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Die unbekannte Mutter

Ein Schuldrama

"Wo ist die Mutter", rief Plommwein, während er durch die endlosen Gänge dahineilte.

Und immer wieder: "Wo ist die Mutter?"

Auf der rechten Seite öffnete sich eine der Türen, und heraus guckte Kollege Krüggelmeier.

"Welche Mutter", fragte Kollege Krüggelmeier.

"Sie sagte, sie sei die Mutter eines meiner Schüler", rief Plommwein.

Aufgeregt war er und ganz außer Atem.

"Solche Mütter gibt es viele." Kollege Krüggelmeier trat heraus in den Gang. "Von welchem Schüler ist sie die Mutter?"

"Das weiß ich nicht. Ich war damit beschäftigt, meinen Schülern den Ablativus absolutus zu erklären; da klopfte es an die Tür, und wie ich öffnete, stand sie da, schaute mich mit großen Augen an und sagte, sie sei die Mutter eines meiner Schüler. Ich sagte, sie soll zehn Minuten warten, da ich gerade den Ablativus absolutus erkläre; und das dürfe ich nicht unterbrechen, weil ich sonst den Faden verliere und nicht mehr weiter weiß.

Sie versprach, zu warten; doch wie ich den Ablativus absolutus fertig erklärt hatte und hinausging, war sie nicht mehr da."

"Gefiel sie dir?" fragte Krüggelmeier.

"Ja", nickte Plommwein. "Sie gefiel mir."

"In solchem Falle ist es doch im Prinzip egal, welchen Schülers Mutter sie ist?" – vermutete Krüggelmeier.

"Du sagst es", bestätigte Plommwein.

Krüggelmeier ging zurück in seine Klasse, um den Schülern irgendwas zu erklären oder zu diktieren, und verschloß hinter sich die Tür.

Und Plommwein eilte weiter durch die endlosen Gänge und rief nach der unbekannten Mutter.

♦ ♦ ♦

Nachbemerkung
Eigentlich hatte ich für eine Bekannte, die in Moskau Deutsch unterrichtet, einen möglichst blödsinnigen Text schreiben wollen, der vollgepackt ist mit Beispielen zur Verwendung des Wortes 'Mutter', mit bestimmtem Artikel, mit unbestimmtem Artikel, mit Possessivpronomen, ganz ohne, und was es sonst noch alles gibt.
Und blieb bei obigem hängen.
Kommt noch.

© Raymond Zoller