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Das Leben fließt vorbei, als hätt' es mich vergessen.
In schwachem Schimmer schlummert die betäubte Seele...
Die Zeit ist reif, doch alles rings vermodert:
in faul'gem Strome treiben wir dem Abgrund zu...

Der Abgrund ruft: Das ist das einzig wahre;
und alles andre sind nur fromme Träume
die aus dem Moder und der Fäulnis steigen.
Dann reden wir von Geist und Phantasie,
und daß man handeln kann aus Liebe zu der Sache...
Wie Blasen aus dem Sumpfe brubbeln unsre Wörter
von hehren Zielen und von Menschheitsadel...

Dem Menschen ward die Macht gegeben,
die Worte vom Begriff zu lösen.
Wir lösten fleißig und mit Eifer…
Der Wörter gab es viel und immer mehr;
die Wirklichkeit blieb liegen und verfaulte,
und treibt in trübem Strom dem Abgrund zu.




Nachbemerkung April 2012
Dieses Gedicht schrieb ich Anfang der neunziger Jahre, als ich mich in einem Milieu edel-welterretterisch gestimmter Menschen aufhielt. Sehr einsam war ich damals und sehr hilflos; aber ich war mir – woran das Gedicht mich erinnert – meiner Einsamkeit und Hilflosigkeit bewußt. Richtig reden konnte man letztendlich mit niemandem: eigene Betroffenheit wurde als Schrulligkeit abgetan; man suhlte sich in seinen edlen Theorien, organisierte Tagungen und Seminare; und ansonsten hatte man zu denken und zu empfinden, wie es sich für einen normalen Menschen schickt.
So weit ich – inzwischen aus sicherer Distanz – mitbekomme, scheinen die noch immer Tagungen und Seminare zu organisieren und scheinen noch immer nicht zu merken, was los ist.
Gegen die Gefahr, Welterrettungs-Eitelkeit ernst zu nehmen, bin ich inzwischen gefeit. Ich find das nur noch komisch.
Obwohl wir, unter anderem, der heimtückisch von der Wirklichkeit ablenkenden Welterrettungs-Eitelkeit verdanken, daß so gut wie alle Chancen verpaßt wurden und daß der Abgrund immer realer wird.
Doch selbst Katastrophen haben – wenn man sie richtig zu nehmen weiß – ihre Komik.
So isses
Nachbemerkung Oktober 2012:
Sicherheitshalber sei noch angemerkt, daß mein Welt- und Menschenbild nicht auf die im Gedicht beschworenen „Blasen aus dem Sumpfe eingeschränkt ist.
Daß es, außer den aus den Sümpfen menschlich-allzumenschlicher Eitelkeiten und sonstiger Kleinkariertheiten aufsteigenden Blasen, auch ganz reale nicht in der Alltagsbanalität verwurzelte und über sie hinausweisende Bestrebungen gibt, weiß ich. Die sind nicht gemeint.
Und daß selbst unserem edelsten Beginnen menschlich-allzumenschliche Verunreinigungen beigemischt sein können und meistens auch sind – ist gleichfalls nicht gemeint. Ohne solche Verunreinigungen geht es nicht; wir sind Menschen, und keine Götter und müssen uns, eben, als Menschen, mit unseren menschlich-allzumenschlichen Unzulänglichkeiten unter keimdurchsetzten irdischen Verhältnissen unsere Wege bahnen.
Gemeint ist nur der – leider häufig anzutreffende – Extremfall, wo konzentrierte menschlich-allzumenschliche Kleinkariertheit göttergleichen Welterrettungsanspruch erhebt.
Auf das Mischungsverhältnis kommt es an; das ist alles.

© Raymond Zoller