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Ins Land des Lasters

Die xakrolesischen Könige




„Wenn du die Feinde besiegt hättest, wäre uns das alles erspart geblieben,“ sagte König Hürdogakh II zu seinem Feldherrn Kraxakh, nachdem sie, die kurze Abwesenheit des Wirtes nutzend, nach ausgiebigem Mittagessen ohne zu zahlen aus der Gastwirtschaft entwichen waren.

„Ich sagte dir doch, daß ich keine Feinde besiegen kann, wenn du vor der Entscheidungsschlacht meine ganzen Offiziere zu einem Bittgottesdienst abkommandierst...“ Kraxakh schaute sich vorsichtig um; und nachdem er sich vergewissert hatte, daß niemand ihnen folgt, fuhr er fort: „Ohne Offiziere wissen die Soldaten nicht, was sie tun sollen; und weil sie nicht wissen, was sie tun sollen, können sie nicht siegen und werden stattdessen selbst besiegt“

„Vielleicht mußte das so kommen, und es war es Gottes Wille, daß die Feinde das Land besetzten“, murmelte Hürdogakh II nachdenklich. „Das Essen in der Gastwirtschaft war schmackhafter als das Essen, das man uns bei Hofe zu servieren pflegte.“

„Dafür konnten wir es nicht bezahlen,“ antwortete Kraxakh. Noch einmal wandte er sich vorsichtig um. Niemand folgte ihnen.

Doch schon an der nächsten Weggabelung wurden sie von zwei berittenen Gendarmen eingeholt und wegen Zechprellerei festgenommen. Die Gendarmen brachten sie zum Wirt, der sie aufforderte, die Zeche zu bezahlen sowie Entschädigung zu entrichten für den Schrecken und die Aufregung. Und auch den Gendarmen sollten sie das amtlich für Zechprellerei festgesetzte Bußgeld entrichten sowie den Aufwand vergüten, welchen der Staatsapparat wegen ihres Vergehens hatte auf sich nehmen müssen.

Da sie aber all ihr Geld in dem von Feinden besetzten Reiche zurückgelassen hatten, konnten sie weder den Wirt bezahlen noch die Gendarmen; und schon wollten letztere sie mitnehmen, um sie ins Gefängnis zu werfen, als der Wirt, welcher Eduard hieß und keine Lust mehr hatte, selber zu kochen und zu servieren, ihnen vorschlug, die geschuldeten Beträge in seiner Gastwirtschaft abzuarbeiten. Die beiden fanden, daß es besser ist, in einer Gastwirtschaft zu arbeiten, als im Gefängnis zu darben, und nahmen den Vorschlag an. Der Wirt bezahlte die dem Staate geschuldete Summe aus eigener Tasche; die Gendarmen bestellten jeder noch ein Glas Bier und zogen dann vergnügt von dannen.

Und so wurde aus dem Feldherrn Kraxakh ein Koch, und aus König Hürdogakh II ein Kellner.

Eduard, der Wirt, begnügte sich fortan, Wirt zu sein und jeden Abend die Einnahmen einzukassieren; und so kam es, daß bald schon jenes Gasthaus, das bislang von allen gerühmt wurde wegen seiner hervorragenden Küche, berüchtigt war für seine ungenießbaren und schwer verdaulichen Speisen. Den Wirt störte das nicht; denn sein Etablissement war weit und breit das einzige an einer viel begangenen und viel befahrenen Straße, und er fand zu Recht, daß jemand, der wirklich Hunger hat notgedrungen mit den von Kraxakh zubereiteten Speisen vorlieb nehmen wird; ganz egal, wie übel sie schmecken und wie schwer verdaulich sie sind.

