Eingang Klamurke Aus dem sozialen Leben

Vagantenbeichte

bzw. Anlauf zu einer solchen
als Zwischenspiel zu bislang unbekannter Fortsetzung:

Rückblick auf die vergangenen Jahre sub specie vagationis

Autobiographischer Abriß in klamurkosophischer Sicht

 

Vorliegenden irgendwann mal unternommenen Anlauf zu einer Vagantenbeichte entdeckte ich zufällig im Dateiendschungel auf der Festplatte meines Computers. Scheint mir noch recht lustig; und damit er, der Anlauf, nicht ganz verschütt gehe, tu ich ihn mal in die Klamurke; und so mich mal entsprechende Lust und Laune überfallen sollte, schreib ich vielleicht sogar weiter.

 

Cum sit enim proprium viro sapienti,
supra petram ponere sedem fondamenti,
stultus ego comparor fluvio labenti,
sub eodem aere numquam permanenti.
(Carmina burana)

 

Daß ich ein Vagabund bin hat letztendlich weniger mit meinen Neigungen zu tun denn vielmehr mit den Umständen, die mich zu einem Vagabundenleben zwingen.

Würde ich über entsprechende Mittel verfügen, so würde ich es vorziehen, geruhsam und gezielt an Angefangenem, Veranlagtem weiterzuarbeiten. Gesetzt den Fall, ich hätte beliebige Mittel zu meiner Verfügung, so würde ich mir selbst irgendwo in der Welt, wo ich mich wohlfühlen kann, eine geordnete Situation schaffen; und ein gleiches für Menschen, mit denen ich in diesen oder jenen Bereichen zu tun habe; und reisen würde ich nur, wenn irgendwelche „Sache“ es verlangt. Und zu tun gäbe es genug; bloß läßt das meiste sich nicht in fertigen Zusammenhängen entwickeln (wer „fertig“ ist und in fertigen Zusammenhängen häuslich sich eingerichtet hat, der kennt in der Regel nur die Reproduktion von bereits Fertigem und hat kein Auge für sich Entwickelndes); und bewegliche Strukturen mit geistig beweglichen Menschen gibt es, so weit mir bekannt, höchstens in der Theorie[1].

Zu einer Zeit, als ich mit meinen Orientierungsversuchen noch ganz am Anfang war, stieß ich auf die Arbeiten eines österreichischen Denkers*, in denen ich mich irgendwie verstanden fühlte; und etwas später kam ich dann auch mit dessen Anhängerschaft in Kontakt, mit welchselbiger ich allerdings nicht so sehr klar kam. Irgendwie paßten die Gedanken jenes Denkers mit dem Trachten und Tun seiner Anhängerschaft nicht so ganz richtig zusammen; und viel Zeit verschwendete ich mit dem Bemühen zu verstehen, was los ist und was da nicht stimmt. Schließlich ließ ich dann die Anhängerschaft beiseite (in der Folge kam es dann zwar immer wieder zu meist danebengehenden Berührungen mit selbiger; bis ich schließlich zur Gänze aus deren Schwerefeld entschwand) und beließ es bei privatem ungestörtem Zwiegespräch mit den Arbeiten jenes Denkers. Das brachte mich immerhin weiter. – Hier wären, wie ich verstand, vom Prinzip her solche aus dem Zusammenwirken geistig beweglicher Menschen resultierende bewegliche Strukturen veranlagt gewesen; doch vermute ich inzwischen, daß die meisten dieser Anhänger nicht einmal eine Ahnung von dem haben, was da veranlagt gewesen sein könnte und oft gar nicht verstehen, wovon sie reden… Aber das ist nun mal so üblich bei Anhängern.

Die Probleme, welche durch solches die tatsächliche Geisteshaltung verdeckendes und vom eigenen Denken ablenkendes gestelztes Theoretisieren entstehen, führten, als ich diese fatalen Mechanismen schon klein wenig besser durchschauen konnte, zu ersten, noch unbeholfenen Entwürfen der „Klamurke“ mit ihrem Motto „ungeistig – asozial – unchristlich“ und dem „Krüppel aller Länder – vereinigt euch!“[2]

Da ich mich nun mehr oder weniger ganz alleine erziehen und entwickeln mußte ging det alles entsprechend langsam und zögernd voran. Aber es ging voran. In meiner Umgebung galt ich zu diesen Zeiten als schrulliger Versager. Aber ich konnte es nicht besser[3]

