Notizen von unterwegs

(Juli 2008 - März 2009, Odessa)

 

 Freitag, den 11. Juli 2008; Odessa

Den frommen Anlauf der Schreibmoral-Disziplinierung via mehr oder weniger geregelte Einträge in vorliegendes öffentliches Tagebuch weiterführend:

Seit gut zwei Wochen leb ich also in Odessa. Was mich genau hierhin geführt hat – darüber später, wenn die Dinge griffiger werden. Es hat mit Schreiben zu tun; so daß die Wiederherstellung meiner Schreibmoral schon gar sehr nötig iss...

Schaffen wir.

Wichtig zunächst mal, daß ich aus dem mich niederdrückenden West-und Mitteleuropa nach dem fast anderthalbjährigen sinnlos-idiotischen Herumgondeln wieder raus bin. Und wichtig auch, daß ich, nachdem ich anderthalb Jahre lang von früh bis spat fast nur Deutsch sprach, wieder in die belebende "стихия" der russischen Sprache eintauchen konnte (noch immer führ ich dieses Tagebuch in Deutsch: erstens muß ich mich erst wieder in die Feinheiten der russischen Sprache hineinfinden – geht eigentlich recht schnell und ist schon fast so weit – und zwotens werde ich so oder so die Deutsche Sprache auch weiterhin pflegen; nur halt nach Möglichkeit aus sicherer Distanz).

So langsam komm ich zu Kräften: vielleicht wird doch noch mal wat aus mir...

In die Angelegenheiten, mit denen ich im Weiteren vornehmlich beschäftigen werde, konnte ich bereits etwas Bewegung bringen; hauptsächlich aber verbrachte ich diese ersten beiden Wochen damit, mich mit der Stadt und der Umgebung bekannt zu machen, mich mit Freunden und Bekannten zu treffen und auch den Schwarzmeerstränden meine Aufmerksamkeit zu schenken.

Ohne Probleme geht es natürlich auch hier nicht ab... Nachfolgend Auszug aus einem Brief, darin ich über meine Schwierigkeiten beim Aufenthalt in alkoholisierter Umgebung schreibe:

 

„[...] Selbst hatte ich von jeher Probleme mit Betrunkenen. Was wohl teilweise mit einer – wie Psychologen sich ausdrücken würden – unglücklichen Vaterbeziehung zu tun hat... Meinen Vater kann man getrost als Alkoholiker bezeichnen; es gab Zeiten, da war er praktisch jeden Tag betrunken; und gut erinnere ich mich an meine Hilflosigkeit ihm gegenüber, wenn er irgendwelchen Unsinn vor sich hin brabbelte und verlangte, daß man diesen Unsinn als Wahrheit und nichts als die Wahrheit auffasse. Und immerhin war mein Vater, als mein Vater, eine Autorität; ich sehnte mich danach, ihn ernstnehmen zu können; und so bestand ein dauernder Konflikt zwischen dieser Sehnsucht, ihn ernstzunehmen und der durch sein Verhalten gegebenen Unmöglichkeit, ihn ernstzunehmen. Hinzu kam, daß ich schon verhältnismäßig früh ein gewisses Gespür entwickelte für logische Stringenz, das dann gleichfalls in Konflikt kam mit der von meinem Vater zur Logik ernannten Antilogik. Dadurch entstanden Schwierigkeiten, an denen ich noch sehr lange zu kauen hatte; und selbst als ich unter diesem Wust einen gewissen Zugang zum Denken freigelegt hatte blieb noch immer meine verdatterte Ratlosigkeit in der Gesellschaft von Betrunkenen. Für mich ist das sehr mühsam und anstrengend [...]“

So weit mal dies.

Bis später

 

Sonntag, 8. März 2009; Odessa

Sei, der Disziplin halber, denn auch hier mal wieder was eingetragen…

Vorausgeschickt sei, daß meine derzeitige Situation ausgesprochen absurd ist; so absurd wie vielleicht noch nie eine Situation in meinem an Absurditäten so reichen Leben.

Der Reihe nach…

Die Weichen, die mich schlußendlich nach Odessa führten, wurden im Juni letzten Jahres in Berlin gestellt, als ich mich mit dem gleichfalls auf Reisen sich befindlichen Jemal traf. Ursprünglich hatte ich Moskau angepeilt; doch alles Mögliche hielt mich von den entscheidenden Schritten in diese Richtung zurück.

