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Das Leben des Wilhelm von Dorten

Wilhelm von Dorten wurde geboren in einer wolkenlosen Vollmondnacht, in der ein leiser Norwestwind wehte. In Bangkok soll das gewesen sein; vielleicht auch sonstwo. Wer sein Vater war, weiß man nicht; und von seiner Mutter ist nur bekannt, daß sie allem Anschein nach mit seinem Vater verheiratet war. Seine Schwester lebte lange Jahre in Bangkok; und zwar, wie es heißt, als Chorleiterin bei der Heilsarmee; oder, wie andere meinen, als Barsängerin und Entkleidungskünstlerin. Doch ist dies, wie es scheint, Ansichtssache, da sie, wie bekannt, die Abwechslung liebte und man vermuten darf, daß sie all diesen Tätigkeiten gleichzeitig nachging. Heute lebt sie in der Bundesrepublik Deutschland und tritt in den dortigen Fußgängerzonen als Feuerschluckerin auf; jedoch nur bei schönem Wetter.

Doch kommen wir zurück zu Wilhelm von Dorten.

Wie bereits gesagt, wurde er vermutlich in Bangkok geboren; wo er, wie man annehmen muß, auch seine Kindheit und Jugend verbrachte. Von seinen Leistungen in der Schule ist nichts bekannt; genausowenig wie die Fächer, die er durchnahm, rekonstruiert werden können. Doch ist das alles heute auch nicht mehr so wichtig; und vielleicht ist er auch gar nicht in Bangkok zur Schule gegangen, sondern woanders.

Kurz nach Eintritt in sein fünfzehntes Lebensjahr ist irgendwas Einschneidendes passiert, das sein ganzes Leben von Grund auf änderte. Was das genau war läßt sich heute nicht mehr feststellen; genausowenig wie es möglich ist, Art und Qualität der Veränderung im Nachhinein zu rekonstruieren. Aber irgendwas muß da gewesen sein...

Als er 21 war verließ er Bangkok; das heißt, sofern er tatsächlich in Bangkok gelebt hat. Sicher ist aber, daß er mit 21 den Ort, an dem er sich damals aufhielt, verließ; wo immer das auch gewesen sein mag.

Von da ab durchkreuzte er in einem selbstgebastelten Unterseeboot den Indischen Ozean und den Pazifik; und selbst im Atlantik soll er gewesen sein. Manche gar wollen ihn an der deutschen Nordseeküste irgendwo bei den Halligen gesichtet haben; doch scheint das äußerst unwahrscheinlich, da die Halligen, wie es heißt, ihn nicht interessierten.

Im Indischen Ozean lebte er von Seeräuberei und Mädchenhandel; und wenn er einem amerikanischen Kriegsschiff begegnete, tauchte er ab, aufdaß man ihn nicht behellige. - In seiner freien Zeit jagte er manchmal Surfer, die sich aufs offene Meer hinausgewagt hatten, oder enterte Segelboote. Mit seiner alten Maschinenpistole hielt er die Mannschaft in Schach und hieß sie, sich in Reih und Glied vor ihm aufzustellen. Dann hielt er ihnen einen Vortrag zu irgendeinem Thema, das ihm gerade einfiel; und wenn er geendet hatte ermahnte er sie, sich immer würdig und anständig zu benehmen, ließ sie salutieren und ging wieder von Bord. Auch begann er, Haifische zu dressieren; teils zum Zeitvertreib, teils auch aus beruflichen Gründen. Die Haifische wurden abgerichtet, im Rudel in Badestrände einzubrechen und badende Touristinnen aufs offene Meer hinauszujagen, wo er sie dann einsammelte. Die Menschenfresserei hatte er ihnen abgewöhnt; sogar waren sie so dressiert, daß, wenn eine der Fliehenden zu ertrinken drohte, sofort ein Hai zu ihr hinschwamm, um sie zu retten. Wilhelm von Dorten sammelte die Beute ein; und wer nicht geeignet war, wurde, auf einem Haifisch reitend, an den Strand zurückgeschickt. Was für ihn völlig ungefährlich war, da man den Zurückgekehrten ihre Erzählungen nicht glaubte und sie für Schockphantasien hielt. Die eingefangenen Touristinnen verkaufte er nach Bangkok, manchmal auch woanders hin.

