Die Klamurke

April, Mai, Juni 2008

Montag, 7. April 2008; unterwegs

Baku

Ende März letzten Jahres verließ ich Tbilissi und begab mich, via Aserbaidschan, in die wilde Fremde offiziell heimatlicher mitteleuropäischer Gefilde, angelockt durch verschiedene Perspektiven und Versprechungen, unter anderem auch in Bezug auf die eingefrorenen Georgischen Projekte.

Seitdem bin ich nur noch am Herumgondeln; und nach einer Serie absurder Reinfälle und Katastrophen weiß ich nun umso sicherer, was ich eh schon wußte: Daß West- und Mitteleuropa nämlich nix für mich ist (ob es für andere was sein kann, bleibe dahingestellt).

Und auch welterrettenden Programmen gegenüber bin ich nach diesem Jahr mißtrauischer denn je, und das Motto der Klamurke (ungeistig – asozial – unchristlich) deutet in meinen Augen die einzig mögliche Richtung an, in der sich – so überhaupt – in Sachen Welterrettung noch etwas erreichen läßt.

Wie ich nach dem letzten, vor kurzem vonstattengegangenen Reinfall in einem Brief an einen Freund das Fazit zog:

„Halten wir uns denn künftig möglichst weit weg von allen Programmen; sie verleiten die darin befangenen nur zu Unverbindlichkeit und Verantwortungslosigkeit in den Niederungen des banalen Alltagslebens und im Umgang mit banalen einfachen Zeitgenossen.“

Man möge mich nicht mißverstehen: Hochtrabenden Programmen und deren Vertretern begegne ich schon seit langem mit Mißtrauen und bleibe, wo es geht, auf Distanz [früher, als ich noch dümmer war, war das anders; da glaubte ich noch an Programme und ging ganz selbstverständlich davon aus, daß hinter hehren Worten auch hehre Realitäten stecken müssen]. Doch da unsere Zeitgenossen häufig das abstrakte Programm dem konkreten ehrlichen Umgang mit konkreten Mitmenschen und der konkreten Hinwendung zu konkreten Aufgaben vorziehen – kommt man ganz automatisch – so man sich nicht völlig aus dem Leben zurückzieht – mit programmgetragenen Zusammenhängen in Berührung und übernimmt sogar gelegentlich darin diese oder jene Funktion. Geht manchmal nicht anders. In Zukunft aber muß es anders gehen, oder aber zumindest muß ich mich besser absichern.

Immerhin kam ich bei all diesen Reinfällen dazu, psychologische und sonstige Studien zu treiben: ich bin nun um einiges klüger als noch vor einem Jahr. Das heißt, im Moment fühl ich mich eigentlich überhaupt nicht klug; meine Seele ist wie von einem dichten schützenden Panzer überzogen und fühlt sich recht dumpf an; aber aus Erinnerung weiß ich, rein abstrakt: daß ich zwischendurch doch aber dieses und jenes besser durchschaue als früher?

Doch diesen Panzer werd ich, denk ich, noch absprengen; vielleicht ergibt sich gar irgendwann eine ruhige, fruchtbare Situation mit vertrauten Menschen, wo man arbeiten kann und sich besinnen; und dann werde ich vielleicht auch wieder schreiben; vielleicht sogar noch viel mehr als früher?

Weiß der Teufel. Möglich iss natürlich alles, selbst das unmöglich scheinende.

Prost

Unterwegs, am 20. April 2008

Zu der Reise in das einstmals heimische Europa, die ich, nach langem Zögern und mehreren abgebrochenen Anläufen, vor einem Jahr antrat, kam es, weil K. unbedingt wollte, daß ich bei ihm mitarbeite; und da mir det alles interessant schien und für meine Entwicklung wichtig und da zudem Perspektiven in Aussicht gestellt waren, die eingefrorenen Georgischen Projekte neu zu beleben (und somit eine Menge in Georgien vor sich hin versauernder Menschen aus ihrer Resignation herauszureißen) – reiste ich schließlich. Und das Zögern mitsamt abgebrochenen Anläufen kam daher, daß manches mir etwas unausgereift schien; ohne daß ich genau hätte sagen können, worin die Unausgereiftheit besteht. Und daß det janze auch klein wenig nach Ideologie roch. Doch perfekt ist nix auf dieser Welt; man kann ja immer versuchen, sich zu verständigen; und allfällige ideologische Klippen werden wir umschiffen; entsprechende Erfahrung hammer ja genug in solchen Dingen; einfach loslegen und das Beste draus machen; fertig.

