Eingang Klamurke Aus dem sozialen Leben

Strömungsaggregat: Rettungsversuche

Vorbemerkung

Während des Bemühens, das Strömungsaggregat allen Widrigkeiten zum Trotz denn doch noch zu retten, wurden so manche Briefe geschrieben. Zum Beispiel nachfolgend wiedergegebener vom 13. Oktober 2002 an einen Mitstreiter, der mir in einem vorangehenden Schreiben von einem Treffen mit dem Schweizer Erfinder berichtet hatte. Von der neuen Gruppe, die selbiger Anfang 2002 finanzierungshalber um sich geschart hatte und dem nachfolgenden Eklat wußten wir zu dem Moment noch nichts; das erfuhren wir alles erst Anfang 2003 (siehe "Von Strömungsaggregaten und Gasmaskenfiltern").

Interessant übrigens die Reaktion des Umfelds, das sich um jene Inversionskinematik herumschart. Naiv, wie ich bin, hatte ich gedacht, dort mit unseren Problemen auf Interesse, vielleicht sogar Vermittlung und Hilfe zu stoßen; versuchte auch, mit diesem oder jenem in Korrespondenz zu kommen; doch hatten diese Versuche nur den Effekt, daß ich den Betreffenden auf die Nerven ging. Bei diesem Umfeld handelt es sich nun um ein Volk, welches sich darin gefällt, lärmige und kostspielige Tagungen zu organisieren; und in meiner Naivität hatte ich gedacht, daß, wenn sie doch schon so kommunikativ sind, sie doch eigentlich sich freuen dürften, sich dort einschalten zu können, wo ganz konkretes Interesse besteht und wo ganz konkrete Arbeit geleistet wird und daß solches doch aber viel effektiver wäre, als sich dauernd nur auf Tagungen zu treffen und sich gegenseitig zu versichern, daß man zu den Auserwählten gehört. War aber nix. Von einer vor kurzem – Oktober 2005 – stattgefundenen Tagung berichtete mir ein Freund, daß dort einige neuentwickelte Prototypen vorgestellt wurden, die eine sehr komplizierte, störanfällige kostspielige Mechanik haben und die wohl kaum jemals zu praxistauglichen Maschinen führen werden. Immer mal wat neues; nich; das sorgt für Abwechslung und ist allemale interessanter, als sich an der Rettung irgendwelcher bereits bestehender Sachen zu beteiligen, die sich eh bereits bewährt haben; da kann man sich ja auch nicht so sehr profilieren; und zu viele sind da dabei, die nicht zu uns gehören. Besser, man bleibt unter sich, damit man sich so richtig auserwählt fühlen kann; nich?

Doch lassen wir diesem Volks seine geliebten Tagungen; ist ja nichts Schlimmes dabei; enttäuscht wird man nur, wenn man versucht, das alles ernstzunehmen.

Kommen wir, nach dieser kurzen Abschweifung, zurück zu unserem eigentlichen Thema:

Der Name des Schweizer Erfinders wird durch E* ersetzt; mit Ssosso ist Simon Tabatadse gemeint, der in Georgien Bau und Erprobung des Schweizer Prototypen leitete und dann später, notgedrungen, eine eigene Entwicklung patentieren ließ.

Aus einem Brief

Tbilissi, den 13. Oktober 2002

vielen Dank für deinen Bericht. Ich werde in den nächsten Tagen Kontakt mit E* aufnehmen; zuerst müssen wir nur im Gespräch unter uns etwas mehr Klarheit reinbringen.

Wie bekannt, bin ich, was die Technik betrifft, nicht auf der Höhe und hatte in dieser schwierigen und bedrängten Lage auch weder Kraft noch Zeit, mich so weit schlau zu machen, wie es eigentlich nötig wäre.

Es macht mir in der Tat größte Sorgen, wie es mit dem georgischen Strömungsaggregat weitergehen sollte, da hier, wie nicht zu übersehen, die fachlichen Ressourcen fehlen. Eine Frucht, die in einem bestimmten Boden gewachsen ist und die zur weiteren Reifung auf die Ressourcen eben dieses Bodens angewiesen wäre, fand sich plötzlich abgerissen in fremder Erde wieder. Und daß sie abgerissen wurde, ist, wie man anhand des Briefwechsels mit E* nachweisen kann, nicht unsere Schuld; die georgische Seite wäre bereit und interessiert gewesen, unter der Anleitung von E* weiterhin rein mechanische, konstruktive Aufgaben zu lösen.