Kurz nach Eintritt in sein fünftes Lebensjahrsiebt trieben ihm seine Haifische von der Australischen Westküste her eine junge Anthroposophin zu, die im Weiteren seinen Lebensgang in ganz neue Bahnen lenken sollte. Wilhelm von Dorten wußte nicht, daß das eine Anthroposophin ist; ja, er wußte nicht einmal, daß es sowas gibt; aber sie gefiel ihm sehr; und er beschloß, sie nicht nach Bangkok oder sonstwohin zu bringen, sondern für sich zu behalten.

Also begann seine Wandlung zum Guten.

Die junge Anthroposophin aber, die in Den Haag im vierten Jahre Eurythmie studierte, wußte ihm sehr viel zu erzählen von den geistigen Welten wieauch davon, daß der Mensch nicht nur einen physischen Leib hat, sondern auch aus Ätherleib, Astralleib und Ich noch besteht. Ihre Erzählungen beeindruckten Wilhelm von Dorten so sehr, daß er beschloß, sein Leben von Grund auf zu ändern. Und so kam es, daß er alsbald sein Unterseeboot ums Kap der guten Hoffnung herumsteuerte und sodann stracks nach Norden hielt; an Spanien fuhren sie vorbei; und dann östlich durch den Ärmelkanal; und schon kreuzten sie auf der Höhe von Den Haag vor der Küste. Mit Wucht setzte Wilhelm von Dorten sein Unterseeboot auf den Sand; und dann stiegen sie aus; durch das Meer watend trug er seine Retterin an Land; und dann gingen sie geradewegs zur Eurythmieschule, wo er noch im gleichen Jahre seine Ausbildung begann.

Was aus seinen Haifischen worden ist, wissen wir nicht. Wilhelm von Dorten aber heiratete jene junge Anthroposophin; und fünf Jahre später sehen wir ihn als Eurythmielehrer an einer Waldorfschule, wo seine Frau, die mit ihrer Ausbildung entsprechend früher begonnen hatte, auch bereits tätig war. Zwei Jahre lang führte er selbstvergessen und unermüdlich die Schüler auf dem Wege zum Geiste; und dann kam der Tag, da er eine zwölfte Klasse nach Bangkok geleiten durfte; in jene Stadt, von der er so viel und so interessant zu erzählen wußte.

Wie er aber so durch die Straßen von Bangkok schlenderte, da packte ihn finsterste Schwermut und Sehnsucht nach jenen vergangenen Jahren. In der Nacht schlich er sich heimlich zu seinen einstigen Geschäftspartnern, die ihn sofort wiedererkannten und ihn fragten, warum er denn eine Baskenmütze trägt. - Die Baskenmütze schenkte er ihnen; und dann setzten sie sich, wie in alten Zeiten, an einen runden Tisch und redeten vom Geschäft.

Und so kam es, daß Wilhelm von Dorten die ganzen Schülerinnen seiner zwölften Klasse verkaufte; und auch seine Frau und sämtliche Kolleginnen verkaufte er, die er dabei hatte; außer einer älteren Handarbeitslehrerin, die niemand haben wollte. Den Schülern und Kollegen aber gefiel dieser Streich so gut, daß sie sich alle bei ihrem ehemaligen Lehrer und Kollegen als Helfer verdingen und in Bangkok bleiben wollten; bis auf einen Musiklehrer, der sich durch solche Tätigkeit karmisch nicht belasten wollte und lieber in seinem alten Berufe blieb.

Die Handarbeitslehrerin und der Musiklehrer aber flogen zurück nach Europa und berichteten, was vorgefallen.

Von den Lehrern und Schülern, die sich als Gehilfen bei ihm verdingt, von den Lehrerinnen und Schülerinnen, die er verkauft, aber auch von Wilhelm von Dorten selbst hat man seitdem nie wieder etwas gehört.

Inzwischen ist er wieder aufgetaucht.
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© Raymond Zoller