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Eugen Winkelried und Wilhelm Tell




Eine allgemeine Anmerkung zum Thema
von Balthasar Kuckuck

Eugen Winkelried ist ein schweizerischer Held, der im Kampfe gegen ausländische Feinde den Heldentod starb.

Mit welchem Rechte – mag so mancher Schweizer sich fragen – macht denn nun aber dieser Ausländer sich daran, über den im Kampfe mit den Ausländern gefallenen Winkelried zu schreiben? Ist solches berechtigt? Wohl kaum.

Wohl mag man in diesem Zusammenhange gedenken des Ausländers Friedrich Schiller, welchselbiger einen anderen Schweizerischen Helden, den Wilhelm Tell, in das Bewußtsein der Schweizer gehoben hat, woselbst dieser unverrückbar existiert und durch die Hartnäckigkeit seiner diesbezüglichen Existenz selbst die Zweifel an seiner historischen Existenz, also die Zweifel darob, ob er tatsächlich seinerzeit in physischer Gestalt über die Schweizerische Erde gewandelt ist, wieder wettmacht.

Was wäre Wilhelm Tell ohne den Ausländer Friedrich Schiller? Ein Nichts wäre er! Ein reines Nichts! - Und könnte es – möchte man fragen – von daher nicht legitim sein, wenn nunmehr ein anderer Ausländer sich daranmacht, über den Eugen Winkelried zu berichten? Ob er, dem aufgrund seines Ausländertums vielleicht gar die Möglichkeit zu einer distanzierteren Betrachtung gegeben ist, nicht gar Züge entdecken könnte, die Eugen Winkelried bei dem Schweizerischen Volke, dem er gedient, in einem ganz neuen Lichte erscheinen lassen? - So oder ähnlich könnte man fragen.

Allerdings darf man hier nicht übersehen, daß es sich Friedrich Schiller doch aber um einen bedeutender Ausländer handelt, der den Don Carlos geschrieben hat und die Räuber und auch den Spieltrieb erfand; wasletzteres sehr wichtig ist, weil er dadurch Wesentliches geliefert hat für Festreden bei der Einweihung von Sportplätzen; denn wenn der Festredner zum Beispiel in feierlichem Tone deklamieret:

"Bereits im Jahre 1793 schrieb Schiller in seinem fünfzehnten Brief zur aesthetischen Erziehung des Menschen: 'Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

- so ist das doch beeindruckend und zeugt von Bildung; und wie schön Schiller das doch gesagt hat; und sicher hat er auch noch gesagt, daß in jedem Manne ein Kind verborgen ist, das spielen möchte; und auch dieser Ausspruch läßt sich bei der Einweihung von Sportplätzen einflechten; und insgesamt geht aus all dem hervor, daß es sich bei Friedrich Schiller um einen bedeutenden Ausländer handelt; und bedeutende Ausländer dürfen sich unter Umständen auch über schweizerische Helden äußern.

Jener Ausländer aber, der sich nun anschickt, über Eugen Winkelried zu schreiben, hat weder den Don Carlos geschrieben noch den Spieltrieb erfunden; was aber bedeutet, daß er kein Recht hat, sich an schweizerischen Helden zu vergreifen und daß wir in seinen diesbezüglichen Unternehmungen nichts anderes sehen können denn frevelhafte Auswirkungen eines respektlosen Gemütes, dem nichts heilig ist.

Balthasar Kuckuck




Die Entstehungsgeschichte dieses Zyklus über den schweizerischen Helden Eugen Winkelried ist folgende: Irgendwo hörte ich ein Soldatenlied über besagten Helden. Das Lied war, wie bei Soldatenliedern und vor allem schweizerischen Soldatenliedern üblich, saudumm; doch aus irgendwelchen Gründen schien mir, als könne man es auch noch dümmer machen. Und so setzte ich mich an die Arbeit.

[als dann alles schon fertig geschrieben war und mir weiter nichts mehr einfallen wollte, erfuhr ich, daß jener Held nicht Eugen geheißen hat, sondern Arnold. Aber das macht nichts.]

In der Rahmenstruktur „Vermischte Prosa“ findet man auf der Linkleiste die Abteilung „Eugen Winkelried“ mit weiteren Winkelried-Texten.

© Raymond Zoller