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Das ist nun sehr lange schon her...
In den finstern Labyrinthen der Vergangenheit verwirren sich die Fäden jener Ereignisse; und so sehr verwirren sie sich, daß es uns kaum je vergönnt sein dürfte, sie in entwirrtem Zustande unserer Erinnerung zugänglich zu machen; es sei denn, wir ermannen uns, in freiem Schaffen unerschrocknen Erfindergeistes sie neu zu erfinden und solcherart ihr Dasein der Öde des Nichtseins zu entreißen.
So wollen wir denn unseren Mut und unseren schöpferischen Kampfeseifer zusammenraffen, auf daß wir Onkel Erwin mitsamt Tante Paula aus den gnadenlosen Krallen der Vergessenheit befreien.
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Selbst habe ich Tante Paula nie gekannt. Aus dem Wenigen, was man mir von ihr berichtete, muß ich zudem schließen, daß sie gar nicht Tante Paula geheißen hat, sondern ganz anders; doch wie sie wirklich geheißen hat und warum man sie wider besseres Wissen Tante Paula nennt, konnte nicht festgestellt werden. Bislang hat außer mir selbst auch noch nie jemand sie Tante Paula genannt; jedoch auch von mir wüßte ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen, wieso ich auf solches verfallen konnte. Zudem ist sie - wie man mir erzählte - keineswegs mit mir verwandt oder auch nur verschwägert; so daß sie folglich auch nicht meine Tante sein kann. Aber ich will sie trotzdem Tante Paula nennen; ganz unabhängig davon, warum ich das tue und mit welchem Recht.
Noch schwieriger verhält sich die Sache mit Onkel Erwin. Einen Onkel Erwin hat es, scheint's, in meiner Familie irgendwann einmal gegeben; jedoch kann man kaum davon ausgehen, daß der mit Tante Paula verheiratet war; nicht zuletzt auch deshalb, weil, wie oben bereits angedeutet, Tante Paula keineswegs mit mir verwandt oder verschwägert war. Wäre Tante Paula nämlich mit Onkel Erwin verheiratet gewesen, so wäre sie meine Tante und folglich mit mir verwandt beziehungsweise verschwägert; was aber, wie gesagt, nicht der Fall ist. Zudem scheint es erwiesen, daß Tante Paula nie verheiratet war; zumindest nicht bis zu ihrem spurlosen verschwinden, welches in ihrem dreiunddreißigsten Lebensjahre vonstatten ging. Was darnach mit ihr geschah oder was sie tat - darüber gibt es nur Mutmaßungen.
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Wie man sieht, ist die Angelegenheit äußerst verworren. Um sie nicht unnötig weiter zu verkomplizieren, werde ich zunächst von Onkel Erwin absehen und meine ganze Aufmerksamkeit der Tante Paula widmen. - Und wie ich mich denn nun in die Sache vertiefe, ersteht vor meinem inneren Auge eine Gestalt, die eine Mischung darstellt aus Jeanne d'Arc[1], Friederike Kempner[2] und Christine Keeler[3]; und diese Gestalt ist niemand anderes als Tante Paula: Jene Tante Paula, welche nicht mit mir verwandt ist oder verschwägert, die nicht den Onkel Erwin geheiratet hat und die in ihrem 33. Lebensjahre spurlos verschwand.
