Eingang Klamurke Klamurkosophisches

Von lebenden
und von eingegossenen
Libellen

Aus vorklamurkischen Zeiten

- Seite 7 -

Georges Raillard
Notizen aus dem Gedankenbuch

Die Norm, daß jeder frei von Normen handeln solle…

(19.11.81)

Freiheit heißt: sich der eigenen Verantwortung zu stellen oder nicht – auf eigene Verantwortung…

(7.2.82)

Ich kann jemanden in Knechtschaft führen, befreien jedoch nicht.

(11.11.81)

Glaube ich an eine Autorität, so bin ich auf das Mitmachen der anderen angewiesen: auch sie müssen an dieselbe Autorität glauben. Denn glaubt auch nur einer nicht daran, so ist die Autorität als Autorität in Frage gestellt. Ich kann sie nicht mehr als für alles und für alle maßgebend ansehen, ich werde verunsichert in meinem Glauben. Der Zweifel tritt auf, und mit seinem Auftreten schwindet die vertraute Lebens- und Geistessicherheit, ich sehe mich schon ins bodenlose und leere Chaos stürzen. Ich will aber meine Lebens- und Geistessicherheit behalten! Der Autoritätsglaube muß überleben, will ich überleben. Darum muß ich jede andere und widrige Ansicht möglichst konsequent unterdrücken und ersticken, ich muß eine Mauer um meinen Glauben bauen, denn sonst fressen die Frage-, Zweifels- und Herausforderungsschädlinge das Fundament der Autorität an und untergraben meinen Glauben: Achtung Einsturzgefahr! Und scharfe Hunde bewachen meinen geistigen Besitz…

(11.9.81)

Die Vorstellung steht zum Denkprozess wie die Photographie zum Leben: sie ist eine Momentaufnahme des Denkprozesses. Bleibe ich bei einer Vorstellung stehen, ergibt sich so etwas wie ein Stau: dort fließen die Gedanken nicht mehr weiter, ist der Gedankenprozess gestoppt.

(4.82)

Zur Auffassung, daß das Denken die Wirklichkeit nicht erreichen könne: Für diese Auffassung ist dies offenbar eine Wirklichkeit. Es fragt sich, wie diese Auffassung diese Wirklichkeit erreichen kann, ohne sich auf das Denken abzustützen.

(13.5.82)

In Sachen Erfahrung und Urteil:

Wirt zum Gast: „Wie können Sie behaupten, die Bedienung sei schlecht?! Sie haben ja noch gar keine gehabt!“ (Nebelspalter 46/81)

(15.11.81)

Vielleicht im Gegensatz zu vielen engagierten Zeitgenossen bin ich nicht der Ansicht, daß Unsachlichkeit – Fanatismus, „Emotionalität“, Militanz u.ä. – die Glaubwürdigkeit fördern. Ganz im Gegenteil scheint mir, daß mit dem Preisgeben von Sachlichkeit ein Verlust an Glaubwürdigkeit einhergeht. Unsachlichkeit stellt persönliche Eitelkeit und Rechthaberei in den Vordergrund: persönliche Ambitionen nach rechter Meinung und Moral statt Engagement. Sachlichkeit auf der anderen Seite bedingt Bescheidenheit, ein Zurückhalten egoistischer Lieblingsmeinungen im Dienst an der Sache. Sachlichkeit bedingt die Bereitschaft und Aufgeschlossenheit für Fragen; wo nur Antworten sind ist ein Gespräch schwierig bis unmöglich (auch ein Selbstgespräch).

(25.12.81)

Wer keine Fragen stellt, hat offenbar schon ihn zufrieden stellende Antworten.

(27.1.82)

Ein Mensch ist dann „fertig“, wenn er gelernt hat, nie „fertig“ zu sein.

(2.12.81)

„Mit etwas gutem Willen“ könne man mit allem fertigwerden, könne man aus allem etwas machen, heißt es immer wieder. – Mit dieser Bemerkung wird, vornehmlich bei Gesprächen und Diskussionen, alles unterbunden, was über dasjenige, was da ist, hinausweisen möchte und hinausführen könnte. Die Realität ist das Absolute; der Mensch hat sich ihr anzupassen, sich ihr einzufügen und sich in ihr einzurichten. Er wird das schon schaffen, „mit etwas gutem Willen“.

Wer die Realität nich einfach so akzeptiert, so wie sie ist, sondern sich bemüht, darüber hinauszudenken, und darüber hinaus tätig werden möchte, der hat keinen „guten Willen“. Er hat einen schlechten, ist böswillig: er betreibt böswillige Verleumdung, und ist überhaupt ein maßloser, miesmacherischer Unzufriedener. Es ist doch alles in Ordnung; wenn der nicht zurechtkommt, liegt es an ihm, ist es sein eigenes Problem.

Wenn es einmal soweit ist, nützt es nicht mehr viel, darauf hinzuweisen, daß man auch „mit etwas gutem Willen“ in einer Schreinerei nicht kochen lernen könne.

(11.5.82)

Wo der Mensch anfängtNachwort

Raymond Zoller