Eingang Klamurke Libellen

Von lebenden
und von eingegossenen
Libellen

Gespräch mit Diana

- Seite 13 -

Raymond
am 1. August 2021,
nach Anlauf der Libellen-Veröffentlichung

Die Libellensache möchte ich, in unbekannter Richtung, weiterentwickeln; wie es sich ergibt…

Einerseits weitere Behandlung der leider immer noch aktuellen Ausgangsthematik. Dann auch einige der sozialen Entwicklungen berücksichtigen; womöglich unter Mitwirken weiterer Beteiligter (wobei ich dazu verdammt wäre, das alles ins Russische zu übersetzen).

Hab mal, aus der seit letztem Dezember mit Georges geführten Korrespondenz, einen zur Sache beitragenden Zusammenschnitt erstellt[1].

Falls es dich interessiert kannst du dich auch einschalten. Haben ja bereits ausgiebig, unabhängig von allen Libellen, zur Grundthematik korrespondiert.

Einfach, ganz allgemein, die Frage elementarer Redlichkeit.

Ich schick dir einfach mal die Zusammenstellung; wenn es dich interessiert, sieht man weiter…


1) Inzwischen bearbeitet und veröffentlicht; siehe vorangehende Seiten

Diana
am 4. August 2021

Ich habe es mir mal durchgelesen. Interessante Konversation. Die elementare Redlichkeit ist grundsätzlich schwierig im Moment. Bei euch beiden im Mailverkehr weniger, aber grundsätzlich steht ein falsches Ich-Bild im Fokus der Behinderung zur eigentlichen Begegnung. – Siehe den Hang zur Überheblichkeit bei gewissen „Witzenmännern“.

Dogmatismus! Immer wieder leicht zu beobachten. Moralisches Überlegenheitsempfinden ebenso.

Bei uns in DE wächst der Terror immer mehr, etwas anderes Denken als die Masse wird immer mehr zum Feindbild und dementsprechend bekämpft- im kleinen Familienkreis wie im größeren Gesellschaftlichen. Die Spaltung wird immer mehr verstärkt und verteidigt. Die Freiheitsfrage verschwindet im Zwang der Zeit und im Mangel an Erkenntniseinsicht. Andererseits ist es gut, dass sich all diese menschlich-allzu- menschlichen Abgründe zeigen. Eine Vorrausetzung um es selbstbestimmt zu erkennen und zumindest individuell abzubauen. Es hängt am Einzelnen. Nicht am Kollektivbewusstsein das über lange Zeit absichtlich manipuliert wurde.

Raymond
am 4. August 2021

Was die Libellen betrifft: es geht eben darum, in lockerem Austausch den Blick zu schärfen für gefälschtes Ich-Bild, und darüber die Fälschungen allmählich aufzulösen. Von einem Moment zum anderen geht das nicht; das ist ein langwieriger Prozess. Hauptsache, man schärft den Blick für den Unterschied zwischen lebendig und aufgesetzt; und wo solcher Unterschied nicht berücksichtigt wird, bleibt Geisteswissenschaft eitles oder sensationslüsternes Gerede.

Und in dem Maße, wie unter allmählichem Auflösen des Überbaus das Ich durchkommt, wird auch echtes soziales Miteinander möglich.

Doch auch interessant, wie in diesem Prozess der Ich-Befreiung der mit materiellen Gütern gesegnete Georges ganz selbstverständlich auch materiell aushalf. Ich finde es wichtig, das auch zu berücksichtigen. Kein Wort über Oasen der Menschlichkeit, Sozialorganik, Sozialästhetik. Es wurde einfach getan. Sollten wir diese Dinge, über welche in manchen Kreisen so hochgestochen geredet wird, mal gründlicher unter die Lupe nehmen, so hätte das sicher ein ganz anderes Gewicht, als wenn abstrakt darüber theoretisiert wird.

Wohl gemerkt: es geht mir keineswegs darum, die Sekte der Libellisten zu gründen. Aber die Libellen sind eine interessante Episode, wo in realem Bemühen einiges real an Scheuklappen und Überbau überwunden werden konnte.

Raymond
am 13. August 2021

Ich war nun eine Weile krank und tat fast gar nix.

Die Weiterführung der „Libellen“ scheint mir interessant.

Als ich krank herumlag, las ich mal wieder den Steiner-Zyklus „Geschichtliche Symptomatologie“. Vieles wurde mir um einiges griffiger; und griffig wurde mir auch, wie sehr Steiner merkte, wie wenig man ihn verstand.

Einen Satz habe ich mir angemerkt:

„Die Grals-Strömung entwickelte sich so, daß derjenige, der den Tempel des Gral besuchen will, unzugängliche Wege zu gehen hat, sechzig Meilen lang, daß der Tempel ganz im Verborgenen liegt, daß man dort überhaupt nichts erfährt, wenn man nicht frägt.“

Daß man da „fragen“ muß hatte ich, rein verbal, auch vorher mitbekommen; erinnere mich sogar, daß ich in dem Moskauer Verlag, in dem ich arbeitete, irgendein Buch über den Gral zu redigieren hatte. Aber besonders interessieren tat es mich nicht.

