Die Klamurke Belletristik

Der Vesuv

Der Vesuv ist ein hoher Berg in Italien.

Oben hat er eine Öffnung, die nennt man Krater; und aus diesem Krater spuckt er zuzeiten Feuer und Asche. Wenn er so spuckt fließt in trägem Strome eine heiße und flüssige Masse, die man Lava nennt, die Hänge hinab. Einmal spuckte er so stark, daß zwei Städte, die unten an seinen Fuß sich anschmiegten, bis über die Dachspitzen hin zugeschüttet wurden und nicht mehr zu sehen waren. Die Bewohner dieser Städte hätten, wie es hieß, sich einer recht merkwürdigen Lebensweise befleißigt; und der heftige Ausbruch des Vesuv sei auf eine Manipulation seitens der Götter zurückzuführen, die solches Treiben nicht länger mit anschauen wollten.

Im Hintergrund rumpelte das Espressorad.

"Was die Götter sich nicht alles herausnehmen..." brummte Septimus Trullicus. „Zwei Städte einfach ausradieren... Einfach weg, als hätt' es sie nie gegeben..."

"Es heißt, sie hätten Sodomie getrieben und Homophilie; und dann noch Paedasterie und vieles andere mehr. Weiß der Teufel, was es sonst noch gibt; ich kenn mich da nicht aus. Unästhetisch, das Ganze, sehr unästhetisch..." Quintus Laurinius zündete sich eine Zigarette an. "Und wenn man bedenkt, daß die Götter, die ja allwissend sind, sich das alles mit ansehen müssen... Wer dreht da nicht durch? Ich würde durchdrehen."

"Es ist fürwahr eine schreckliche Sache, wie die Menschen manchmal versumpfen," sagte Aita mit sanfter, trauriger Stimme. "Wohl ist auch die Askese kein Weg, der den Menschen zum Lichte führt; und nur den wenigsten ist es gegeben, in ihrem spröden und kärglichen Grund ihre Seelen kraftvoll zu weiten. Viele Geheimnisse liegen im elementarischen Laster verborgen, die dem, der sie erschließet, das Sein erhellen. Freiheit und Forschergeist zieren den wahrhaften Sünder; doch wer seine Freiheit und seinen Forschergeist aufgibt und Sinnesgenuß nicht als Weg, sondern als Ziel nimmt, der verläßt auf der Suche nach Lust die kraftvollen Quellen des wahren Lasters und entfernt sich, neue und immer neue Verfahren der Lustgewinnung erfindend, weiter und weiter von der Wirklichkeit; und da er die Wirklichkeit vermisset wird sein Leben ihm öde und langweilig; und um seine Langeweile zu überwinden erfindet er immer ekelhaftere Laster; und er schafft sich einen Morast, der ihn unerbittlich verschlingt. Die Götter taten recht, diese Armen, die aus eigener Kraft sich nicht mehr zu befreien vermochten, auf solche Weise von ihrer kleinlichen Qual zu erlösen."

Sina brachte den Espresso, stellte ihn mit einer leichten Verneigung auf den Tisch.

“Aus deiner Rede ergießt sich, wie immer, erquickende Klarheit...” Mit einem kräftigen Schlucke leerte Quintus Laurinius seine Tasse. “Doch sorgt mich in diesem Kontexte das Los meines Sohnes Pluto, deines einstigen Zöglings. In bewunderungswürdiger Weise führtest du ihn, seit ich dich auf dem Sklavenmarkte kaufte und zu seiner Pädagogin bestimmte, auf den hehren Wegen der Weisheit. Fünf Sprachen lehrtest du ihn, die er fließend beherrscht; und mit so manchen Dichters Werk ward er dank deiner vertraut. Doch dann rietest du mir, ihm die Pädagogin zu nehmen und dich, der du ihn doch so weise zu führen wußtest, ihm als Sklavin zu schenken. Wie alles, was du mir sagst, nahm ich auch diesen Rat - wenn auch erst nach langem Zögern und unter dem Drucke zwingender Umstände - mir zu Herzen; und seit gestern nun bist du als Sklavin ihm hörig. Fürchtest du nicht, daß solch eine Macht über dich in Versuchung ihn führet und daß er, so er der Versuchung erliegt, statt zu einem weisen nun zu einem lasterhaften Menschen sich entwickelt?"

