Eingang Klamurke Klamurkosophisches

Von lebenden
und von eingegossenen
Libellen

Aus vorklamurkischen Zeiten

- Seite 5 -

Georges Raillard
am 13. April 1982

Sicher ist Disziplin wichtig. (…) Aber auch Spontaneität und Kreativität sind wichtig. Ich bin auch eher jemand, der irgendwelche Ideen hat, jedoch nicht die Disziplin, sie dann aus- und weiterzuführen. Die eine gute Idee wird dann aufgegeben zugunsten der nächsten guten Idee. Wenn ich mir das jetzt so recht überlege, ist das doch auch eine Form des Konsumierens: ich konsumiere meine eigenen Ideen. Anstatt daß ich ständig in den Plattenladen renne und den neuesten Hit kaufe, ihn dann eine kurze Zeit für mein Sensationsbedürfnis benütze und, wenn er ausgeleiert ist vom nur leeren Runterspielen, ihn wegwerfe, gehe ich ständig in meinen Gedankentrödelladen und hole mir neue Gedanken, auf der Suche nach einem neuen „thrill“. Die bloße leere Wiederholung des Gedankens kotzt mich dann nach einer Weile schnell an: ein neuer muß her!

Disziplin in diesem Sinne wäre Aktivität in einer Richtung, nicht in unzähligen. Ich nehme mir etwas vor, und das führe ich dann auch aus. Für mich hat Disziplin und Pflicht eigentlich nur so einen Sinn. Pflicht und Disziplin als Anpassung und Erfüllung von außen gegebener Normen – das halte ich für schwachsinnig. (…) Ich selbst, aus eigener Erkenntnis heraus, gebe mir die Perspektiven, und an die will ich mich so lange halten, „anschmiegen“, als ich sie als richtig und gut erkennen kann. Sozusagen „sich an sich selbst anschmiegen“. Schade, daß es im Deutschen kein Wort „Vornahme“ oder „Vornehmung“ gibt (hiermit gebe ich kund, daß es sie gibt!...), Pflicht und Disziplin haben eine etwas zweideutige Bedeutung.

Es wäre sicher interessant, dies mit deinem Dilettantentum zusammenzubringen. Möglicherweise wird Dir ja vorgeworfen, Du würdest dich jeglicher Pflicht entziehen, indem du „nichts lernen wolltest“. Die Leute kommen ja nicht auf die Idee, daß man sich selbst nach Maßgabe der eigenen Ideale in die Pflicht nehmen könnte. (…)

Das kurze Stück über das Schreiben und die eingegossenen Libellen hat mir zu denken gegeben. (…) Für mich ist das Schreiben (vorerst noch) notwendig. Es hilft mir sehr. Würde ich es nicht aufschreiben, so würde ich es bald wieder vergessen und die Dinge bald in eine fürchterliche Unordnung bringen. So schwach-sinnig bin ich!

Es ist so: Beim Schreiben wird etwas fest, was eigentlich ganz Bewegung sein sollte. Ich bin aber nicht stark genug, dieser Bewegung aus mir selbst Richtung und Kontur zu geben. Die Bewegung würde wohl eher einem Zappeln gleichen…

Darum brauche ich die Erstarrung auf dem Papier (welches ich immerhin zerknüllen kann; mit Keilschrifttafeln kann man das nicht machen…). Durch das schreiberische Festhalten erreiche ich eine neue Plattform, ich merke, aha, da bin ich also hingekommen und so muß es von da weitergehen. Ich brauche die Materialisierung der Kontur, des Inhalts, um bewusst darüber hinausgehen zu können; ich halte mir sozusagen einen Spiegel vor. Ich lasse die Gedanken gerinnen, um zu erfahren, welche Gedanken ich dann wieder verflüchtigen, aufbrechen muß.

Georges Raillard
am 16. April 1982

Nun aber nochmal zu deinem Brief. Das mit den Demonstrationen ist mir auch ein Problem. Ich bin ebenfalls noch nie an einer gewesen. Ich bin mir eigentlich überhaupt nicht klar darüber. Ich bin allerdings schon an Fußballspielen gewesen und weiß ungefähr, wie große Menschenmassen auf mich wirken: beängstigend nämlich. Wird von einer großen Menschenmasse der Name des Fußballclubs skandiert, so berührt mich der Inhalt dieser Äußerung nicht besonders. Ich denke aber, wie schrecklich das Skandieren von nichtneutralen Inhalten, politischen, gedanklichen, geistigen sein muß. Dann muß ich an „Sieg Heil“ oder an ähnliche Abscheulichkeiten denken.

Ich habe mich vor einiger Zeit mit einer Freundin über diese Dinge unterhalten. Sie sagte etwas sehr merkwürdiges: Sage ein Einzelner etwas Gutes, dann sei das für sie etwas sehr Ermutigendes, sie könne es ohne Weiteres akzeptieren. Wenn jedoch das gleiche von einer Menschenmasse skandiert, gesungen, gebrüllt usw. werde, „dann stimmt es irgendwie nicht mehr“. Das war ihre Empfindung bei Demonstrationen: es stimmt irgendwie nicht. Sie war nicht in der Lage, es weiter und konkreter auszuführen.