Und ich reiste.

Das gestaltete sich dann zunächst alles ganz nett; aber irgendwie kam ich, trotz besten Willens, nicht so recht in diese Sache rein; irgendwas hinderte mich, was ich zunächst selbst nicht verstand. Und meine Unfähigkeit, unter Vernachlässigung meiner eigenen Ansätze mich ideologischen Gegebenheiten unterzuordnen sowie die Tatsache, daß dank verschiedener hanebüchener sozialer Prozesse verschiedene vorher nur diffus geahnte tieferliegende Unstimmigkeiten bewußt wurden – führte schließlich, nach einigen vergeblichen Versuchen meinerseits, in ein offenes Gespräch zu kommen, zum Abbruch dieses Unternehmens.

[Anmerkung Juni 2012: Hier stand noch sehr viel mehr, das ich nun, nach flüchtiger Sichtung, kurzerhand entfernt habe.
Nach dem Herausgeworfenen folgt eine durch ein Gespräch angeregte kuriose Notiz zu einem „dynamischen Heimatbegriff“. Die laß ich stehen]

[…]

(Es) begann mit (einem) an mich gerichteten Vorwurf: Daß ich keine Heimat habe.

Es wurde ein sehr denkwürdiges Gespräch. Rechtfertigen konnte ich mich nicht; natürlich habe ich keine Heimat; hab nie behauptet, welche zu haben. Aber es war erstaunlich: ausgerechnet von X solchen Vorwurf hören zu müssen.

Eben auf den Wegen jahrelanger Heimatlosigkeit hatte ich meine angeborene Dämlichkeit teilweise überwinden können. Befangen in solcher Dämlichkeit wäre es mir gar nicht möglich gewesen, X zu verstehen, geschweige denn, sie aus ihrem Elend herauszureißen; und dieser Bezug zwischen meiner Heimatlosigkeit und ihrem eigenen Aufatmenkönnen war ihr zwischendurch auch bewußt (sie hat zuviel Tiefgang, als daß sie det hätte übersehen können).

Heimat, so wie ich es erlebe oder eigentlich mehr ahne, iss ja eigentlich nichts statisches, also kein konsumierendes Sichbeziehen auf ein Fleckchen Erde, wo man geboren ist, auf familiäre Gegebenheiten, oder auf eine fertige politische oder esoterische Ideologie, die einem Halt gibt oder Halt zu geben scheint. Ich selbst find eine solche „Heimat“ nur bedrückend und keineswegs „heimisch“, „heimelig“ und konnte mich, trotz gelegentlichen redlichen Bemühens, nie richtig mit derartigem „Gegebenen“ verbinden. Heimat, wie ich sie ahne, wäre eigentlich eher ein Prozeß, Entwicklungsprozeß, in dem man, gemeinsam mit anderen, voll präsent ist; und wo solches gemeinsame bewußte Weiterschreiten gelingt, da taucht mitunter so eine Art „Heimatgefühl“ auf. In voller Intensität habe ich solches bislang kaum erlebt; aber Anklänge hat es immer wieder mal gegeben.

All dies sagte ich aber damals nicht... Eigentlich wurde das, was ich nun in den beiden vorangehenden Absätzen formuliert habe, erst im Nachhinein bewußt; und richtig plastisch wurde es mir erst während des Formulierens.

- Nun gut: ihr selbst hat der Kontakt mit diesem heimatlosen Gesellen immerhin wat gebracht, sie weiß das selbst, streitet es nicht ab; und ich selbst darf inmitten allen Elends immerhin noch das wohlige Gefühl haben: mich nützlich gemacht zu haben.

[…]

Prost.

Sonntag, 4. Mai 2008; unterwegs (Zwischenaufenthalt Berlin)

Ein manchmal nur schwer zu ertragender Zwischenzustand: Es drängt mich zu sehr nach den Tiefen, als daß ich mich in dem alltäglichen Smalltalk wohlfühlen könnte. Auf der anderen Seite habe ich größte Probleme mit Menschen, die allzusehr „im Geiste leben“...