Sogar gab es in diesen Anfangszeiten Phasen, wo ich durchaus ernstgenommen wurde und mir sogar geregelt fließende Finanzquellen hätte erschließen können, teilweise auch erschloß. Zu tun hatte das mit meinen fließenden Russischkenntnissen (die ich mir, wie fast alles brauchbare, in eigener Regie angeeignet hatte und die entsprechend auch nicht durch irgendwelche Diplome abgedeckt waren) sowie damit, daß ich bei einer Bekannten, die ein Übersetzungsbüro betrieb, mit meinen Sprachenkenntnissen gelegentlich aushalf. Da ich praktisch zweisprachig war und mich auch verhältnismäßig leicht in die technischen Zusammenhänge – um die es meistens ging – eindenken konnte, funktionierte das entsprechend gut. Was dazu führte, daß die involvierten Mitarbeiter der betreffenden Firmen, die in gesundem wirtschaftlichem Pragmatismus[4] weniger sich für Diplome interessierten denn vielmehr dafür, ob die Kommunikation mit den russischen Partnern funktioniert, großen Wert darauf legten, daß eben ich diese Arbeit mache; und det ging sogar so weit, daß eine dieser Firmen mir über Monate hinweg, neben den Honoraren, Hotelzimmer finanzierte.

Als Dolmetscher und Übersetzer hätte ich, wie man det so nennt, Karriere machen können. Doch das hätte mich aus allem herausgerissen, um das es mir, damals noch ganz verworren, eigentlich ging. Und vermutlich hätte ich das auf Dauer auch nicht ausgehalten. Wie ich es später rückblickend formulierte: Wenn es in der Seele brennt, wenn es darnach drängt, Eigenes dem Unbestimmten zu entreißen und auszuformulieren – ist es auf Dauer nicht machbar, von früh bis spat nur zu übersetzen, was andere sagen…

Tbilissi, am 25. März 2010: Als Fortsetzung einfach hereinkopiert ungekürzt und unverändert ein vor ein paar Tagen in einem kurz aufgebrochenen und gleich wieder verebbten Gespräch getätigter Forumbeitrag. Das Forum hatte mit dem „Bedingungslosen Grundeinkommen“ – abgekürzt „BGE“ zu tun - (das Epigraph wurde, da es mir spontan als die Sache illustrierend einfiel, nachträglich eingefügt).
Soll deinem Wort ich glauben?
Ein Unstern, scheint's, hat dich bis jetzt verfolgt.
(Richard Wagner)

Festgehalten sei mal die nicht zu übersehende, aber meist verdrängte Tatsache, daß Menschen, die in abgesicherten Verhältnissen leben, sich meistens nicht einmal die Mühe machen, Menschen, die weniger abgesichert sind, zu verstehen [5]. Und dies gilt, leider, häufig auch für solche abgesicherte Persönlichkeiten, die sich als Vertreter fortschrittlich wirkenden Gedankengutes hervortun. Mit diesbezüglichen eigenen Erfahrungen und Erfahrungen aus meiner näheren Umgebung ließen sich Bände füllen.

[um Mißverständnisse zu vermeiden: es geht mir nicht um Einteilung in „Klassen“, sondern um Charakterisierung einer zwar meist unbewußt wirkenden, das soziale Miteinander dafür umso stärker beeinträchtigenden Haltung, mit der die Betroffenen im Grunde sogar mehr sich selber im Weg sind als anderen. Der Mensch, so er Wert darauf legt, ist durchaus in der Lage, sich zu ändern; also nix mit „Klassengesellschaft“.]

Ich will nicht polemisieren; aber da das Problem Beachtung und nähere Untersuchung fordert, ein Beispiel:

Eine Korrespondenz mit einem BGE-Aktivisten mündete in die Bemerkung selbigens: Daß ich überall nur Baustellen um mich herum habe; wenn ich mal was auf die Beine stelle, könne man weiter reden. – Was, ganz natürlich, den Abschluß jener Korrespondenz bedeutete. Er war sichtlich nicht daran interessiert, mit einem solchen Erfolglosen weiter zu korrespondieren; und auch ich wäre selbst im „Erfolgsfalle“ nicht daran interessiert, mit ihm „weiter zu reden“; denn erstens ist alles, was wir tun, „Baustelle“, d.h. Übergang zu Weiterem; und zwotens weiß ich selbst, daß es wünschenswert wäre, die zahlreichen Ansätze, die ich bislang – teilweise nicht ohne einsetzenden Erfolg – verfolgte, etwas strukturierter durchzuziehen; bloß ging das nicht, weil ich infolge Finanzmangels von einem zum andern getrieben wurde (ansonsten hab ich eine Schwäche für gezieltes, konsequentes Arbeiten); und daß ein Aktivist der BGE-Bewegung solches nicht sehen und verstehen kann – machte mir die ganze Sache als Programm (jedoch nicht den weiterer Ausarbeitung bedürftigen Hintergrund) zunächst mal suspekt. Obwohl selbiges Problem: daß, eben, die „Erfolgreichen“ die „Erfolglosen“ insgeheim verachten, mir bekannt ist.

