Die Klamurke

In Foren hinterlassene Notizen

Abgrund zwischen Erleben und Sprache

(Mit nachfolgendem Text stellte ich mich vor in einem Forum zum Thema "Sprache - Sprechen - Stimme)

Seit ich mehr oder weniger denken kann sehe ich mich mit der – zunehmend bewußt durchlebten – nicht theoretischen, sondern sehr praktischen Frage konfrontiert: wie sich die Divergenz zwischen Erleben und Sprache überwinden läßt.

Anfangs drückte diese höchstens ansatzweise bewußte Divergenz mich seelisch nieder; nach und nach wurde mir die Problematik dann griffiger, und ich konnte mich gezielter um Orientierung kümmern.

Ich hab sie nicht überwunden, die Divergenz; aber ich bin inzwischen in der Lage, verschiedene Entfremdungsmechanismen auszumachen und sie auch klar „auf den Begriff zu bringen“.

Irgendwelche Theorien helfen da nichts; teilweise hab ich das selbst ausprobiert, teilweise bzw. noch viel mehr in meiner Umgebung beobachtet: Besonders der westliche Mensch kann sich so sehr in seinen Kopf zurückziehen, daß er die scharfsinnigsten Theorien über die Überwindung der Kopflastigkeit und der Sprachentfremdung verbraten kann und dabei gar nicht merkt, daß er nur immer kopflastiger wird und sich in seiner Sprache immer mehr von seinen tatsächlichen Fragen entfernt; und die schlimmsten Erfahrungen hab ich bislang mit Erkenntnistheoretikern gemacht (anfangs ging ich ihnen selbst auf den Leim; wobei ich auch jetzt nichts gegen Erkenntnistheorie habe; jedoch nur insofern, als man es als Anregung nimmt zu Bewußtmachung und Läuterung des eigenen Erkenntnisprozesses; als eitle Theorie verfestigt det nur die Mauern des Gefängnisses, aus dem man auszubrechen vorgibt...)

Auch an erlernbare „Sprachtechniken“ glaube ich nicht; um die Sprache zu läutern und sie kräftig zu machen muß man, meiner Ansicht nach, das Bewußtsein läutern.

[...]

Rein äußerlich: Geboren und aufgewachsen bin ich in Luxemburg (und daß ich im luxemburgischen Dialekt aufwuchs – in dem man sich mit sich selbst und anderen nur über die allereinfachsten Dinge unterhalten kann und der einen „sprachlos“ macht, wenn es einem in der Seele brennt – ist einer der Fäden, die mich eng mit besagter Problematik verbinden).

Instinktiv flüchtete ich vor diesem Dialekt. Zunächst wich ich ins Hochdeutsch aus, später ins Russische. Deutsch und Russisch sind inzwischen die Sprachen, in denen ich mich frei bewegen und in denen ich mich auch der angedeuteten Problematik stellen kann.

Aufgrund diffuser Ahnungen und Eindrücke vermute ich, daß der Bezug beider Sprachen zu jener Problematik verschieden ist; aus Erfahrung weiß ich, daß es vom Russischen her leichter ist, redlich zu sprechen; doch kann ich das zu wenig deutlich greifen.

***

Nach kurzer wohlmeinender Antwort von jemandem schrieb ich dann weiter:

In dieser – gezwungenermaßen – gedrängten Form ist das alles vielleicht etwas schwer verständlich und mag zudem abstrakt und theoretisch klingen. Aber theoretisch gemeint ist es nicht.

[...]

Längst weiß ich, daß es sich bei diesem Anliegen nicht um irgendein privates, persönliches Wehwehchen handelt, sondern um ein an der Wurzel sehr vieler anderer Probleme liegendes allgemeines Problem; ich selbst hatte nur das Glück oder das Pech, daß aufgrund persönlicher, biographischer Bedingungen die Problematik mir besonders deutlich zu Bewußtsein kam.

Im Grunde ist sie, jene Problematik, längst schon bekannt und teilweise auch ausformuliert; nur wurde das dann alles selbst zur Theorie und hat in dieser Form eigentlich mehr gestört, als daß es zu einer Klärung beigetragen hätte. Man vergegenwärtige sich nur das Gespann Faust und Wagner... Oder vielleicht auch besser, man vergegenwärtigt es sich nicht; zumindest nicht in der Art, wie man das heute tut; denn Faust und Wagner wurden, mitsamt der durch sie zum Ausdruck gebrachten Problematik, ins Reich der Literatur und der theoretischen Abhandlungen abgeschoben und geben günstigstenfalls die Grundlage ab für hochgelahrtes Geschwätz.

