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Exponentialrechnung




"Seien sieben Hausbesitzer", – sagte Erwin. – "Jeder Hausbesitzer besitzt sieben Häuser. In jedem Haus leben sieben Hunde, von denen jeder sieben Katzen frißt. Jede Katze frißt sieben Mäuse, und jede Maus sieben Weizenkörner. Wieviel Weizenkörner werden gefressen?"

Erwin legte sich behaglich zurück und schaute triumphierend in die Runde.

"Und das hast du dir ausgedacht?" – flüsterte Silvia bewundernd. – "Raffiniert!"

"Ja. Das habe ich mir ausgedacht, um dem Egon, meinem Sohn, die Exponentialrechnung beizubringen", – sagte Erwin.

"Und er versteht sie jetzt?" – fragte Anton.

"Nein", – antwortete Erwin.

Schweigend saßen sie in ihren Sesseln, bis Otto einwarf:

"Mein Großvater väterlicherseits hatte einen Hund, der fraß jede Katze; mein Großvater mütterlicherseits hingegen hatte einen Hund, der vor jeder Katze Reißaus nahm. Ich glaube, man darf hier nicht verallgemeinern. Wäre zum Beispiel unter diesen Hunden der Hund meines Großvaters mütterlicherseits, so würde die Rechnung nicht stimmen."

"Aber dein Großvater mütterlicherseits ist doch sicher schon längst tot, und sein Hund auch?" – meinte Silvia.

Anton biß sich auf die Lippen. – "Sicher führt Otto den Hund seines Großvaters mütterlicherseits nur als Beispiel an, als pars pro toto; gewissermaßen als Repräsentanten jener Sorte von Hunden, die Katzen nicht fressen, sondern vor ihnen Reißaus nehmen."

"Und dann gibt es sicher auch Hunde, die sich Katzen gegenüber neutral verhalten. Die Mätresse meines Urgroßvaters..."

"Dein Urgroßvater hatte eine Mätresse?"

"Ja. Er war eine hochgestellte Persönlichkeit und hatte eine Mätresse..."

"Unsereiner geht einfach nur fremd und hält das so weit als möglich geheim; doch wer es weit bringt, darf sich ganz offen eine Mätresse halten."

"Das war früher; heute ist es anders."

"Und deine Urgroßmutter wußte von dieser Mätresse?"

"Natürlich wußte sie von ihr. Sie lud sie häufig zum Tee ein und mochte sie überhaupt recht gerne. In meinem Familienarchiv ist ein Brief von ihr erhalten, darin sie schreibt, daß mein Urgroßvater einen ausgesprochen guten Geschmack hat."

"Nun, vielleicht bezog sie diesen guten Geschmack auf sich selbst?"

"Nein. Sie sprach ausdrücklich von der Mätresse."

"Das waren noch Zeiten..." – seufzte Karl-Egon. – "Und was war mit dieser Mätresse? Warum erwähnst du sie?"

"Weil sie einen Hund hatte, der Katzen mochte."

"Das heißt, der Hund der Mätresse deines Urgroßvaters hätte, gleich dem Hund von Ottos Großvater mütterlicherseits, Erwins Rechnung zunichte gemacht."

"Vielleicht ist in einer Welt mit so unstabilen Faktoren die Exponentialrechnung nicht anwendbar? Da braucht nur ein Hund aufzutauchen, der vor Katzen Reißaus nimmt, oder ein anderer, der sie mag, und das ganze System bricht auseinander. Mir scheint, daß die Menschheit für die Exponentialrechnung noch nicht reif ist und daß es bescheidener und ehrlicher wäre, bei der Multiplikation stehenzubleiben. Oder gar bei der Addition: Um wirklich jede Eventualität im Blick zu haben. Dann hat man genaue Übersicht: Dieser Hund frißt sieben Katzen; jener hat Bauchweh und frißt nur drei; der dritte hat Angst vor ihnen und nimmt Reißaus, wenn er sie sieht; und so weiter..."

"Mir ist die gesamte Rechnung unverständlich..." – meldete sich Rherry zu Wort.

"Wieso? Hast du in der Schule keine Exponentialrechnung gehabt?"

"Schon... Aber zum Beispiel wird nicht gesagt, ob die Katzen gefressen werden, bevor sie die Mäuse fressen, oder ob sie nachher gefressen werden."

"Was macht denn das für einen Unterschied?"

"Weil eine gefressene Katze keine Mäuse mehr fressen kann..."

"Ach so... Na, dann werden sie wohl nachher gefressen..."

"Das müßtest du rechtzeitig sagen... Und das gleiche ist mit den Mäusen und den Weizenkörnern..."

