Eingang Klamurke

Von der Vorklamurke zur Klamurke

Von der Vorklamurke zur Klamurke

Von der Vorklamurke zur Klamurke

In der Dorfmitte steht eine alte Kirche. Ja nun: wie eine Kirche sieht das heute nicht mehr aus. Ein altes halbzerfallenes Gebäude mit einer Tafel an der Südwand, darauf man lesen kann, daß das ein Architekturdenkmal ist und unter dem Schutze des Staates steht. Dies kann man als Symbol betrachten für das ganze Dorf, welches völlig heruntergekommen ist und verfallen, aber ausdrücklich vom Staate beschützt wird. Wenn man sowas auf sich wirken läßt, kommen einem unwillkürlich die beiden russischen Urfragen in den Sinn: „Wer ist schuld?“ und „Was soll man tun?“ – Doch vielleicht ist es an der Zeit, die erste Frage mal fallen zu lassen und sich darauf zu konzentrieren, was zu tun ist? Und wozu soll man sich denn überhaupt den Kopf darüber zerbrechen? Doch wohl aus dem Grunde, weil unser Leben ausgelaugt ist bis zum Gehtnichtmehr... Und nicht nur in unserem absterbenden Dorf, sondern auch in den auf dem ersten Blick blühenden Städten; und gar scheint es, daß selbst in den in materiellen Gütern versinkenden westlichen Ländern das Leben in Fäulnis überging...

Wovon lebt der Mensch?

Nun; das ist nicht unser Problem, wovon der Mensch im Allgemeinen lebt; diese Frage muß jeder mit sich selbst abmachen, wir wollen uns da nicht einmischen. Doch wir selbst, die wir uns um diese Seite versammeln, sehen den allgemeinen Verfall des Dorfes, fühlen die allgemeine Verfinsterung und suchen diffus nach irgendwas Wesenhaftem, Griffigem; nach irgendwelchen Wegen, wie man weiterleben soll.

Weiter:

In den halbzerfallenen Dörfern Ryshkovo und Moisseyevitchi laufen im Rahmen des Projekts „Schkolnyj Dom “ bereits seit vier Jahren Bauarbeiten; man denkt an die Schaffung einer Art Zentren für Sozialtherapie, wo Menschen, die den Boden unter den Füßen verloren haben und nicht mehr weiter wissen in gesunder Atmosphäre ihre Kräfte einbringen und in gemeinsamem Bemühen sich aufrichten können; und all dies verflochten mit dem Bestreben, auch der Dorfbevölkerung auf die Beine zu helfen.

Bei Sichtung der vorhandenen Mittel. Möglichkeiten, Umstände, im Bemühen um Bewußtmachung der Perspektiven und Aufgaben für die weitere Arbeit, wurde uns deutlich, daß es hier keineswegs um die Erstellung irgendwelchen abstrakten Programms gehen kann. Der Mensch von heute ist im allgemeinen sehr gescheit und kann problemlos die scharfsinnigsten Programme entwickeln; Problem ist nur, daß solche Programme dann in irgendwelchen Köpfen vor sich hin existieren, und die Wirklichkeit läuft weiter wie gehabt. – Alles hängt ab von konkreten Menschen, von ihren konkreten Fähigkeiten sowie von den sich aus dem gemeinsamem Bemühen dieser konkreten Menschen sich ergebenden Perspektiven und Möglichkeiten.

Nun: Auf der vorliegenden Wegstrecke möchten wir uns nun unter anderem auch bemühen, das Wesentliche eines solchen gemeinsamen Bemühens zu verstehen. Und das ist alles andere als einfach; im Gegenteil: äußerst kompliziert. Man muß da schon sehr streng an sich arbeiten, um fähig zu werden, das Wesen von allen möglichen persönlichen Voreingenommenheiten, Eitelkeiten usw... zu trennen; sonst ergibt sich nichts weiter als das altbekannte „demokratische“ Geschwätz und Herumgestreite.