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Wer kennt nicht jene beeindruckende Fotoserie, auf welcher Christine Keeler auf einem Stuhle schaukelnd sich nackend unsern Blicken darbietet? - Gleich Christine Keeler hat das Schicksal auch Tante Paula auf das engste mit einem Stuhle verbunden; und auch ausgezogen hat sie sich dabei; wenn auch nicht ganz so sehr wie Christine Keeler; aber immerhin: sie hat sich ausgezogen. All dies kam daher, daß sie sich eines Tages auf einen Stuhl setzte, der frisch gestrichen, oder, wie manche sagen, mit Leim beschmiert war und daß sie dabei sogleich festklebte. Und so gründlich klebte sie fest, daß alle Befreiungsversuche mißlangen und ihr, um wieder freizukommen, kein anderer Weg übrig blieb, als, ihre festgeklebten Sachen am Stuhle belassend, selbigen gewaltsam zu entschlüpfen. - Im Gegensatz zu Christine Keeler war sie jedoch keineswegs bereit, dies vor aller Augen zu tun oder sich dabei gar fotografieren zu lassen; im Gegenteil bestand sie darauf, daß während ihrer diesbezüglichen Bemühungen alle Anwesenden bis auf den letzten Mann den Raum verließen. Von draußen schaute man ihr dann durchs Schlüsselloch zu. Das sei - wie einer, der dabei war, berichtet - in erotischer Hinsicht zwar völlig unergiebig gewesen, habe dafür aber sehr komisch ausgeschaut. Trotz allen Bemühens sei es ihr nicht gelungen, sich aus dem festgeklebten Kleide zu befreien; und schließlich habe sie die Hinausgeschickten wieder hereingerufen, damit man ihr helfe. Mit vereinten Kräften und mit Hilfe einer Schere habe man das Problem zu guter Letzt dann auch bewältigen können. - Den Stuhl mit den festgeklebten Überresten des Kleides habe man dann in eine Vitrine gestellt; mit der Aufschrift: "Stuhl, auf dem Tante Paula (oder wie auch immer sie hieß) festgeklebt war". Der Stuhl ist aber inzwischen verschollen; einzig von der Vitrine blieben ein paar Scherben erhalten; doch selbst die Herkunft dieser Scherben ist nicht eindeutig erwiesen, da manche behaupten, sie stammten von der gläsernen Eingangstür, die Vater im Suffe einstens kaputtgetreten.
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Der Grund aber, weswegen sie sich, gleich Christine Keeler, auf einen Stuhl setzte, bestand darin, daß sie aus ihren Werken vorlesen wollte. Im Gegensatz zu Christine Keeler war Tante Paula nämlich schriftstellernd tätig; und sie hielt es für allgemeine Bürgerpflicht, die Früchte solcher Tätigkeit vermittels Lesungen auch ihren Zeitgenossen zugänglich zu machen. - Da sie nun in besagtem Fall sich zu einer sehr langen und sehr umfangreichen Lesung anschickte, zog sie es vor, selbige im Sitzen zu absolvieren, weil langes Stehen doch sehr ermüdet. Manches spricht dafür, daß der Stuhl nicht zufällig frisch gestrichen oder mit Leim beschmiert war; es wird vermutet, daß einer ihrer Zuhörer, der keine Lust hatte, so lange zuzuhören, ihn absichtlich präpariert hatte. In dieser Dichterlesung aber liegt, wie nicht zu übersehen, eine tiefe Verwandtschaft mit Friederike Kempner; auch wenn Friederike Kempner - so weit bekannt - kein einziges mal auf einem Stuhle festklebte.
Einige Gedichte von Tante Paula blieben erhalten; zum Beispiel folgendes:
Im Himmel herrscht Geigengetön,
und die Luft ist durchzittert von Vögeln,
Das Leben ist wirklich sehr schön,
weil wir beide uns furchtbar gern mögen.
Die meisten ihrer Gedichte waren aber viel länger; und am längsten war ihre Prosa und ihre Dramen.
