Die Klamurke
Thema Sprache

Verstreute Anmerkungen
zu den russischen Verbalaspekten

Vorbemerkung

Sicherheitshalber sei angemerkt, daß ich mir gestatte, das Zusammenspiel der russischen Verben von einer nicht allgemein üblichen Warte aus zu betrachten. Nicht aus Originalitätssucht, sondern weil mir scheint, daß durch solche Blickweise einiges etwas deutlicher und verständlicher wird.

Von jener Warte aus sieht man zunächst mal zwei Extreme.

Das eine Extrem: Alles bleibt rein im Begrifflichen, ohne Berücksichtigung eines konkreten Falls, also ganz ohne Vorstellung[1]. Im Russischen sind in diesem Extrem etwa (jedoch nicht nur) jene Verben angesiedelt, die man gemeinhin als „Verben der unbestimmten Bewegung“ bezeichnet; Verben also wie ходить, бегать, плавать, летать usw… – Das andere Extrem: Alles ist in der Vorstellung eines konkreten Falles, eines konkreten Resultats erstarrt. Hier haben wir, ganz allgemein, die sogenannten „perfektiven Verben“: Он пришёл – er ist gekommen, er ist da.

Dazwischen, gewissermaßen als Zusammenspiel beider Extreme, die verschiedenen Bewegungen, Prozesse; Verben wie идти, бежать, плыть, лететь usw…

Und dann gibt es da noch die sogenannten iterativen Verben (vom Lateinischen iterum, wieder), welche wiederholt auftretende Handlungen oder Abläufe zum Ausdruck bringen (zum Beispiel das Verb изобретать, erfinden; siehe hierzu eine entsprechende Notiz auf vorliegender Seite). Im Gegensatz zum imperfektiven Aspekt zeigt das iterative Verb die Handlung nicht in ihrem Verlauf; im Gegensatz zum perfektiven schlägt es uns nicht in den Bann des Resultats oder der erstarrten Vorstellung einer Handlung: gewissermaßen als Einsprenkelungen werden einem zeitlichen Panorama in rein begrifflicher Form abgeschlossene Handlungsabläufe eingefügt (rein begrifflich, da man die einzelnen Handlungen ja nicht vorstellt, sondern nur als Tatsache zur Kenntnis nimmt).

Mir scheint dieser Unterschied zu den perfektiven und imperfektiven Verben so wesentlich, daß ich dazu neige, das Iterativ als eigenständigen Verbalaspekt zu betrachten. Wobei es ja keineswegs um irgendwelches sinnlose Schubladisieren oder Umschubladisieren geht, sondern nur darum, die Sache so zu ordnen, daß sie einem übersichtlich und verständlich wird.

Dies mal nur als erste Striche zu einer allgemeinen Skizze; Ergänzung und Ausarbeitung folgt. Im Nachfolgenden verstreute unser Thema betreffende Stellen aus meinen Kommentaren zu auf der Russischseite vorgestellten Texten.

Fortsetzung folgt.

Beispiele

«В этот день отец со старшей своей дочерью только что приехал с пропашки картошки и распрягал потную лошадь…» - Das Verb приехать drückt eine abgeschlossene Handlung aus; weswegen es in der Vergangenheitsform eine ähnliche Bedeutung hat wie ein deutsches Verb im Perfekt oder Plusquamperfekt: Er war angekommen. Распрягать hingegen steht für eine Handlung in ihrem Ablauf: er schirrte ab, war dabei, abzuschirren. Erstere Verben nennt man „perfektive Verben“, letztere „imperfektive Verben“. Das perfektive Pendant zu «распрягать» lautet «распрячь». Он приехал и распряг лошадь – Er war angekommen und hatte das Pferd abgeschirrt. Also alles bereits fertig, geschehen. – Es gibt zwar auch im Deutschen rein perfektive Verben (zum Beispiel das Verb „erfinden“); nur ist diese Kategorie hier nicht so von Bedeutung, da das Deutsche andere Möglichkeiten hat, die Tätigkeiten zeitlich zueinander in Beziehung zu bringen, als das Russische.

