Eingang Klamurke Aus dem sozialen Leben

Zurechtdenken eines verbogenen Arbeitsbegriffs und Bedingungsloses Grundeinkommen

In einem Forum zum „Bedingungslosen Grundeinkommen“, in dem ich in einem von mir ins Leben gerufenen Gesprächsfaden versucht hatte, mich zum Thema „verbogener Arbeitsbegriff“ verständlich zu machen und aus dem ich nach einigem Bemühen mich kommentarlos wieder zurückzog, da ich keine Chance sah, mich, eben, verständlich zu machen. [zur Vermeidung von Mißverständnissen: ich hab nix gegen die Leute, denen gegenüber ich mich nicht verständlich machen konnte; ich find nur das Thema interessant; und deshalb veröffentliche ich det nun auch anderswo in freier Wildbahn]

Spontan meldete ich mich nach langer Unterbrechung mit Stellen einer „Preisfrage“ aus dem Umkreis selbigen Themas.

Erwähnen tat ich in diesem Beitrag einen vor kurzem erhaltenen Brief, darin jemand mir schrieb: daß er nach einer sinnvollen Arbeit sucht, welche in dem Staat, in dem er lebt, als Arbeit angesehen wird und nicht als Praktikum oder Hobby.

Und weiter:

Preisfrage: was schreibt man da?

[ich meine: ohne Zurechtdenken des verbogenen Arbeitsbegriffs und sonstiger verbogener Gedankenkonstrukte kann man noch so viel ein BGE propagieren: das greift - meinem bescheidenen Dafürhalten nach - alles nicht]

(nach verständnisloser Antwort seitens einer Teilnehmerin)

Der Reihe nach:

Ich hab keinen Groll gegen diese Gruppe; schätze auch, daß es bei meinem zweiten Anlauf Ansätze gab zu interessanten Gesprächen. Mein Problem ist bloß, daß ich dazu neige, die Dinge in größerem Zusammenhang und in ihrer Wechselbeziehung zu sehen und zu erleben. Funktioniert nicht immer; aber diese Neigung ist schon sehr stark.

Über verschiedene Wege persönlicher, gedanklicher Entwicklung stieß ich auf die Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ein solches „Bedingungslose Grundeinkommen“ als isolierten Götzen zu betrachten und zu handhaben – ist mir aber nicht möglich; ganz egal, wie nett das wäre. Und für Menschen, die von unserem vermurxten mit Einkommen gekoppeltem Arbeitsbegriff durchdrungen sind – ist das fast schon lächerlich, wenn nicht gar obszön. Kann man verstehen.

Mit diesem vermurxten, zu Motivationsverwirrung und schlimmerem führenden Arbeitsbegriff sind wir aufgewachsen; davon sind wir alle mehr oder weniger durchdrungen. Und daß da irgendwas nicht stimmt – merken wir in der Regel nicht am Arbeitsbegriff selbst, sondern zunächst mal an seinen Auswirkungen. Sich zu orientieren und sich von diesem Wuste frei machen – ist nicht so einfach; Bücher allein – ganz egal, wie gescheit sie sind – sind da auch kein Allheilmittel; besonders für uns Europäer mit unserem Hang zum abstrakten Theoretisieren. Mir sind zur Genüge Leute bekannt, die solche Bücher sehr gescheit zu paraphrasieren wissen, wieauch andere Bücher zu Fragen der menschlichen Freiheit, zu freiem Zusammenwirken freier Einzelner, und was es sonst noch so an Gescheitem gibt; und wenn man sich die hinter solchen hehren Theorien versteckte faktische Haltung der Betreffenden näher unter die Lupe nimmt, so unterscheidet die sich kaum von Otto Normal Verbrauchers Haltung. Denn der Europäer ist schon sehr papierern (wenn es nicht so papierern klingen würde könnte man sagen: es ist das in seiner Substanz längst in Vergessenheit geratene „faustische Problem“)

So viel zu den Büchern (gegen die ich ansonsten, bei vernünftigem Umgang mit selbigen, nichts einzuwenden habe).

Zu einem gesunden Begriff von Arbeit zu kommen und den ganzen Mist, mit dem man aufgewachsen ist, aus sich herauszuspülen, ist nicht so einfach und geht nicht von heute auf morgen. Im Grunde ist das ein handfester Mentalitätswandel, der – wenn man es ernsthaft angeht – bei solcher Auseinandersetzung vonstattengeht, eine „moralische Revolution“ gewissermaßen. Selbst brauchte ich mehrere Jahre, um mich von diesen sublimen inneren Zwängen zu befreien. „Philosophie ist der Weg, auf dem wir die Fehler korrigieren, die bei unserer Erziehung gemacht wurden“ – meint Novalis (oder so ähnlich); heute hat man dafür – da man die eigentlichen Knackpunkte nicht sehen will – Psychologen.

Praktische Konsequenz eines „zurechtgedachten“ Arbeitsbegriffs ist ein bedingungsloses Grundeinkommen; das hängt alles miteinander zusammen. Und unabhängig von den Möglichkeiten einer praktischen Realisierung eines solchen Grundeinkommens unter gegebenen Umständen ist allein das Durchdenken der Möglichkeiten schon eine Medizin: eben wegen des organischen Zusammenhangs mit einem befreiten „motivationsechten“ Arbeitsbegriff; da man ohne Durchdenken dieser praktischen Möglichkeiten bei dem Versuch, die motivationsverwirrende Arbeit-Einkommen-Koppelung aufzulösen vor einer undurchdringlichen Wand steht und sich letztendlich mit dem Status quo als einem nicht zu vermeidenden Übel abfindet.

