichen luxemburgischen Dialekt herausgespült wurde beziehungsweise mich selbst herausrettete, da ich dieses banale Gebrabbel nicht ab kann... Iss alles recht unbequem; aber ich hab keine Ahnung, wie ich es anders machen könnte...

Mir scheint übrigens, daß der deutsche Literatur-Mainstream zu versumpft ist, als daß es noch Sinn hätte, sich damit herumzuschlagen. Det war früher noch so, daß es Verlage gab mit kompetentem Lektorat, wo geistig bewegliches Volks tätig war, und wo Texte nicht darnach beurteilt wurden, ob sie mit irgendwelchen Schemata oder Modeströmungen in Einklang stehen, sondern darnach, ob sie leben oder ob sie bloß künstliche tote Artefakte sind. Von den heutigen Verlagen darf man det nicht erwarten; da ist alles ganz anders. Es kann auch gar nicht mehr so sein wie früher, da die Mitarbeiter jener Verlage ja diese ganze bildungsphilisterhafte Universitätsbildung über sich ergehen ließen; und wer det ein paar Jahre lang über sich ergehen läßt hat kaum noch ein lebendiges Gespür für Sprache.

[...]

(aus einem Brief vom 3. November 2008)

[...] Was nun die von g’scheiten Leuten manchmal gestellte Frage betrifft, was denn „der Autor damit hat sagen wollen“, so sei g’sagt, daß ich solche Frage als einen Ausfluß unserer zur Dämlichkeit erziehenden Schulbildung betrachte. Man geht also quasi davon aus, daß ein Autor sich irgendwat ausdenkt und dann dieses Ausgedachte mit Hilfe irgendeiner Chiffre in irgendwat anderes verwandelt; und nun soll der Leser gefälligst raten, was er gemeint hat... Ob es ernstzunehmende Autoren gibt, die det so machen, weiß ich nicht; genausowenig wie ich weiß, wozu solches gut sein soll außer als Zeitvertreib für gelahrte Germanisten.

Wenn ich einen klaren Gedanken gefaßt habe und ihn mitteilen will, wo bin ich bestrebt, det möglichst einfach zu tun und verständlich und unverschlüsselt; und ich vermute, daß es den meisten denkenden Zeitgenossen ähnlich geht.

Ein anderes ist, wenn ich Belletristik schreibe; da spielt dann sehr vieles mit, das im Moment des Schreibens mir selbst nicht voll zu Bewußtsein kommt oder was sich nicht so leicht in klare und einfache Begriffe fassen läßt. Das hat aber nix mit Verschlüsselung zu tun; ich arbeite einfach an etwas herum, das sich im Moment – oder überhaupt – nicht so einfach in eine klare Begrifflichkeit hineinbringen läßt (und wenn ich es könnte, ohne daß wat dabei verloren geht, so würde ich es natürlich tun); und auch die gelehrten Herren Germanisten mit ihrer über das intellektuelle Konstruieren nicht hinaus könnenden primitiven Philisterbildung können det nicht, weil det alles gar nicht so einfach ist, wie sie in ihrem Schulverstand sich det denken...

Laß dich also von solchen Fragen nicht mehr ins Boxhorn jagen und betrachte sie als det, was sie sind: als Ausfluß nämlich von Schuldämlichkeit.

[...]


[1] Von jener Drachenerzählung gibt es eine deutsche und eine russische Variante; als Grundlage für die – russischsprachige – Drehbuchskizze diente die russische.
Nachträgliche Anmerkung: Die Drachenverfilmung wurde zurückgestellt, aber nicht aufgegeben. Gefilmt wird trotzdem; erstes Zwischenergebnis einer literarisch-filmischen Zusammenarbeit siehe hier. Die Drachenerzählung – die da den Titel trägt "Von Drachen, Stripperinnen und Schornsteinfegern" – findet man in der Textsammlung "Wie ich den König vom Pferd schubste".
[2] Meine in Erozuna veröffentlichten Texte habe ich, schon vor längerer Zeit, wieder entfernen lassen.
[3] In dem Brief, auf den ich antworte, wurde ich – aufgrund der Art, wie ich mich dem „Mainstream“ widersetzte oder mich ihm entziehe – ganz ohne Vorwurf und in aller Freundschaft als „Literaten-Desperado“ bezeichnet.

Obige Darstellung fand Eingang in mindestens zwei Textsammlungen, die im PDF-Format in einem Online-Ordner abgelegt sind:
Vom schriftlichen Sichherumschlagen mit der Sprache.
und (nur teilweise)
Ich selbst in Gesellschaft mit mir und mit andern