«Я знаю, ты проживёшь с ними, с голоду не уморишь и приучишь к жизни, и сама с ними, как пчёлка, им хорошо будет с такой матерью.» - Прожить, уморить, приучить bezeichnen abgeschlossene Handlungen (perfektive Verben). Steht ein solches Verb in der Präsensform, so bezeichnet das in der Regel ein Resultat oder, sagen wir, das erstarrte Bild einer Handlung, welches in der Zukunft zu erwarten ist (in der Gegenwart sind wir tätig; Abgeschlossenes wurde entweder in der Vergangenheit geschaffen, oder wird für die Zukunft erwartet)

Он умер, он умрёт: Vergangenheits-und Präsensform von dem perfektiven Verb умереть, sterben. Die imperfektive Entsprechung lautet умирать. Он умер – er ist gestorben. Он умирал – er lag im Sterben.

Он давал такую работу, которая имела самые низкие расценки: Durch das imperfektive Verb «давать» wird zum Ausdruck gebracht, daß der Meister ihm verschiedene Arbeiten gab mit jeweils verschiedenen Vergütungen. Würde stattdessen das perfektive Verb «дать» verwendet: «Он дал такую работу, которая имела самые низкие расценки», so hätte er ein für allemal eine Arbeit bekommen mit durchgehender, feststehender Vergütung.

Разбираться ist ein sogenanntes imperfektives Verb, welches einen ablaufenden Prozeß zum Ausdruck bringt (im Gegensatz zur perfektiven Entsprechung «разобраться», welches das Resultat oder die erstarrte Vorstellung meint). Wenn ich sage «Я разобрался в этом вопросе», so meine ich damit, daß ich mir in „jener Frage“ vollen Durchblick verschafft habe. Hingegen bedeutet «Я стал разбираться в этом вопросе», daß ich begonnen habe, mich in dieser Frage zu orientieren, mich um Durchblick zu bemühen (hat hier noch die Nuance eines aktiven Bemühens).

Уговорить – überreden, überzeugen. Ein sogenanntes perfektives Verb, welches das Resultat des „Überredens“ zum Ausdruck bringt. Die hier verwendete imperfektive Entsprechung «уговаривать» drückt das Streben nach solchem Resultate aus: auf jemanden einreden, jemanden zu überzeugen suchen.

Стучаться – klopfen. Достучаться – so lang klopfen, bis es gehört wird. Достучаться кого kann man frei übersetzen mit: sich an jemanden heranklopfen. Достучаться ist ein perfektives Verb und bringt das Resultat des „Heranklopfens“ zum Ausdruck. Когда кого достучусь – wann ich mich an wen heranklopfe; gemeint: bei jedem dauert es verschieden lang, bis ich mich an ihn herangeklopft habe

«Борис Буткеев проводит апперкот» - Проводить (ausführen, durchführen) gehört zu jenen Verben, die eine Tätigkeit in ihrem Ablauf ausdrücken (ein sogenanntes imperfektives Verb). Wir befinden uns denn nun im Anfangsstadium der von Vyssozki im Zeitlupentempo geschilderten Butkeyev’schen Durchführung eines Uppercut; und in diesem Anfangsstadium ist es durchaus berechtigt zu sagen: er setzt dazu an.

Im Russischen gibt es für eine Reihe von Verben, welche Fortbewegung bezeichnen, jeweils zwei verschiedene Varianten: die eine Variante – in unserem Falle: идти – bezeichnet eine Bewegung, die konkret zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort beobachtbar (und somit auch in einer bestimmten Richtung) vor sich geht; die zweite Variante – in unserem Fall: ходить – verbleibt gewissermaßen in der begrifflichen Sphäre und bezeichnet rein die Tatsache: daß Bewegung stattfindet. Он ходит в школу – Er geht zur Schule: Er pflegt, ganz allgemein, den Weg zwischen Haus und Schule hin und her zurückzulegen. Wenn ich aber zum Fenster rausschaue und ein Kind sehe, das mit dem Schulranzen die Strasse langgeht, so sage ich: Он идет в школу. (Der Blick auf dieses zur Schule gehende Kind kann natürlich gleichermaßen den Anlaß geben für die Aussage: Он ходит в школу; doch in solchem Fall gab dieser Blick aus dem Fenster nur den Anstoß zu der Feststellung: Daß er ja, ganz allgemein, zur Schule geht)