-"Du überschätzest meine Verdienste," antwortete Aita bescheiden. "In nicht wenigem hab ich gefehlt. Dein Sohn war auf dem Wege, ein Bildungsphilister zu werden; und das ist eines der schrecklichsten Laster; fast schlimmer noch als Sodomie. Einen guten Kopf hat er; und schon wollte er sich ganz darin zurückziehen, weder sich verstehend noch die Welt. Zum Weichling hätte er sich entwickelt und zum Ehrgeizling, der seine innere Öde in dumpfem Behagen und seichten Lastern zu ertränken sucht. Besser, man führt ihn rechtzeitig den Weg des elementaren Lasters, unter gleichzeitiger Stärkung des Geistes. Um solches mit Erfolg zu vollbringen muß ich seine Sklavin sein; und sei dir gewiß, daß, obwohl ich ihm hörig, ich ihn heimlich zu führen wohl weiß. Doch sei dir zum Troste gesagt, daß bis jetzt die Versuchung ihn schonte; und wenn er mich ruft, so nur, auf daß ich ihm Unterricht gebe, so wie er's gewohnt."

"Fürwahr, ein Musterknabe," brummte Trullicus.

In der Tür erschien Pluto.

"Braucht ihr sie noch lange?" - rief er, ohne einzutreten.

"Was sollen wir brauchen?" fragte Quintus Laurinius.

"Die Aita, meine Sklavin," antwortete Pluto trotzig.

- "Wir unterhalten uns gerade," sagte Quintus. "Brauchst du sie dringend?" - "Der Marcus und der Petrus sind gekommen und möchten sie sehen," sagte Pluto. „Marcus und Petrus sind meine Freunde; und weil sie meine Freunde sind, will ich sie ihnen, wie sie es wünschen, zeigen."

"Ist Marcus der große mit den Sommersprossen?" fragte Aita.

"Groß ist er, und Sommersprossen hat er," bestätigte Pluto.

"Ein wilder Bursche," sagte Aita. "Und nicht ohne Phantasie."

"Ich versteh bloß nicht, warum Marcus und Petrus plötzlich die Aita sehen wollen," brummte Quintus. "Sie ist ihnen keine Unbekannte; nicht selten nahmen sie teil an ihrem Unterricht.”

"Damals war sie noch meine Lehrerin; aber jetzt ist sie meine Sklavin; und Marcus möchte ihr in den Ausschnitt schauen, und Petrus auch. Als sie noch meine Pädagogin war, durften sie das nicht; aber jetzt dürfen sie es, weil ich es ihnen erlaube. Denn Petrus und Marcus sind meine Freunde; und weil sie meine Freunde sind, erlaub ich es ihnen,” sagte Pluto etwas außer Atem.

"Ein unschuldiges Vergnügen..." lachte Trullicus.

Quintus schaute Aita an. Sie trank ihre Tasse leer, lächelte ihm zu.

"Nun gut, nimm sie mit," brummte Quintus gutmütig. "Sie gehört ja dir."

Aita stand auf, verneigte sich und eilte leichtfüßig zur Tür, wo Pluto auf sie wartete.

Und noch weiter zu gehen bleibt uns vorerst verwehrt, da die Beschreibung der nachfolgenden Ereignisse teilweise verloren ging, teilweise noch nicht geschrieben oder nicht fertig geschrieben ist. Aber zweifellos wird das sich noch ändern; zu interessant ist det alles, als daß man es es einfach so unbeschrieben auf sich beruhen lassen dürfte.
© Raymond Zoller
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