Die Klamurke Belletristik

Die Nixe

Als der Großvater und die Großmutter einstens über eine Brücke gingen, brach die Brücke entzwei, und der Großvater und die Großmutter fielen in den Bach. In der Nähe sonnte sich am Ufer eine Nixe; und die bekam darob einen fürchterlichen Lachkrampf, der allmählich in Schluckauf überging. Während die beiden, vor Nässe triefend, ans Ufer wateten, schimpfte die Großmutter, daß das nicht zum Lachen sei und daß die jungen Leute von heute keinen Respekt mehr haben vor dem Alter. Der Großvater hingegen, der an der Nixe sehr großes Wohlgefallen fand, sagte nichts und schritt stolz und aufrecht daher; und wäre die Großmutter nicht so alt gewesen, so hätte er sie sicher auf den Armen an Land getragen, um der Nixe zu zeigen, was er für einer ist. Und als sie das Ufer erreicht hatten, da trat er zu der Nixe, die sich im Schluckaufe wand, und klopfte ihr auf den Rücken; wovon der Schluckauf sogleich verging. Die Nixe bedankte sich artig, und die Großmutter schimpfte, es sei nicht recht, daß der Großvater einem solch ungezogenen Wesen auch noch helfe.

Und wenn sie gesehen hätte, wie die Nixe dem Großvater heimlich einen Zettel mit ihrer Adresse zusteckte, so hätte sie sicher noch viel mehr geschimpft.

© Raymond Zoller
Zur russischen Fassung





Diesen Text findet man, neben vielen anderen, in dem Taschenbuch

Raymond Zoller

Wie ich den König vom Pferd schubste

und sonstiges Episodisches

RaBaKa-Publishing, Edition Ivata
Erscheinungstermin: Juni 2013
Preis: 16,90 €
Seitenzahl: 196
ISBN: 978-3-940185-25-9


[Sollte der vom Pferde geschubste König über den Buchhandel nicht mehr erhältlich sein, so kann man es über den
Vertrieb des Seminar-Verlags
versuchen. Auf der durch das Link angesteuerten Seite ganz nach unten scrollen; dort findet man ihn]

Die Erzählungen kennzeichnet eine für Zoller typische inhaltliche Unernsthaftigkeit, kombiniert mit einer streng durchgestalteten Form. Die Szenen und Orte der Erzählungen reichen hinein ins Reich des Fantastischen; aber auch ganz normale Alltagsszenen weiß der Autor ins Absurde zu führen. Seine Protagonisten verhalten sich so, wie es nach Ansicht Zollers nicht allein Romanfiguren gut stände, sondern auch dem regelkonformen „Zivilisationisten“.

(Erika Reglin-Hormann)

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