Die Klamurke

Ansprachen anläßlich eines Autorenabends
am 3. Dezember 2005
in den Räumen des Georgischen Schriftstellerverbands

(Übersetzung aus dem Russischen)


Dshemal Tavadse:
Vorbemerkung

Gestatten Sie mir ein paar Worte zu sagen zu dem Menschen, dessen Schaffen an dem heutigen Abend vorgestellt wird.

Dieser Mensch ist ein guter Freund von mir, Raymond Zoller. Deshalb hatte ich das Glück, vieles aus seinem persönlichen und schöpferischen Leben zu erfahren. Wir lernten uns kennen vor zehn Jahren in Frankfurt am Main; und das Schicksal hielt es für angebracht, uns ein paar Jahre später wieder zusammenzuführen; diesmal hier, in dem Ihnen und mir heimischen Tbilissi, welches nach diesen Jahren vielleicht auch für Raymond zur Heimat wurde.

Gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft war deutlich, daß das ein Mensch ist von individueller Seelenverfassung und nicht typischer innerer Erfahrung. Raymond wurde geboren mitten in Westeuropa, in Luxemburg, und von Kindheit auf war er verbunden, oder, genauer gesagt: wurde verbunden mit den Werten der katholischen bürgerlichen Kultur. Wurde verbunden aus dem Grunde, weil dieser Prozeß einen gewaltsamen Charakter trug.

Ich gestatte mir, einige biographische Momente aus seinem Leben zu berühren, da das ganze bewußte Schaffen und das individuelle philosophische Credo Raymonds unzertrennlich verbunden sind mit seiner Biographie, mit dem, was zu den verschiedenen Zeiten für ihn lebensmäßig und elementar aktuell war. Er hatte nie das Ziel, zu schreiben oder Schriftsteller zu sein. Dieser Mensch – lebt einfach; und das, was in seiner geistigen Welt abläuft, findet dann seinen Ausdruck. Und so, in der Kindheit unterdrückt durch seinem Geiste fremde Frömmelei einer falsch verstandenen Religiosität (ich sage das unabhängig von irgendwelchen konfessionellen Fragen; das heißt, ich spreche ausdrücklich nicht von der falsch verstandenen Religiosität des Katholizismus vom Standpunkt der Orthodoxen Kirche aus) und der Massenmoral der westeuropäischen Gesellschaft.

Raymond begann von frühester Jugend auf nach Maßgabe seiner Kräfte sich dem zu widersetzen. Was allmählich, mit der Zeit zu einer richtigen Suche nach einem Ausweg aus der vorhandenen Situation führte. Die Aufgabe bestand damals darin, aus allen möglichen dem „Ich“ äußerlichen Aufschichtungen sozialer und kultureller Dogmen den Zustand oder die Möglichkeit der eigenen Existenz herauszuschälen.

Diese Aufgabe war für Raymond eng und wesentlich verbunden mit dem Phänomen der Sprache. Eben von hier aus entwickelte sich das, was als Resultat heute auf den Seiten seiner Internet-Zeitschrift „Die Klamurke“ zu finden ist. Das, von dem in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts seitens professioneller Linguisten rein im Sinne wissenschaftlicher Untersuchungen so viel gesprochen wurde: die Entfremdung der Sprache vom Inhalt, das heißt die Entfernung der Sprache von ihrer eigenen ursprünglichen, ontologischen Natur – dieses trockne wissenschaftlich-philosophische Thema wurde für Raymond zu einer Frage höchster innerer Dramatik und Wichtigkeit. Unter den gegebenen Umständen – ein klein wenig vorgreifend, da eine gründliche Darstellung dieses Themas viel mehr Zeit erfordern würde, als wir hier zu unserer Verfügung haben; nun, in der vorliegenden Situation, wo das Bewußtsein durch die mit angehäufter Sprecherfahrung überlastete Sprache bedingt ist, schlägt Raymond vor – natürlich ganz ohne lehrhaft zu sein; der lehrhafte Ton oder das Anbieten irgendwelcher fertiger Rezepte sind ihm fremd – sich zu halten, oder zumindest versuchen, sich zu halten an eine disziplinierte Präzision des Bewußtseins abseits der vorgegebenen Zusammenhänge in den sprachlichen Ablagerungen.