Ich müßte da noch sehr weit ausholen, um irgendwie zu umreißen: warum ich keine rechte Lust mehr habe, mich hier zu äußern; das sind alles Feinheiten, die sich in ein paar Sätzen nicht zusammenfassen lassen. Aber das ist sowieso wohl eher mein Problem; ich will damit nichts gegen die Gruppe sagen. Gewisse mir interessant scheinende Ansätze hat es immerhin schon mal gegeben.

Was jenen Brief betrifft: Der hat mit dieser Gruppe und mit den konkreten Bestrebungen Richtung „Bedingungsloses Grundeinkommen“ rein nach außen hin gar nichts zu tun; inhaltlich dafür sehr.

Geschrieben von einem Menschen, der, wenn man genauer hinguckt (oder wie man, bei entsprechender Sensibilisierung, sofort sieht) akut unter den Konsequenzen unseres pervertierten Arbeitsbegriffs leidet.

Was darauf zu antworten ist, wußte ich, und hab das dann auch geschrieben. Nämlich habe ich ihn auf, eben, jenen unsinnigen Arbeitsbegriff hingewiesen, hab ihm den Rat gegeben, sich mit diesen Fragen mal gründlicher auseinanderzusetzen; auch, mehr nebenbei, in Bezug auf die Konsequenz eines „bedingungslosen Grundeinkommens“. Und außerdem riet ich ihm, so weit er es sich von seiner Lebenssituation her leisten kann, weiterhin genau das zu tun, was er kann und was er als sinnvoll erachtet; ganz egal, ob andere das als „Praktikum“ abtun oder als „Hobby“ oder weiß der Teufel was sonst noch.

Der spontane Einfall, das als „Preisfrage“ in diese Gruppe einzubringen, hatte damit zu tun, daß mir scheint: statt sich in Politisieren und Agitieren zu verheddern, sollten Menschen, die ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ vertreten (oder, weiter gefaßt: um Wege bemüht sind für ein menschenwürdiges Zusammenspiel von Einzelnem und Gemeinschaft; oder wie immer man das nennen mag) sich so weit sensibilisieren, daß sie sehen, wo mit diesem Problemkomplex zusammenhängende Fragesituationen vorliegen.

Bei solcher Sensibilisierung kommen eher Menschengemeinschaften zusammen, die lebendig – und nicht bloß politisierend – in der Gesamtproblematik drinnenstecken und auch eher die Beweglichkeit aufbringen, in kleineren, überschaubaren Zusammenhängen Lösungsansätze zu schaffen.

Das brachte die Sache dann aber auch nicht weiter, und ich zog mich wieder zurück. Da ich per automatisierte E-Mail über weitere Beiträge informiert wurde, bekam ich, mehr am Rande, mit, daß das Gespräch durch eine neue Teilnehmerin nach langer Stagnation kurz wieder in Bewegung gekommen war. Die Betreffende hatte die Hintergründe der „Preisfrage“ verstanden; konnte sich mit ihrem Verstehen aber auch nicht durchsetzen. Selbst mischte ich mich zunächst nicht ein. Als die Sache dann in ein Mißverständnis einmündete, als gehe es darum, daß Aktivisten der BGE-Bewegung sich auch um Heranziehen und Betreuung junger Menschen kümmern müssen, äußerte ich mich denn doch noch mal:

Es ging hier nicht darum, „junge Leute“ einzubeziehen, sie für ein Programm zu gewinnen, sondern darum, die Hintergründe einer Frage zu verstehen.

Daß Menschen aufgrund des unhinterfragt übernommenen vermurxten Arbeitsbegriffs in Bezug auf ihre Tätigkeit, ihre Motivation, ihre Absichten Probleme bekommen – ist normal und nicht ans Alter gebunden.

Aufdröseln des mit Einkommen gekoppelten Arbeitsbegriffs führt fast automatisch zu einer Berührung mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens.

Grob ausgedrückt: der Mensch von heute lebt mehr oder weniger im Tiefschlaf. Schlafwandelt etwas herum, redet auch im Schlafe (manches klingt sogar im ersten Moment recht gescheit); läßt sich auch willig in Programme einbinden, wo er weiterschlafen kann. Alles in allem: der Schlaf bestimmt unsere heutige Realität.

Fragen haben mit einsetzendem Aufwachen zu tun. Es gilt, diese Momente zu erkennen und einzugreifen. Das ist ganz was anderes als via Agitation Anhänger für ein Programm zusammenzutrommeln. Anhänger stolpern in ihrem Halb- oder Tiefschlaf von einem Programm zum andern; wer sich seiner Fragen bewußt wird und ihnen nachgeht – der weiß, was er tut („Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt“, wie Goethe det ganz richtig gesagt hat).

Zusammen mit verschiedenen weiteren Sachen aus dem näheren und ferneren Umfeld des Themenkreises „Bedingungsloses Grundeinkommen“ wurden obige Anmerkungen in einer PDF-Datei zusammengefaßt, die man hier herunterladen kann.