Doch das wollen wir ja nicht; und deshalb lassen wir besser Faust und Wagner beiseite und versuchen, alleine uns zurechtzufinden...

Übrigens ist dieser Mechanismus, der auch die besten Ansätze durch Abschieben ins Reich des Theoretischen zur Unfruchtbarkeit verdammt, eine der näheren Untersuchung würdige Angelegenheit (und ich fürchte sogar, daß wir unser ganzes kulturelles, menschliches Leben auf Dauer zur Unfruchtbarkeit verdammen und höchstens noch die Fähigkeit bewahren zu Entwicklungen im rein technischen Bereich, wenn es nicht gelingt, uns da richtigen – nicht theoretischen – Durchblick zu verschaffen.

Ich hab mir mal die Mühe gemacht, gewissermaßen als Momentaufnahme aus dieser fatalen Entwicklung in dieser Hinsicht besonders aussagekräftige Anmerkungen von Friedrich Nietzsche zusammenzustellen (wobei ich ausdrücklich festhalten möchte, daß ich nicht den im Wachsfigurenkabinett der heutigen Bildung vor sich hin vegetierenden „Nietzsche“ meine, sondern jenen Friedrich Nietzsche, der seinerzeit im Kampfe mit jener Katastrophe und im Bemühen, sie zu verstehen, sich jene Zeilen abrang). Finden kann man das bei Bedarf unter http://klamurke.com/filistr.htm

In gleichem Zusammenhang hab ich dann noch ein paar hier relevante Aussagen eines weiteren Zeugen dieser Nebelentstehung zusammengestellt, die man unter: http://klamurke.com/phrase.htm finden kann (es handelt sich um einen leider nicht sehr sorgfältig mitstenografierten Vortragstext und ist stellenweise etwas mühsam zu lesen. Die zitierten Stellen hab ich in – leichter lesbares – Russisch übersetzt; wer fließend Russisch kann und wem det alles interessant ist kann das zur russischen Übersetzung führende Link anklicken)

[...]

Soziales

Vorstellungstext bei der Gruppe "Arbeit und Humanität und Menschenrechte"

Soziale Entwicklungen und Fehlentwicklungen interessieren und berühren mich einerseits in ihren „griffigen“ Formen; andererseits neige ich aber auch dazu, nach ihren Wurzeln zu suchen (die Sicht verfälschende unreflektierte Gewohnheiten, Vorurteile; Kraftloswerden der zur Floskel degenerierenden Sprache; usw...); auch letzteres rein praktisch und keineswegs theoretisch.

In diese verschiedenen Facetten der sozialen Problematik mische ich mich, so es sich ergibt, in verschiedenster Weise ein: mündliche oder schriftliche Klärungsversuche; vermitteln, koordinieren, selbst Hand anlegen; wie es sich grad ergibt.

Anfang der neunziger Jahre war ich, unter anderem, mit Koordinierung humanitärer Hilfsgütersendungen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion beschäftigt und machte dabei die – interessante und noch gründlicher Aufarbeitung bedürftige – Beobachtung: wie – neben vielen anderen Faktoren – hoffnungsvolle Unternehmungen infolge fehlender oder mangelnder Hilfe nicht hochkamen und untergingen; wie aber andererseits auch andere hoffnungsvolle Unternehmungen an unüberlegter Überdosierung von Hilfsgütern scheiterten.

Und vieles andere mehr...

Dann interessiert mich, grob dahingepfahlt, der Weg in Richtung „schöpferische“ Formen des Zusammenwirkens, in denen die individuellen Eigenarten des Einzelnen zur Geltung kommen (abseits von vorprogrammierten Strukturen, in die der Einzelne als austauschbares Rädchen eingefügt wird; aber auch abseits unverbindlichen Dahingeplänkels). – Da Funktionieren oder Nichtfunktionieren solcher Formen sehr stark von Geistesgegenwart und Ehrlichkeit der Beteiligten abhängt, ist es mit der Entwicklung entsprechender Theorien und Programme vermutlich nicht getan. – Mich interessiert das Bewußtmachen der Hemmnisse, die sich solchem Zusammenwirken entgegenstemmen, sowie der Bedingungen, die es ermöglichen könnten.