Doch nun wurde es plötzlich griffig.

Ich suchte nie irgendwelchen Gral; ich merkte nur, daß ich in dumpfer Finsternis herumirre und daß irgendwas nicht stimmt. Ich suchte Klarheit. Auf dieser diffusen Suche kristallisierten sich Fragen heraus…

Eigene Fragen, nicht intellektuell konstruierte.

Im Zuge dieser Suche kamen unter anderem die Libellen zustande.

Eben: „Als Zeitgenossen für allfällige andere Zeitgenossen, denen das interessant sein kann und vielleicht gar Anregung, sich seinen eigenen Fragen zu stellen.

Natürlich kein Wort vom Gral; in der Klamurke mitsamt Libellen ist kein Platz für sowas; das führt nur zu allen möglichen Sentimentalitäten. Der alles verschleimende Geist des Bildungsphilistertums zwingt nun mal zu Vorsicht und Zurückhaltung im Umgang mit solchen Bildern.

Diana
am 16. August 2021

Ich mag unser Zwang- und formloses Geschreibe. Kein Drängen, kein Zetern. – Nichts davon. Das ist gut so.

Was deine "Gral- Geschichte" angeht, empfinde ich es ähnlich. Als ich sie vor 2 Jahren des Nachts las, war ich erst gebannt gefangen von ihr. Steiner zeichnet in seinen diesbezüglichen Vorträgen auch ein Bild, das zur freiwilligen Gefangenschaft darin geneigt macht, wenn man nicht gut auf sich Acht gibt. Für mich sind seine "esoterischen" Vorträge tatsächlich etwas heilig-anmutiges, weshalb ich noch nicht viele Zyklen in dieser Richtung gelesen habe. Erst recht nicht nach dem fesselnden Gralserlebnis. Nicht Abneigung, eher Achtung und Vorsicht hat es bewirkt und so gehe ich damit um. Seit einem Jahr nun befasse ich mich fast ausschließlich mit erkenntnistheoretischem Zeug. Ich brauch das zur Basisbildung. Es tut mir gut und ist anstelle dem esoterischen hinterher-lechzen nach "Hochschulbegabung" und Heiligtümern, eine mir helfende Kraft.

Was nicht bedeutet, dass ich alles Esoterische verschmähe. Nur eben wohl dosiert, fast homöopathisch. Und ich finde so manche Antwort auf Fragen, die mich lange beschäftigten, aber ins Schattenreich sich begaben und nun in einer anderen Form vor mir treten. Metamorphose der Fragen in Formgebilde der Antwort. Faszinierend im Erleben, wenn es erst eine Zeit aus dem Bewusstsein sich heraus begibt, um dann in Erscheinung zu treten. So weiß ich: Die geistige Welt überhört und vergisst keine ernstgemeinte Frage. Es tritt nur überraschend erfrischend anders als erwartet in neuer Gewandtheit entgegen. Dieses AH! mag ich, auch wenn ich es nun nicht darauf anlege. Das ist meine Lehre aus der vergangenen Erfahrung.

Erst recht die Facetten des feinen Egos, welche ungeschminkt ans eigene Licht im Spiegelbild erscheinen. Immer dann, wenn die wirkliche Offenheit gegeben ist. Sonst nicht. Weil es Kraft kostet.

Es ist, was ist. Keine Phrase. Leben.

Mir ist es egal, zu welcher "Strömung" ich gehöre. In allem finde ich mich in irgendeiner Form und sei sie unvollkommen, wieder. Diese Menschheitskrise hat mich oft an meine Grenzen des Aushaltbaren gebracht und mir gezeigt, wie wankelmütig "Mensch" sein kann, wenn die Stürme auf hoher See gerade ihre Kraftspiele vollführen. Bisher bin ich nicht ertrunken. Das genügt mir.

Politisch verschärft es sich hier immer mehr. Nicht, weil ich ungeimpft bald nirgendwo mehr rein kann, da finden sich Auswege. Sondern was sich die Menschheit gefallen lassen kann, bis hin zur absoluten Selbstaufgabe, so vorgeführt zu bekommen, ist bemerkenswert. Nicht dass es neu wäre. Es ist spannend und abschreckend zugleich. Eine interessante Zeit- sofern Zeit ein wirklichkeitsgemäßer Begriff sein kann, wenn sich die Zeitenformen gefühlt überschneiden und ineinander schmelzen. - Aber das ist Gegenwart.

Raymond
am 17. August 2021

Eben gestern, dem Tag, an dessen Abend du deinen Brief schriebst, erlebte ich mit den „Libellen“ eine Überraschung. Mit einer Bekannten aus der russisch-ukrainischen Gruppe, der ich auch Deutschunterricht gebe, las ich jenen Artikel, auf welchen ich damals von Georges den Leserbrief erhielt.

