Die Klamurke Belletristik

Zwischenfliege

Gefangen




"Du und ich wachen in einem Polizeiauto auf, wir sind mit Handschellen an einander gefesselt.
Mit nur 3 Worten, was würdest du zu mir sagen?"
(Unbekannte Autorin)

„Komisch“, – murmelte Ernst und wollte sich die Augen reiben.

Doch er konnte sich nicht die Augen reiben, weil seine Hände hinter seinem Rücken waren und sich aus unerfindlichen Gründen von dort nicht hervorholen ließen. Um seine Handgelenke fühlte er beengende harte Ringe; und dann ertastete er zwei weitere Hände, die nicht die seinen waren.

Er schaute sich um und erblickte hinter seiner eigenen Schulter eine weitere Schulter, die nackt war. Langsam dämmerte ihm, daß das, woran er mit seinem Rücken lehnte, ein weiterer Rücken war, und das, woran sein Hinterkopf anstieß, ein weiterer Hinterkopf.

Da war also noch jemand.

Sie saßen Rücken an Rücken quer auf dem Rücksitz eines fahrenden Kleinbusses, dessen Fenster vergittert waren. Hinter dem vorderen Fenster sah er zwei Köpfe, die Uniformmützen trugen.

„Wer bist du?“ – fragte er die Person, die an seinem Rücken lehnte.

„Renata“, – antwortete eine melodiöse Frauenstimme.

„Renata? Ein schöner Name. Und ich bin Ernst. Was ist los?“

„Du hast geschlafen. Weil du unruhig warst, hat man dir Schlafmittel eingeflößt.“

Wie durch dichten Nebel hindurch erinnerte sich Ernst an irgendwelche verschwommene Ereignisse.

„Es scheint, als habe man uns verhaftet…“ – meinte er fragend.

„Ja,“ – bestätigte Renata. – „Wir wurden verhaftet.“

Er drehte den Kopf, um Renatas Gesicht sehen zu können; doch gelang es ihm nicht, sich weit genug umzuwenden. Er sah nur, daß sie halbnackt war.

„Du hast so wenig an“, – sagte er.

„Die Polizisten, die uns verhafteten, machten Leibesvisitation und haben dabei mein Kleid verschlampt“, – antwortete Renata.

„Ich entsinne mich!“ – rief Ernst. – „Gut sah das aus!“ — Langsam gab der Nebel die Abläufe preis.

„Weil sie dich selbst nicht auszogen, hattest du Muße, in Ruhe zuzugucken, wie sie mich auszogen und es auch noch gut zu finden“, – sagte Renata.

„Wüßte nicht, wozu sie mich hätten ausziehen sollen“, – murmelte Ernst.

„Dazu bestand nicht der geringste Grund“, – bestätigte Renata.

„Und ich finde auch nichts Schlimmes dabei, daß ich es gut fand, wie sie dich auszogen. Du hast eine ausgesprochen gute Figur.“

„Ich habe ja auch nichts dagegen, daß es dir gefiel“, – beschwichtigte Renata. – "Auch mir gefiel es. Es war das erste Mal, daß ich von Polizisten ausgezogen werde."

„Dann ist es gut“, – antwortete Ernst. – „Aber ich kann noch immer nicht verstehen, warum man uns verhaftet hat….“ – Er dachte nach. – „Da war doch dieser eine, wie heißt er schon wieder…. Sicher weißt du, wen ich meine. Ob der damit zu tun hat?“

„Wen meinst du?“

„Nun, dieser eine mit dem Schlapphut. Das heißt, meistens trägt er keinen Schlapphut, aber einmal habe ich ihn schon mit Schlapphut gesehen. Derjenige, der damals beim Auspacken des Picknickkorbs dem Brathuhn den Kopf abgerissen hat und ‚Hä’ sagte. Erinnerst du dich?“

„Ich kann mich an kein Picknick erinnern, wo einem Brathuhn der Kopf abgerissen wurde“, – antwortete Renata. – „Vielleicht verwechselst du mich mit jemandem.“

„Ich wüßte nicht, mit wem ich dich verwechseln könnte.“

„Doch was ist nun mit dem Mann, den du schon mal mit Schlapphut gesehen hast und der dem Brathuhn den Kopf abgerissen hat?“

„Ich dachte, der könnte vielleicht damit zu tun haben. Aber vielleicht irre ich mich, und in Wirklichkeit hat jemand anders damit zu tun.“

Das Auto hielt an, der Motor wurde abgestellt, und die Polizisten stiegen aus.

