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Die Elfe Prixie

Prixie ist eine Elfe, die im Märchenwald lebt und der es dort, wie allen Bewohnern des Märchenwaldes, sehr gut gefällt. Im Sommer spaziert sie über sonnenbeschienene Märchenwiesen und erfreut sich am Dufte der bunten Blumen und dem vielstimmigen Zwitschern der Vögel; oder sie sitzt am Quell und lauscht den frisch dahinplätschernden Stimmen der Quellgeister, die es nicht müde werden, ihr ihre Geheimnisse zuzuflüstern; und auch wenn sie nicht immer alles versteht, so ward ihr aus deren Munde doch schon manch tiefe Weisheit zugetragen; und alles in allem möchte sie mit niemandem tauschen und ist insgesamt sehr glücklich und zufrieden.

Nur manchmal wird ihr langweilig.

Wenn ihr langweilig wird, verwandelt sie sich in eine große graue Eule und fliegt aus dem Märchenwald hinaus in das Reich der gewöhnlichen Sterblichen, um dort die verschiedensten Streiche zu vollführen. Manchmal fliegt sie flugs zu dichtbevölkerten Ausflugsorten, verwandelt sich hinter einem Busch in eine große weiße Ziege und jagt Spaziergänger. Dies macht ihr sehr großen Spaß; und ganz besonders gefällt es ihr, wenn die Leute auf Bäume klettern und warten, bis sie wieder weggeht. Wie herrlich doch, wenn die ganzen Menschen, die eben noch friedlich auf der Wiese beim Picknick saßen, Tennis spielten oder Fußball, oder stillvergnügt den Weg entlang spazierten – wenn all diese zahllosen Sterblichen plötzlich traubenweise auf den ringsum stehenden Bäumen sitzen und sich nicht heruntertrauen; und zwischen diesen Bäumen, deren Äste sich vor Sterblichen biegen, stolziert sie herum, schnuppert an den Picknickkörben oder vergnügt sich mit den herumliegenden Fuß- und Tennisbällen. Mit ihren Hinterbeinen schlägt sie einen solchen Ball hoch in die Luft und fängt ihn dann mit den Hörnern auf; oder sonstige Kunststücke vollbringt sie; und wenn ihr etwas ganz besonders gut gelingt, so freuen sich selbst die auf den Bäumen gefangenen Sterblichen, und manche klatschen gar Beifall. — Einmal gelang es ihr, auf einer auf weitem Felde allein stehenden Buche achtzehn Männer und fünfzehn Frauen zusammenzubringen; und sogar einen Hund hatten sie mit sich hochgeschleppt. Weit über eine Stunde lang waren die hoch oben auf der Buche gesessen; und sie hätte sie getrost auch noch länger oben halten können; doch da weit und breit keine weiteren Spaziergänger zu sehen waren, die sie hätte hinzutreiben können, wurde die Sache ihr langweilig; und deshalb trottete sie schließlich davon und ließ die Leute wieder herunter.