Das Treffen wurde ein reines Arbeitstreffen; und zwar begannen wir – wie ursprünglich vorgenommen – auf Grundlage eines meiner russischen Texte ein Drehbuch zu schreiben. Selbst hab ich mit Drehbüchern keine Erfahrung; Dshemal ist dafür – von der Musikseite her, als Komponist – nicht ganz ohne. Wir legten denn los; und sofort artete das in richtige Arbeit aus (was, unter anderem, vielleicht auch der inspirierenden Atmosphäre des zufällig entdeckten Café Tasso zu verdanken ist, das wir uns als Arbeitsplatz auserkoren hatten).

Als wir mit der Arbeit bereits begonnen hatten, erfuhren wir von dem, wie es hieß, durchschlagenden Erfolg, den ein Freund von uns, der Theaterregisseur Goga Tavadse, in Tbilissi mit der Premiere einer Maeterlinck-Aufführung hatte. Ich hab die Premiere nicht gesehen, da ich zu dem Zeitpunkt, eben, in Berlin war (und auch Dshemal hat sie, aus gleichem Grunde, nicht mitbekommen, obwohl er die Musik zu jener Aufführung geschrieben hatte); doch ob durchschlagend oder nicht – irgendwas muß da gewesen sein, denn Goga hatte nach dieser Premiere plötzlich massenweise Angebote und Unmengen an verschiedenartigsten Möglichkeiten; unter anderem stand ihm plötzlich ein ganzes Filmstudio zur Verfügung.

Goga hat schon länger die Absicht, vom Theater zum Film zu wechseln; er kennt meine russischsprachige Belletristik; und wie er von Dshemal die ersten Skizzen unseres Drehbuchprojektes erhielt, meldete er Interesse an.

Natürlich ein weiterer Ansporn, weiterzumachen; und wir beschlossen, im Weiteren unsere ganzen Kräfte auf dieses Drehbuch zu konzentrieren.

Die Pläne, die ich mit Moskau hatte, ließ ich endgültig fallen, da dies mit zu vielen nervigen Begleitumständen verbunden gewesen wäre, die mich von der Arbeit am Drehbuch abgelenkt hätten. Als günstigen Ort, eine solche Arbeit durchzuziehen, peilten wir Odessa an, wo wir auch einen Anlaufpunkt hatten.

So reiste ich denn nach Odessa, wo ich zunächst mal bemüht war, mich von dem Chaos der letzten Jahre zu erholen, und Dshemal, ein paar Wochen später, wieder nach Tbilissi.

Dort geschah dann der erste Einbruch: statt, wie abgemacht, sich mit ganzer Kraft um die Musik für das Drehbuch zu kümmern (was genau sein Metier gewesen wäre) verfiel Dshemal plötzlich in Panik, weil weder wir noch Goga für den Film ein Budget hatten. – Daß ein solches Budget nicht vorhanden ist hatten wir auch vorher gewußt; nur hatten wir abgemacht: daß wir durch alle Fährnisse hindurch uns auf unsere Arbeit konzentrieren; das Weitere muß sich dann ergeben. Doch in seiner Panik ließ er sich von einem Bekannten in ein „todsicheres“ geschäftliches Abenteuer hineinziehen (ein Gebiet, von dem er keine Ahnung hat), und kam erst wieder zu sich, als ein Freund von uns, der ihm wie mir wo nötig mit finanzieller Überlebenshilfe unter die Arme greift, ihm – vernünftigerweise – die beträchtliche Summe, die er zum Anfangen benötigt hätte, nicht vorstrecken wollte.

Dadurch hatten wir schon mal über einen Monat verloren.

Und als wir dann endlich richtig loslegen wollten – verfiel Herr Saakaschwili auf den Gedanken, per Angriff auf Zchinwali in Georgien das große Chaos einzuläuten[1].

