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Die Italienische Dogge meines Großvaters

Die italienische Dogge meines Großvaters machte Männchen und bellte dabei. Nach drei Sekunden fiel sie immer um; manchmal auch erst nach vier. Fiel sie erst nach vier Sekunden um, so war sie außer sich vor Freude und bellte ganz besonders laut.

Wenn die Nachbarn ringsum hörten, wie sie so laut bellte, dann wußten sie: aha, Großvaters italienische Dogge hat vier Sekunden lang Männchen gemacht; und alle freuten sich.

Die italienische Dogge meines Großvaters konnte Briefträger auf den Tod nicht ausstehen und weigerte sich hartnäckig, sie zu beißen. Die Hunde ringsum, die alle Briefträger bissen, fanden dies äußerst merkwürdig; doch Großvaters italienische Dogge ließ sich nicht beirren und sagte allen, die es hören wollten, daß Briefträger nicht schmecken.

Der Briefträger, der meinem Großvater die Post brachte, wiederholte bei jeder Gelegenheit, welch liebes Tier Großvaters italienische Dogge doch ist.

Die Dogge aber schaute ihn nur verächtlich an. Was soll sie dazu auch sagen...

Wenn Großvaters italienische Dogge in den Brunnen fiel, war sie außerstande, aus eigener Kraft wieder herauszukommen und heulte ganz erbärmlich. Wenn die Nachbarn ihr Geheul hörten, so wußten sie, daß die Dogge im Brunnen lag und sagten Großvater Bescheid.

Wie Großvater sich jeweils anstellte, sie wieder herauszuholen, weiß ich nicht; es heißt, er hätte da ein sehr kompliziertes Verfahren angewandt, das die Nachbarn, die von ferne zuschauten, auch nicht so recht verstanden.

Es ist ja in der Tat nicht einfach, einen so großen Hund aus dem Brunnen zu befreien.

Fiel vom Tisch eine Wurst, so sprang Großvaters italienische Dogge hinzu und fraß sie auf.

Fiel keine Wurst vom Tisch, so legte sie ihre langen Vorderpfoten auf die Tischplatte und suchte; und wenn sie die Wurst gefunden hatte, fraß sie sie auf.

Lag aber keine Wurst auf dem Tisch, so heulte sie ganz erbärmlich; und der Großvater ging stracks in die Vorratskammer eine Wurst holen, auf daß sein Liebling nicht leide.

Die italienische Dogge meines Großvaters aß für ihr Leben gern Maulwürfe; und sie verfolgte sie in ihren Gängen, wo immer sie sich regten. Da aber die Maulwurfsgänge sehr klein waren und die Dogge sehr groß, mußte sie hierzu immer nachgraben; und so entstand mit der Zeit unter dem Grundstück meines Großvaters ein wirres Labyrinth mannshoher Gänge, die bis in die heutige Zeit hinein erhalten blieben. Man nannte sie die Italienischen Kasematten, zu Ehren der italienischen Dogge meines Großvaters, und sie dienten über lange Zeit hinweg den Kindern als Spielplatz, Verfolgten als Versteck, Verliebten als Ort zum geheimen Rendezvous.

Leider wurde dann genau an die Stelle ein Wolkenkratzer gebaut, so daß es sie nun nicht mehr gibt.

Sah die italienische Dogge meines Großvaters einen Walfisch, so lief sie wütend bellend am Strand hin und her, bis der Walfisch, eingeschüchtert und verängstigt, davonschwamm. Sah sie hingegen einen Haifisch, so freute sie sich sehr, und mein Großvater konnte sie nur mit Mühe davon abzuhalten, zu dem Haifisch ins Wasser zu springen.

Warum Großvaters italienische Dogge Haifische mochte, Walfische hingegen nicht, konnte nie geklärt werden.

Die italienische Dogge meines Großvaters biß für ihr Leben gern Löcher in Feuerwehrschläuche; und jedes Mal, wenn die Feuerwehr bei meinem Großvater löschte, biß sie dieser alle Schläuche kaputt. - Die Feuerwehr wußte sich nicht mehr anders zu helfen, als einen Erfinder mit der Entwicklung bißfester Schläuche zu beauftragen.

Diese neuen Schläuche wurden alsbald schon mit Erfolg eingeführt und sind auch heute noch im Gebrauch. Man nennt sie "italienische Schläuche"; in Erinnerung an die italienische Dogge meines Großvaters, weil die sie nicht kaputtbeißen konnte.

© Raymond Zoller