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Nach jenem Stuhlereignisse habe sie dann die Dichterlesungen eingestellt; doch etwas später habe sie plötzlich angefangen, den gleichen Personenkreis, den sie früher als Publikum für ihre Dichterlesungen zusammenzwang, als Publikum für Stripteasedarbietungen zu benutzen. Man geht davon aus, daß die exhibitionistischen Neigungen, die sich früher im Lesen ihrer Werke auslebten, durch besagtes Ereignis eine gewisse Läuterung durchmachten und nunmehr direkter zum Ausdruck kamen. Dabei hätten - wie man berichtet - ihre körperlichen Gegebenheiten mit dieser neuen Leidenschaft auf das beste harmoniert; nur sei leider die choreographische Lösung ihrer Darbietungen zu sehr im Stil ihrer literarischen Erzeugnisse gewesen; was manchmal zu gewissen Peinlichkeiten führte und es mit sich brachte, daß die Zuschauer, wo immer es ging, sich von solchen Sitzungen fernhielten
Die Metamorphose ihrer exhibitionistischen Neigungen habe dann nach einiger Zeit auch zu einer Metamorphose des Stuhlereignisses geführt; und zwar habe ein unbekannter Übeltäter vor ihrem Auftritt ihre Kleidung solcherart präpariert, daß sie an ihrem Körper festklebte und sich nur mit größter Mühe und unter Zuhilfenahme aller möglicher Chemikalien entfernen ließ.
Nach diesem Ereignisse sei sie dann für längere Zeit spurlos verschwunden.
Bis man plötzlich erfuhr, daß sie in der Violetten Auster, einem in Insiderkreisen wohl bekannten und hoch geschätzten Künstlernachtclub, zu von ihr selbst verfaßten Lautgedichten erotische Tänze aufführt. Wie es hieß, waren ihre Darbietungen von höchster künstlerischer Form; das dichterische und das choreographische Element seien sehr ausgereift und beides auf das beste aufeinander abgestimmt. Offensichtlich also hatte sie während der Zeit ihres Verschollenseins eine weitere Metamorphose durchgemacht, welche ihre unvollkommenen Einseitigkeiten zu höherer und somit vollkommenerer Einheit vermählte.
Leider aber war weit und breit kein Insider in Sicht, der gewußt hätte, wo man diese Violette Auster denn nun finden kann, wie ihre Öffnungszeiten sind, ob man irgendwo Mitglied sein muß, um reinzukommen oder ob man einfach so reingelassen wird. Und es war nicht einmal auszumachen, ob es sie denn überhaupt gibt...
Typisch Tante Paula: Erst spurlos verschwinden, und dann spurlos wieder auftauchen...
Wie dem auch sei: es läßt sich nicht übersehen, daß sie über all diese Ereignisse hinweg eine spürbare Entwicklung durchgemacht hat. Kein Zweifel kann bestehen, daß die beiden Klebstoffaktionen für sie heilsame Schwellenerlebnisse darstellten, die sie jeweils zur Revidierung ihres bisherigen Weges zwangen; und es gab in der Folge nicht wenige, die diese Aktionen für sich in Anspruch nahmen. Doch da es sich bei den Betreffenden durchwegs um Persönlichkeiten handelt, denen es kaum jemals einfallen würde, eine einmal eingeschlagene Richtung in selbstverantwortlicher Tat zu ändern und die im Gegenteil jeden Abweichler auf das energischste bekämpfen würden; die aber andererseits, wenn eine von fremder Hand vollzogene Richtungsänderung sich bewährt hat, im Brustton der Überzeugung behaupten, sie hätten schon immer so gedacht und seien insgeheim schon immer Vorkämpfer dieses Neuen gewesen - muß man annehmen, daß der wirkliche Täter nicht darunter ist; daß dieser genug damit hat, daß seine pädagogische Tat Früchte bringt und keinen Wert darauf legt, Lorbeeren dafür zu ernten.
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Nach der Violetten Auster blieb sie dann endgültig verschollen.
Manche behaupten, sie sei als Christine Keeler wieder aufgetaucht; was ja durchaus möglich und nicht von der Hand zu weisen ist; wie auch eine andere Sichtweise, welche besagt, sie sei zwar nicht selbst Christine Keeler gewesen, habe aber gewissermaßen als inspirierende Kraft im Hintergrunde gestanden, nicht so ohne weiteres widerlegt werden kann.