Dshemal war – aus Gründen, auf die ich später eingehen werde – von einem Moment zum anderen außer Gefecht; und insgesamt hatte man nun ganz andere Sorgen als irgendein Filmdrehbuch. Ich selbst war während dieser Zeit in Tag-und Nachtschicht per Messenger und per Telefon im Gespräch mit vor Ort lebenden und leidenden Georgischen Freunden und Freundinnen (eine nahestehende Bekannte wurde auf der Flucht Richtung Aserbaidschan überfallen und ausgeraubt), kurze Zeit ärgerte ich mich in einigen Foren mit verschiedenen dank Massenmedien alles wissenden und alles verstehenden selbstgefälligen braven westlichen Bürgern herum; ließ das dann sein, da es zwecklos war [zu der Zeit entwickelte sich ein regelrechter Hass auf diese alles wissenden und im Grunde für nichts sich recht interessierenden braven Bürgersleut; und als Trost hatte ich nur: daß die in ihrer Dumpfheit selbst die Bedingungen schaffen, die sie vielleicht in nächster Zukunft schon aus selbiger herausreißen werden…

„Nichts Beßres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen

Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,

wenn hinten, weit, in der Türkei,

die Völker aufeinanderschlagen.

Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus

Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;

Dann geht man abends froh nach Haus

Und segnet Fried’ und Friedenszeiten“

(Goethe, Faust)]

 

Die Arbeit am Drehbuch kam dann zum Erliegen.

Ich selbst half meinen Freunden in Odessa derweil bei der Gründung einer Firma (die noch im Aufbau befindliche Netzpräsenz selbiger kann man bei Bedarf hier studieren[2]; wiederum nicht ganz mein Metier; aber mit Ausblick: daß ich im Weiteren in den in Entwicklung befindlichen Zusammenhängen meine eigentlichen Fähigkeiten sinnvoll werde einbringen können.

Außerdem schrieb ich sehr eifrig; unterbrochen von Phasen bleierner Lethargie. Als weitere Maßnahme zur Selbstdisziplinierung eröffnete ich in der Klamurke eine Werkstattecke, darin ich verschiedene angefangene und mehr oder weniger bereits vorzeigbare Sachen reintue (es hilft tatsächlich)[3]; auch in verschiedenen Foren bei Xing[4] wurde ich aktiv, für ganz kurze Zeit im Assoziations-Blaster, und wo sonst noch alles (man kann sich nu mal nicht alles merken...). Die Foren waren in erster Linie aus dem Grunde interessant, weil sich da Herausforderungen fanden, verschiedene Dinge klarer zu durchdenken und auszuformulieren, die ich sonst vielleicht nicht so klar durchdacht und ausformuliert hätte; für das dortselbst anwesende Volks war es aber, wie mir scheint, weniger interessant; weswegen ich das dann mit der Zeit auch bleiben ließ; aber es war eine interessante, wennauch nicht sehr lang währende Episode.

Inmitten all dieses Chaos hatte Goga Tavadse im Januar dann noch eine weitere erfolgreiche Premiere, die seine Möglichkeiten noch weiter vergrößerte; inzwischen verfügt er über gleich zwei Filmstudios, die er kostenlos benutzen kann; und vor kurzem hat man angefangen, meine russischsprachige Belletristik systematisch durchzustudieren, um im Hinblick auf die auch weiterhin ins Auge gefaßte Verfilmung meinen „Zugriff“ besser zu verstehen (auch mir ist dieser mein literarischer Zugriff noch viel zu wenig bewußt; doch vielleicht muß das so sein, da bei unvorsichtigem Ans-Tageslicht-ziehen manches leicht zu fixen Vorstellungen erstarrt und zu Schematismen führt. Besser halbbewußt und nach und nach langsam bewußter, aber dafür lebendig).

 In Russisch hab ich in all diesen Monaten wenig geschrieben; die meisten Texte und Skizzen sind in Deutsch; was den ursprünglich gefaßten Plänen zuwiderläuft und vollkommener Unsinn ist, da die ganze Arbeit in Zusammenhang mit Verfilmung und auch die sonstige Arbeit in Zusammenhang mit meinen Texten ja ausschließlich in Russisch läuft, während ich die deutschen Sachen in den luftleeren Raum hineinsetze, wo kaum jemand sie bemerkt.