„Sieht aus, als seien wir angekommen“, – sagte Ernst.

Die Polizisten öffneten die Tür und halfen ihnen beim Aussteigen.

Rücken an Rücken standen sie vor einem riesigen Haus. Eine Art Herrensitz war das oder ein Schloß. Ringsum dichter Wald.

Einer der Polizisten nahm Ernst die Handschellen ab. Renata blieb gefesselt.

„Du darfst nach Hause gehen“, – sagte der Polizist und steckte die Handschellen in die Tasche.

„Danke“, – antwortete Ernst. – „Bloß verstehe ich nicht, warum man uns verhaftet hat.“

„Wir sind keine Polizisten, sondern Mädchenhändler“, – erklärte der zweite Polizist. – „Die Polizeiuniformen zogen wir an, weil dadurch die Operation sich leichter durchführen ließ.“

„Ach so, “ – antwortete Ernst.

„Doch wieso habt ihr ihn dann auch mitgenommen?“ – wunderte sich Renata.

„Dem ersten Eindruck nach dachten wir, er käme als Mitarbeiter in Frage; doch bei näherer Betrachtung scheint er für ein solches Aufgabenfeld geistig zu wenig entwickelt. Besser, er geht nach Hause.“

„Aber wie finde ich nun den Weg nach Hause?“ – fragte Ernst.

„Wenn du die Allee dort hinunter läufst, kommst du an eine Gabelung“, – antwortete der Uniformierte, der ihm die Handschellen abgenommen hatte. – „An der Gabelung nimmst du einen der beiden Wege; welcher ist egal. Manche der Wege gabeln sich dann noch weiter; doch das soll dich nicht stören, da sie alle jeweils zu irgendeinem Ausgang führen. Falls du zufällig an einem abgeschlossenen Ausgang landen solltest, steig einfach über den Zaun. — Klettern kannst du?“

„Klettern kann ich“, – bestätigte Ernst.

„Wenn du das Parkgelände verlassen hast, frag dich einfach durch.“

„Kein Problem“, – brummte Ernst.

Und, an Renata gewandt: – „Mach’s gut.“

„Du auch“, – antwortete Renata.

Ernst guckte zu, wie die Uniformierten Renata in ihren lockeren Dessous ins Haus führten, empfand kurz leises Bedauern, daß er nicht mit hinein durfte, und machte sich dann auf den Weg nach Hause.




© Raymond Zoller
Zur russischen Fassung





Diesen Text findet man, neben vielen anderen, in dem Taschenbuch

Raymond Zoller

Wie ich den König vom Pferd schubste

und sonstiges Episodisches

RaBaKa-Publishing, Edition Ivata
Erscheinungstermin: Juni 2013
Preis: 16,90 €
Seitenzahl: 196
ISBN: 978-3-940185-25-9


[Sollte der vom Pferde geschubste König über den Buchhandel nicht mehr erhältlich sein, so kann man es über den
Vertrieb des Seminar-Verlags
versuchen. Auf der durch das Link angesteuerten Seite ganz nach unten scrollen; dort findet man ihn]

Die Erzählungen kennzeichnet eine für Zoller typische inhaltliche Unernsthaftigkeit, kombiniert mit einer streng durchgestalteten Form. Die Szenen und Orte der Erzählungen reichen hinein ins Reich des Fantastischen; aber auch ganz normale Alltagsszenen weiß der Autor ins Absurde zu führen. Seine Protagonisten verhalten sich so, wie es nach Ansicht Zollers nicht allein Romanfiguren gut stände, sondern auch dem regelkonformen „Zivilisationisten“.

(Erika Reglin-Hormann)

Ausführliche Besprechung bei Amazon findet man über dieses Link