? Linguistische Terminologie
Die Klamurke
Thema Sprache

Linguistische Terminologie

Niedergeschrieben und zusammengestellt im Zusammenhang mit den hier veröffentlichten Materialien für das Russischstudium.

Fremdwörter kommen in zwei verschiedenen – bei näherem Hinsehen: sich gegenseitig ausschließenden – Funktionen zur Anwendung. Zum einen benutzt man sie zum Angeben (häufig ohne Berücksichtigung der damit verbundenen Begrifflichkeit), zum andern dienen sie der Verständigung in abseits der normalen Alltagskommunikation liegenden Bereichen. Uns interessiert hier die zweite Funktion.

Bei meinen im Sprachenportal veröffentlichten Kommentaren für Russischlernende war ich zunächst bestrebt, auf jegliche linguistische, grammatikalische Terminologie zu verzichten; doch zeigte sich schnell, daß das sich nicht durchziehen läßt. Bei mündlichem Unterricht ließe es sich vielleicht noch machen; aber bei kurz und knapp zu haltenden Anmerkungen geht das nicht.

Es gibt Leute, die nie mit dieser Terminologie in Berührung waren; und andere gibt’s, die zwar damit in Berührung waren, denen man det aber auf eine solch nervige und anödende Art zu servieren geruhte, daß sie nichts Besseres zu tun wußten, als diesen ganzen Wörterbrei möglichst schnell wieder zu vergessen.

Zu letzterer Sorte gehört auch der Verfasser vorliegender Zeilen; bloß ging ihm dann im Nachhinein auf, daß diese ganzen Wörter, in denen er in der Schule zu kramen hatte, doch aber mit einer durchaus interessanten Begrifflichkeit verbunden sind; und da er seinen Neigungen und Lebensumständen nach viel mit Sprache zu tun hat, ergab es sich, daß er nach und nach von ganz anderer Seite aus da wieder reinkam; und zwar nun schon nicht mehr in die toten Worthülsen, sondern in die lebendige Begrifflichkeit.

Dies nur so nebenbei; als Andeutung: daß die Abneigung gegen „Grammatik“ und die entsprechende Terminologie mir verständlich und nachvollziehbar ist.

Angemerkt sei auch noch, daß diese Begrifflichkeit, wenn man sie lebendig nimmt und nicht bloß als Stoff zum Büffeln, über die Verständigung im Bereich sprachlicher Strukturen und Gesetzmäßigkeiten hinaus die Anregung in sich birgt, sich beim Sprechen und Denken gewissermaßen über die Schulter zu schauen; was zu ganz beträchtlichen Horizonterweiterungen führen kann.

Die Begriffe werden zunächst mal ohne System, wie es grad kommt, aufgeführt; die Erklärungen werden im Laufe der Zeit vermutlich noch überarbeitet; irgendwie wird das dann wohl auch noch systematisiert; aber Hauptsache: erst mal anfangen.

(Sicherheitshalber sei betont: es geht nicht darum, Wörter zu lernen, mit deren Hilfe man die Dinge geistreich etikettieren und schubladisieren kann, sondern um das Aneignen einer Begrifflichkeit, die uns hilft, Dinge, die aus Orientierungsgründen voneinander unterschieden werden müssen, voneinander zu unterscheiden. Um die Orientierung geht's; alles andere interessiert uns nicht)

Attributiv, prädikativ - siehe hier

Deklination, склонение (im Deutschen manchmal auch als „Beugung“ bezeichnet)

Manche Sprachen – darunter auch die uns hier interessierenden Sprachen Deutsch und Russisch – haben die Eigenart, daß Substantive, Pronomina und Adjektive je nach der Rolle, sie sie im Satzganzen spielen, oder, anders ausgedrückt, je nach den Beziehungen, die sie zu anderen Satzteilen eingehen, ihre Form verändern. Beispiel: Der König sitzt auf dem Thron; король сидит на троне. – Ich sehe die Krone des Königs, der seines Throns verlustig ging; я вижу венец короля, который лишился трона. (im Deutschen ergreifen die Veränderungen auch die Artikel; was im Russischen mangels Artikel nicht möglich ist).