Ein gewichtiges Hemmnis, das ich bei mir selbst und bei meiner Umgebung ausmachen konnte, liegt im abstrakten Theoretisieren über „Soziales“, über das Entwickeln sozialer Strukturen. Bei mir selbst kann ich rückblickend ausmachen, daß zu Zeiten, wo ich mich viel damit beschäftigte und viel darüber redete, „wie man das Soziale zu entwickeln hat“ ganz besonders wenig Verständnis entwickelte für konkretes soziales Geschehen; und Ähnliches und sogar noch viel Schlimmeres beobachtete und beobachte ich in meiner näheren und ferneren Umgebung; alles in Allem: daß man als in seine Theorien abgekapselter Sozialtheoretiker mitunter noch schlimmer antisozial wird als der „gedankenlos“ vor sich hin lebende Normalbürger (und hier liegt wohl auch einer der Gründe für die blutigen Folgen so mancher Revolutionen, wo sich mitunter die Sieger infolge theoretischer Differenzen selbst gegenseitig niedermetzeln).

Um die komplizierten Prozesse des sozialen Zusammenwirkens zu durchschauen und uns darüber zu verständigen, bedürfen wir eines klaren Denkens und eines prägnanten sprachlichen Ausdrucks; doch wie bewahren wir nun dieses Denken davor, von den Realitäten ins Abstrakte zu entschlüpfen und in seiner abstrakten Abgeschlossenheit frischfrommfröhlichfrei Theorien zu entwickeln, die uns den Realitäten entfremden?

Im Umgang mit diesem Dilemma liegt eine der das Soziale berührenden Fragen, die mich beschäftigen. Wobei ich mir bewußt bin, daß eine theoretische Lösung, die man „Schwarz auf Weiß nach Hause tragen“ könnte, wohl kaum möglich ist. Irgendwie läuft das wohl darauf hinaus, daß man lernt, genügend Geistesgegenwart zu entwickeln, um sich selbst in seinem Erkenntnisverhalten, Denkverhalten unter Kontrolle zu behalten und sich gegebenenfalls zu korrigieren (wenn man det so sagen darf). Auch hier hab ich die Erfahrung gemacht, daß man sich zu dieser der Sozialproblematik zugrundeliegenden „Denkproblematik“ wohl am allerwenigsten mit Erkenntnistheoretikern – ganz egal welcher Richtung – verständigen kann (und daß man im Grunde aufhört, sie wirklich zu erleben, wenn man selbst zum „Erkenntnistheoretiker“ wird).

Einerseits muß solche „Selbstkontrolle“ wohl jeder mit sich selbst abmachen; andererseits dürfte aber Erfahrungsaustausch möglich sein mit „Ehrlichbleibenwollenden“ über den Umgang mit dieser Problematik, über ausgemachte und allgemein beobachtete Fußangeln usw...

Vom Dümmerwerden der Menschheit

Irgendwann in den Anfängen meiner Xing-Zeit in dem kurz darauf wieder verlassenen Querdenker-Forum.

Ich würde schon sagen, daß die Menschheit, und besonders die europäische Menschheit, heute dümmer und unmoralischer ist als zu früheren Zeiten. Was ja, von den Lebensumständen her, auch verständlich wäre: die „Ungebildeten“ früherer Zeiten lebten im Einklang mit der Natur, wurden von ihr erzogen, während die heutigen Ungebildeten und Halbgebildeten in das Chaos wirrer Landschaftsgestaltung, schwafelnder Massenmedien, seichter Chats hineingezogen werden; und statt zu denken lernt man Knöpfe drücken... (ich will damit keineswegs einem „zurück zur Natur“ das Wort reden; zum Teufel damit; ich bin für die Technik und für die Weiterentwicklung der Technik; bloß ist es nicht zu übersehen, daß der Mensch mit den von ihm geschaffenen Mitteln im Allgemeinen nicht recht umgehen kann und daß sie deshalb statt zum Fortschritt zur Degeneration führen)

Diese unglückselige Entwicklung begann, glaube ich, auch nicht so sehr mit der Technik, sondern eher mit dem Einsetzen eines gewissen „kulturellen Schwachwerdens“, bei welchem eigentliche geistige, kulturelle Entwicklung durch das Nachahmen kultureller Entwicklung ersetzt wurde; und so kam es letztendlich eben zu jener „moralischen“ Schwäche, die den Menschen an einer wirklich sinnvollen Verwendung der von ihm geschaffenen technischen Möglichkeiten hindert. (Seinerzeit hat Nietzsche in einem – soweit mir bekannt: kaum verstandenen – Aufsatz eine zentrale Komponente dieser schon damals sich abzeichnenden unglückseligen Entwicklung umrissen; einen Zusammenschnitt aus diesem Aufsatz findet man unter http://klamurke.com/filistr.htm)