Sie war überrascht und begeistert. Was ich dort schrieb war ihr neu; und sie verstand sofort, daß ohne gründliches Bewegen der angeschnittenen Fragen echte Kulturerneuerung, lebendige Sozialgestaltung und auch Anthroposophie nicht möglich ist.

Sie möchte das alles nun in ihre Gemeinschaft einbringen.

Ihre Begeisterung war ehrlich; sie hatte wirklich plötzlich was verstanden. Wenn man es richtig anpackt kann sich daraus in der Tat eine fruchtbare gemeinsame Arbeit entwickeln.

Wenn man es richtig anpackt… Dazu gehört, unter anderem, daß ich das alles nunmehr ins Russische übersetze und weiter zweisprachig betreibe.

Aber noch viel wichtiger: daß ich mit allen Mitteln verhindere, daß die ehrliche Begeisterung in grelle Exaltiertheit ausartet. Eine gewisse Gefahr in diese Richtung glaube ich bemerkt zu haben.

Exaltiertheit aber ist der Tod aller Libellen.

Eigentlich ist das alles recht einfach: es geht um das Erkämpfen elementarer Redlichkeit, ohne die echte kulturelle Entwicklung mitsamt Anthroposophie nicht möglich ist.

Und weil das alles so elementar einfach ist, hat man es all die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte übersehen und einen Überbau geschaffen aus exaltiertem oder langweiligem Unsinn.

In welches Wespennest wir damals mit den „Libellen“ hineinstachen verstand ich erst jetzt, als ich die Sache wieder aufgriff. Aber auch die Wespen merkten nix. Es war schon alles zu verfestigt und verschlafen.

Ich habe das deutliche Gespür: daß es wichtig ist, damit weiterzumachen.

Aber in ernsthafter Lockerheit; unter Vermeidung alles erstickender feierlicher Programme und sentimentaler Exaltiertheit.

Mal sehen, wie wir das hinkriegen.

Daß man „Esoterik“ – wie du schreibst – wohl dosiert, fast homöopathisch zu sich nehmen muß, ist klar. Wenn man Steiner liest stößt man dauernd auf Stellen, die man nicht so recht packen kann. Über die redet man dann halt nicht, weder vor anderen noch vor sich selbst. Wenn man trotzdem darüber redet, so ist das nicht Esoterik, sondern Gegeistel.

Übrigens hat deine Ausdrucksfähigkeit, seit wir uns kennenlernten, sich stark entwickelt. Als wir uns kennenlernten konntest du das noch nicht so.

Was vermutlich mit deiner Gesamtentwicklung zusammenhängt.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß echte Ausdrucksfähigkeit sich in dem Maße entwickelt, wie es einem gelingt, den Überbau beiseitezuschieben und eine selbständige Sicht zu entwickeln. In die Finsternis etwas Licht zu bringen…

Raymond
am 18. August 2021

Gestern hab ich denn den veröffentlichten „Libellen noch eine weitere Seite angefügt… Die Seite 11: Soziale Spätfolgen gemeinsamen gedanklichen Bemühens.

Auf der hinzugefügten Seite geht es, unter anderem, um die hochinteressante – zumindest für mich hochinteressante – Tatsache, daß ohne jenen vor vielen Jahren von mir geschriebenen Aufsatz und den von Georges geschriebenen Leserbrief für manche Leute – und somit auch deren Umfeld – alles sich ganz anders entwickelte, als es sich sonst hätte entwickeln können.

Ich meine das nicht im Sinne eines theoretisierenden Herumspekulierens über „Schicksal“. Ich hab ein Auge für solche Zusammenhänge und find sie interessant, kurios… Ja, es ist Schicksal; aber ich meine es in lockerem, spekulationsfreiem Sinn.

Für im Geistigen schwebende Geistesleute sowieso uninteressant. Die erwähnte Inga, zum Beispiel, wurde mit 13 Jahren von einem Kriminellen vergewaltigt und landete dank der Dummheit und der Stumpfheit ihrer Umgebung für Jahre im kriminellen Milieu; aus dem sie sich dann mühsam herauswurschtelte. – Pfui, wie ungeistig! Wäre sie von einem hochgeistigen Menschen gerettet worden und hätte dann im Schoße hochgeistiger Kreise ein neues Leben begonnen – ja, dann könnte man vielleicht darüber reden. Aber so – durch und durch unästhetisch!

Mich aber interessieren reale Schicksale, mit denen ich im realen Leben real zu tun habe. Manchmal spüre, ahne ich hie und da tiefere Zusammenhänge; was mich aber keineswegs zum intellektuellen Herumspekulieren bewegen kann. Mich interessiert das reale Leben, und nicht Theorien über das reale Leben. Und Geisteswissenschaft ist für mich ein Mittel, nach und nach eine bessere Orientierungsfähigkeit zu entwickeln für das reale Leben und dessen Tiefen.

Wiedersehen mit den LibellenFortsetzung folgt

Raymond Zoller