Wäre der Ausdruck nicht allzusehr abgegriffen, so würde ich sagen: Ich strebe zum Geiste. Nun gut; sagen wir es mal so; aber nicht im Sinne der abgegriffenen Floskel, sondern im Sinne dessen, was ich meine (um auch nur entfernt anzudeuten, was ich meine, müßte ich viele Seiten schreiben); also: Ich strebe zum Geiste; aber: auf meinen eigenen Wegen, abseits aller bornierter Dogmatik und allen schwärmerischen Gegeistels (mal ungeachtet der Frage, inwieweit es der Dogmatik und dem Gegeistel überhaupt möglich sein kann, wirklich „geistig“ zu werden...)

Da ich es an den reinen Oberflächen des Lebens nicht aushalte, kam ich, fast zwangsläufig, immer wieder in Kontakt mit Vertretern bornierter Dogmatik und schwärmerischen Gegeistels, mit denen es dann immer wieder wüsteste Mißverständnisse und wüstesten Ärger gab. Im Grunde ist die Dogmatik und das Gegeistel nur ein etwas anderer und etwas bunterer Aspekt der allgemeinen Oberflächlichkeit; und die Mißverständnisse mitsamt Ärgernissen kommen nur daher, daß man mit den gleichen Worten grundverschiedene Dinge meint. Und vielleicht auch noch, weil bei solch mißverstandener „Geistigkeit“ die Abwege mitunter noch verschlungener und heimtückischer werden als bei den Vertretern einer offen „geistlosen“ Lebensart.

Die paar wenigen Menschen, mit denen ich mich verhältnismäßig „weiträumig“ verständigen kann, traf ich in den allerverschiedensten Lebensbereichen an; und sogar am allerwenigsten dort, wo man viel vom „Geiste“ redet...

Die Wege zum Erschließen der Tiefen muß man heutzutage, leider, meistens in größter Einsamkeit gehen; und ich vermute, daß die meisten überhaupt absacken, bevor ihr inneres Chaos sich zu einem halbwegs geordneten Suchen konsolidieren könnte. Diese Klippe habe ich immerhin geschafft; ich bin nun schon eher in der Lage, unter Wahrung meiner mühsam errungenen Aufrechten mich den verschiedensten Formen der Oberflächlichkeit zu stellen und das darunter verborgene „Substanzhafte“ anzusprechen.

Und hätte ich meine Tiefen besser erschlossen, so hätte ich noch viel mehr die Freiheit, mit mehr an der Oberfläche lebenden Menschen mich glänzend zu verstehen.

Prost

Nun noch so’ne angelaufene und auf bezeichnende Art wieder abgebrochene Sache mit „Kultur im Schneegebirge“... (wäre für einen notorisch kulturfeindlichen Menschen wie mich eh ein Abweg gewesen...)

Das kam so:

Als deutlich wurde, daß die Zusammenhänge, in die man mich hineingelockt hatte, eine kaum zu bewältigende Sackgasse sind, machte ich auf der Suche nach neuen Aufgaben und Möglichkeiten die Bekanntschaft von W., der Anfang der neunziger Jahre in Polen einen Bauernhof mit 18 ha Land gekauft hatte. Ursprünglich hatte er dort eine Art Kulturzentrum eröffnen wollen; doch da er keine Lust oder keine Zeit hatte, sich selbst dort anzusiedeln und auch niemand anders fand, der das übernommen hätte, stand der Hof seitdem leer; nur ab und zu schickte er irgendwelche Handwerker vorbei, damit das Gebäude einigermaßen instand gehalten wird.

Bei unserem ersten Treffen stellte sich heraus, daß W. mich bereits kannte; nicht direkt zwar, sondern über Veröffentlichungen aus dem Umfeld unserer ihn stark interessierenden Georgischen Projekte. Was dazu führte, daß wir kaum über diesen schlesischen Bauernhof – wegen dem wir uns eigentlich getroffen hatten – sprachen, sondern hauptsächlich über Strömungsaggregate, Filtermaterialien und Georgien. Der Hof und allfällige damit verbundene Perspektiven wurde nur ganz am Schluß, wie nebenbei, gestreift; doch eben diese Gewichtung: daß die meiste Aufmerksamkeit auf die bereits angelaufenen sichtlich entwicklungsfähigen Projekte gerichtet wurde und die Perspektive, all dies mit der Arbeit des zu organisierenden Zentrums zu verknüpfen – überzeugte mich, daß det realistisch ist und entwicklungsfähig. Und willigte ein, die Sache zu übernehmen.

