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Ins Land des Lasters

Das Gemeinwohl

"Nichts Schöneres gibt es auf der Welt, als sich dem Gemeinwohl zu opfern", – dachte Silvia, als sie an einem trüben Novembermorgen aus dem Bette kroch.

Und sie beschloß, sich dem Gemeinwohl zu opfern. Denn was sollte man an einem solch trüben Novembertag auch sonst vernünftiges tun!

Doch erst einmal frühstückte sie. Ein weichgekochtes Ei; und dann noch zweie von den Brötchen, die der Bäcker, wie jeden Morgen, ihr vor die Tür gelegt hatte. Auf das eine schmierte sie Honig, auf das andere Käse; und wenn sie nicht vergessen hätte, Wurst zu kaufen, so hätte sie vielleicht auch noch eines mit Wurst gegessen.

Als sie fertig war mit Frühstücken, nahm sie ein Bad, setzte sich anschließend vor den Spiegel und kleidete sich an. Die Unterwäsche wählte sie, wie immer, sehr sorgfältig; und darüber zog sie ein ausgeschnittenes Abendkleid an, das zwar nicht zu diesem trüben und kühlen Novembermorgen paßte, dafür aber umso besser zu der Unterwäsche.

Dann schlüpfte sie in ihren Mantel und ging hinaus auf die Straße.

"Heute ist ein besonderer Tag", – dachte sie, als mit verschlafenem Gesicht ein Penner ihr entgegenhinkte. – "Selbst die Penner stehen früh auf."

"Dürfte ich die Dame vielleicht um fünfzig Cent bitten zum Telefonieren", – fragte der Penner.

"Fünfzig Cent?" – Silvia zückte ihre Brieftasche. – "Wohin kann man denn an einem solch trüben Tag telefonieren?"

"Telefonieren muß man immer", – sagte der Penner, – "An guten wie an trüben Tagen. Dazu wurde das Telefon erfunden, damit wir telefonieren, ohne Rücksicht auf das Wetter. Wenn ich das Telefon erfunden hätte, das können Sie mir glauben, und die Leute würden nur dann telefonieren, wenn schönes Wetter ist, so wäre ich darüber sehr beleidigt. Wir müssen das Werk unserer Erfinder achten und es nutzen, wo immer sich Gelegenheit dazu bietet. Solches gebietet die Ehrfurcht; und..."

"Leider hab ich keine fünfzig Cent", – unterbrach ihn Silvia. – "Geht es auch mit fünfzig Euro?"

"Fünfzig Euro?" – Der Penner überlegte. – "Ja, fünfzig Euro gehen auch."

Silvia reichte ihm einen Fünfzigeuroschein. – "Vielleicht kann jemand Ihnen wechseln..."

"Vielen Dank", – sagte der Penner.

"Heut' wollt' ich mich sowieso dem Gemeinwohl opfern, " – antwortete Silvia.

Der Penner stopfte den Schein in seine Jackentasche und hinkte weiter. Das mit dem Gemeinwohl hatte er wohl nicht mehr gehört.

Ein gutgekleideter Herr mittleren Alters trat auf sie zu.

"Hab ich eben richtig gehört", – fragte er. – "Sie wollen sich dem Gemeinwohl opfern? Ist das so?"

"Ja," – bestätigte Silvia. – "Das ist so."

"Sie werden denken, ich sei einer von denen", – redete der Mann schnell und immer schneller, – "ich sei einer von denen, die ständig die Ohren spitzen, um zu hören, was ihre Nächsten einander zuflüstern. Ja; so könnte man denken. Aber in Wirklichkeit ist es ganz anders. In Wirklichkeit hör ich immer weg oder verstopfe mir die Ohren, wenn Worte gesprochen werden, die nicht für mich bestimmt sind; höre weg oder verstopfe mir die Ohren."

"Das ist sehr edel von Ihnen", – bemerkte Silvia.

"Wie gut Sie mich durchschaut haben", – freute sich der Mann und fuhr etwas langsamer fort: – "Als ich aber vorhin an Ihnen und Ihrem Bekannten vorbeiging und an nichts Böses dachte – da waren, noch eh ich mich versah oder hätte weghören können, jene nicht für mich bestimmte Worte an mein Ohr gedrungen: 'Ich will mich dem Gemeinwohl opfern!' O, welcher Edelmut liegt in solchen Worten! Welch hohe Art der Gesinnung! O, wenn Sie wüßten, wie sehr Gott solche Menschen braucht, die da sprechen: 'Ich will mich dem Gemeinwohl opfern'. Wenn Sie wüßten, daß er die ganze Schöpfung nur aus dem Grunde geschaffen hat, weil er insgeheim hoffte, daß einstens solche Menschen sich in ihr finden werden, welche sagen: 'Ich will mich dem Gemeinwohl opfern.' O..."

"Sind Sie Gott?" – fragte Silvia interessiert.

"Gott bewahre!" – rief der Mann erschrocken. – "Gott bin ich bei Gott nicht; nur sein allerergebenster Diener."

