Die Klamurke Belletristik

Die Fenstersteuer

ein sprachgeschichtlicher Exkurs


In einem Haus mit fünf Fenstern ist, wie wir wissen, alles mögliche möglich.

Deshalb bauten die alten Protanesen, die Wert legten auf einen geordneten Tagesablauf und es nicht ausstehen konnten, wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passierte, ihre Häuser nie mit fünf Fenstern, sondern immer nur mit einem, zwei, drei, vier, sechs oder mehr; und da Zählen nicht ihre Stärke war, gingen sie allmählich dazu über, ihre Häuser ganz ohne Fenster zu bauen, um solcherart das zufällige Entstehen fünffenstriger Häuser ein für allemal zu verhindern. Zusätzlich gefördert wurde diese Tendenz durch eine Fenstersteuer, die sehr hoch war; und so kam es, daß die Protanesen im Laufe der Jahre vollends auf die fensterlose Bauweise übergingen und daß in ihrer Sprache der Begriff des Fensters verlorenging. Einzig die Fenstersteuer blieb; doch da die Protanesen keine Fenster mehr bauten, wurde die Fenstersteuer auf anderes umgelegt. Die erste Umlegung betraf diejenigen Protanesinnen, die zu großzügig mit ihren weiblichen Reizen umgingen. Die mußten nunmehr Decolletésteuer zahlen; und auf diese Weise nahm das protanesische Wort "Aklacka", das ursprünglich "Fenster" bedeutet hatte, die Bedeutung "Dekolleté" an. Diese Umlegung war ganz im Geiste der ursprünglichen Steuer; denn auch ein übertriebener Ausschnitt kann zu allen möglichen Unregelmäßigkeiten führen. Konsequenz war, daß die Protanesinnen sich oben zunehmend bedeckt hielten und daß die Fenstersteuer im neuen Sinne des Wortes zunehmend ihres Gegenstandes verlustig ging. Doch da mit dem Hochziehen der Dekolletés gleichzeitig ein Kürzerwerden der Röcke einherging, fand sich alsbald schon Gelegenheit für eine neue Umlegung im Sinne einer Beinsteuer; wobei das protanesische Wort "Aklacka", das im Vorübergehen noch den Sinn von "Dekolleté" angenommen hatte, nunmehr noch zusätzlich den Sinn "zum Zwecke der Aufreizung entblößtes weibliches Bein" bekam.

Diese neue Auslegung der Fenstersteuer führte mit der Zeit zu einem Längerwerden der Röcke; und als die Röcke schließlich so lang waren, daß man nicht einmal mehr die Füße sehen konnte, wurde die Steuer auf die Hunde umgelegt; so daß man fortan für das Halten eines Hundes Fenstersteuer zahlen mußte; was einerseits dazu führte, daß das protanesische Wort Aklacka, welches Fenster und noch vieles andere mehr bedeutete, nunmehr auch für "als Haustier gehaltener Hund" gebraucht wurde; und andererseits auch zu einer Abnahme der Hunde. Und als der letzte Hund von den protanesischen Straßen verschwunden war, wurde die Steuer auf die übermäßig langen Röcke und hochgeschlossenen Kleider umgelegt; was dazu führte, daß einerseits das protanesische Wort Aklacka die Bedeutung von "übermäßigem Stoffverbrauch" bekam und daß andererseits schon bald die Protanesinnen berühmt waren für kurze Röcke und gewagte Dekolletés; und als sie schon fast halbnackt herumliefen, da wurde die Fenstersteuer auf die dumpfen, das Auge beleidigenden fensterlosen Wände umgelegt; und das Wort Aklacka, mit dem man im Altprotanesischen ein "Fenster" bezeichnete, welches dann im Laufe der Zeit nacheinander die Begriffe "Dekolleté", "zum Zwecke der Aufreizung entblößtes weibliches Bein", "als Haustier gehaltener Hund" und "übermäßiger Stoffverbrauch" angenommen hatte, nunmehr eine "dumpfe Wand ohne Öffnung" bezeichnete; und aufgrund dieser Steuer entstanden alsbald schon in diesen Wänden die ersten Öffnungen, die im Protanesischen mit dem Worte "Preklacka" bezeichnet wurden, der Negation von Aklacka also.

© Raymond Zoller