Das Problem der „Erfolgreichen“ hab ich in einem Blogeintrag anfänglich untersucht; findet man hier

Ich selbst habe das Glück, daß ich von privater Seite aus vorübergehend mit „bedingungslosem Grundeinkommen“ versorgt werde. Der Betreffende, ein finanziell gut versorgter Freund, unterstützte ein technisches Projekt, welches ich vor ein paar Jahren in Georgien initiiert hatte (Näheres hier); und nachdem wir selbiges, trotz guter Perspektiven, aufgrund allgemeinen Desinteresses eingefroren hatten, fuhr er fort, mich selbst – als "Sozialpfadfinder" und Schriftsteller; doch in erster Linie: bedingungslos – weiter zu finanzieren.

Eben vor kurzem hab ich angefangen, das Problem einer sachgemäßen Finanzierung schreiberischer, publizistischer Tätigkeit zu untersuchen; einen Blogeintrag aus diesem Zusammenhang findet man hier.

Vielleicht können wir das Problem hier oder andernorts oder einfach per Korrespondenz weiterverfolgen.

Zusammen mit verschiedenen weiteren Sachen aus dem näheren und ferneren Umfeld des Themenkreises „Bedingungsloses Grundeinkommen“ wurden obige Anmerkungen in einer PDF-Datei zusammengefaßt, die man hier herunterladen kann.

Montenegro, am 24. Februar 2011 – weiterhin sub specie vagationis allgemeiner Bericht über die Entwicklung seit letzter Notiz sowie weitere Tendenzen und Perspektiven (von straff umrissenen Plänen pflegen wir Vaganten ja eigentlich nicht zu sprechen, alsda wir verstehen: im Sozialen kann man fest umrissene Pläne nur dann schmieden, wenn man die Macht hat, die betreffenden Menschen in den geplanten Zusammenhängen seinen Vorstellungen nach zum Funktionieren zu bringen. Überlassen wir es denn den Festlandbewohnern, an ihren letztendlich nicht realisierbaren straffen Plänen zu ersticken)

Dem am Schluß obiger Notiz erwähnten Freund, der mich – und teilweise auch einige weitere Mitstreiter – durch ein privates „bedingungsloses Grundeinkommen“ unterstützte, wurden die Mittel knapp; so daß er dies Unterstützung einstellen mußte. Dafür ergab es sich dann, mehrere Monate ist’s nun her, daß ich mich mit eigenen Mitteln versorgt sah.

Ein Teil dieser Mittel nutzte ich, mir an einem ruhigen Orte dieser unserer Welt einen Ankerplatz zu bereiten. Seitdem hab ich mein festes Hauptquartier in Montenegro (Länder, in denen ich mich eher heimisch fühle – Georgien, Rußland, Ukraine – wären für ein festes Hauptquartier ein zu unsicheres Pflaster; dafür darf ich nun Serbisch lernen….). Mit dem Rest könnte ich, so keine Währungs- oder sonstige Katastrophen dazwischenkommen, eine zeitlang ungestört leben; doch da ich nicht einfach vor mich hin leben kann und will, sondern zu tun habe, und weil ich aus menschlichen wie arbeitsmäßigen Gründen verschiedene Leute mit über Wasser halten muß, könnte es mit der Zeit wieder knapp werden.[6]

Gemeinsam bemüht man sich nun, die bisherigen umständehalber zerrütteten Baustellen in Ordnung zu bringen und sie mit einigem inzwischen neu hinzugekommenen zu einem einigermaßen harmonischen Ganzen zusammenzubringen. Das geht langsam; aber es entwickelt sich.

Zu dem neu hinzugekommenen gehören auch in Deutschland lokalisierte Zusammenhänge, deren Anliegen ich mit eigenen Worten unwidersprochen als „Überwinden der Sprachlosigkeit“ zusammengefaßt habe.

So weit für diesmal.