Irgendwie hab ich aber so ein Gespür, daß ich, bevor ich vollständig ins Russische abschwenke, erst mal mein Verhältnis zu jener Sprache abrunden muß, in der ich mich über Jahre hin entwickelte (eine richtige Muttersprache habe ich nicht; von dem Luxemburger Dialekt aus, in dem ich als Kind befangen war, wirkte Hochdeutsch wie eine Fremdsprache, in die ich mich erst nach und nach einfinden mußte. Natürlich ist Hochdeutsch sehr viel näher an diesem "Luxemburgisch" dran als Russisch; aber beide Sprachen haben in meinem Fall das miteinander gemeinsam, daß sie mir als zunächst „Fremdsprachen“ Zuflucht boten aus einer „Muttersprache“, in der ich mich nicht wohl fühlte); und ich denke, daß ich mit der Zeit auch für meine deutschen Sachen Leser finden werde (es gibt auch so bereits welche); vermutlich nicht viele, aber doch (iss sogar gemütlicher, da man dann mehr unter sich ist).

 Was nun die Absurdität meiner derzeitigen Situation betrifft, so wurde deren „Signatur“ mir erst heute richtig griffig…

Gesagt sei, daß ohne die sehr aktive Hilfe seitens meiner Freunde hier in Odessa meine Situation äußerst kompliziert wäre: ich verdanke ihnen sehr viel; anders kann man det nicht sagen.

Andererseits aber erhärtet sich der Verdacht, daß sie es unbewußt, halbbewußt oder sogar bewußt darauf anlegen, mich gegenüber meinen Georgischen Freunden zu isolieren, mich mit ihnen zu zerstreiten. Ganz merkwürdige Dinge sind da vorgefallen…

Derzeit bin ich in einem recht unangenehmen Schwebezustand, der mich extrem hilflos und zu einem „Spielball der Elemente“ macht.

Einerseits bin ich ja, dem Status nach, besonders für die Gegenden, in denen ich aufgewachsen bin, ein Niemand.

Andererseits bin ich hier, in meinem Odesser Kreis, und auch bei meinen Georgischen Freunden ein „Jemand“: Man schätzt meine literarische Arbeit, spürt, daß noch stärkere Entwicklungen bevorstehen könnten und legt Wert darauf, mit mir zu tun zu haben.

Und nun sehe ich mich, in hilfloser Situation, als hilfloses Objekt eines unsinnigen Tauziehens: In Odessa will man mich offenbar ganz „für sich“ in Beschlag nehmen; und auch in Georgien legt man größten Wert auf mein Mitwirken. Wobei ich natürlich der Zusammenarbeit mit meinen Georgischen Freunden und Kollegen den Vorrang gebe: wir kennen uns, sind teilweise aufeinander eingearbeitet; alles: keine Frage; aber das bedeutet ja nicht, daß ich die in Odessa angesponnenen Fäden liegenlassen muß; es gilt nur darum, alles sachgemäß zu kombinieren. - Im Moment leb ich aber in Odessa und nicht in Georgien; meine finanzielle Situation erlaubt mir keine großen bzw. überhaupt keine Sprünge; und auch die politische Lage ist wirr und verworren.

Die Absurdität besteht nun darin:

Einerseits zu sehr „niemand“, als daß ich mich irgendwo richtig abstützen könnte.

Andererseits hinwiederum aber zu sehr „jemand“, um nicht Opfer eines idiotischen Tauziehens zu werden.

Sehr blöd komm ich mir vor und sehr idiotisch.

Was tut man da?

Im Moment weiß ich nicht, was ich tun könnte.

Knapp und prägnant in der derzeit zu sehr vernachlässigten, wennauch im Alltag von früh bis spat gesprochenen Sprache ausgedrückt: Положение дурацкое.

Именно.

Dienstag, 10. März 2009, Odessa

Eigentlich bin ich sehr langsam im Verstehen; aber was ich verstehe, versteh ich verhältnismäßig gründlich. – Dank dieser Langsamkeit ließen sich auch verschiedene gefühlsmäßige Begleiterscheinungen bei der Entwicklung von erstem unbestimmtem Ahnen bis zum plastischen begrifflichen Erfassen von Zusammenhängen beobachten.