Wenn die möglichen Beziehungen innerhalb des Satzganzen auf das Wesentliche reduziert werden (welche Arbeit der ‚Sprachgeist’ – oder wie auch immer man det nennen will – uns freundlicherweise abgenommen hat; uns bleibt nur übrig, dieses Wesentliche zu entdecken) erhält man ein verhältnismäßig übersichtliches Gefüge mit einer verhältnismäßig übersichtlichen Anzahl möglicher Formen.

Die einzelne jeweils durch bestimmte Formen gekennzeichnete „Beziehungsart“ nennt man im Deutschen „Fall“ oder „Kasus“, im Russischen «падеж»

Im Einzelnen sind das:

Nominativ (именительный падеж); gelegentlich auch „Wer-Fall“ genannt, da die Antwort auf die Frage „wer“ oder „was“, eben, im Nominativ steht. Der Nominativ bezeichnet den die Grundlage des Satzes abgebenden „Hauptakteur“, auch „Subjekt“ genannt (Russisch: подлежащее). Der König lacht; король смеётся.

Genitiv (родительный падеж); auch „Wes-Fall“ genannt. Bezeichnet die verschiedensten Arten und Nuancen der Zugehörigkeit zu irgendetwas. Die Krone des Königs; венец короля. Er ist fröhlichen Gemüts; он весёлого нрава. - Außerdem steht im Russischen ein Objekt, welches nicht vorhanden oder nicht einer erwarteten Tätigkeit unterzogen wird, mitunter im Genitiv (Genitiv der Verneinung; näheres siehe hier)

Dativ (дательный падеж); auch „Wem-Fall“. Das Dativ-Objekt kann man, kurz und knapp und notdürftig, charakterisieren als einen Gegenstand, auf den etwas ausgerichtet, hinbezogen ist, ohne daß er voll erfaßt, umfaßt würde. – Ich gebe dem König die Krone; я даю венец королю. Mir ist alles gleich; мне всё равно. - Verstreute Anmerkungen zum Dativ siehe hier.

Akkusativ (винительный падеж); auch „Wen-Fall“. Das Akkusativ-Objekt wird durch das Subjekt voll umfaßt, erfaßt. – Ich sehe ihn; я вижу его. Ich verändere die Situation; я изменяю обстановку. Ein Verb, dessen Objekt im Akkusativ steht; welches also, anders ausgedrückt, sein Objekt voll ergreift, bezeichnet man als „transitiv“ (russ. "переходный") - („transitiv“ steht noch für eine weitere Bedeutung, um die wir uns hier weiter nicht kümmern wollen)

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Über die im Deutschen gebräuchlichen Fälle hinaus gibt es im Russischen noch zwei weitere; und zwar:

Instrumental (творительный падеж). Das Instrumental-Objekt antwortet, unter anderem, auf die Frage „womit“, „als was“, „in welcher Funktion“. Я пишу карандашом, ich schreibe mit Bleistift. – Устранение этого препятствия является важным событием на пути к цели. Die Beseitigung dieses Hindernisses ist („erscheint als ein“) wichtiges Ereignis auf dem Weg zum Ziel. – Он работает врачом. Er arbeitet als Arzt.

Präpositiv (предложный падеж). Heißt so, weil er nur mit Präpositionen steht. Um ein hinter der Verwendung mit verstreuten Präpositionen sich versteckendes durchgehendes Wesentliches, Substantielles zu entdecken, müßte man recht tief graben; was ich selbst noch nicht getan habe; und auch irgendwelche Schriften, wo solches getan würde, sind mir bislang noch nicht zu Gesicht gekommen. Begnügen wir uns denn vorerst mal mit den an der Oberfläche verstreuten Präpositionen und halten fest: Der Präpositiv ist ein Fall, der, ohne eine eigene Bedeutung zu haben, mit verschiedenen Präpositionen verwendet wird. - Я сижу на стуле, ich sitze auf dem Stuhl.

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Wenn es um die Frage geht, wann welche Verben (oder sonstige Wortarten) mit welchen Fällen stehen, spricht man mitunter von der Rektion (Russisch: управление).

Zum Beispiel sagt man von den Verben „sehen“, „entdecken“, „beseitigen“, «видеть», «обнаружить», «устранить»: sie stehen mit dem Akkusativ; oder, anders ausgedrückt: regieren den Akkusativ.

Raymond Zoller