Ssosso ist ein genialer Mechaniker und prädestiniert, vorgegebene mechanische Aufgaben zu lösen. Was die Hydrodynamik betrifft, so weiß er, abgesehen von ein paar allgemein bekannten Gesetzen, meinem Eindruck nach nur, daß dabei irgendwelche Flüssigkeit verdrängt wird.

E* hat Recht: In puncto Bau von Maschinen lohnt es sich allemale, mit den Georgiern (und vor allem mit Ssosso) zusammenzuarbeiten. So war das ja auch vorgesehen; nur, daß er sich dann plötzlich absetzte und wir uns gezwungen sahen, alleine irgendwie weiterzumachen, damit die ganze Arbeit und die Mittel, die wir reingesteckt hatten, nicht für die Katz sind. Ssosso tut dem Gerät, dem E* dreißig Jahre seines Lebens gewidmet hat, Gewalt an; das weiß ich. Unvergeßlich und symptomatisch, wie er vordemonstrierte, wie man sein Gerät als effektiven Mischer einsetzen kann: Dabei drehte er volle Pulle sämtliche Funktionen auf: Umlauf der Arbeitshebel; zwangsweise mitlaufende Eigenumdrehung der Arbeitshebel verstärkt durch auf vollen Touren laufende Steuerung (i.e. Verstellung des Einsatzwinkels) - die Schaufeln rotierten wie verrückt um ihre eigenen Achsen - und dann noch wildes Auf und Ab der Hebevorrichtung. Eine Orgie wilder Gewaltanwendung durch willkürliches unkontrolliertes Zusammenwerfen verschiedener Bewegungen. Es tat weh; aber ich konnte nichts machen, da ich völlig alleine war.

[…]

Aufgrund der bedrängten Situation, gekoppelt mit Unerfahrenheit, kam es zu den verschiedensten, teilweise kostspieligen Fehlern. Inzwischen weiß ich zum Beispiel, daß es ein Fehler war, im April bei dem derzeitigen Stand der Dinge die Mathematiker für die Modellierung einzuschalten: Ohne durch hydrodynamische Versuche zu gewinnende experimentelle Daten hatten die Mathematiker keinerlei Grundlagen für ihre Modellierung; und Ssosso wußte zur Wechselwirkung seines Geräts mit dem Flüssigen Milieu nu mal partout nichts zu sagen; er kannte nur seine technische Lösung anhand der von E* vorgegebenen Schaufelbewegung. Und potenziert wurde dieser Fehler durch die aggressive Art, mit der Ssosso mich gegen eine Kontaktaufnahme mit den Mathematikern abschirmte. Nun gut: Die Mathematiker haben Geld in Empfang genommen für eine Leistung, die sie nicht erbrachten und zu dem gegebenen Zeitpunkt auch nicht erbringen konnten. Was sie eigentlich hätten wissen müssen; andererseits sind sie natürlich nicht Schuld daran, daß Ssosso es nicht zu einer Zusammenarbeit mit Leuten kommen ließ, die sich in dieser Materie besser auskennen (im Hinblick auf die zu dem Zeitpunkt für mich undurchdringliche von Ssosso aufgerichtete Wand bemühte ich mich dann auch weiter nicht mehr darum, entsprechende Kontakte zu knüpfen). Ich würd sagen, daß die Mathematiker uns gegenüber nunmehr eine gewisse "Leistungsschuld" haben, die sie vielleicht später in irgendeiner Weise abarbeiten können.

Ssosso konnte ich inzwischen weitgehend in seine Schranken verweisen. Den letzten Ausschlag hierzu gab das Hinzustoßen von Irakli Grischaschwili (von dem anfangs sowohl Timur als auch Ssosso nichts wissen wollten; doch ich ließ mich nicht beirren). Irakli hat eigene Erfindungen eingebracht (Filtermaterial, Bremsklötze), die raschere Realisierung versprechen und mit deren Hilfe man unter Umständen eine Grundlage schaffen kann für die Finanzierung der weiteren Arbeit am Strömungsaggregat. Hinzu kommt, daß Irakli der Ausbildung nach Physiker ist mit weitem Ausblick auch in andere Wissenschaftsbereiche und aufgrund seines weiteren Horizonts auch mit entsprechendem Problembewußtsein. Wie vermutlich bekannt, war ich in letzter Zeit bestrebt, die Sache so zu deichseln, daß er die Leitung über die weitere Entwicklung des Aggregats übernimmt und die entsprechenden Fachleute - zu denen er Zugang hat - hinzuzieht. Was noch immer nicht die ideale Lösung wäre; aber schon mal sehr viel besser, als die Sache ausschließlich in den Händen von Ssosso zu belassen. Die ideale Lösung wäre allemal, wenn die weitere Arbeit wieder aus den Ressourcen schöpfen kann, in denen das Aggregat entstanden ist; das heißt, wenn Mathematiker und Techniker das in die Hand nehmen, die an dem Schatz'schen Gedankengut sich entwickelt haben.