(Nach Lust und Laune folgt vielleicht Fortsetzung)


[1] Angemerkt sei, daß das Vorhandensein von Zentren und Organisiertwerden von Tagungen zu diesem Thema mir bekannt ist; allerdings ist es mir nicht möglich, im wohlorganisierten reproduzierenden Wiederkäuen von Gedanken zum Überwinden des reproduzierenden Wiederkäuens etwas anderes zu sehen als das altbekannte reproduzierende Wiederkäuen; trotz über lange Zeit hinweg gepflogenen redlichen Bemühens, hinter diesem Wörtermachen irgendwelche Realitäten zu entdecken.
Nachträglich - am 24. Februar 2011 - eingefügter Zusatz: Siehe auch den später entstandenen kurzen Blogartikel "Entwicklung als Störfaktor beim Reproduzieren"
[*] Eingeschobene Fußnote August 2011: Des Versteckspielens müde bekenne ich: Es handelt sich um R. Steiner. Wollte das damals nicht so offen aussprechen, damit man mich nicht mißverständlicherweise für einen Anthroposophen halte. Ich bin nun mal kein Anthroposoph. Aber den Steiner find ich echt gut. – Bei einem anderen hier andeutungsweise erwähnten Autoren handelt es sich um den in jenem Umfeld beheimateten Herbert Witzenmann, dem ich gleichfalls einiges verdanke und mit dessen Schriften ich mich gleichfalls im Alleingang weiterhin beschäftige.
[2] Siehe „Über das Wesen der Klamurke“. – Zu diesen Anfangszeiten des Übergangs von dumpfem Unbehagen zur gedanklichen Durchdringung selbigens wäre ich wohl kaum in der Lage gewesen, die damals mehr geahnten Hintergründe des „Ungeistig-asozial-unchristlich“ klar begrifflich auszuformulieren; allerdings hätte ich es ohne diese ersten stotternden Versuche, mich zu äußern, wohl nie so weit gebracht, daß ich det alles nun einigermaßen überschauen kann.
[3] So weit mir bekannt, gelte ich in dieser meiner einstigen per Theorie alles „wohl beschauenden“ Umgebung unbesehen nach wie vor als Versager; doch empfinde ich das nun nicht mehr als störend.
[4] Eine – fast schon rückblickende – Auseinandersetzung mit der Sichtweise meiner damals bereits im Hintergrund entschwindenden weniger pragmatisch, dafür hochgeistig ausgerichteten einstigen Freunden siehe etwa hier
[5] In ihren weiteren Ausläufern prägt diese meist unbewußt bleibende Haltung leider auch das Verhältnis der in ihre – noch – funktionierende Strukturen eingebetteten Europäer zu den Menschen etwa in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Der Europäer neigt auch hier dazu, alles rein schematisch mit seinen eigenen gewohnten Maßstäben zu messen und nimmt sich in der Regel nicht die Mühe, sich in die Spezifik anderer Kulturkreise mit anderer Geschichte einzudenken (versteht oft nicht einmal, daß es irgendwas anderes ernstzunehmendes geben könnte); und was mit seinen Maßstäben nicht gemessen werden kann – ist unseriös. Und da er die spezifischen Schwierigkeiten nicht sehen will und vermutlich aufgrund seiner Scheuklappen auch gar nicht sehen kann, kann er entsprechend – in einer Situation, die er gar nicht versteht – auch keine Hilfestellung leisten (er versteht ja nicht einmal seine eigene Situation und kann entsprechend auch sich selbst nicht helfen; trotz allen Größenwahns) - [Ausnahmen werden selbst verstehen, daß sie nicht gemeint sind; und wer nicht zu den Ausnahmen gehört und trotzdem meint, er sei nicht gemeint, der irrt halt. Unvoreingenommen in sich reingucken; und schon weiß man in Etwa, wo man steht; iss gar nicht so schwierig, braucht nur etwas Mut; und wenn man erst mal weiß, wo man steht, kann man auch weitergehen und darüber vielleicht sogar nach und nach sogar seine Scheuklappen ablegen]
- Zusammen mit verschiedenen weiteren Sachen aus dem näheren und ferneren Umfeld des Themenkreises „Bedingungsloses Grundeinkommen“ wurden obige Anmerkungen in einer PDF-Datei zusammengefaßt, die man hier herunterladen kann.
[6] Daß ich aus eigenem Budget, unter der Gefahr, daß es eng werden könnte, ein paar Leute unterstütze, dürften manche Welterretter aus meinem einstigen Freundeskreis als weitere Bestätigung sehen, daß ich nicht ganz klar im Kopfe bin. Ich vermute, daß det so wäre, wenn sie davon wüßten; wieauch ich vermute, daß sie wesentlich gnädiger wären in der Beurteilung meiner Person, wenn ich die gleichen Summen, oder besser noch mehr, zur Finanzierung ihrer Tagungen und Tagungshäuser abzweigen würde) - (den Ärger über diese welterretterische Scheinheiligkeit bin ich, wie ich merke, noch immer nicht ganz los)

Raymond Zoller