Doch mit der Zeit wurde ihm langweilig, nur Wirt zu sein; und da ihm keine bessere Beschäftigung einfiel, machte er sich daran, Kraxakh das Kochen beizubringen. Was zu dem unerwarteten Ergebnisse führte, daß Kraxakh unter solch kompetenter Anleitung in glühender Begeisterung für die Kochkunst entbrannte und schon nach kürzester Zeit seinen Lehrmeister an Können überflügelte. Der Wirt, dessen Tätigkeit als Lehrmeister durch die explosionsartige Entwicklung seines Schülers plötzlich überflüssig wurde und der schon wieder nichts Rechtes mehr zu tun hatte, verfiel nun auf den Gedanken, seine Zeit mit dem Aufsuchen und Aufkaufen von Lebensmitteln, Gewürzen und sonstigen Zutaten auszufüllen; und durch dieses Zusammenwirken des zum Aufkäufer gewandelten Kochs mit dem zum Koch gewandelten Feldherrn war der einstige gute Ruf der Gaststätte alsbald wieder hergestellt und kurz darauf sogar überflügelt. Kraxakh fand, daß es interessanter ist, als Koch zu arbeiten bei einem Wirt, der einen mit den nötigen Zutaten versorgt, denn als Feldherr bei einem König, der einem die Armeeführung durcheinanderbringt, und wurde von Tag zu Tag besser.

Was Hürdogakh II betrifft, so war der nicht besser als andere Kellner, aber auch nicht schlechter. Gewissenhaft notierte er alles, was die Gäste bestellten, schüttete nie Wein, Kaffee oder gar Suppe auf einen Gast, war immer freundlich, und wo es angebracht war, lächelte er. In seinem Herzen aber war er unzufrieden. Er haderte mit seinem ehemaligen Feldherrn Kraxakh, der, weil er die Feinde nicht besiegt hatte, ihn in diese Lage gebracht hatte; und vor allem haderte er mit seinem Gotte, der trotz des Bittgottesdienstes es geschehen ließ, daß die Feinde ihn aus seinem Reiche verjagten.

***

Eines Tages machte ein Sklavenhändler Rast in ihrer Gaststätte, der hatte eine ganze Fuhre Sklavinnen dabei, die er vor kurzem in Xakrolesien, dem einstens von Hürdogakh II beherrschten Reiche, aufgekauft hatte. Bei der Gelegenheit erfuhren Hürdogakh II und Kraxakh, daß die Feinde, die sie aus ihrem Lande vertrieben hatten, später von weiteren Feinden besiegt und vertrieben wurden; und die Frauen, die der Sklavenhändler mit sich führte, war der ganze Bestand des Serails, welches der vorherige König, derjenige also, der Hürdogakh II vertrieben hatte, zu seinem und seiner Minister Vergnügen angelegt hatte.

Wie der Sklavenhändler erzählte, bevorzugt der neue König mitsamt seinen Ministern dicke Frauen mit Hängebrüsten; und da es in jenem Serail keine einzige Insassin gab, die diesem Geschmack entsprochen hätte, wurde der gesamte Bestand verkauft. Der Wirt und sein berühmter Koch wurden eingeladen, sich die Ware anzuschauen; und wie erstaunt war Kraxakh, als er auf der Fuhre inmitten der schönsten Hofdamen ihres einstigen Hofstaates Anita I, seine einstige Königin, erblickte, die Frau also von Hürdogakh II, den der Sklavenhändler, da er nur ein einfacher Kellner war, zu der Besichtigung nicht eingeladen hatte; und auch die Frau des ehemaligen Unterrichtsministers war dabei und die Nichte des ehemaligen Finanzministers; und alle waren sie lustig und guten Mutes. Kraxakh mietete sich seine ehemalige Königin für ein Schäferstündchen, und der Wirt die Nichte des einstigen Finanzministers; und Kraxakh hatte nach Befriedigung seiner Lüste noch eine sehr lange Unterhaltung mit seiner einstigen Königin. Sie fand es amüsant, daß ihr ehemaliger Mann nun als Kellner arbeitete; denn sie hätte immer schon das Gefühl gehabt, daß dieser Hürdogakh eigentlich nichts Königliches an sich hat, sondern eher etwas Lakaienhaftes; und sie begrüßte es, daß das Schicksal ihm nun endlich die Gelegenheit gegeben hat, das in ihm Veranlagte richtig auszuleben. Für sich selbst meinte sie, daß sie erst als Lustsklavin dazu kam, sich richtig zu entfalten, während sie als Königin wie in einer hemmenden Maske herumlief. Kraxakh’s Karriere vom glücklosen Feldherrn zum berühmten Koch amüsierte sie und bestätigte sie in ihrer Vermutung, daß die Feinde, die damals das Land besetzten, durch irgendwelche wohlgesonnene göttliche Kräfte gelenkt waren.