Im Bereich des „Studiums der Phänomenologie des geistig-seelischen Erstickens“ bzw. der „chemischen Analyse des Unbehagens“ sieht das, im Allgemeinen, wie folgt aus:

Die erste unbestimmte Ahnung, daß in irgendeinem Bereich irgendwas nicht stimmt, ist begleitet von dumpfem, unbestimmtem Schmerz (wieauch eben dieser dumpfe unbestimmte Schmerz den Anlaß abgibt, die Sache näher in Augenschein zu nehmen); und zum „Ausgangsschmerz“ ob der unbestimmten Unstimmigkeit kommt der zusätzliche Schmerz ob der Unbestimmtheit: darob: daß ich nicht verstehe, was los ist; daß ich weder mir selbst noch anderen klarmachen kann: was nicht stimmt und nur weiß: daß irgendwas nicht in Ordnung ist: der Schmerz also ob meines im Nichtverstehen begründeten Stummbleibenmüssens.

Wenn ich die Sache dann plastisch habe, wird auch der Schmerz plastischer; und der von der Unbestimmtheit herrührende Zusatzschmerz wird dann nicht selten beziehungsweise in der Regel ersetzt durch den Schmerz darob, daß ich sehen muß, wie von mir plastisch als Unsinn oder Absurdität erkanntes von meinen Zeitgenossen als normal und unbedingt richtig hingenommen wird; und auch daß: obwohl ich nun in der Lage bin, in begrifflich klarer Sprache darzustellen, was genau nicht stimmt, ich mich trotzdem nicht verständlich machen kann: weil nämlich kaum jemand versteht, was ich sage; daß das Stummbleiben infolge Nichtverstehens gewissermaßen abgelöst wird durch das Stummbleiben infolge Verstehens.

 

 

Samstag, 28. März 2009, Odessa

Die Situation in Georgien lähmt. Nicht nur meine sich dort aufhaltenden Freunde, sondern auch mich selbst. Krieg nichts auf die Reihe. Nichts.

Ein paar Kleinigkeiten hab ich in letzter Zeit im klamurkischen Blog veröffentlicht; darunter ein paar deutsche Übersetzungen russischsprachiger Artikel über die Entwicklung in Georgien (die deutsche Presse schweigt hartnäckig. Nicht einmal lügen tut sie; schweigt einfach. Möglich, daß man noch nicht richtig weiß, wie der Wind wehen wird; und wenn det alles klar ist, wird man frischfrommfröhlichfrei, sein Fähnchen nach selbigem ausrichtend, wieder drauflosschreiben.

Auch Briefe schreib ich. Sei ein solcher gestern geschriebener (Thema: „Kriminelle Wattestäbchen“) im Nachfolgenden eingefügt:

***

det iss ja alles so absurd; und selbst in den absurdesten Nachrichten aus dieser absurditätsgetränkten Welt finden sich Anklänge an unsere unglückseligen Georgischen Freunde.

Beim Überfliegen der ZDF-Nachrichtenseite stieß ich auf einen vergnüglich-absurden Bericht darüber, daß das Land Baden-Württemberg einen Wattestäbchen-Hersteller verklagen will, weil der ihnen ungenügend sterilisierte Wattestäbchen verkauft hat. Und zwar handelt es sich um ganz spezielle Wattenstäbchen, welche bei der Spurensicherung Verwendung finden; und weil diese Dinger, eben, nicht richtig sterilisiert waren, fanden sich dort Spuren einer bislang nicht identifizierten Mitarbeiterin jener Firma, nach der man dann in Zusammenhang mit den verschiedenartigsten kreuz und quer stattgefunden habenden Verbrechen jahrelang fahndete; bis man auf den Gedanken kam, daß det wohl mit den Wattestäbchen zu tun hat; und nun soll denn die Firma wegen der sich in selbigen verewigt habenden Mitarbeiterin das jahrelang für die Fahndung sinnlos verschleuderte Geld ersetzen.