Im August letzten Jahres, des Jahres 2007 also, war das.

Vorgesehen war, daß wir die Sache im Frühjahr 2008 anlaufen lassen und uns vorher in Ruhe überlegen, wie man am besten vorgeht. Ab und zu trafen wir uns, telefonierten miteinander, korrespondierten. Eigentlich hatte ich bei der Sache ein gutes Gefühl; mir schien: daß man sich verstand (und auch jetzt noch bin ich der Ansicht, daß man sich, zumindest teilweise, verstand und daß man mit etwas gutem Willen hätte zusammenarbeiten können). Bei einem Treffen in Hamburg erwähnte W. ein in der Nähe „unseres“ Hofes gelegenes Gut, wo man mit Behinderten arbeitet. Mich mit den Betreibern bekanntmachen wollte er nicht, da er – wie er offen zugab – befürchtete, man könne mich „abwerben“. Det war ehrlich; und im Weiteren erfuhr ich dann auch in Gespräch und Korrespondenz mit seiner näheren und ferneren Umgebung von seinen immer wieder unternommenen vergeblichen Anläufen und Versuchen, das Anwesen seiner ursprünglich zugedachten Mission zu überführen. Offenbar wollte er nun nix mehr riskieren.

Selbst hatte ich nicht die geringste Absicht, mich „abwerben“ zu lassen; das Ganze schien mir eine interessante Aufgabe, nach allen Seiten offen, mit schier unbegrenzten Möglichkeiten; vor allem auch den Möglichkeiten, die georgischen Projekte und sonstige Angelegenheiten und Tätigkeiten an einem Ort, sich gegenseitig stützend und unterstützend, zusammenzubringen, miteinander zu kombinieren.

Mitte Oktober stattete ich dann dem Orte meiner zukünftigen Tätigkeit einen Besuch ab, schaute mir alles genau an, machte Fotos (einige davon kann man sich bei Bedarf hier anschauen), machte mir Gedanken über die durchzuführenden Maßnahmen, um den Ort irgendwie wohnlich zu gestalten. Inzwischen hatte sich auch ein Kreis von Menschen gebildet, die an dem Projekt in verschiedenster Weise Interesse zeigte, in verschiedenstem Grade bereits involviert war.

Da zunächst weder Strom- noch Telefonanschluß vorhanden waren und da das Anwesen den Winter über durch meterhohen Schnee von der Außenwelt abgeschnitten ist, schien Überwinterung nicht zweckmäßig. Die ganzen Monate bis zum vorgesehenen Einzug verbrachte ich denn mehr oder weniger improvisierend, aber alles ausgerichtet auf die Entwicklung jenes Projektes. Und auch meine Polnischkenntnisse entwickelte ich, was außer selbigen an sich auch der Polnischecke des Sprachenportals zugutekam, wo ich in jenen Monaten große Mengen an polnischen Texten mit kommentierten Übersetzungen (vor allem von Bruno Schulz und Sienkiewicz) veröffentlichte.

Wobei es durchaus Momente gab, die mir Unbehagen verursachten und mich mißtrauisch machten... W. war unübersehbar in der Beuysianischen Ecke angesiedelt; unübersehbar durch die in seinen Projektbeschreibungen verwendeten ganz spezifischen gestelzten Wortspielereien (Augen-blicke, Da-sein, und so weiter und so ähnlich...); und aus Erfahrung wußte ich, wie sehr solches Spiel mit Wörtern von dem Inhalt, der gemeint scheint, ablenkt und die Realität manchmal ganz abstruse Entwicklungen durchlaufen läßt. Doch mit solchen Dingen muß man leben; nichts ist perfekt; man kann ja immer gegensteuern, falls es zu bunt wird und zu abstrus; und mir schien, daß man ganz sicher gegensteuern kann, da ich den Eindruck hatte, mit W. offen reden zu können.

Das Ereignis, welches erstmals und unverständlicherweise ein ungutes Vorgefühl hervorrief, war nach außen hin völlig harmlos und hatte zudem nichts mit W. zu tun, sondern mit einem – in den gleichen beuysianischen Kreisen beheimateten – Bekannten von ihm.