Nun – fangen wir an.

Michail Taracha
Raymond Zoller

(Ende Mai 2004 von Raymond Zoller in Russisch getippte und auch veröffentlichte Fortsetzung, welche der Vollständigkeit halber von selbigem nunmehr auch ins Deutsche übersetzt wird)

So fingen wir denn an. Und blieben alsbald schon stecken. Viel Zeit ist seitdem vergangen. Zwei Jahre? Drei? Weiß schon nicht mehr. Und stecken blieben wir aus dem Grunde, weil det alles sich als sehr viel komplizierter herausstellte, als wir gedacht hatten. Wir begannen denn zu veröffentlichen; veröffentlichten durchaus bemerkenswerten Sachen, vereinzelte Texte aus dem Buche „Die Tugenden“ von dem deutschen Denker Herbert Witzenmann zum Beispiel. Ein bemerkenswertes Buch; ich hab es selbst vor einigen Jahren aus dem Deutschen ins Russische übersetzt; und dem deutschen Publikum gar war es – natürlich – bereits vor meiner Übersetzung zugänglich. Helfen kann es, dieses Buch, sich in das Wesen solch gemeinschaftlichen „sobornoye[1]“ Bemühens einzufinden, von dem weiter oben die Rede geht. Kann helfen... Und hat es geholfen? Hilft es? Wie mir scheint: nicht allzusehr; höchstens, daß es das Reservoir an Wortlarven vergrößert.[2] – Daß Bücher allein uns nicht weiterbringen – weiß ich schon seit langem. Doch bis zu welchem Grade sie uns nicht weiterbringen – war mir damals noch nicht deutlich genug bewußt. Noch immer hoffte ich... Doch zum Hoffen bestand kein Grund. Die Beziehung zu den Büchern ist irgendwie zerstört. Kaputt. Und nicht nur zu den Büchern: zum Wort, zur Sprache insgesamt. Um das heilsame Potential, das im Umgang mit Büchern verborgen liegt, wieder aktivieren zu können, muß man sich erst mal der zerstörten Beziehung zum Wort, zur Sprache selbst zuwenden. Und zwar: eben mit Hilfe der Sprache; ein anderes Instrument haben wir leider nicht.

Kompliziert...

Diese Zeilen schreibt ein Mensch, der im Westen geboren und aufgewachsen ist. Denn in der Tat: geboren und aufgewachsen bin ich in einem jener westlichen Länder. Und in jenen Breiten, wo ich geboren wurde, ist die Beziehung zu den Büchern und zum Wort schon gar sehr stark verdorben. Der Wörter gibt's viele; aber bringen tut’s nichts. Man erstickt in Wörtern; mal hochtrabend, mal ehrlich banal, und fast immer: leer. Ich wuchs auf in der Atmosphäre dieser Krankheit des Auseinanderfallens von Wort und Leben. Lange Jahre über verstand ich überhaupt nichts und litt nur diffus vor mich hin; und dann begann ich nach und nach mich in der Pathologie meiner Umgebung zu orientieren.

In Rußland haben sich, wie es scheint, gewisse Überreste eines lebendigen Bezugs zum Wort erhalten; sogar gibt es noch ein schwaches Rinnsal lebendiger Literatur. Und nicht nur ein schwaches Rinnsal; immerhin gibt es in Rußland Solschenizyn; potentiell ein machtvoller Strom; über ein schwaches Rinnsal kommt es nicht hinaus, weil viele gar nicht merken, daß ein solcher Solschenizyn da ist. (Ob es im Westen eine solche potentielle Kraft gibt – weiß ich nicht. Doch selbst wenn es jemanden gäbe, so hätte der eben wegen der extrem kaputten Beziehung zum Wort kaum eine Möglichkeit, sich im Geschehen bemerkbar zu machen und verbliebe im Abseits)

Und nun begann denn, wie man so sagt, ein intensiver Kulturaustausch zwischen Rußland und Europa: auf der Ebene völliger Unbewußtheit. Ein Kulturaustausch zwischen dem sich überhaupt nicht verstehenden Westen und dem sich nicht sonderlich[3] verstehenden Rußland. Und dieser sich selbst nicht verstehende Westen wird aus irgendwelchen Gründen in Rußland als Autorität betrachtet. Hieraus ergeben sich – wie mir scheint – verschiedene zusätzliche Probleme; und der Nebel wird dichter und dichter...