Ich habe seither öfter darüber nachgedacht, was das wohl heißen könnte, zumal es auf eine sonderbare Weise auch meiner Empfindung entsprach.

Zum ersten: Demonstrationen jagen mir Angst ein. Und zwar die Angst, mich selbst zu verlieren. Die Gefahr der Selbstaufgabe. Will ich mich einfach nicht hingeben? Bin ich schlicht ein Egoist, ein Egozentriker?

Hingabe ist gut und schön, aber nur, wenn ich zurückgegeben werde. Ich kann mich einem „Du“ hingeben; da erhalte ich mich wieder zurück: als „Du“ (ich beschreibe nur Empfindungen und versuche, sie in Worte zu fassen; von gedanklicher Durchdringung kann keine Rede sein!). Da fühle ich eine gemeinsame Offenbarung, eine gegenseitige Einweihung; indem ich mein Erkennen auf den anderen richte, gebe ich mich ihm zu erkennen. Es ist da eine Gemeinschaft im Verschiedenen. Ich verliere mich nicht, mich hingebend, ganz im Gegenteil: ich gewinne mich. Je mehr ich auf das Du zugehe, in das Du hineingehe, desto mehr bin ich ich selbst. (…)

Ich bin ganz draußen, ganz nach außen hingegeben, ich bin ganz in der Welt; dadurch bin ich überhaupt erst mich selbst. Durch das Aussensein ist meine Identität, mein Ich-sein, nicht etwa vermindert, herabgedämpft, sondern weit gesteigert. Je intensiver die Wahrnehmung, desto stärker das Ich-Erlebnis.

Genau dies erlebe ich nicht an Demonstrationen. Ich kann mich wohl hingeben, allein ich falle in den leeren Raum. Nichts und niemand fängt mich auf. Es fehlt die Klarheit des „Du“. Ich gebe mich Kräften hin, die ich nicht durchschaue; diese Kräfte sind sehr stark, stärker als ich, und sie sind diffus, dies vor allem. Diese Kräfte sind irgendwie nicht geklärt, ich kann sie mit meinem Denken, mit meinem Bewusstsein nicht auflösen, entdämonisieren. Darum sind sie so stark: sie entziehen sich meinem Zugriff. Gebe ich mich den Kräften hin, gehe ich ganz in ihnen auf: ich nehme ihre Identität an, und kann meine eigene gedankliche Bestimmung von mir selbst nicht mehr aufrechterhalten: jetzt bestimmen sie.

Ist das Feigheit? Ein Mangel an Mut, mich ins Ungewisse zu stürzen? Das Ungewisse auszuhalten? Ich weiß es nicht.

Wie gesagt, ich versuche nur, vage Empfindungen irgendwie in Worte zu fassen. Aber es scheint mir einfach, daß an solchen Massendemonstrationen der Mensch durch etwas anderes ersetzt wird. Es geht dabei nicht um die Menschlichkeit oder Unmenschlichkeit der Inhalte, die an einer solchen Demonstration vertreten werden. Es geht um den seelischen Vorgang: das „Du“ verwässert oder verschwindet ganz, und damit auch ich selbst. Vielleicht ist es das, was „irgendwie dann nicht stimmt“: es herrscht eine Sachlichkeit, eine persönlich aufgefasste Sachlichkeit (Engagement), die aber in einer solchen Form abläuft, daß die Persönlichkeit keine Gelegenheit und kein Mittel hat, aufzutreten, sich zu manifestieren, ins Geschehen existentiell tätig einzugreifen. Persönliche Kräfte, Persönlichkeitskräfte wirken und leben sich hinaus, währenddessen die Persönlichkeit selbst verdrängt und weggespült wird.

Noch was anderes: Seit deinen Artikeln über das Funktionärs- und Statustum habe ich viel über dies nachgedacht.

Du hast die Rollen, die wir spielen (müssen), im Bereich der Universität und geistigen Auseinandersetzung gesehen und beschrieben. Es gibt sie aber überall. Nehmen wir einmal die Verwandtschaftsbeziehungen. Vater, Mutter, Sohn, Schwester usw.: auch das sind Rollen, Funktionen. Jegliche Berufsbezeichnung ist eine Rolle. Im juristischen Bereich wimmelt es nur so von Rollen: dort ist wahrscheinlich auch ihr Ursprungsort. Am reinsten ist die Rolle im Militär ausgeprägt: dort bin ich wirklich nur Rolle, eine Figur auf dem Schachbrett. Auch „Anthroposoph“ ist eine Rolle, „Mann“ und „Frau“ sind Rollen, „Schweizer“, „Luxemburger“ sind Rollen, „Kranker“ und „Arzt sind Rollen, „Jugendlicher“, „älterer Herr“, „Greis“, „Reicher“, „Armer“, usw. usf. Eigentlich ist jede Bezeichnung eine Rolle, oder hat wenigstens das Potential zu einer Rolle.