Und dann bat sie Kraxakh um eine kleine Gefälligkeit: Ob er es nicht organisieren könne, daß sie vor den Augen von Hürdogakh II als Strafe für irgendetwas ausgepeitscht wird?

Kraxakh gab zu bedenken, daß solches recht weh tut; doch Anita antwortete, sie sei im Serail häufig gepeitscht worden, und sie fände das ganz anregend; vor allem aber fände sie es anregend, vor ihrem zum Kellner degradierten ehemaligen Mann gepeitscht zu werden.

Kraxakh versprach, sich was einfallen zu lassen.

***

Der Sklavenhändler, der Tranioxos hieß, bekundete die Absicht, länger zu bleiben; und so wurde den Sklavinnen für die Dauer ihres Aufenthalts in der Herberge ein eigener Flügel zuerteilt. Auf einer internen Besprechung zwischen Eduard, Kraxakh und Tranioxos wurde beschlossen, daß Hürdogakh II ihnen das Essen bringt; und auf Anraten von Kraxakh wurde zusätzlich festgelegt, daß es den Sklavinnen bei Strafe verboten ist, mit dem Kellner zu sprechen.

Hürdogakh II zeigte sich weiter nicht beeindruckt davon, daß unter den Sklavinnen seine ehemalige Frau ist. Mit unnahbarem Lächeln ging er seinen kellnerischen Pflichten nach, den Sklavinnen und auch seiner ehemaligen Frau gegenüber hochmütig unnahbar, bei den übrigen Gästen devot unnahbar.

Und unter seinem unnahbaren mal devoten, mal hochmütigen Lächeln schmiedete er Rachepläne gegen Gott und die Welt.

Eines Tages passierte es, daß in Anwesenheit des Sklavenhändlers Anita Hürdogakh plötzlich wie verstohlen ansprach. Hürdogakh antwortete nicht. Der Sklavenhändler winkte ihn zu sich und erinnerte mit drohender Stimme, daß es verboten ist, sich mit den Sklavinnen zu unterhalten. Hürdogakh antwortete, die Frau habe ihn angesprochen; er selbst habe nichts gesagt.

So kam es, daß Anita noch am gleichen Abend im großen Saal zum Vergnügen der Gäste gepeitscht wurde, während Hürdogakh II, wie es sich gehört, die Anwesenden mit Speisen und Getränken versorgte.

Vor der Exekution brache er, auf Anordnung von Kraxakh, Anita ein Glas Wein und hielt es der nackt mit nach oben gezogenen Händen auf die Peitsche wartenden an die Lippen. Anita trank mit sichtlichem Genuß den Wein, zwinkerte ihm schelmisch zu und sagt „Danke“; was Hürdogakh mit hochmütigem Lächeln und der Sklavenhändler mit Erhöhung der Zahl der zu verabreichenden Hiebe quittierten. Nach der Exekution rieb Hürdogakh, gleichfalls auf höhere Anordnung, der gefesselten die stark gerötete Rückseite mit einer Salbe ein.

Anita wurde weggebracht, Hürgokh II wusch sich die Hände, damit von der Salbe nichts in die Speisen gerate, und ging weiter seinen kellnerischen Pflichten nach.

***

Kraxakh fand großes Gefallen an diesem Intermezzo, zu dem er aufgrund von Anitas Bitte eigenhändig die Weichen gestellt hatte. Anitas Motive und die gesamten Hintergründe sah er wie durch Nebel, ohne sie richtig greifen zu können. Sollte er, nachdem er Feldherr und auch Koch gewesen ist, irgendwann weiter zum Beruf des Seelenforschers oder Schriftstellers wechseln, so würde er sicher versuchen, sie ans Licht zu ziehen. Doch nun war er Koch und wurde zunehmend auch mit organisatorischen Aufgaben betraut; so daß er keine Zeit hatte für solche Feinheiten.

Eduard erging sich in Überlegungen, die ganzen Sklavinnen aufzukaufen und die Gaststätte zu einem Vergnügungszentrum zu erweitern.

