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Auf der Suche nach dem Sinn des Seins

"Wo ist der Sinn?" rief Erwin. "Wo ist er? Sagen Sie es mir doch!"

Mit einem Satz sprang er auf den Tisch.

Er hatte diesen Sprung lange geübt, und deshalb wirkte es sehr beeindruckend. Professor Flötendopp staunte.

"Liegt der Sinn in den Höhen des Daseins?" rief er und hob die Rechte mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Höhe. "Oder liegt er in den Grüften und Tiefen der Erde?" - Mit der Linken deutete er nach unten; und wie er so das Bewußtsein in die Grüften und Tiefen der Erde hinunterschickte und den nach oben weisenden Zeigefinger alleine ließ, kollidierte dieser, sich selbst überlassen, mit der über dem Tisch hängenden Lampe und zog, da die Lampe sehr heiß war, das Bewußtsein schmerzhaft wieder nach oben.

"Gott-ver-dammte Scheiße!" sagte Erwin.

"Meinen Sie das in Bezug auf die Höhen des Daseins oder in Bezug auf die Grüfte und Tiefen?" fragte Professor Flötendopp. Es war ihm noch nie passiert, daß während eines Gesprächs jemand auf den Tisch springt, und er wunderte sich sehr.

Erwin rieb sich mit der Linken den schmerzenden Finger und schwieg. Die Lampe hatte ihm alles verdorben. Warum hatte er nicht daran gedacht, daß über dem Tisch eine Lampe hängt? Fast immer hängt über einem Tisch eine Lampe. Er hätte daran denken müssen.

"Wie Ikarus, die Labyrinthe der Erde unter sich lassend, sich in den heißen Strahlen der Sonne die Finger… die Schwingen versengte," fuhr er, mit zerquältem Gesicht seinen Finger reibend, fort, "so verbrennen wir heutigen im künstlichen Lichte der Technik."

Professor Flötendopp staunte.

Erwin sprang herunter vom Tisch. Denn er hatte keine Lust mehr, so nahe am Lichte zu sein, wo man sich bloß die Finger versengt.

Doch beim Herunterspringen verstauchte er sich den Fuß.

Das hat ihn dann so sehr beeindruckt, daß er beschloß, das Philosophieren sein zu lassen und lieber ein berühmter Fußballspieler zu werden.

Obwohl man da so leicht über den Ball stolpert…



Nachbemerkung:
Inspiriert wurde dieses Epos durch die genial danebengegangene Inszenierung eines Stückes namens „Der Kanzler“. - Selbiger Inszenierung verdankt auch die groteske Effekthascherei bezeichnende Wortschöpfung „Tischhupferei“ ihr Entstehen.

Tirckl-WolffHierzu ein treffender Kommentar von unser aller Freund Ernst Tirckl-Wolff:
"Die Leute, die das damals inszenierten, inszenierten es - soweit ich das beurteilen kann - genau in dem Geiste, den sie begreifen. Aber schön hast du dich von ihnen inspirieren lassen; so daß sie durch ihr Tun auf indirektem Wege die Kultur und die Sprache denn doch bereichern durften"




© Raymond Zoller