Wie dem auch sei: Die Sache wirkt sehr geheimnisvoll.
Und noch geheimnisvoller ist ihre Beziehung zu Friederike Kempner. Hierüber kursieren die verschiedensten Theorien, die je nach Weltanschauung ganz spezifische Gesichtspunkte berücksichtigen. Die einfachste Theorie lautet, Tante Paula sei in ihrer früheren Verkörperung Friederike Kempner gewesen; etwas komplizierter veranlagte Naturen behaupten, irgendwelche hinter den Kulissen wirkende Mächte hätten heimlich ihren Ätherleib durch den konservierten Ätherleib von Friederike Kempner ausgetauscht. Wieder andere gehen davon aus, daß Friederike Kempner im Alter von 25 Jahren sich einfrieren und durch eine Doppelgängerin ersetzen ließ, die dann unter ihrem Namen weiterlebte, schließlich starb und auch als Friederike Kempner beerdigt wurde; und daß sie dann, als sie wieder aufgetaut wurde, den Namen "Tante Paula" (oder wie auch immer) annahm und unter diesem Namen ihr Wirken fortsetzte. Und noch viele andere Theorien gibt’s.
Ihre Beziehung zu Jeanne d'Arc aber ergibt sich aus der unerbittlichen Zielstrebigkeit, mit der sie eine einmal eingeschlagene Richtung bis zum Scheitern weiter verfolgte und aus der Folgerichtigkeit, mit der sie nach Fehlschlägen die jeweils angebrachte neue Richtung finden konnte.
Was nun Onkel Erwin betrifft, so hat der, scheint's, zu großen Wert auf die Unversehrtheit seiner behaglichen bürgerlichen Welt gelegt, als daß die Lebensart von Tante Paula nach seinem Geschmack hätte sein können. Höchstens, daß er ab und zu in irgendwelchen wohlversteckten Winkeln seiner Seele davon träumte, eine solche Frau mal zu treffen; jedoch hätten diese Winkel schon sehr versteckt sein müssen; genau so versteckt wie die Orte solcher erträumter Treffen, unzugänglich den Blicken der "Leute". Daran, daß er sie vor aller Augen hätte heiraten können - daran ist nicht einmal zu denken. So daß man, abgesehen von allen anderen bereits vorgebrachten Einwänden, auch von hier aus an eine solche Verbindung zwischen Onkel Erwin und Tante Paula kaum glauben kann.
Der Titel vorliegender Arbeit wird denn wohl für alle Zeiten ein nicht zu lösendes Rätsel bleiben.
[1] Vermutlich mehr oder weniger bekannt; erscheint hier eh nur am Rande
[2] In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gelebt habende Persönlichkeit; schrieb und veröffentlichte Gedichte, aufgrund welchselbiger man sie den "Schlesischen Schwan" oder auch das "Genie der unfreiwilligen Komik" nannte. - Obwohl dank dem technischen und sonstigen Fortschritt ihr Werk inzwischen an Bedeutung verloren hat und sie von zahllosen unfreiwilligen Nachahmern und Nachahmerinnen überholt werden konnte, werden auch heute noch Anthologien mit ihren Gedichten veröffentlicht.
[3] In England geborene Persönlichkeit, welche aufgrund ihres eigenwillig-lockeren Lebenswandels in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in einen politischen Skandal – den sogenannten Profumo-Skandal – verwickelt wurde und dadurch weltweit bei der Boulevardpresse ein lebhaftes Interesse an ihrer Person bzw. gewissen Seiten ihrer Person hervorrief. Und bis heute hat man sie nicht vergessen; weiter unten erwähnte Fotoserie entdeckte ich vor kurzem auf dem Titelblatt einer russischen Zeitschrift (welchletztere auch die Anregung gab und somit die Verantwortung trägt für das Verfasstwerden vorliegenden Textes).