Klamurke Hypsopsyllus

Vermischte Notizen

Als Einleitung:

Beim Lesen deines Briefs an X habe ich mir ein paar Stellen angemerkt, die man, wie mir scheint, veröffentlichen könnte.

Im Hypsopsyllus würde ich eine Seite anlegen für verstreute kurze Notizen zu unserem Thema, und würde zur Einstimmung diese drei Briefzitate reintun. Es gab ja damals auch in den russischen und anderen postsowjetischen anthroposophischen Kreisen Leute, die ihre Kontakte mit den Wessi-Kreisen zur Karrieregestaltung nutzten und in diesem Bemühen gelegentlich und nebenbei einiges kaputtmachten.

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Die Russen nennen das Jahrzehnt nach dem Zerfall der Sowjetunion «Лихие постсоветские девяностые годы», „die wilden postsowjetischen neunziger Jahre“. – Nach der Befreiung von dem kommunistischen Joch erschien der Westen als ein Paradies. Doch der Westen hatte da längst die Keime seiner Kultur zertrampelt und konnte keine sinnvolle Alternative bieten. Es kam zu wilden persönlichen Bereicherungen, zum Ausnutzen gottgleicher Westkontakte, und so weiter.

Das hinterließ seine Spuren auch in den anthroposophischen Kreisen.

Während der Umbruchphase, noch im Westen lebend und bereits merkend, wo das hinführt, formulierte ich das so: „Nach Öffnen des Vorhangs schlüpfen als erstes die Ratten durch.“

Raymond Zoller; Anfang Dezember 2023 in einem Brief an Norbert Reininger

Auch wenn immer wieder (berechtigt) der Unterschied zwischen West und Ost angeführt wird, z.B. in Bezug auf die seelische Entwicklung (Gemütsseele, Bewusstseinsseele) usw., so wurde mir sehr deutlich, dass es sich bei vielen östlichen (anthroposophischen) Freunden zumindest um eine echt gelebte „Gemüts“ – oder „Verstandesseele“ handelt, wogegen bei uns es sich eher um eine vorgestellt gelebte „Bewusstseinsseele“ handelt.

Norbert Reininger; aus einem im November 1997 geschriebenen Brief

Die materielle Armut (im Verhältnis zur westlichen Lebensqualität) und die sich daraus (vielleicht) ergebende, bedingt tatsächliche Abhängigkeit wird beinahe nahtlos auf das geistig-kulturelle Leben übertragen. Es wird (wurde) anscheinend vergessen, dass zur Gründung der AAG und beim Bau des ersten Goetheanums russische Freunde führend am Gelingen (aller bekannten Ereignisse) beteiligt waren.

Nun, etwa 70 Jahre später, wird diesem Volk die Bittstellerrolle zugeordnet, wird es gleichsam entmündigt.

Norbert Reininger; aus einem im November 1997 geschriebenen Brief

Was ist ein Diplom im Zusammenhang mit Anthroposophie überhaupt? Ist das nicht ein Anachronismus? Eine Erscheinungsform, die in der Folge zur Desorientierung von Schüler und Dozent beiträgt? Eine Orientierung zu Gepflogenheiten, welche in einer Gesellschaft zur Anwendung kommen, die bewusst nichts mit ethischem Individualismus zu tun haben möchte, nicht mit einer lebenslänglichen Lern-, Schulungsmöglichkeit des Menschen […] rechnet?

Norbert Reininger; aus einem im November 1997 geschriebenen Brief

Natürlich betrifft das, was ich Gegeistel nenne, nicht nur die Anthroszene. – Die Wirklichkeit verschwindet unter einer aus den unterschiedlichsten Jargons zusammengewebten Decke. Im Anthro-Jargon wird viel vom „Geist“ gesprochen; deshalb nenn ich das „Gegeistel“. In anderen Jargons ist es Volkswohl, Wille der Partei, Wille Gottes und was sonst noch alles…

Das Überschwafeln der Realität führt gnadenlos ins Chaos…

Ich weiß, dass ohne geistige Selbstbefreiung der Einzelnen, ohne ehrlichen Realzugang zum Geist das Chaos immer grösser wird. Dass das schiefgehen muß, weiß ich schon seit Jahren…

Das Leben mit den drei in meiner „weltanschaulichen Entwicklung“ angedeuteten Fragen (Tatsache des Bewusstseins; Tatsache des Denkens; halbverborgener selbständiger Kern in mir, der gegen Aufgepfropftes ankämpfen kann) führten zur Gewissheit des Realgeistigen. Über diese Fragen und deren erlebtes Umfeld kann ich schreiben; das ist reale selbstdurchlebte Erfahrung, die auch für andere Anregung sein kann, sich aus dem Gesumpfe herauszuwurschteln.[*]

Geschrieben hab ich auch über „Humorbegabte Dämonen“; ganz locker, ohne Frömmelei. Daß „höhere Koordination“ vorliegt bemerke ich häufig; zum ersten Mal, als ich noch grimmiger Atheist war.[**]

Ich schreib das ganz locker, mit leichtem Anflug von groteskem Humor. Obwohl ich das vollständig ernst nehme. Ich erinnere mich, wegen meiner Lockerheit im Umgang mit höherer Koordination gab es Vorwürfe von geistorientierter Seite. – Ich aber sage: Besser locker-humoristisch über real Durchlebtes und Erkanntes schreiben, als in tierisch ernster Frömmelei herumgeisteln. Letzteres könnte ich gar nicht.

Raymond Zoller; aus einem Brief vom 25. September 2023

*) Näheres im skizzenhaften Überblick über meine weltanschauliche Entwicklung; als PDF siehe hier
[**] Findet man hier

Jemand schickte mir das Link zu einem Artikel über eine chinesische Partnervermittlung, welche AI-geschaffene Roboter vermittelt.

„Twenty-five-year-old Chinese office worker Tufei says her boyfriend has everything she could ask for in a romantic partner: He's kind, empathetic, and sometimes they talk for hours. - Except he isn't real. - Her "boyfriend" is a chatbot on an app called "Glow," an artificial intelligence platform created by Shanghai start-up MiniMax that is part of a blossoming industry in China offering friendly — even romantic — human-robot relations.“

Ich antwortete:

Eine ganz normale Verkörperung der energisch sich entwickelnden Entfremdung des Einzelnen gegenüber sich selbst und gegenüber seinen Mitmenschen.Die Technik macht‘s möglich.

Ein auf einer Parkbank sitzendes oder den Weg entlang spazierendes Paar, beide in ihre Handys vertieft. Normaler Anblick. – Dank AI wird die Isolation nun offener und ehrlicher.

Irgend so’n Steiner und auch ein Witzenmann haben Ansätze geschaffen, die Isolation zu durchbrechen und reales Miteinander zu schaffen. Ihre Anregungen wurden zur gruppenbildenden Ideologie umgearbeitet, der man sich aus den unterschiedlichsten, meist undurchschauten Beweggründen anschliesst.- Die Entfremdung bleibt; entsprechende Versammlungen unterscheiden sich oftmals nicht wesentlich von den in ihre Handys vertieften Parkbesuchern.

Raymond Zoller