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Der König und sein Büchsenöffner

Wer meint, Könige könnten keine Konservendosen öffnen, der kann ganz schön in die Irre gehen.

Natürlich gibt es Könige, die solches nicht können; doch ist dies für selbige nicht allzu schwerwiegend, da sie für jedwede Angelegenheiten, die sie selbst nicht bewältigen können oder wollen, bekanntlich ihr Gesinde haben. Denn Könige herrschen, wie jeder weiß, über ganze Völker; und ein solches Volk ist in der Regel riesig groß, so daß man darin immer jemanden finden kann, der weiß, wie man eine Konservendose aufmacht; und hat man dann eine solche Person gefunden, so steht nichts dem entgegen, man sie an seinen Hof beordert und dem Gesinde zugesellt.

Wer aber trotz allen Suchens in seinem Reiche niemanden findet, der weiß, wie man eine Konservendose öffnet, dem bleibt nichts anderes übrig, als es selbst zu erlernen.

Der König von Duggagga zum Beispiel aß für sein Leben gern konservierte Ananas. Eines Tages begab es sich, daß er seinen Hofbüchsenöffner wegen irgendeines Vergehens des Landes zu verweisen geruhte; und sogar zum Tode hatte er ihn in einer ersten Aufwallung verurteilen wollen; jedoch wurde er von solch einschneidendem Schritte durch ein dunkles Gefühl abgehalten, welches ihm andeutete, daß er ihn vielleicht noch brauchen könnte. Dieses Gefühl erwies sich dann im Weiteren als begründet; denn wie der König kurz darauf konservierte Ananas essen wollte und keinerlei Weg sah, durch das Metall der Dose hindurch sich Zugang zu verschaffen zu der begehrten Speise, da gedachte er seines verbannten Dieners und schickte sogleich seine Gesandten in alle Teile der Welt, um ihn wiederzufinden. Doch der Hofbüchsenöffner blieb verschwunden. Da aber der König sich mit frischer Ananas nicht anfreunden konnte, ließ er sich das Gerät bringen, mit welchem der Büchsenöffner die Büchsen zu öffnen pflegte, und unter Anspannung aller vorhandenen Geisteskräfte experimentierte er damit herum und versuchte, seine Funktionsweise zu ergründen. Bei diesem Bemühen schnitt er sich am ersten Tage zehnmal in die Finger, in jeden Finger einmal; wobei er jedes mal einem Wutausbruche verfiel und jeweils irgendwen von den Bediensteten auspeitschen oder an den Beinen aufhängen ließ. Am zweiten Tage aber schnitt er sich nur noch fünfmal in die Finger; und sogar gelang es ihm, das Blech der Dose zu durchlöchern; bei welcher Gelegenheit sich ein Teil des klebrigen Saftes über seine königlichen Gewänder ergoß. Fünf Kammerjungfern wurden an jenem Tage leicht gepeitscht, und wegen des Saftes wurde die Gräfin Kaualolla an den Beinen aufgehängt; letzteres allerdings nur ganz kurz.

Die angestochene Büchse ließ er wegbringen; und wie er es am dritten Tage mit einer neuen versuchte, da bekam er sie sofort ohne jeden Zwischenfall auf; und dies hat ihn dann so gefreut, daß er jenen Tag, und das war der achtzehnte Mai, in seinem Reiche für alle Zeiten Jahr für Jahr als Tag der geöffneten Büchse mit gebührendem Pompe zu feiern befahl. Die ausgepeitschten Diener bekamen alle einen Orden, die ausgepeitschten und an den Beinen aufgehängten Hoffräuleins wurden mit Prinzen und Grafen vermählt, der Mann der Gräfin Kaualolla wurde des Landes verwiesen und die Gräfin Kaualolla vom König geehelicht und zur Königin gemacht.

Das Büchsenöffnen aber bereitete dem König fortan solches Vergnügen, daß er seine ganze vom Regieren freie Zeit mit dieser Tätigkeit verbrachte; und alle Minister und der ganze Hofstaat aßen seitdem nur noch Büchsenkost.

© Raymond Zoller