Vorausschicken muß man, daß ich in die Verteilerliste des Rundbriefs zu meinem Sprachenportal außer denjenigen, die sich ausdrücklich eintragen, gelegentlich auch ungefragt Freunde und Bekannte aufnehme, von denen mir scheint, als sei das interessant für sie. So auch jenen Bekannten von W., der sich in Zusammenhang mit jener „Kultur im Schneegebirge“ mal bei mir gemeldet hatte und mit dem ich dann kurz korrespondierte. Wenn ich mich recht erinnere hatte er irgendein Internetprojekt laufen („Augen-blicke“, glaub ich, oder sonstwas beuysianisch gestelztes); irgendwas, scheint's, was mit gegenseitigem Interesse und sozialer Wahrnehmung zu tun hat; wie dem auch sei: es schien mir, als könne für diesen – zumindest laut Programm – sozial offenen und interessierten Menschen das Sprachenportal von Bedeutung sein. Und war leicht erstaunt, als ich kurz nach Versand des anstehenden Rundbriefs eben von ihm die nicht sehr freundliche Aufforderung erhielt: ihn aus der Verteilerliste zu entfernen. Das erste und bislang einzige Mal, daß jemand so reagiert; aber doch: harmlos und kaum der Beachtung wert. Diese harmlose und für mich, der ich doch die Divergenz zwischen Programm und Realität nur zu gut kenne, kaum überraschende Episode verstimmte mich aus unerfindlichen Gründen und weckte in Bezug auf das Schneegebirge diffus ungute Ahnungen. Obwohl W. selbst, der, gleich seinem beyusianischen Bekannten, auch ungefragt auf der Verteilerliste gelandet war, durchwegs positiv reagierte und sogar ein paar interessante konstruktive Kommentare brachte.

Wir machten denn weiter... Wohl überflüssig zu erwähnen, daß ich in all diesen Monaten mich nicht im geringsten um irgendwelche Alternativen kümmerte; selbst an Alternativen zu denken hätte ich als Verrat gegenüber W. empfunden. Wir haben abgemacht, daß ich dort hin ziehe und die Sache in die Hand nehme; also mach ich das.

Mitte März hatte ich in Frankfurt ein Treffen mit W., wo wir die weiteren, in allernächster Zukunft durchzuziehenden Schritte besprachen; und auch über das Strömungsaggregat sprachen wir, da er selbst, wie er sagte, vor unserem Treffen eine Unterredung hatte mit einem finanzstarken Menschen, der sich dafür interessiert. Fast wie nebenbei erwähnte er, daß ein Interessent sich gemeldet hat, der das Gut kaufen will; doch selbst wenn er es verkaufen würde sei das kein Problem, da er dafür in ein benachbartes Projekt einsteigen könnte, und in dem Fall würde ich mich dort ansiedeln und genau das durchziehen, was wir ins Auge gefaßt hatten. Und Anfang April würden wir gemeinsam nach Breslau fliegen und von dort aus uns um das weitere kümmern: sei es, daß wir das auf dem „alten“ Anwesen durchziehen, sei es auf dem „neuen“.

Und W. legte Wert darauf, daß ich dann ab darauffolgender Woche – die Woche nach Ostern – bei ihm wohne, um gemeinsam alles genau abzuklären; und Anfang April würden wir dann gemeinsam nach Breslau fliegen, um von dort aus die Weichen zu stellen für die weiteren Schritte.

Nach diesem Treffen durfte ich mich dann für ein paar Tage in dem wohligen Gefühl wiegen: daß nach dem langen Aufderstelletreten nun endlich die Möglichkeit geschaffen wird zu einem tatenreichen Leben.

Der Schluß war dann recht banal: Am Ostersonntag läutete mein Handy, und W. teilte mir mit, daß er sich entschlossen hat, das Gut zu verkaufen. Und von der in Frankfurt erwähnten Alternative wußte er plötzlich nichts mehr [an der Existenz jenes erwähnten zweiten Anwesens zweifle ich nicht; die in unserem Gespräch erwähnte Möglichkeit, dort einzusteigen bzw. es zu übernehmen hatte er sich aber offenbar ganz oder teilweise aus den Fingern gesogen; und insgesamt bin ich mir inzwischen auch nicht mehr sicher, was bei seinen zahllosen Projekten Realität ist und was Phantasie].

