Haupteingang Klamurke Haupteingang Belletristik

Von Beinen und Brillen

„Wir müssen fromm sein und schicksalsergeben und alles, was ist, umgreifen in endloser Liebe. Die Ehrfurcht vor dem Seienden erhöhet uns und führt uns hinein in die ewige Seligkeit. Wo aber solche Ehrfurcht uns fehlet, sind wir verfallen höllischer Verdammnis.“

Also dachte Krückh, während er, mit beiden Händen im Staube wühlend, vor dem Laternenpfahl neben dem Eiscafé in der Karl-Friedrich-Straße auf der Erde kniete. - „Und auch dieser Laternenpfahl obliegt der Liebe,“ fügte er grimmig hinzu. „Auch er ist ein Seiendes und somit zur Liebe verpflichtend; und zudem ist es nicht seine Schuld, daß die göttliche Vorsehung ihn genau dort aufstellte, wo nun meine Beine mich entlangtrugen.“ Tastend glitten seine Finger durch den Staub am Fuße des Pfahles. „Hätte ich die Brille noch auf, so fiele die Suche mir leichter; denn das, was ich suche, kann ich ohne Brille nicht sehen. Doch andererseits bestünde, wenn ich die Brille vor den Augen hätte, keinerlei Notwendigkeit, im Staube der Straße nach deren Trümmern zu suchen.“

Daß Krückhs Beine ihn ausgerechnet dort entlanggetragen hatten, wo die göttliche Vorsehung einstens jenen Laternenpfahl aufstellte, hing mit zwei anderen Beinen zusammen, die kurz vorher von der gegenüberliegenden Straßenseite aus seinen Blick wie magisch angezogen hatten. Wären diese Beine nicht gewesen, so wäre er bereits zweihundert Schritte vor dem Laternenpfahl durch den vertrauten Torbogen abgebogen in den Innenhof, aus dem man zu seiner Wohnung gelangt. Doch kurz vor Erreichen des Torbogens hatte er jene Beine erblickt; und kurz entschlossen war er weitergegangen.

Diese Beine mit Liebe zu umfassen hatte keine besondere Mühe bereitet, denn sie waren außerordentlich ansprechend geformt. Durch einen kurzen Rock nur dürftig bedeckt bewegten sie sich auf anmutigste Weise einem unbekannten Ziele entgegen.

Von unbestimmtem Bestreben getrieben, sie vor Erreichen jenes unbekannten Zieles abzufangen und einem anderen Ziele zuzuführen, war Krückh an seinem Torbogen vorbeigezogen; und weiter hatte er dann krampfhaft überlegt, wie er das anstellen sollte. „Ich werde sagen, sie hätte irgendwas verloren…“ dachte er. „Genau: ich werde ihr sagen, daß ich, als sie auf der Höhe meines Torbogens war, bemerkte, wie etwas aus ihrer Handtasche fiel. Dann wird sie in ihrer Handtasche suchen, ob was fehlt; und darüber kommen wir ins Gespräch; und vielleicht gehen wir gar gemeinsam zurück zu der Stelle gegenüber dem Torbogen, um zu suchen…“

Und dann hatte es gekracht.

„Sind Sie verletzt?“ – hörte er plötzlich eine besorgte Frauenstimme. Er schaute hoch und erblickte vor sich zwei nackte Beine. Etwas verschwommen waren sie; aber das war normal, da er ohne Brille alles nur verschwommen sieht.

„Sie wirkten wie jemand, der nach dem Weg sucht und auf der Suche nach fernen Abzweigungen das direkt vor ihm liegende nicht beachtet,“ fuhr die Frauenstimme fort. „Suchen Sie einen Torbogen? Als Sie vorhin an jenem Torbogen vorbeigingen, schien es, als zögerten Sie, ob Sie hineingehen sollen oder nicht. Falls es nicht der richtige war – zweihundert Schritte weiter von hier ist noch einer; vielleicht ist das derjenige, den Sie suchen?“

Krückh verstand, daß es sich bei der verschwommenen Gestalt vor ihm um jene Schöne handelt, deren Beine ihn an diesen Laternenpfahl geführt hatten. - Mit den gespreizten Fingern der rechten Hand beschrieb er einen energischen Kringel im Staube am Fuße des Pfahles und stand auf.

„Es ist alles in Ordnung,“ sagte er. „Vielen Dank. Weder bin ich verletzt, noch suche ich einen Torbogen.“

„Sollten Sie verletzt sein, so sagen Sie es ruhig,“ antwortete die verschwommene Gestalt. „Ich bin Ärztin und will Ihnen, wenn nötig, gerne helfen.“

„Ich habe nur die Brille gebrochen; und die Brille ist in solch kleine Stücke zerfallen, daß es keinen Sinn macht, die Trümmer aufzulesen. Besser, ich besorge mir eine neue.“ Während Krückh also sprach, hoffte er inständigst, daß sie nicht Augenärztin ist.

„Gleich hinter dem nächsten Torbogen finden Sie ein gutes Optikergeschäft,“ sagte die verschwommene Gestalt. „Einen angenehmen Tag noch…“

„Vielen Dank und einen angenehmen Tag,“ antwortete Krückh.

Die Gestalt entfernte sich und löste sich zu Krückhs Erleichterung alsbald auf im allgemeinen Nebel.

© Raymond Zoller