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Das Edinào

Das Edinào ist zusammengeschnippelt aus 25 verschiedenen Stoffen, die alle nach Knoblauch riechen und im Handel schwer erhältlich sind. Oben hat es eine Öffnung, die ins Nichts führt, und seine Mitte ist ein Konglomerat aus rostigen Nägeln und Glasscherben verschiedener Form und Farbe.

Obwohl es wegen seiner Größe und seiner komplizierten Bauweise ungewöhnlich unhandlich ist, würde in Harakunte niemand sich ohne Edinào auf die Straße trauen, da er, wenn er ohne ein solches daherkäme, den Spott seiner Mitbürger auf sich ziehen würde.

Um diese unerquickliche Last wenigstens interessanter zu gestalten, dachte man sich im Laufe der Jahre die verschiedensten zusätzlichen Verzierungen aus; was alles dazu führte, daß einerseits das Edinào immer bunter wurde, andererseits aber auch immer größer und schwerer.

Der Historiker Krivoi-Krokovski schrieb seinerzeit ein umfassendes Werk, darin er nachwies, daß das Edinào sein Entstehen dem Racheakt eines gewissen Krüggelmeier verdankt, der sich aus irgendwelchen Gründen von den Harakunesen beleidigt fühlte. Eben dieser Krüggelmeier hat, laut Krivoi-Krokovski, das Edinào entworfen und mit Hilfe einiger bestochener Prominenter sowie einer geschickt aufgezogenen Medienkampagne in das harakuntische Leben eingeführt.

Wegen dieses Werkes wurde Krivoi-Krokovski zur persona non grata erklärt und des Landes verwiesen. Später, als irgendeine ausländische Universität ihm den Ehrendoktor für seine Arbeit verliehen hatte, durfte er wieder einreisen und avancierte von der persona non grata zum Ehrenbürger, und statt seiner wurde Krüggelmeier posthum zur persona non grata erklärt.

Doch auf welchen Wegen auch immer das Edinào sich in den harakuntischen Alltag eingeschlichen hat: Es ist im Alltag drinnen und kommt so leicht nicht mehr heraus; und bis zum heutigen Tag wäre es in Harakunte undenkbar, daß einer sich ohne Edinào auf die Straße trauen könnte.

© Raymond Zoller