Die Klamurke

Völkerfreundschaft

Im November des Jahres 2008 wurde ich auf der Xing-Plattform eingeladen, mich dem dortselbst angesiedelten Supporter-Forum für die Organisation „Comitas inter gentes“ (zu Deutsch etwa „Völkerfreundschaft) anzuschließen. – Mir war diese Organisation bislang nicht bekannt; und auch von Völkerfreundschaft verstehe ich nichts; aber da man mich schon mal eingeladen hatte, schaute ich mich etwas um, und nahm, nachdem ich nichts Verwerfliches oder auch nur eine Spur von solchem entdeckt hatte, die Einladung an. Ich schaute mich dann weiter um, ohne zu einem rechten Verständnis zu kommen, was eigentlich gemeint ist und wie ich mich einbringen könnte; registrierte mich dann auch auf der Netzpräsenz dieser „Comitas inter gentes“; und stellte mich dann schließlich, wie es sich gehört, im Forum der Supportergruppe vor; wobei ich versuchte, ganz ehrlich darzustellen, wie ich die Sache sehe und erlebe, welche Richtungen mir möglich und entwicklungsfähig erscheinen und welche fragwürdig.

Irgendwelches Echo auf meine Darstellungen gab es nicht; wie ich auch sonst keinerlei inhaltliche Beschäftigung zum Thema Völker und Völkerfreundschaft entdecken konnte. Ich ließ dann die Sache auf sich beruhen und kümmerte mich nicht mehr drum; iss ja auch egal.

Mir scheint aber, daß ich in dieser „Selbstdarstellung“ ein paar Gedanken angeschnitten habe, die man vielleicht, abseits aller programmbefeuerten Exaltiertheit, weiterentwickeln könnte. Weswegen das nun hier veröffentlich sei.


Vielen Dank für die Einladung. Ich habe mich inzwischen etwas umgesehen und finde den Ansatz vom Prinzip her interessant. Näheres weiter unten; zunächst kurz zu mir selbst.

Seit langem lebe ich ganz selbstverständlich in zwei Sprachen (Deutsch und Russisch) und in diesen Sprachen entsprechenden Menschenkreisen. Das „Grenzenverständnis“, mit dem ich aufgewachsen bin, hat sich längst in Nichts aufgelöst; aber von der Erinnerung her kenn ich es noch; kann mich noch einigermaßen daran erinnern, wie einem zumute ist, wenn man, die gewohnte Umgebung als das Absolute setzend, plötzlich mit Menschen zu tun hat, die ganz anders sprechen, ganz andere Häuser bauen, irgendwie überhaupt ganz anders sind. Nicht unbedingt feindlich wirkt det alles; aber auf alle Fälle: exotisch.

Aber das kenn ich nur noch aus der Erinnerung; kenn auch die verschiedenen Stufen der Abschwächung dieser „Exotik“ auf dem Wege zur völligen Auflösung.

Als das Gefühl der Exotik noch in mir lebendig war, konnte ich auch solchen Postulaten und Programmen wie „Völkerverständigung“ noch etwas abgewinnen; vermute, daß ich sogar gelegentlich selbst solche Worte benutzte. Wenn ich aber nun auf den Kreis meiner Freunde und Bekannten blicke und sehe, daß ich mich mit den allermeisten von ihnen in einer Sprache verständige, von welcher in den Jahren, die ich in den engen Grenzen meiner luxemburgischen „Heimat“ verbrachte, keine Rede sein konnte – so denke ich überhaupt nicht an Völkerverständigung (und allein schon der Gedanke, daß ich daran denken könnte, scheint mir absurd); ganz einfach und banal ist es so: daß ich mich mit diesen Leuten verstehe. – Da Smalltalk mir fremd ist und da zwischenmenschliche Annäherung bei mir nur über, sagen wir „intensiven verbalen Austausch“ möglich ist, beschränkt sich entsprechend mein näherer Freundeskreis auf Menschen, mit denen ich einen solchen Austausch in einer mir genügend vertrauten Sprache pflegen kann; und da habe ich nur Deutsch und Russisch. Die Grenzen sind durch meine begrenzten sprachlichen Möglichkeiten gesetzt (und natürlich noch durch den ganz natürlichen Faktor: ob man sich was zu sagen hat oder nicht); sollte ich mich aufraffen und sollte es mir gelingen, die Kenntnisse dieser oder jener anderen Sprache zu den Möglichkeiten „differenzierterer“ Kommunikation hochzuentwickeln, so würde ich eine entsprechende Erweiterung meines näheren Freundeskreises nicht ausschließen.