Der Hauptteil des heutigen Abends wird der künstlerischen Prosa von Raymond gewidmet sein. Die Verbindung des hier von mir Ausgesprochenen mit dem, was dem Hörer heute Abend vorgelesen wird, mag im ersten Moment nicht ganz einsichtig sein. Damit es einsichtig wird, müßte man sich genauer vertraut machen mit seinem Schaffen. Doch es geht hier einfach darum, daß meiner Ansicht nach seine Prosa keiner Erklärung bedarf, da wir es hier mit der Tatsache einer interessanten schöpferischen Begabung und entwickeltem literarischem Können zu tun haben, welches selbst für sich sprechen kann und keine Kommentatoren benötigt.

Raymond Zoller:
Kurzer Überblick über die Ursprünge meines literarischen Herumsuchens

Ich hatte nie irgendwelches Bedürfnis, Schriftsteller zu werden (und auch heute ist mir so ziemlich egal, ob ich ein solcher bin bzw. werde oder nicht); mein sprachliches, literarisches Herumsuchen hat seine Wurzeln in einem ganz anderen Grund.

Geboren wurde ich vor vielen Jahren in Luxemburg; wuchs auf im moselfränkischen Dialekt der deutschen Sprache, aus dessen kärglichen Spröde ich sowohl geographisch wie sprachlich zuerst in das saftigere und lebendigere Hochdeutsch auswich, und im Weiteren in das noch saftigere und lebendigere Russisch.

Zu jenen fernen Zeiten war ich nicht nur jünger als jetzt, sondern auch sehr viel dümmer. Nicht dumm genug allerdings, um nicht zu merken, wie dumm ich war. Ich zog durch die Welt und verstand kaum, was um mich herum vorging; das einzige, was ich verstand war: daß ich nichts verstehe.

Das Bemühen, diesen unhaltbaren Zustand zu überwinden führte zu einer gewissen Intensivierung meines Umgangs mit der Sprache; und viel wurde in all diesen Jahren gesprochen, gelesen und geschrieben.

In den Anfängen dieses Herumsuchens kamen alle möglichen verstreute Anmerkungen und Notizen zustande; dann begann eine Phase grimmiger, grobschlächtiger Publizistik; und in dem Maße dann, wie meine Orientierungsfähigkeit im Leben und in der Sprache sowie meine Sicherheit im Voranschreiten zunahmen, je sicherer ich das Wesentliche von gewohnten allgegenwärtigen Absurdität unterscheiden lernte, begann ich Geschmack daran zu finden, die unerträgliche trübe Alltagsabsurdität in literarischer Form auf die Spitze zu treiben, um sie solcherart erträglich und sogar interessant zu machen. So kam es, daß ich anfing, Belletristik zu schreiben; und dank diesen belletristischen Orgien wurde ich nachsichtiger gegenüber der Absurdität und dem Unsinn unseres Lebens; wodurch meine Publizistik weniger grobschlächtig wurde und ihren Charakter der „beleidigten Leberwurst“ verlor.

Um die Orientierung in den mich umfangenden Dickichten der mitteleuropäischen Kultur zu erleichtern, begann ich irgendwann am Projekt einer Zeitschrift zu arbeiten, da ich hoffte, durch eine solche Zeitschrift auf andere zu stoßen, die gleich mir, ohne irgendwas zu verstehen sich in diesen Dickichten verirrt haben. Damals kam nichts zustande; doch vor einem Jahr eröffnete ich diese Zeitschrift im Internet; zuerst nur in Deutsch, und anschließend auch in Russisch.

Raymond Zoller