Nunmehr zu E*:

Es war von vornherein abgemacht, daß die georgische Seite unter seiner Anleitung mechanische und konstruktorische Aufgaben löst; irgendwas anderes wurde auch auf Georgischer Seite nicht gewollt. Und das lief ja dann, wie bekannt und wie auch E* betont, sehr gut und sogar noch um vieles besser, als wir das zu Anfang selbst bei den optimistischsten Prognosen vorausgesehen hatten.

Über diese Arbeit an der Technik hinaus machten wir uns auch daran, organisatorische und finanzielle Möglichkeiten zu entwickeln. Zum Beispiel hatten wir die Möglichkeit, über die Georgische Botschaft in der Schweiz an verschiedene Schweizer Förderungsstellen heranzutreten; wozu wir aber auf eine gewisse Aktivität seitens E* angewiesen waren. Ein oder zweimal traf er sich mit dem georgischen Botschafter, war begeistert über all diese Möglichkeiten; und dann war Schluß; und der Botschafter wunderte sich sehr. Grund für diesen Aussetzer war (wie sich später herausstellte), daß er im Sommer unter den Einfluß zweier Scharlatane kam, die ihm Millionen versprachen und ihn letztendlich völlig verwirrten. Es gab da mehrere Anläufe zu ganz abenteuerlichen Firmengründungen mit den beiden, bis hin zu Terminen beim Notar; die aber jeweils platzten, da zu dem Zeitpunkt nicht nur keine Millionen, sondern nicht einmal das eher bescheidene Gründungskapital vorhanden war. Auf Fragen, wie es mit der Durchführung verschiedener abgesprochener Schritte steht (zum Beispiel anstehendes Gespräch mit dem georgischen Botschafter und sonstiges) reagierte er mit Beschimpfungen. Er war zu dieser Zeit, wie mir schien und scheint, nicht ganz zurechnungsfähig; und das ging so lange, bis er verstand, daß die beiden ihn (und möglicherweise auch sich selbst) an der Nase herumführen. Als er Mitte Juli dann nach Tbilissi kam, war er wieder völlig klar und umgänglich.

Nach den gemeinsam durchgeführten Versuchsfahrten im September letzten Jahres geriet er dann unter einen weiteren Einfluß; diesmal ein Schiffsmakler und ein Reiseveranstalter. Das waren nun keine Scharlatane; die wußten genau, wat sie wollten. Als erstes störte sie der Vertrag, den E* mit der Georgischen Seite abgeschlossen hatte; und E* bat uns, diesen Vertrag aufzulösen. Was wir natürlich nicht taten; nachdem wir über Monate hinweg Kraft und auch die ganzen vorhandenen Mittel in diese Arbeit reingesteckt hatten, konnten wir es nicht zulassen, einfach ausgebootet zu werden. […] Auch während dieser Zeit wütete er gegen mich; jedoch nicht mehr so chaotisch wie während des vorigen „Rappels", sondern irgendwie mit mehr Logik. Und verstummte schließlich.

Im Februar dieses Jahres versuchten wir, wieder mit ihm Kontakt aufzunehmen. Zunächst war er erfreut, daß wir nach all dem, was passiert ist, überhaupt noch mit ihm arbeiten wollen; doch dann versackte er plötzlich wieder.

Bekanntlich stimmt es nicht, daß „den Georgiern das Geld ausging und daß die Arbeit zum Stillstand kam": Georges sei Dank machten wir weiter. Und dies müßte ihm eigentlich bekannt sein; spätestens seit unserer kurzen Korrespondenz im Februar. Natürlich völliger Unsinn, und zudem noch kostspieliger und nervenaufreibender Unsinn, daß die Sache sich so aufteilte; doch ist das nicht unsere Schuld. Ich bin sicher, daß die weitere Arbeit am Strömungsaggregat bei ihm in besten Händen wäre; doch müßten wir uns, durch Erfahrung klug worden, im Falle einer erneuerten - erwünschten - Zusammenarbeit gegen die Folgen weiterer unvorhersehbarer Rappels absichern.