Vermutlich weiß du schon, an welche Episode aus unserem tatenreichen Leben dies mich erinnert. Genau: Das absorbierende Filtermaterial von Irakli. Irakli ist ja Kriminalist, weiß genau, wie det mit der Spurensicherung funktioniert und daß sein bei 800 Grad sterilisierbares Material – besonders bei der Rolle, die heutzutage die DNS-Spurensicherung spielt – zuverlässiger einzusetzen ist als all diese Aktivkohle, Wattestäbchen, Lappen und so weiter. Über S. landete det ja dann im Labor des Thüringer Landeskriminalamts; und vielleicht erinnerst du dich noch an den völlig absurden Befund vom ersten Chemiker (der nicht auf den Gedanken kam, daß man solch aggressiv absorbierendem Material seine Beute mit Hilfe einer Vakuumpumpe entlocken muß und einfach befand: daß es, weil es alles in sich behält, nix taugt); dann kam jemand anders und merkte, daß da wohl doch was dran ist; schließlich landete es im Labor des Bundeskriminalamtes, wo man dann mit dem Material Untersuchungen anstellte und zu allgemeinen Resultaten kam, die Irakli allesamt sowieso schon bekannt waren. Jemand schrieb einen kurzen Schlußbericht, laut dem das Material „vermutlich für die Spurensicherung in Frage kommt“, und weiter machte man nix mehr (das entsprechende Schreiben mitsamt Untersuchungsbericht hab ich noch) (Irakli war übrigens der Ansicht, daß man versuchte, hinter das Produktionsgeheimnis zu kommen, und daß man eben weil das nicht klappte das Interesse verlor. Ja nu, vielleicht ist auch nur sein berufsbedingtes Mißtrauen mit ihm durchgegangen, und die haben, ganz ohne Hintergedanken, befunden, daß es einfacher ist, sich mit den bereits bekannten Verfahren zu begnügen als sich mit etwas völlig neuem herumzuschlagen; klar ist nur, daß sie sich dann weiter nicht mehr darum kümmerten)

Das Material war ja praktisch schon einsatzbereit; die Kosten für zusätzliche Tests, Einrichten einer normierten Produktion usw… wären minimal gewesen im Vergleich zu den Kosten allein dieser jahrelangen sinnlosen Fahndung infolge kontaminierter Wattestäbchen.

Ob man sich, wenn in Georgien alles zur Ruhe gekommen ist, vielleicht mit der Erfindung an jene Wattestäbchenfirma wenden soll?

Vielleicht wären die nun interessiert (hätte man sich vor dieser Katastrophe an sie gewandt ziemlich sicher nicht); doch nun werden die aufgrund der auf sie zukommenden astronomischen Forderungen erst mal Pleite gehen…

Zum Glück birgt das Leben ein unerschöpfliches Reservoir an absurder Komik; sonst wär’s nicht zum Aushalten.

 ***

So weit mal dies. Sehen wir denn mal, wie det denn so weitergeht in dieser unserer immer absurder werdenden Welt.

Bis später

 

[1] Wer noch immer der von den Massenmedien eingetrichterten Ansicht ist, daß „Georgien“ doch aber niemanden angegriffen hat, sondern sich nur gegen die bösen Russen verteidigt hat, möge, zum Beispiel, hier die Manipulation des in Deutschland ausgestrahlten Putin-Interviews studieren; und sicher gibt es auch noch andere, von dem Geschwafel und Gelüge der offiziellen Massenmedien verdrängte und deshalb kaum bekannte objektive deutschsprachige Informationsquellen. - „Georgien“ hab ich aus dem Grunde in Gänsefüßchen gesetzt, weil man noch untersuchen müßte, inwieweit es berechtigt ist, die gesamte georgische Bevölkerung mit Saakaschwili und Genossen gleichzusetzen. Zweifellos haben die ihre Gefolgsleute nicht nur in dem von den Massenmedien an der Nase herumgeführten Westen, sondern auch unter ebendieser georgischen Bevölkerung; bloß dürften letztere nicht ganz so zahlreich sein, wie manche vielleicht glauben…

[2] Bis ca. Mitte September konnte man das studieren. Da die weiter unten angedeuteten Unstimmigkeiten sich verstärkten, sich um noch schlimmeres erweiterten und aufteufelkommraus nicht mehr unter Kontrolle zu bringen waren, mußte ich mich schließlich von den Betreffenden trennen. Die Internetsite wurde gelöscht.

[3] Wurde inzwischen wieder entfernt. Aber geholfen hat es tatsächlich

[4] Über dieses Link kann man sich, so man Lust hat, bei Xing als mein Kontakt registrieren. Bin dort allerdings kaum noch anzutreffen.

 

Zur Fortsetzung möge man weiterblättern

Aber auch zurückblättern ist möglich

 

Raymond Zoller

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