"Auch die Mäuse werden gefressen, nachdem sie die Weizenkörner gefressen haben"

"Und dann müßtest du die Frage deutlicher formulieren. Etwa so: Wieviele Weizenkörner werden von den in Betracht stehenden Mäusen gefressen..."

"Das mit dem 'in Betracht stehenden' würde der Egon nicht verstehen..."

"Aber es ist wichtig, daß man diese Mäuse ganz besonders hervorhebt; ganz egal, ob er versteht oder nicht. Denn zu dem Zeitpunkt, da sie die Weizenkörner fressen, unterscheiden sie sich durch nichts von allen anderen Weizenkörner fressenden Mäusen. Unterscheiden würden sie sich dann, wenn sie da bereits von den in Betracht stehenden Katzen gefressen wären.“

„Aber du sagtest doch selbst, daß eine gefressene Maus keine Weizenkörner mehr fressen kann?“

„Deshalb kann sie zu dem Zeitpunkt, da sie die Weizenkörner frißt, auch noch nicht gefressen sein...“ Rherrys Stimme klang gereizt. „Aber sie wird gefressen; und zwar nicht von irgendwem, sondern von einer Katze, die gleich anschließend von einem Hund aufgefressen wird. Dem eingeweihten Beobachter ist bekannt, daß es innerhalb der Menge sämtlicher zum gegebenen Zeitpunkt vorhandener Mäuse eine Untermenge gibt, welche dadurch definiert ist, daß jede dieser Mäuse sieben Weizenkörner frißt und gleich anschließend von einer Katze aufgefressen wird, die ihrerseits, nachdem sie sie gefressen hat, von einem bestimmte Bedingungen erfüllenden Hund aufgefressen wird.“

„Was für Bedingungen soll der Hund erfüllen? Die Hunde fressen die Katzen; ganz ohne Bedingungen. Von Bedingungen habe ich nichts gesagt.“

„Du hast sie genannt, die Bedingungen!“ – rief Rherry. – „Wer, wenn nicht du, hat gesagt, daß die Hunde, welche die Katzen fressen, zu der Menge jener Hunde gehören, welche auf die sieben mal sieben den Hausbesitzern gehörenden Häuser verteilt sind!“

„Du drehst mir das Wort im Munde herum!“ – Erwin schlug mir der Faust auf den Tisch. „So habe ich das nicht gesagt! Ich habe das ganz anders gesagt. Und keinerlei Bedingungen habe ich gestellt. Hunde sind Hunde, die hören auf keine Bedingungen; die fressen die Katzen, und fertig!“

„Es sei denn, wie mögen sie...“ warf Otto ein. „Oder haben Angst vor ihnen und nehmen vor ihnen Reißaus.“

— Im Weiteren ergab es sich dann, daß zweie von den Anwesenden unter schwer zu rekonstruierenden Umständen zum Fenster hinausgeworfen wurden; wobei aber zum Glück ihr Sturz durch einen unter dem Fenster gelegenen Misthaufen weich aufgefangen wurde und sie, genau wie weiland Slavata und Martinic1, weiter nicht zu Schaden kamen.

Ob Egon, Erwins Sohn, die Exponentialrechnung inzwischen versteht, ist nicht bekannt.


1) Slavata und Martinic: Wurden am 23. Mai 1618 in Prag zum Fenster hinausgeworfen und kamen, gleichfalls dank einem Misthaufen, nicht zu Schaden. Ihre wundersame Rettung hat damals größtes Aufsehen erregt und wird bis auf den heutigen Tag von den Historikern immer wieder erwähnt




© Raymond Zoller
Zur russischen Fassung





Diesen Text findet man, neben vielen anderen, in dem Taschenbuch

Raymond Zoller

Wie ich den König vom Pferd schubste

und sonstiges Episodisches

RaBaKa-Publishing, Edition Ivata
Erscheinungstermin: Juni 2013
Preis: 16,90 €
Seitenzahl: 196
ISBN: 978-3-940185-25-9


[Sollte der vom Pferde geschubste König über den Buchhandel nicht mehr erhältlich sein, so kann man es über den
Vertrieb des Seminar-Verlags
versuchen. Auf der durch das Link angesteuerten Seite ganz nach unten scrollen; dort findet man ihn]

Die Erzählungen kennzeichnet eine für Zoller typische inhaltliche Unernsthaftigkeit, kombiniert mit einer streng durchgestalteten Form. Die Szenen und Orte der Erzählungen reichen hinein ins Reich des Fantastischen; aber auch ganz normale Alltagsszenen weiß der Autor ins Absurde zu führen. Seine Protagonisten verhalten sich so, wie es nach Ansicht Zollers nicht allein Romanfiguren gut stände, sondern auch dem regelkonformen „Zivilisationisten“.

(Erika Reglin-Hormann)

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