Eben... Ich versuchte denn, mich in der Pathologie des kulturellen Umfelds, in dem ich aufwuchs, zu orientieren. Das war ein sehr langwieriger und quälender Prozeß und brachte nur sehr wenig Resultate; doch dies und jenes konnte ich immerhin mal durchschauen, und durchschau so nach und nach immer mehr. Um mit diesem Orientierungsbemühen nicht so ganz alleine zu bleiben, begann ich sogar mit der Herausgabe einer Zeitschrift; zunächst auf Papier, später im Internet. In deutscher Sprache war das; denn ich hatte mich ja zunächst eben im westlichen Wirrwarr zu orientieren. Und eben diese Zeitschrift – „Die Klamurke“ – als Forum für das gemeinsame Orientierungsbemühen in den wirren Dickichten unserer Zeit, werfen wir nun in russischer Sprache[4] in die Bresche unsere mißlungenen Versuchs mit der „Gemeinsamen Suche“ und der „Selbsterkenntnis“.

Zunächst werden mal in der russischen Klamurke hauptsächlich in russischer Übersetzung verschiedene Materialien aus der deutschen Klamurke aufgenommen; wie das sich dann weiter entwickelt – wird man sehen.

Zum ersten Kennenlernen sei ein vor einigen Jahren für den russischen Leser und gleich in Russisch verfaßter Aufsatz angeführt: Pokasucha v samorskoi maske[5]. Der Aufsatz erschien in leicht abgemilderter Form in der „Literaturnaya Gaseta“; wir bringen ihn hier in der nicht abgeschwächten Originalform. Insgesamt noch eine recht hilflose Sache; doch was kann man da machen... Nebel macht hilflos.


[1] Kenn im Deutschen keinen ähnlich treffenden Ausdruck; fürchte, daß es ihn auch nicht gibt.
[2] [Zusatz Deutsch] Selbigem sich zunehmend verstärkendem Eindruck fiel auch die vorgesehene Übersetzung von Witzenmanns Aufsatz „Über den Intellektualismus“ zum Opfer. Ich hatte doch tatsächlich angefangen, das ins Russische zu übersetzen, um es dann auf diesen Seiten zu veröffentlichen; doch unter dem Eindruck verschiedener Erlebnisse, Beobachtungen, Einsichten ließ ich das dann sein.
[3] Festhalten möchte ich, daß dieses „nicht sonderlich“ sich natürlich nicht auf die Abweichung von irgendeiner Wahrheit über Rußland bezieht, über die ich zu verfügen vermeinte. Ich verfüg über keinerlei Wahrheit; einzig hab ich den Eindruck von einer gewissen allgemeinen Orientierungslosigkeit; vielleicht etwas anderer Art als die westliche Orientierungslosigkeit; aber doch: Orientierungslosigkeit; und eben hierauf bezieht sich das „nicht sonderlich“
[4] (Anmerkung April 2012) Nach diesem russischen Anlauf machte die Klamurke sich dann in Deutsch selbständig und wurde gepflegt, während die russische vernachlässigt wurde. Ist inzwischen eh alles nicht mehr so wichtig, ob Deutsch oder Russisch: die Lage iss recht brenzlig
[5] (Anmerkung deutsch) Wird hier in deutscher Übersetzung gebracht, in welcher sie den Titel trägt: „Augenwischerei auf Vornehm“ (der russische Titel ist kaum übersetzbar)

Raymond Zoller

Zum russischen Original
Klamurke Russisch

Klamurke russisch