Noch ein kleines Detail: Wie ich erst gestern erfuhr, hat Timur ein Teil der von ihm in den damaligen Prototypen reingesteckten 20.000 Dollar nicht sofort bezahlt; verschiedene Materialien und Dienstleistungen wurden ihm „auf Pump" zur Verfügung gestellt; und bei fairem und folgerichtigem Verhalten seitens E* hätten sich im Weiteren sicher Möglichkeiten gefunden, diese Schulden zu begleichen. Da aber durch dieses unnötige Aufderstelletreten sehr viel Zeit verloren wurde, rennen ihm jetzt die Gläubiger die Bude ein. Nicht viel, was fehlt; aber wenn man nix mehr hat, ist alles zuviel.

Dies nur nebenbei.

Der vorgeschlagene „runde Tisch" scheint mir notwendig; das müßte man aber per E-Mail erst vorbereiten. Aus meiner Sicht würde ich die Zusammensetzung allerdings etwas anders sehen als von dir vorgeschlagen. Vielleicht eine Folge von „runden Tischen" zu verschiedenen Problemschwerpunkten.

[…]

Ssossos Aufgabe sehe ich genau dort, wo sie ursprünglich vorgesehen war: In der Lösung vorgegebener mechanischer Aufgaben. Und falls wir etwa für Iraklis Entwicklungen und auch sonst noch einiges Produktionsstätten einzurichten haben, wird er neben den ihm zugänglichen Aufgaben am Strömungsaggregat genug zu tun haben und wird sich nicht ausgeschlossen fühlen. An einem solchen „runden Tisch" würde er zunächst nur stören. Er wurde durch widrige Umstände in eine Situation reingezwungen, die ihn zu Kompetenzüberschreitungen zwang; und das tat weder ihm noch den zu lösenden Aufgaben gut. Wir müssen nun versuchen, sachte wieder alles in die ihm zustehenden Bereiche zu verweisen.

Nachbemerkung Juni 2010

Alles längst nicht mehr aktuell; ich möchte mich angesichts der Aussichtslosigkeit, gegen dumpfe Mauern anzurennen, auch weiter nicht mehr drum kümmern. Laß es aber online: als Erinnerung an Ansätze, die bei ganz klein wenig Offenheit und gutem Willen sich hätten weiterentwickeln lassen und die möglicherweise einiges hätten bewirken können. Da aber das Volks, von dessen Offenheit und gutem Willen die Fortsetzung abhing, es - wie fast schon üblich - bei Reden über Offenheit und guten Willen bewenden ließ, war es nicht möglich, es weiterentwickeln. Ich habe, gleich einigen wenigen anderen, getan, was ich konnte; weiter tu ich nix mehr.

Allen noch eine gute Zeit wünschend

Raymond Zoller

Weitere Berichte aus dem Umfeld der Abenteuer mit diesem Aggregat findet man:
- falls man bereits in der Rahmenstruktur ist: Weiterblättern über das Verzeichnis im linken Rahmen in der Abteilung „Absurde Abenteuer mit Strömungsaggregaten“
- falls man von außen auf dieser isolierten Seite landete: Hier kommt man in die Rahmenstruktur (oder frames) mit erwähntem Verzeichnis; Abteilung „Absurde Abenteuer mit Strömungsaggregaten“

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Bei YouTube findet man einen Zusammenschnitt von Videoaufzeichnungen, die während der Arbeit – von den ersten Anfängen der Herstellung in der Werkhalle bis hin zu den Probefahrten auf dem See in der Nähe von Tbilissi – zustandekamen. Aufsehenerregendes ist nicht darunter; aber man sieht, daß real gearbeitet wurde und daß man zum Schluß mit einem von besagtem Aggregat angetriebenen Polizeiboot über den See schipperte. Und sehr viel Georgisch hört man, klein wenig Russisch und sogar ein paar Sätze Deutsch.

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Über eine verspätete lustige Erinnerung an die mögliche kriminalistische Verwendung oben erwähnten Filtermaterials kann man hier nachlesen: Kriminelle Wattestäbchen

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Die wichtigsten der hier veröffentlichten Texte zu den Abenteuern mit dem Strömungsaggregat wurden in einer PDF-Datei zusammengefaßt, die man hier anschauen und/oder herunterladen kann.

 

 

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