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Von fliegenden roten Hosen und Regenschirmen

Draußen heulte der Sturm, und Regen prasselte gegen die Scheiben der Fenster.

Gedankenverloren verfolgte Goethe den Flug einer vorbeisegelnden roten Hose.

"Diese Hose hat sicher jemand auf einer Leine zum Trocknen aufgehängt; und dann kam der Sturm und trug sie davon", dachte Goethe. "Aber bei dem Regen könnte sie sowieso nicht trocknen."

Die Hose entschwand seinen Blicken, und plötzlich tauchte, wie aus dem Nichts, ein geschwind dahinfliegender Regenschirm auf. Steil erhob er sich in die Höhe, verharrte einen Augenblick, als ob er nachdenke, und eilte dann weiter.

Goethe hielt Ausschau nach dem Unglückseligen, der, seines Regenschirmes beraubt, nun schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt ist. Doch niemand war zu sehen, und so setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch, tauchte die Feder ins Tintenfaß und schrieb weiter an seinem Faust.

Aus Wilhelm von Dorten:
Szenen aus dem Leben Goethes

© Raymond Zoller