Aus einer Reihe von Gründen schien es ihm günstiger, wenn dazu eine GmbH gegründet wird, in welcher auch Kraxakh als Teilhaber figuriert, da es doch recht unschicklich ist, wenn der inzwischen zu Weltruhm aufgestiegene Koch als einfacher Angestellter arbeitet.

Und so entstand alsbald schon ein Vergnügungspark mit dem Namen „Die violette Auster“, und Träger war die „Violette-Auster-GmbH“ mit Eduard und Kraxakh als Gründungsmitgliedern.

Tranioxos verkaufte seine ganzen Sklavinnen an die Violette Auster und kaufte im Gegenzug Eduards Frau, die eher dem Schönheitsideal der derzeitigen xakrolesischen Regierung entsprach und die er mit Gewinn an das dortige Serail zu verkaufen hoffte. Der Frau war es recht, da sie sich durch solche Veränderung ein Durchbrechen ihres tristen Alltags versprach; der Wirt war froh, seine Frau los zu sein und sich ungestört den frisch erworbenen, eher seinem Geschmack entsprechenden Lustsklavinnen widmen zu können; so daß durch einen solchen Schritt praktisch allen gedient war.

Auch Hürdogakh II war mit dieser Wendung zufrieden. Für seine eigene Lage erhoffte er sich zwar keine Verbesserung; er ging davon aus, daß er auch weiterhin als Kellner arbeiten wird, es sei denn, er verläßt diesen Ort und schlägt sich als Vagabund durch. Daß sowohl der Wirt als auch sein ehemaliger Feldherr ihn verachteten, spürte er; und daß man ihm, dem Ausgestoßenen, eine andere Arbeit denn die Arbeit als Kellner anvertrauen wird, schien ihm unwahrscheinlich.

Zu seinen Racheplänen paßte das dafür sehr gut. Die erotische Atmosphäre zog ihn weniger wegen der Erotik an – gegen die er bereits gehörig abgestumpft war – sondern vielmehr deswegen, weil er sich von seinem Religionsunterricht her noch diffus erinnerte, daß Gott, an dem er sich rächen wollte, sowas nicht mag. Und auch an seiner Frau wollte er sich rächen und an allen anderen; und durch die Erweiterung des Gasthofs zu einem Vergnügungszentrum, in dem die ganzen ehemaligen Hofdamen mitsamt seiner ehemaligen Frau als Lustsklavinnen zu dienen haben, wird er für seine Rache zweifellos mehr Hebel haben, als wenn das alles nicht wäre.

Er blieb denn auch, wie er vermutet hatte, weiterhin Angestellter; nur, daß er zum Oberkellner avancierte und je nach Arbeitsanfall aus dem Serail Hilfskräfte hinzuziehen durfte. Im Falle von Verfehlungen konnte er seine Kellnerinnen an den Pranger stellen oder gar peitschen lassen; was er, zum Vergnügen der Gäste, ganz ausgiebig nutzte. Erst jetzt verstand Hürdogakh, wie schön es ist, Macht zu haben; als König war er damit aufgewachsen und kannte nichts anderes; und weil er nichts anderes kannte hatte er nichts davon gemerkt. Deutlich wurde es ihm erst im Kontrast zu seiner erniedrigenden Machtlosigkeit als Kellner.

Außerdem wurde ihm die Oberaufsicht über das Serail übertragen. Normalerweise werden zu solchen Aufgaben Eunuchen herangezogen. Hürdogakh war zwar kein richtiger Eunuch; aber da er in seiner inneren Vertrocknung gegen weibliche Reize bereits weitgehend abgestumpft war, schien er für solche Funktion verwendbar. Aber er war nicht völlig abgestumpft; und weil er nicht völlig abgestumpft war, gestattete man ihm, jeden Mittwoch eine Sklavin seiner Wahl mit aufs Zimmer zu nehmen; außer seiner ehemaligen Frau, die als ganz besonderer Leckerbissen galt und für besondere Gäste vorbehalten blieb. Übrigens nicht wegen ihres einstigen Status als Königin galt sie als ganz besonderer Leckerbissen, sondern rein als sie selbst, als Anita, als Frau von atemberaubender Schönheit und wilder Leidenschaftlichkeit; und ihre Leidenschaftlich entzündete sich jedesmal, wann immer sie als Lustsklavin Verwendung fand, entweder an irgendwelchen besonders anziehenden Eigenarten des betreffenden Mannes; oder auch, wenn dem Manne, dem sie sich hinzugeben hatte, jegliche positiven Eigenschaften fehlten – entzündete sie sich am Rausche der Erniedrigung; keine Situation, keine Perversion, in der sie nicht im Nu das Wesentliche erfassen würde; selbst bei ihr bislang unbekannten Praktiken erfaßte sie sofort, wie sie dem Manne ein Höchstmaß an Genuß verschaffen kenn; und je mehr sie sich dabei erniedrigte, umso leidenschaftlicher wurde sie.

