Die Klamurke
Thema Sprache

Bedeutungen...

Beim Herumblättern in einer englischen Kurzgrammatik...

Ich zitiere wörtlich, inklusive Fett und Kursiv:

Beachte: Die Konjunktion when hat zwei Bedeutungen:

It started to rain when we were waiting for the bus. – Es fing an zu regnen, als wir auf den Bus warteten.

Can you give Kate this book when you see her? – Kannst du Kate dieses Buch geben, wenn du sie siehst?“

Wieso zwei Bedeutungen? Wenn man im Bereich des Englischen bleibt, hat man eine einzige durchgehende Begrifflichkeit, also eine einzige Bedeutung: eine zeitliche Wenn-dann-Beziehung. Wenn man nun die gleichen Sachverhalte mit der Optik der deutschen Sprache betrachtet, so muß man differenzieren: beim ersten Beispiel hat man zwei zeitgleich in der Vergangenheit beobachtete konkret vorstellbare einmalige Vorgänge; und diese bestimmte Art zeitlichen Zusammenfallens wird im Deutschen mit „als“ ausgedrückt. Im zweiten Fall haben wir eine allgemeine zeitliche Wenn-dann-Beziehung, deren Glieder, ohne sich zu konkret vorstellbaren Handlungen zu verdichten, weitgehend im allgemein Begrifflichen verbleiben (ich kann Kate unter den allerverschiedensten Umständen zu einem beliebigen Moment an den allerverschiedensten Orten treffen; die Übergabe des Buches kann die verschiedensten Formen annehmen); und solche allgemeine zeitliche Wenn-dann-Beziehungen werden im Deutschen durch „wenn“ ausgedrückt (übrigens auch vergangene Beziehungen ähnlicher Art; z.B.: „Jedes Mal, wenn wir auf den Bus warteten, regnete es“)

Der langen Rede kurzer Sinn:

Die Tatsache, daß hier von „zwei Bedeutungen“ gesprochen wird, lenkt die Aufmerksamkeit auf die Neigung, beim Sprachenunterricht, beim Sprachenlernen die eigene Sprache als das Absolute zu setzen. Und det iss keineswegs eine reine Wortklauberei; nämlich ist die Sichtweise, welche von ihrem deutschen Standpunkt aus in das englische „when“ zwei Bedeutungen hineinprojiziert, Symptom für eine Haltung, welche den Lehrenden und Lernenden daran hindert, die zu erlernende Sprache in ihrer Eigenart aufzufassen und richtig in sie einzutauchen.

Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren; doch darum geht's nicht; Auflisten einzelner Symptome ist uninteressant; umso interessanter und einer Untersuchung würdig scheint mir dafür das zugrundeliegende Problem.

Ich hab mich denn mal zum Niederschreiben und auch Veröffentlichen dieser Notiz aufgerafft; als Erinnerung: mich irgendwann weiter aufzuraffen zu einer ausführlicheren Bearbeitung der angedeuteten Thematik. Denn so uninteressant iss det ja nicht; oder?

Prost.

Raymond Zoller