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König Krüggelmeier




Vor vielen Jahren, an einem heiteren Herbstestage, ergab es sich, daß Ernst Krüggelmeier zum König eines kleinen, irgendwo hinter den sieben Bergen gelegenen Königreiches ernannt wurde.

Es war dies ein Ereignis, welches ihn ganz außerordentlich verwirrte. Denn er war noch nie König gewesen und hatte von der Tätigkeit eines solchen nur ganz verschwommene Vorstellungen. Von den Fernsehnachrichten her wußte er, daß Könige, wie auch ihre Abart, die Präsidenten, in erster Linie dazu da sind, anderen Königen und Präsidenten die Hände zu schütteln und sich dabei filmen und fotografieren zu lassen; oder auch in offenen Limousinen durch die Straßen zu fahren und dem Volke, welches ihnen dabei zuguckt, zuzuwinken. Und dann wußte er noch, daß die Könige und Präsidenten fast genau so leben wie andere auch; nur daß dauernd die Presse und das Fernsehen über ihr Privatleben berichten.

Als Ernst Krüggelmeier noch Privatmann war, hatte er mit der Presse keinerlei Probleme. Wie alle andern Privatleute ging auch er mit Leidenschaft fremd und fand nichts dabei, sein Auto an einer Stelle zu waschen, wo das ganze schmutzige Wasser in den Garten des Nachbarn lief. Einmal hatte ihm der Nachbar zwar mit der Presse gedroht; doch Ernst Krüggelmeier hatte nur höhnisch abgewunken: Für die Presse sei er zu unwichtig, fast nicht vorhanden; und deshalb habe er von ihr nichts zu befürchten.

Doch nun war er plötzlich König.

Und wußte nur, daß er anderen Königen und Präsidenten im Beisein von Reportern die Hände zu schütteln hat und daß er vor Funk und Presse auf der Hut sein muß. Doch sicher hat man als König auch noch andere Aufgaben und ist auch noch anderen Gefahren ausgesetzt, von denen er bislang noch nichts wußte. Das war alles ganz neu für ihn; denn er war, wie gesagt, noch nie König gewesen; und auch unter seinen zahlreichen Verwandten und Bekannten gab es niemanden, der mit diesem Berufe Erfahrung gehabt hätte.

Er war ganz allein auf sich gestellt.

***

Aus diesen Gedanken wurde er durch das Eintreten des Hofmarschalls herausgerissen. Der Hofmarschall trat ein, ohne anzuklopfen; was ihn sehr wunderte, denn in den paar Tagen, seit er König war, hatte er sich daran gewöhnt, daß das Eintreten des Hofmarschalls immer mit einem sehr komplizierten Zeremoniell verbunden ist; und noch viel mehr wunderte ihn, daß der Hofmarschall ihn nicht mit “Seine Majestät” anredete, sondern einfach “Herr Krüggelmeier“ nannte; genau so, wie man ihn früher immer zu nennen pflegte, als er noch nicht König war. Der Hofmarschall entschuldigte sich im Namen des gesamten Hofstaates und des ganzen Reiches für ein kleines Mißgeschick, welches darin bestand, daß man ihn, Ernst Krüggelmeier, mit jemandem verwechselt und versehentlich zum König ernannt hatte; das sei alles sehr peinlich; und natürlich würde man ihm sämtliche Fahrtkosten und sonstige Auslagen zurückerstatten; und man würde sich freuen, ihn ab und zu als Gast in ihrem Königreiche begrüßen zu dürfen; und es sei bereits beantragt, ihm die Ehrenbürgerschaft zuzuerkennen.

Also sprach der Hofmarschall.

Ernst Krüggelmeier aber gab die Krone und das Zepter wieder ab und fuhr mit dem nächsten Zug nach Hause.




© Raymond Zoller