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Goethe - Italienische Reise

Die italienische Reise

"Haben Sie Verwandte in Italien?" fragte der Beamte auf dem italienischen Konsulat in Weimar.

"N-nein; eigentlich nicht..."

"Oder haben Sie geschäftlich in Italien zu tun? Wenn ja: Name der Firma?"

"Mit Geschäft hat meine Reise nicht so direkt zu tun..." antwortete Goethe.

"Was wollen Sie denn in Italien?"

“Was ich in Italien will?” Goethe legte die Stirne in Falten, dachte nach. “Na, Pflanzen studieren zum Beispiel...”

“Um Pflanzen zu studieren, müssen Sie nicht nach Italien fahren,” antwortete der Beamte streng. “Und überhaupt: Sind Sie Botaniker?"

"Botaniker? Weiß nicht..."

"Sind Sie nun Botaniker, oder sind Sie es nicht?"

"Eigentlich nicht... Der Ausbildung nach bin ich Jurist."

"Was wollen Sie Pflanzen studieren, wenn Sie Jurist sind? Sie wollen mich wohl zum besten halten?"

"Aber wenn sie mich doch so interessieren...”

"Wer interessiert Sie?"

"Die Pflanzen..."

"Das kann jeder sagen. Wenn Sie Jurist sind, haben Sie kein Recht, Pflanzen zu studieren. Und schon gar nicht in Italien."

"Aber warum denn nicht?”

"Wenn Sie Pflanzen studieren wollen, hätten Sie Botaniker werden sollen und nicht Jurist. Da Sie aber nun Jurist sind und nicht Botaniker, haben Sie kein Recht, in Italien Pflanzen zu studieren..."

"Aber was soll ich denn nun tun?"

"Wenn Sie nach Italien fahren wollen, um Pflanzen zu studieren, müssen Sie ein abgeschlossenes Botanikstudium nachweisen; und außerdem muß von einem anerkannten wissenschaftlichen Institut ein offizieller Auftrag an Sie ergangenen sein, besagte Studien durchzuführen."

"Das heißt, wenn ich jetzt noch zusätzlich in Botanik promoviere und einen Forschungsauftrag bekomme, geben Sie mir das Visum?"

"Ein abgeschlossenes Studium der Botanik und ein Forschungsauftrag ziehen keineswegs automatisch die Erteilung eines Visums nach sich. In solchem Fall könnten Sie aber, unter Beifügung der nötigen Unterlagen, einen Antrag einreichen. Diesen Antrag würden wir überprüfen und, je nach Lage der Dinge, ein Visum ausstellen oder auch nicht..."

"Aber vielleicht will ich als Jurist in Italien die Gesetze studieren?"

"Wollen Sie mich zum Narren halten? Eben noch sagten Sie, Sie wollen Pflanzen studieren; und nun interessieren Sie plötzlich Gesetze?"

"Aber warum soll ich mich nicht für Gesetze interessieren? Da ich doch Jurist bin?"

"Die Tatsache, daß Sie Jurist sind, beinhaltet nicht automatisch, daß Sie sich für Gesetze interessieren. Und überhaupt erwecken Ihre widersprüchlichen Angaben den Verdacht, daß Sie sich ein Visum erschleichen wollen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich von diesem Verdacht an meine vorgesetzte Dienststelle berichten werde und...."

Und so kam es, daß Goethe kein Visum bekam für Italien und zu Hause blieb. Die Aufzeichnungen aber, die wir unter dem Titel "Italienische Reise" kennen, verfaßte er zu Hause am Schreibtisch rein aus der Phantasie.

Um sich den Frust vom Leibe zu schreiben….

© Raymond Zoller