Interessant wären folgende Fragen: Gibt es gute und schlechte Rollen, akzeptable und nicht akzeptable? Kann man Rollen überhaupt abschaffen? Oder sind sie notwendig? Wenn ja, welche wann und wo? Was bin „ich“: nur eine Sammlung verschiedener Rollen? Ist die Rolle dem Ich feindlich, oder ergänzen sie sich? Ist die Rolle etwas Unbedingtes, oder gibt es verschiedene Möglichkeiten, eine Rolle mit Persönlichkeit auszufüllen? Müssen wir Rollen spielen, um uns selbst zu verwirklichen?

Raymond Zoller
am 29. April 1982

Zu deiner Bemerkung über die Rollen: Zwischen Rolle und eingegossener Libelle sehe ich eine gewisse Beziehung.

Die Rolle kann aus mir heraus, aus einem Moment heraus entstehen; d.h. sie kann das verhärtete Überbleibsel einer in einem gegebenen Moment adäquaten Haltung sein; kann aber auch völlig von außen übernommen sein. Sowohl bei solchen eingegossenen Libellen (Vorstellungen) wie auch bei Rollen ist es wesentlich, wie man sich zu ihnen stellt. Wenn man darin untergeht und sie für die Wirklichkeit hält, ist schlecht; wenn man sich über sie erhebt, sich mit ihnen auseinandersetzt – warum nicht? Nur hat in dem Moment, da man sich darüber erhebt, die Rolle und auch die Vorstellung eine ganz andere Wertigkeit, als wenn man sich damit identifiziert.

Dies führt in den Bereich der „seelischen Beobachtung nach naturwissenschaftlicher Methode“.

Georges Raillard
am 14. Mai 1982

Eigentlich will ich Dir nochmal was zu den „eingegossenen Libellen“ sagen. – Mit dem Gedanken, mit der Erkenntnis hängen, glaube ich, zwei Entwicklungsstränge zusammen; je nachdem ist der Gedanke Ausgangspunkt oder Endpunkt der Entwicklung. Einerseits mache ich bestimmte Erfahrungen, habe bestimmte Erlebnisse, die ich innerlich verarbeite. Diese Arbeit führt dann zu einer Erkenntnis, einem Gedanken, einer Idee. Auf der anderen Seite beobachte ich, wie gewisse Gedanken und Erkenntnisse „hinabsinken“ und so ins Leben und die Alltäglichkeit eingeführt werden, daß sie in meinem Handeln sich auswirken. Die erste Entwicklung geht also vom Erlebnis zur Erkenntnis, die zweite von der Erkenntnis zur Tat.

Ich persönlich erlebe nun sehr stark den Gedanken als Ausgangspunkt. Das heißt als etwas Neues, das erst noch als Leben verwirklicht werden muß. Es ist für mich etwas, was es als Erfahrung, als Erlebnis (äußeres) noch nicht gibt, das erst als das verwirklicht werden müsste. Wenn ich darum einen Gedanken formuliere, dann heißt das nicht, daß ich den in meinem persönlichen Leben schon irgendwie verwirklicht hätte. Ganz im Gegenteil. Die Formulierung des Gedankens steht ganz am Anfang der Entwicklung ins Leben. Es ist sozusagen für mich die erste Tat, die ich im Lichte und unter dem Einfluss des neuen Gedankens, der neuen Erkenntnis vollbringe. Es ist der erste Schritt in Richtung einer Verwirklichung und Einführung eines neuen Gedankens in mein Leben. Wenn ich also irgendsowas schreibe, dann ist das Geschriebene jeweils erst gerade ganz frisch von der Gedankenpresse gekommen. Ich stelle nicht fest: das und das habe ich verwirklicht, das und das lebe ich, wollen wir doch das gedanklich einmal auseinandernehmen. Nein, ich schaffe sozusagen Entwürfe, die es erst noch zu verwirklichen gilt. Das Schreiben, das Formulieren der Gedanken ist für mich das erste Mittel, der erste Schritt, diese Entwürfe Leben werden zu lassen, sie „herabsinken“ zu lassen.

Natürlich bin ich dadurch auf eine gewisse Weise ständig unglaubwürdig. Indem ich nämlich – jetzt – noch nicht die Möglichkeit habe, diese Gedanken etwas anderes als bloß gedankliche Wirklichkeit werden zu lassen. Ich kann die Anforderungen, die meine Gedanken an mich stellen, nicht erfüllen, ihren Ansprüchen noch nicht genügen. Das macht mich natürlich sehr angreifbar („der lebt ja nicht danach, was er sagt und denkt!“). Und es macht mich auch anfällig für Minderwertigkeitskomplexe: wenn man ständig merken muß, daß einem die eigenen Gedanken um Jahre und Jahrzehnte voraus sind…, besonders da ja Fortschritte auf diesem Gebiet so verteufelt schlecht zu beobachten sind, naturgemäß dies, handelt es sich doch um ein „Absinken“. Da bin ich jeweils auf Hinweise von außen angewiesen.

Vorheriger BriefwechselWo der Mensch anfängt

Raymond Zoller