***

Doch kommen wir zurück zu dem Moment, da der Sklavenhändler dem Wirt sein ganzes Kontingent an Sklavinnen verkauft:

Im Gegenzug kaufte er also dem Wirt seine Frau ab; und anschließend kaufte er in großer Hast sämtliche dicke Frauen mit Hängebusen auf, die er in der Umgebung finden konnte, und zog dann eilig mit seiner Ware zurück nach Xakrolesien, um sie an das dortige Serail abzustoßen, bevor wieder andere Machthaber mit vielleicht anderer Geschmacksrichtung das Land in ihren Besitz nehmen.

Er kam gerade noch rechtzeitig. Kurz nachdem er die Ladung verkauft hatte, wurde das Land von einem Söldnerheer unter dem Feldherrn Xapaxas eingenommen. Xapaxas war in Liebe zu der einstigen Königin Anita entbrannt; und da hatte er kurzerhand jenes Söldnerheer zusammengestellt, um das Land einzunehmen und es Anita zurückzugeben. Er machte sich zum König, sah jedoch davon ab, den alten König, den Gebräuchen entsprechend, einzusperren oder des Landes zu verweisen. Der abgesetzte König blieb mitsamt den Mitgliedern seiner einstigen Regierung im Lande; und sogar das Serail beließ man ihnen. Xapaxas unterbreitete Anita durch einen Boten den Vorschlag, ihn zu heiraten und an seiner Seite gemeinsam mit ihm das Reich, das man ihr genommen, zu regieren. Anita lehnte dankend ab, sagte, sie sei lieber Lustsklavin als Königin, und legte ihrer Antwort einen Prospekt des Etablissements bei, in dem sie die Gäste ihrer Herren zu verwöhnen hat.

Xapaxas verfiel ob dieser Antwort in großen Kummer, verließ, ohne daß jemand ihn hätte absetzen müssen, das von ihm eroberte Reich und wanderte ruhelos durch die Welt. – Der Thron war nun wieder frei für den zuletzt abgesetzten König; doch der wollte ihn nicht mehr haben, da er davon ausging, daß früher oder später wieder Feinde ins Land einfallen und ihn aufs Neue absetzen werden; und wer weiß, ob er dann nochmal so glimpflich davonkommen wird. Xapaxas hatte ihm das Serail, durch einen Vertrag mit richtigem Siegel verbürgt, als persönliches Geschenk übergeben; und in diesem Serail lebte er nun als Privatmann, vergnügte sich mit seinen dicken Frauen und vermietete sie an Männer mit entsprechendem Geschmack.

Doch keine Feinde kamen, und ungewöhnlich lange blieb das Land ohne König.

***

Eduard überlegte, ob es nicht sinnvoll sein könnte, wenn er oder Kraxakh sich zum xakrolesischen König machen würde, da man dann das Etablissement in den dortigen Königspalast verlegen könnte. Kraxakh meinte zwar, daß eine GmbH als Träger ihres Etablissements eine sicherere Grundlage ist als ein Königsthron, der dauernd mit den Angriffen irgendwelcher Feinde zu rechnen hat; doch ließ er sich von Eduard überreden, die Sache zumindest mal in Augenschein zu nehmen.

Und so machten sie sich auf den Weg nach Xakrolesien. Die Leitung des Etablissements übergaben sie für die Zeit ihrer Abwesenheit an Hürdogakh II.