Gespräch, Diskussion, Schachspiel

Mehr oder weniger Abschiedsbeitrag in einem Forum, welches ich, da es dort gelegentlich interessantes zu entdecken gab, eine Zeitlang mitlesend beobachtete und mich ab und zu sogar einmischte. Da ich aber mehr am klärenden Gespräch interessiert bin denn an der - in Foren leider üblichen - alles unter Wörterlawinen begrabenden Diskutiererei zog ich mich denn nach kurzer Expedition wieder zurück; und als ich mich schon fast ganz zurückgezogen hatte, verfiel ich auf den lustigen Gedanken, mal das Diskutieren selbst zum Thema zu machen.

Also tippte ich unten wiedergegebenen Beitrag. Zu einer ersten, von unaufmerksamem Lesen zeugenden Erwiderung tippte ich noch ein paar zusätzliche Erläuterungen; nach weiteren Erwiderungen in gleichem Geiste begnügte ich mich mit der Anmerkung, daß bei aufmerksamem Lesen das Gemeinte eigentlich deutlich sein müßte und daß ich nicht wüßte, was ich sonst noch sagen sollte. - Und kümmerte mich weiter nicht mehr drum. Keine Ahnung, was aus ihm, dem Beitrag, worden ist.

***

Gespräch ist ja, im Idealfall, eine Angelegenheit, wo zweie oder auch mehrere Personen aus einer gewissen inneren Betroffenheit heraus bemüht sind, in irgendwelche ihnen unklare Winkel unseres Seins Klarheit zu bringen. In diesem Idealfalle wird also jeder der Gesprächsteilnehmer eine innere Verwandtschaft oder Betroffenheit zu der behandelten Thematik spüren; ein jeder wird bemüht sein, durch die geschickten oder weniger geschickten Formulierungen hindurch die Sichtweise und Erfahrung seines Gegenüber zu verstehen; und bei unbeholfenem oder unstimmigem Formulieren wird er unter Umständen gar – statt „du hast das aber so gesagt, und nun sagst du was anderes“ – aus dem Klärungsbemühen heraus Formulierungshilfe leisten.

Solches ist nicht bloß ein im Wolkenkuckucksheim schwebender Idealfall; solches gibt es tatsächlich. Wennauch immer seltener.

Dafür wird diskutiert.

Bei der echten Diskussion ist die behandelte Thematik eigentlich nur Mittel zum Zweck; im Zentrum steht die Lust am Diskutieren und am Rechthaben. Einander zuhören ist Glückssache; und da man einander nicht zuhört und da es auch keine klaren Regeln gibt ist es im Allgemeinen nicht einmal möglich, den Recht habenden Gewinner festzustellen.

Ich habe nie verstanden, warum solche Diskussionswütige nicht aufs Schachspiel überwechseln. Beim Schach wandelt sich der Gegenüber ganz legitim zum „Gegner“ (vor dem man aber mitunter mehr Achtung hat als bei der Diskussion); es herrschen klare Regeln, bei denen auch ganz klar festgesetzt ist, unter welchen Bedingungen ein Spiel als gewonnen betrachtet wird, wann als unentschieden.

Beim Schach werde ich, bevor ich ziehe, immer sehr sorgfältig prüfen, was mein zum Gegner gewandelter Gegenüber mit seinem jeweiligen Zug sagen will und werd das bei meiner Antwort genau so sorgfältig berücksichtigen: weil er mich nämlich sonst Matt setzt. Und selbst ein autoritätshöriger Spieler, welcher findet, daß ein Zug seines Gegners doch aber völlig daneben ist, weil irgendein Lasker oder Nimzowitsch gesagt hat, daß man das so nicht machen soll, wird trotzdem versuchen, die Gedankengänge seines Gegenüber zu verstehen: weil ihm nämlich, will er das Spiel nicht verlieren, nix anderes übrig bleibt.

[damit keine Mißverständnisse entstehen: ich will damit keine Propaganda fürs Schachspiel machen; Schach hab ich infolge Denkfaulheit – man hat sich auch so auch Tag für Tag mit dieser Denkerei genug abzuplagen – längst an den Nagel gehängt; ich meine det nur so als Vergleich]

Das sei einfach mal so dahingesagt.


Raymond Zoller