Ohne nun der Bezeichnung „Comitas inter gentes“ (bzw. in den Übersetzungen „Völkerfreundschaft“, «дружба народов» usw...) zu nahe treten zu wollen: „Völkerfreundschaft“ ist eigentlich ein Unbegriff, da es Freundschaft nur zwischen konkreten einzelnen Menschen geben kann: ein Abstraktum, welches für die Demagogie der Politiker verschiedenster Couleur geeignet sein mag; welches aber dort, wo es einem um konkrete Annäherung geht, den Keim des Abwegs in sich trägt (zumindest scheint mir det so).

Aber vielleicht könnte man die Sache von einer anderen Seite her anschauen: Eigentlich geht es ja um „völkisch“ bedingte schematisierende Vereinfachungen und Vorurteile, welche die einzelnen Menschen dazu bringen, ihre Mitmenschen als „Amerikaner“, „Deutsche“, „Russen“, „Georgier“ usw... abzutun, statt sie als individuelle Menschen zu nehmen. In dem Maße, wie diese Vorurteile abgebaut werden, können Menschen einander näher kommen, die sich sonst fremd blieben. Jeder Mensch, in unterschiedlicher Verteilung, trägt teils Züge der „Nation“, in welcher er geboren ist, teils ist er „individuell“. Einerseits gibt es Menschen, die tatsächlich reinste Widerspiegelung sind des „Nationalcharakters“ und der in ihrem Milieu grad vorherrschenden „öffentlichen Meinung“; andererseits aber auch solche, die so individuell sind, daß von „nationaler Tingierung“ kaum noch was übrig bleibt; und zwischen diesen beiden Extremen - alle mögliche Abstufungen.

Vielleicht könnte das CIG, neben vielem anderem, ein Forum abgeben für eine konkrete lebendige Auseinandersetzung mit all diesen „völkisch“ bedingten Vereinfachungen und Vorurteilen und deren Auflösung; was dann zwar nicht zu „Völkerfreundschaft“ führen würde, dafür aber die Annäherung ermöglichen würde zwischen individuellen Menschen.

(det mag auf dem allerersten Blick wie Wortspielerei wirken, ist aber alles andere als das)

Ein weiteres Problem, das mir beim ersten Sichten des Materials auffiel, ist das Bestreben, mit Hilfe der Massenmedien möglichst lautstark auf sich aufmerksam zu machen. Det scheint mir nun schon sehr gefährlich. Sollten die Massenmedien tatsächlich in dem Maße auf diese Initiative ansprechen, wie es offenbar gewünscht wird, so wäre das meines Erachtens der sicherste Schritt in den Untergang, da durch die alles vereinfachende und verbiegende marktschreierische Art der heutigen Medien die eigentlichen, teils noch keimhaft scheinenden Anliegen überschrieen und zur Unkenntlichkeit verstümmelt würden.

Mir scheint es am günstigsten, sich erst mal ganz bescheiden Rechenschaft abzulegen, was man genau will, sich die Feinheiten der in Angriff genommenen Problematik zu Bewußtsein zu bringen; darüber allmählich, ohne jede Hektik, mit „verwandten Geistern“ in Kontakt kommen; und sollte auf solchem Wege mit der Zeit eine in großem Stil grenzensprengende „kritische Masse“ zusammenkommen – sehr gut; doch selbst wenn eine solch massive Breitenwirkung sich nicht ergibt, so sind die Mühen nicht umsonst. Umsonst wären sie aber ganz sicher, wenn das alles in einem kurzen explosionsartigen Sensationsgelaver in den Massenmedien verpuffen würde.

Was nun das sprachliche Grenzensprengen betrifft, so kann ich mit der von mir eröffneten und betreuten deutschen Filiale des Frankschen Sprachenportals dienen; da suche ich sowieso noch Mitstreiter zum Ausarbeiten von Material (die Lebensumstände bringen es mit sich, daß ich dieses Portal seit Monaten sträflich vernachlässige; ich hoffe, daß ich bald wieder Zeit finde und Kraft, mich stärker darum zu kümmern)1

Das ist nun sehr viel worden... Aber die Problematik iss kompliziert; so kompliziert, daß man entweder schweigen soll, oder aber sich ganz ausführlich äußern.... Eigentlich müßte noch viel mehr geschrieben werden; aber ich belaß es mal dabei... Sollte meine Sichtweise nicht zu sehr gegen das Konzept verstoßen, kann man sich im Weiteren über dieses und jenes noch ausführlicher unterhalten.


[1]Die Filiale wurde inzwischen aufgelöst. Einst dort veröffentlichtes Material zu Russisch, Georgisch, Polnisch, Serbisch, Spanisch und Französisch findet man nun hier (gelegentlich aktualisiert wird nur noch die Russisch-Ecke)

Raymond Zoller