"Ach, daher wissen Sie so gut Bescheid", – sagte Silvia. – "Verstehe. Aber was Gott im Einzelnen nun mit dem Gemeinwohl im Sinne hat können Sie mir nicht sagen?"

"Ich schreibe Ihnen eine Adresse auf", – antwortete der Mann nach kurzem Nachdenken. – "Sprechen Sie dort heute abend um 9 Uhr vor; ich werde alles veranlassen."

"Vielen Dank für Ihr Bemühen", – sagte Silvia artig. – "Sie sind sicher sehr einflußreich, wenn Sie alles veranlassen können... Doch wieso schauen Sie so interessiert in meinen Ausschnitt?"

"Weil es mich mit Begeisterung erfüllt zu sehen, wie ein edler Geist auch von einem edlen Körper umkleidet ist", – antwortete der Mann ohne Scheu.

"Ich bin angenehm überrascht, solches von Ihnen hören zu dürfen", – sagte Silvia. – "Denn mir schien, als betrachteten gottgefällige Menschen Ihrer Art die Welt mehr von der geistigen Seite her..."

"Gott bewahre, Gott bewahre", – rief der Mann. – "Gott hat es in seiner allumfassenden Weisheit auf das Beste verstanden, mich vor solch einseitigem Standpunkte zu schützen. Wahre Gottgefälligkeit meidet keineswegs die ja gleichfalls von Gott geschaffenen fleischlichen Genüsse, sondern sucht sie auf, wo immer sie sich bieten. Es hat Gott gefallen, Sie mit einem wohlgeformten Körper zu versehen; und außerdem stattete er Sie aus mit der umsichtigen Großzügigkeit, dieses herrliche Geschenk vor bedürftigen Blicken nicht unnötig zu verstecken; selbst an kalten und feuchten Herbstestagen sich nicht über Gebühr bedeckt zu halten und dem suchenden Auge die erquickende Labsal Ihrer Brüste darzubieten. Wie könnte ich es wagen, nicht in Ihren Ausschnitt zu schauen! Für undankbar müßten Sie mich halten! Für einen Gotteslästerer!"

"Zwar würde ich Sie nicht für einen Gotteslästerer halten, wenn Sie mir nicht in den Ausschnitt schauen würden", – sagte Silvia bescheiden und zog mit einer anmutigen Bewegung den Kragen ihres Mantels weiter auseinander. – "Doch ist mir die Zudringlichkeit Ihrer Blicke wie ein Licht, das mir machtvoll die neblige Trübe dieses Herbsttages durchleuchtet, und Ihre Worte netzen meine Seele wie himmlischer Tau. Nimmer hätte ich in Ihnen solche Weisheit und allumfassende Vielschichtigkeit vermutet; nimmer eine von solch hehrer Genußsucht getragene Schätzung der Formen meiner Weiblichkeit. Ein Vergnügen ist‘s, Ihren dürstenden Blicken die Labsal zu gewähren, nach der sie begehren; und mit Freuden will ich Ihrem Genusse opfern, was Gott mir zu freier Verwaltung geschenkt." — Und gedankenverloren öffneten ihre zarten Finger einen Knopf ihres flauschigen Mantels.

"Aus Ihren Worten spricht der von hehrer Gottesfurcht getragene Wille zur Ausschweifung", – sagte gerührt der Mann. – "Und ist es nicht die Aufgabe eines jeden gottesfürchtigen Menschen, solch edlem Willen die rechten Bahnen zu weisen? Kommen Sie heut Abend zur angegebenen Stunde an die angegebene Adresse; Sie werden es nicht bereuen!"

"Ich werde kommen", – antwortete Silvia. – "Ihre Worte haben mich davon überzeugt, daß Sie der Mann sind, dem ich mich anvertrauen kann."

"Sie werden es nicht bereuen", – wiederholte der Mann. – "Bis heute abend."

"Bis heute abend", – sagte Silvia.

Der Mann ging eilig weiter und verschwand im Gedränge der Straße.

© Raymond Zoller
Zur russischen Übersetzung





Diesen Text findet man, neben vielen anderen, in dem Taschenbuch

Raymond Zoller

Wie ich den König vom Pferd schubste

und sonstiges Episodisches

RaBaKa-Publishing, Edition Ivata
Erscheinungstermin: Juni 2013
Preis: 16,90 €
Seitenzahl: 196
ISBN: 978-3-940185-25-9


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Vertrieb des Seminar-Verlags
versuchen. Auf der durch das Link angesteuerten Seite ganz nach unten scrollen; dort findet man ihn]

Die Erzählungen kennzeichnet eine für Zoller typische inhaltliche Unernsthaftigkeit, kombiniert mit einer streng durchgestalteten Form. Die Szenen und Orte der Erzählungen reichen hinein ins Reich des Fantastischen; aber auch ganz normale Alltagsszenen weiß der Autor ins Absurde zu führen. Seine Protagonisten verhalten sich so, wie es nach Ansicht Zollers nicht allein Romanfiguren gut stände, sondern auch dem regelkonformen „Zivilisationisten“.

(Erika Reglin-Hormann)

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