Ходить – gehen; kann unter Umständen einfach bloß die Fähigkeit des Gehens ausdrücken. Ходить gehört, zusammen mit einer Reihe anderer Verben (плавать, бегать, летать usw… - schwimmen, laufen, fliegen…) zu einer Gruppe, die man – wie mir scheint: nicht ganz sachgemäß – als „Verben der unbestimmten Bewegung“ bezeichnet (глаголы неопределённого движения); selbst würde ich sie als „Verben der abseits der Wahrnehmung rein im Begrifflichen verbleibenden Bewegung“ bezeichnen; es verbleibt alles rein in der „Haltung“ des Sprechenden, ohne daß auf irgendwas in der äußeren Welt zugegriffen würde. Wahrgenommene Bewegungen werden durch entsprechende sogenannte „Verben der bestimmten Bewegung“ ausgedrückt (идти, плыть, бежать, лететь – gehen, schwimmen, laufen, fliegen); denke, daß man sich die Sache unter dem angedeuteten Blickwinkel über diese flüchtige Andeutung hinaus noch genauer anschauen wird.

(Nachfolgendes in Verbindung mit dem Text "Die Waschmaschine")

Он уже начал изобретать, er hatte schon angefangen zu erfinden. Im Deutschen wie im Russischen nicht ganz korrekt bzw. völlig daneben.

Nämlich:

Das deutsche Verb "erfinden" ist (gleich vielen oder – vermutlich – den meisten Verben mit der Vorsilbe "er") ein vollständig prozeßfremdes Verb. Es drückt das unvermittelte Erscheinen eines Resultats aus, welches in den vorangehenden Prozessen noch gar nicht zugegen ist, von dem man vorher auch keinen klaren – oder überhaupt keinen – Begriff hatte. Von "erfinden" kann man erst sprechen, wenn das Erfundene da ist; und erst dann ergibt sich auch eine Bezeichnung dafür. Die Aussage "Egon ist damit beschäftigt, die Begondode zu erfinden" ist völliger Unsinn. Höchstens kann jener Egon mit den verschiedensten technischen Arbeiten und Versuchen beschäftigt sein; und während dieses Arbeitens ergibt sich dann plötzlich eine Konstellation, wo er aufmerkt: ach, das läßt sich doch in diesem und jenem Zusammenhang zur Anwendung bringen. Und wenn er diese Konstellation zustandegebracht hat und gemerkt hat, daß da weiterführendes verwendbares drinsteckt – dann kann man sagen: er hat was erfunden; und dann ergibt sich auch eine Benennung. – Genau gleiches gilt für das russische Verb изобрести, welches ähnliche Bedeutung hat wie das deutsche Verb "erfinden".

Wir haben es hier – im Deutschen wie im Russischen – mit einem rein perfektiven, resultatbezogenen Verb zu tun. Im Deutschen sind ausschließlich prozeßhafte oder ausschließlich resultatbezogene Verben eher die Ausnahme (aber, wie man sieht: es gibt sie); im Russischen spielt dieser Unterschied eine entscheidende Rolle; und für die meisten Abläufe und Tätigkeiten gibt es Verbpaare, von denen eines die Sache in ihrem Verlauf, das andere von ihrem Resultat her bzw. als erstarrte Vorstellung darstellt.

Das russische Verb изобрести ist ein so ausschließlich perfektives Verb, daß es an dieser Stelle aufteufelkommraus nicht verwendbar wäre. Verwendet wurde das Verb изобретать. Dies ist das imperfektive Gegenstück zu изобрести; jedoch hat dieses "imperfektive" Gegenstück hier – entsprechend der Eigenart des zum Ausdruck gebrachten Sachverhalts – nicht so sehr prozesshaften Charakter, sondern vielmehr die Nuance einer wiederholt auftretenden Handlung bzw. eines wiederholt auftretenden Resultats und ist in einem Satz wie "он уже начал изобретать" somit durchaus fehl am Platze.