Nachts, wenn keine Spaziergänger da sind, die man jagen kann, fliegt sie manchmal in die nächste größere Stadt, nimmt ihre gewohnte Gestalt an und geht auf den Strich. Auch dies macht ihr großen Spaß und bringt sehr viel Abwechslung in ihr Leben. Besonders liebt sie es, wenn man Sachen mit ihr anstellt oder von ihr verlangt, die sie noch nicht kennt. Denn äußerst neugierig ist sie und auch lernbegierig. Manchmal auch spielt sie den Männern, die sich an ihr vergnügen wollen, lustige Streiche. — Da wurde sie zum Beispiel einmal von einem sehr dicken Manne angesprochen, den sie sofort wiedererkannte, weil sie ihn einige Tage zuvor als Ziege auf eine zarte Birke hinaufgejagt hatte, wo er, an den Stamm geklammert, fast eine ganze Stunde verharrt hatte. Dieser Mann, der auf der Birke gesessen, fand sehr großes Wohlgefallen an ihr und wollte sie gleich für die ganze Nacht haben. Denn sie sieht schon verdammt gut aus, die Prixie, und ist zudem unverhältnismäßig billig. Und er bestellte ein Taxi, der Mann; und mit diesem Taxi fuhren sie zu seiner Wohnung; und wie er dann vor der Haustür stand und in der Tasche nach seinen Schlüsseln suchte, da verwandelte sich Prixie hinter seinem Rücken in die große weiße Ziege und jagte ihn lange durch die engen und dunklen Straßen der nächtlichen Stadt; und alle, die sie sahen, wunderten sich sehr. Als der Mann aber dann mit letzten Kräften versuchte, an einem Laternenpfahl hochzuklettern und nicht hochkam, da erfaßte sie Mitleid mit dem armen Menschen; und sie ließ von ihm ab und beschloß, die Nacht mit ihm zu verbringen und kein Geld dafür zu nehmen, um ihn solcherart zu trösten und für das erlittene Ungemach zu entschädigen. Denn sie sieht nicht nur gut aus, die Prixie, sondern hat zu alledem noch ein gutes und mitleidvolles Herz. — Da sie als große weiße Ziege zu sehr auffiel, verwandelte sie sich in eine kleine schwarze Katze, eilte zu dem Haus, in dem der Mann wohnte und von dem sie ihn so schmählich weggetrieben, und wartete auf seine Rückkehr. Lange, sehr lange mußte sie warten; und wie er dann endlich kam, mit nach vorne gezogenen Schultern, schlurfenden Schrittes, den Kopf gesenkt, da sprang sie behend hinter eine Hausecke und nahm wieder die menschliche Gestalt an, in welcher der Mann sie kannte. Und wie er dann wieder vor der Tür stand und seinen Schlüssel suchte, da trat sie auf ihn zu; und, so wie sie ihn vorhin von hinten mit den Hörnern angeschubst, legte sie ihm nun zärtlich die Rechte auf die Schulter und fragte besorgt, wo er denn gewesen sei? Er habe plötzlich angefangen zu schreien und sei weggelaufen; und sie habe die ganze Zeit gewartet und schon gefürchtet, es sei etwas passiert. Der Mann starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an und murmelte, er sei plötzlich krank worden und werde sich nun ins Bett legen und einen Arzt rufen. Prixie sagte, sie sei im Hauptberuf Ärztin; und wenn er krank sei, so würde sie ihm gerne helfen. Doch der Mann antwortete, sie sei Prostituierte und nicht Ärztin; und er brauche jetzt keine erotische, sondern medizinische Betreuung. Prixie beteuerte, daß sie Ärztin ist und nur als Hobby manchmal auf den Strich geht; was in der Tat nicht ganz falsch ist, da sie als Elfe von der Heilkunst naturgemäß mehr versteht als die meisten Ärzte; doch der Mann beharrte, daß sie Prostituierte ist und nicht Ärztin; und eine Prostituierte brauche er jetzt nicht, da er sich erst mal erholen und in ärztliche Behandlung begeben muß. Prixie antwortete artig, sie würde sich freuen, ihm ein andermal, wenn er sich erholt hat, zu Diensten sein zu dürfen, und eilte davon.

***

Solche und ähnliche Streiche spielt die Prixie manchmal den Sterblichen; aber ansonsten ist sie sehr lieb und nett und kann stundenlang am klaren Quell sitzen und den Stimmen der Quellgeister lauschen, die ihr alle möglichen Geheimnisse zuflüstern und nicht müde werden, ihr das, was sie nicht versteht, zu erklären...

© Raymond Zoller
Zur russischen Fassung





Diesen Text findet man, neben vielen anderen, in dem Taschenbuch

Raymond Zoller

Wie ich den König vom Pferd schubste

und sonstiges Episodisches

RaBaKa-Publishing, Edition Ivata
Erscheinungstermin: Juni 2013
Preis: 16,90 €
Seitenzahl: 196
ISBN: 978-3-940185-25-9


[Sollte der vom Pferde geschubste König über den Buchhandel nicht mehr erhältlich sein, so kann man es über den
Vertrieb des Seminar-Verlags
versuchen. Auf der durch das Link angesteuerten Seite ganz nach unten scrollen; dort findet man ihn]

Die Erzählungen kennzeichnet eine für Zoller typische inhaltliche Unernsthaftigkeit, kombiniert mit einer streng durchgestalteten Form. Die Szenen und Orte der Erzählungen reichen hinein ins Reich des Fantastischen; aber auch ganz normale Alltagsszenen weiß der Autor ins Absurde zu führen. Seine Protagonisten verhalten sich so, wie es nach Ansicht Zollers nicht allein Romanfiguren gut stände, sondern auch dem regelkonformen „Zivilisationisten“.

(Erika Reglin-Hormann)

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