Die Xakrolesen, der langen Königslosigkeit müde, bestürmten Kraxakh, ihr neuer König zu werden; und da Eduard ihm unermüdlich vorrechnete, welche Vorteile ein solcher Posten für ihr Etablissement mit sich bringen würde, nahm er schließlich, allen Bedenken zum Trotz, an.

Nach Kraxakh’s feierlichen Thronbesteigung bereiteten sie umgehend die Räume des Königspalastes vor für die Aufnahme ihres Etablissements; und wie sie damit fertig waren und Eduard sich anschickte, abzureisen und den Umzug in die Wege zu leiten – ereilte sie die Kunde, daß Feinde im Anzug sind; und da Kraxakh noch keine Zeit gehabt hatte, sich um die Belange der Armee zu kümmern und nicht sicher war, ob der Angriff sich zurückschlagen läßt, beschlossen sie, zu fliehen.

So verließen sie, nach hoffnungsvollem Anlauf, beide unverrichteter Dinge das Land; und wie sie zurückkamen in ihr Etablissement, da mußten sie feststellen, daß Hürdogakh II durch irgendwelche juristische Winkelzüge alles in seinen Besitz gebracht hat. Zwar schlug Hürdogakh Kraxakh vor, fortan als angestellter Koch bei ihm zu arbeiten und dem Wirt – als angestellter Aufkäufer; doch beide lehnten ab.

Hürdogakh II sah davon ab, sie lange zu überreden, da er – wohl zu Recht – der Ansicht war, daß bei dem derzeitigen Ambiente des Etablissements die Qualität der Speisen nicht mehr von solch zentraler Bedeutung ist.

Hürdogakh hatte inzwischen ein interessantes Programm zusammengestellt, zu dem aus allen Ländern der Erde interessierte Zuschauer heranströmten; und wegen dieses Programms war das Etablissement inzwischen sogar noch berühmter als früher durch die Kochkünste von Kraxakh. So wurde jeden Mittwoch Abend durch erfahrene Büttel, welche es verstanden, ohne sie zu beschädigen ihr die saftigsten Schreie zu entlocken, die ehemalige Königin zwei Stunden lang, und manchmal sogar länger, auf einer eigens errichteten und mit entsprechendem Instrumentarium versehenen Bühne gefoltert; und vieles andere mehr gab es nun dort zu sehen und zu erleben.

Für Hürdogakh gehörte dieses Programm zum Umfang seiner Rache; und hätte er gemerkt, welches Vergnügen Anita selbst an diesen Darbietungen hatte, so hätte er sich sicher etwas anderes einfallen lassen. Doch war er zu vertrocknet, um irgendwas zu merken.

***

Eduard und Kraxakh verließen den Ort ihres einstigen Wirkens, dessen Hürdogakh II sie so schmählich beraubt hatte; und wie sie so durch die Welt vagabundierten und überlegten, was man tun könnte, trafen sie den in unglücklicher Liebe gleichfalls herumvagabundierenden Xapaxas, der sich ihnen anschloß; und zu guter Letzt stießen die drei Vagabunden auf Tranioxos, den Sklavenhändler, den inzwischen auch einige Mißgeschicke ereilt hatten; allerdings keine solche, die seine Handlungsfähigkeit ernsthaft beeinträchtigt hätten. Sie schlossen sich zusammen, und zu viert schmiedeten sie nun Pläne für die weiteren Schritte.

Da Tranioxos, allen vorangegangenen Mißgeschicken zum Trotz, noch immer über genügend Mittel verfügte, hatten die Viere bei ihrem Pläneschmieden eine gewisse Freiheit zum Disponieren.

An einem Mittwochabend besuchten sie gemeinsam die Violette Auster; und von einem teuer bezahlten Ehrenplatz aus schauten sie zu, wie man Anita folterte. In dem zunächst in Verzweiflung versunkenen Xapaxas ging dabei eine bemerkenswerte Verwandlung vonstatten.

Er verstand, daß er die Situation, um sie ändern zu können, erst mal so hinnehmen muß, wie sie ist; daß man jede beliebige Angelegenheit von den allerverschiedensten Seiten her betrachten kann und daß man, wenn man sich von den Seiten einfangen läßt, die einem nicht passen, durch den daraus entstehenden Schmerz nur handlungsunfähig wird.