Um die Sache etwas deutlicher zu machen, betrachten wir im Kontrast dazu mal das deutsche Verb "entwickeln" (bzw. im Russischen развивать/развить; разрабатывать/разработать). Hier ist das Resultat während des Arbeitsprozesses in allgemeinen Umrissen bereits vorweggenommen, also zugegen: man weiß, woran man arbeitet; und deshalb ist auch eine "prozesshafte" Darstellung unter Einbeziehung des vorgesehenen Resultats möglich. Nachdem, zum Beispiel, Egon die Begondode erfunden hat (Vergangenheit!), kann nun Erwin getrost sich dran machen, eine Begondode mit erweiterten Funktionen zu entwickeln. Die Begondode ist bereits erfunden, man weiß, was das ist, kennt die Funktionen, weiß ungefähr, welche Funktionen noch wünschenswert und möglich sind, und nun entwickelt man (разрабатывает).

(wenn ich Zeit finde, werd ich von diesem nicht uninteressanten Blickwinkel aus die Verbalaspekt-Problematik noch ausführlicher darstellen; dies nur als flüchtige erste Skizze)


1) Versuchend, den vielleicht nicht allgemein geläufigen Unterschied zwischen Begriff und Vorstellung zumindest anzudeuten: Wenn ich sage: er geht schon zur Schule, so bleibe ich damit rein im Begrifflichen, ohne mir das Zurücklegen des Schulwegs konkret vorzustellen. Und zumindest den Mathematikern ist bekannt, daß es jede Menge Sachverhalte gibt, die man zwar denken kann, die sich aber aufteufelkommraus nicht vorstellen lassen.
Gehört zwar nicht oder anscheinend nicht hierher; doch wollen wir der Griffigkeit halber ein einfaches Beispiel bringen: Man stelle sich eine feste, sagen wir: waagrechte Gerade vor (oder zeichne sie auf), die sich nach rechts und links ins Endlose dahinerstreckt. Über dieser Geraden ein fester Punkt, um welchen eine weitere, sich gleichfalls ins Endlose ersteckende Gerade rotiert. Stellen wir uns den Moment vor – oder zeichnen ihn auf – wo diese zweite Gerade mehr oder weniger senkrecht zur ersten steht und sie, natürlich, an irgendeinem Punkte schneidet. Läßt sich problemlos aufzeichnen und vorstellen. Jetzt lassen wir die zweite Gerade mit gleichbleibender Geschwindigkeit langsam gegen den Uhrzeigersinn um ihren Drehpunkt rotieren. Der Schnittpunkt beider Geraden wandert während des Rotierens nach rechts; kein Problem, sich das vorzustellen oder es aufzuzeichnen. Mit dem Aufzeichnen wird es dann im Verlaufe des weiteren Rotierens bald problematisch, da das Papier zu klein ist; aber vorstellen kann man sich sehr gut: wie der Punkt im Laufe des Rotierens immer weiter und mit immer größer werdender Geschwindigkeit nach rechts abwandert. – Und dann gibt’s irgendwann einen Umschwung, nach welchem der Schnittpunkt beider Geraden, der bis dahin nach rechts immer weiter nach außen wanderte, von links her wieder zurückkommt. Läßt sich alles sehr leicht vorstellen, wie er wieder zurückkommt. Nicht vorstellen kann man hingegen den Moment des Umschwungs. Die Mathematiker bezeichnen diesen nicht wegzuleugnenden Umschwung als "unendlich fernen Punkt" und wissen so manches interessante und kluge dazu zu sagen; aber auch sie, die Mathematiker, können sich ihn aufteufelkommraus nicht vorstellen. Man weiß, daß er da ist, dieser Moment; man kann ihn problemlos denken; aber vorstellen kann man ihn nu mal nicht. Geht einfach nicht.
Nur als einfaches Beispiel, um den Unterschied zwischen Denken bzw. Begriff und Vorstellen etwas griffiger zu machen (und der Unterschied zwischen Denken und Begriff soll uns hier weiter nicht interessieren; det reicht erst mal)

Raymond Zoller