Und ich, der ich die letzten Monate, ohne mich um Alternativen zu kümmern und sogar Angebote ablehnend, mich voll auf dieses Schneegebirge konzentriert hatte – stand nun von einem Moment zum anderen vor dem Nichts.

Ein paar Tage später meldete er sich dann noch einmal wegen dem Strömungsaggregat. Da ich grad, aus verständlichen Gründen, keine Zeit hatte, mich allzusehr darum zu kümmern (mußte mich, nachdem man mir den Teppich unter den Füssen weggezogen hatte, erst mal auffangen; von dem in sozialen Theorien schwelgenden W. durfte ich da natürlich nicht auf Unterstützung hoffen) brachte ich ihn kurzerhand mit dem Erfinder des Aggregats zusammen. Wobei ich, aufgrund seiner manifestierten Unverbindlichkeit, schon nicht mehr ganz sicher war, ob er – wie ursprünglich versprochen und abgesprochen – mich mitsamt meinen georgischen Freunden auch weiter berücksichtigen würde. Aber ich vermittelte mal...

Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört (außer einmal kurz, als er die Schlüssel zurückhaben wollte).

So isses.

Und im Weiteren: es lebe das konkrete theorie- und programmfreie Leben (doch erst mal sich auffangen...)

Prost

[...]

Montag, 16. Juni 2008

Sich wieder breitmachender Europakoller. Wird höchste Zeit, daß ich wegkomme; bevor die europabedingte innere Lähmung bis zur völligen Handlungsunfähigkeit fortgeschritten ist.

Was findet man hier? Man findet, auf der einen Seite, teils völlige Versumpfung, teils völlige Verfestigung und Erstarrung. Und auf der anderen Seite völlig leeres Gerede und Theoretisieren über die Überwindung von Versumpfung und Erstarrung.

Fremd ist mir dies alles und unheimisch. Unheimlich.

Macht mich fertig!!!!

Und zusätzlich lähmt mich die Hilflosigkeit, mit der ich zusehen muß, wie gute Leute aus meinem georgischen und russischen Freundes-und Bekanntenkreis einfach draufgehen. Und ich kann nichts tun.

Nichts.

Was wissen diese selbstverliebten selbstgefälligen europäischen Sozialtheoretiker von der Sensibilität des nicht theoretischen, sondern faktischen sozialen Zusammenhangs? Fördere einen einzigen Menschen, oder, umgekehrt, zieh ihm den Teppich unter den Füssen weg – und deine Tat wird die verzweigtesten Folgen haben, da dieser Eine ja selbst fördernd oder hemmend mit anderen zusammenhängt; es ist, wie wenn du auch nur einen Zweig in strömendes Wasser hältst, und die Wirbel, die du dadurch verursachst, machen sich – so du die Mittel hast, sie sichtbar zu machen – im weitesten Umfeld bemerkbar. Ja nu: sie sind halt da, die Wirbel, und wirken.

Die Theoretiker sehen die Wirbel, die sie durch ihr Tun und Lassen verursachen, natürlich nicht; würden sie auch noch darauf die Aufmerksamkeit richten, so würde solches sie nur von ihren Theorien ablenken; und vielleicht würden ihre konkreten Erfahrung mit dem konkreten sozialen Organismus sie sogar darauf stoßen, daß die Wirklichkeit sehr viel komplizierter ist als all ihre Theorien; vielleicht auch, daß alles Reden über soziale Verantwortung, Sozialorganik, soziale Plastik und so weiter gar nix nützt, wenn man nicht selbst soziale Verantwortung entwickelt, nicht selbst ein konkretes Gespür, einen konkreten Blick entwickelt für die konkreten Abläufe in diesem Organismus.

Solches aber darf nicht sein, da es doch sehr unbequem wäre und ablenken würde von den behäbigen Vorträgen, die man hält, den Aufsätzen, die man schreibt; vielleicht sogar würde man sehen, daß man noch sehr weit zurück ist und daß es wohl besser wäre, erst mal den Mund zu halten...

Solches darf aber auf keinen Fall passieren!

Und eben deshalb, meine lieben Freunde, fällt es mir so schwer, euch noch ernstzunehmen. Genauer gesagt: Ich kann euch überhaupt nicht mehr ernst nehmen.

„Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
in denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt
sind unerquicklich wie der Nebelwind
der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt...

[nicht von mir, sondern von Goethe]

Ansonsten:

Prost.

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Raymond Zoller