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Der Schlaf

Als die ausgebeuteten Klassen des 24-Stunden-Tags müde waren, sannen sie auf ein Mittel, die Kapitalisten zu täuschen. - Und siehe: in brüderlich vereintem Bemühen konnten sie dem Klassenfeind beweisen, daß der werktätige Mensch, so er ausbeutbar bleiben soll, eine gewisse Zeit des Tages regungslos und mit geschlossenen Augen darniederliegen muß, auf daß sich seine Kräfte erneuern.

Das Täuschungsmanöver gelang so perfekt, daß auch die Kapitalisten selbst schließlich auf dieses periodische Stilleliegen zurückgriffen; und so kam es aus dem Klassenkampf heraus zu jener Einrichtung, die wir heute "Schlaf" nennen.

Wie Onkel Otto nachwies, rückt nun - aufgrund des nahen Sieges des Proletariates im Zeichen des Kommunismus - der Moment heran, da diese Täuschung wiederum aufgehoben werden muß, damit der Proletarier in die Lage komme, rund um die Uhr und ohne Unterbrechung die Früchte des Kommunismus zu bestaunen und zu genießen.

Nur werden, wie Onkel Otto weiter darlegte, die Kapitalisten sich einer Auflösung jenes Mythos nach Kräften widersetzen, da sie einerseits nicht zugeben wollen, daß sie getäuscht wurden und da sie darüber hinaus den Schlaf des Proletariers brauchen, um ungestört den Mehrwert beiseiteschaffen zu können. Diese Aufgabe fordere in der Zukunft einen erbarmungslosen aufklärerischen und agitatorischen Kampf; doch sei er sicher, daß das Proletariat auch diese Etappe auf dem Wege zum Kommunismus mit Bravour bestehen werde.

© Raymond Zoller

Zur russischen Fassung






Diesen Text findet man, neben vielen anderen, in dem Taschenbuch

Raymond Zoller

Wie ich den König vom Pferd schubste

und sonstiges Episodisches

RaBaKa-Publishing, Edition Ivata
Erscheinungstermin: Juni 2013
Preis: 16,90 €
Seitenzahl: 196
ISBN: 978-3-940185-25-9


[Sollte der vom Pferde geschubste König über den Buchhandel nicht mehr erhältlich sein, so kann man es über den
Vertrieb des Seminar-Verlags
versuchen. Auf der durch das Link angesteuerten Seite ganz nach unten scrollen; dort findet man ihn]

Die Erzählungen kennzeichnet eine für Zoller typische inhaltliche Unernsthaftigkeit, kombiniert mit einer streng durchgestalteten Form. Die Szenen und Orte der Erzählungen reichen hinein ins Reich des Fantastischen; aber auch ganz normale Alltagsszenen weiß der Autor ins Absurde zu führen. Seine Protagonisten verhalten sich so, wie es nach Ansicht Zollers nicht allein Romanfiguren gut stände, sondern auch dem regelkonformen „Zivilisationisten“.

(Erika Reglin-Hormann)

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