Und es gelang ihm, die Angelegenheit von den ungewohntesten Seiten her zu erleben; was dazu führte, daß er die Darbietung vortrefflich fand; und wie sie nach der Darbietung zusammen mit den Bütteln bei einem Glas Wein zusammensaßen, machte er ihnen sogar Vorschläge, was man besser machen könnte.

Xapaxas hatte dann auch nichts dagegen, eine Anstellung als Büttel anzunehmen; vor allem, da eine solche Anstellung es ihm erlaubte, in der Nähe der angebeteten Anita zu sein. Unverändert war er ihr verfallen; nur hatte die Art seines Verfallenseins eine gewisse Wandlung durchgemacht. Er begrüßte es nun, daß sie damals sein Angebot nicht angenommen hatte, da solches auf Dauer zweifellos zu endloser Langeweile geführt hätte. Anita erwiderte seine nunmehr modifizierte Zuneigung; und beide waren einhellig der Ansicht, daß Anitas derzeitiger Status genau das richtige ist und daß man höchstens die äußeren Umstände etwas ändern sollte.

Und die Umstände wollte man in der Tat auch weiterhin ändern. Tranioxos hatte sich, zusammen mit Eduard und Kraxakh, in der Nähe niedergelassen; und regelmäßig trafen sich die Viere zu Beratungen bezüglich der Frage, auf welchen Wegen man Hürdogakh II die Violette Auster wieder entreißen könnte.

So kam es, daß Xapaxas Kontakt aufnahm mit seinen einstigen Söldnern, die sich fast alle in dem eroberten und von ihm freiwillig verlassenen Xakrolesien niedergelassen hatten und die ihn nach wie vor als fähigen und mutigen Feldherrn sehr verehrten. Und es bereitet keinerlei Probleme, mit Hilfe dieser Söldner den derzeitigen König zu stürzen; und neuer König wurde, nun schon zum zweiten Male, Xapaxas; und da er, eben, zum zweiten Male den Thron bestieg und da er, wie er fand, inzwischen eine gewisse Wandlung durchgemacht hatte und nicht mehr der gleiche war wie früher, bestieg er ihn als Xapaxas II. Wie es seiner Art entsprach – wenn er nicht gerade Liebeskummer hatte – stürzte er sich sofort in rege Tätigkeit, um das Erreichte zu stabilisieren und weiterzuentwickeln.

Kraxakh wurde wieder oberster Feldherr und begann sofort mit der Organisation einer einsatzfähigen Armee. Da Xapaxas als König sehr vernünftig war und zudem selbst vom Fach, war eine inkompetente Einmischung in die Belange der Armee nicht zu befürchten; so daß er keinerlei Bedenken hatte, in seinen früheren Beruf zurückzukehren.

Und dann, eines Tages, oder, genauer, eines Nachts wurde die Violette Auster von einer unüberschaubaren Zahl Bewaffneter umstellt, die alle Sklavinnen und auch das ganze Inventar auf mitgebrachte Fuhren verluden; und auch Hürdogakh II kam, mit starken Ketten gefesselt, auf eine dieser Fuhren; und Tage später zog er als Gefangener ein in den Palast, wo er einstens als König gewohnt hatte.

Die Violette Auster wurde in genau jenen Gemächern untergebracht, die einstens Eduard und Kraxakh zu diesem Zwecke vorbereitet hatten, und Hürdogakh wurde vor die Wahl gestellt: entweder das Land zu verlassen, oder wie früher als angestellter Kellner in der Violetten Auster Dienst zu tun. Hürdogakh II entscheidet sich für letzteres, da er keine Lust hatte, als Landstreicher durch die Lande zu ziehen.

Anita aber wurde von Xapaxas geehelicht und zur Königin gemacht; und zwar unter Umständen und Bedingungen, gegen die sie nichts einzuwenden hatte. Nach Lust und Laune ließ der König seine Königin in der Violetten Auster erotische Tänze aufführen; bei Staatsbesuch oder sonstigen besonderen Gelegenheiten wurde sie zum Vergnügen der Gäste gefoltert; und Bürger, die sich besonders verdient gemacht hatten, erhielten mitunter statt eines Ordens ein Schäferstündchen mit ihrer Königin.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.




© Raymond Zoller
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