Die Klamurke

Vom Vernetzen

[Aus einem Brief]

Bei Xing bin ich eigentlich noch nicht so lange; und auch dies erst nach wiederholter Einladung seitens eines entfernteren Bekannten, mit dem ich während der Arbeit in Georgien zu tun hatte. Seitdem habe ich über Xing Leute kennengelernt, deren Gesellschaft ich nicht mehr missen möchte; wurde andererseits aber auch recht extrem mit verschiedenen Sackgassen konfrontiert, in welche das Netzwerken, so man nicht aufpaßt, einmünden kann.

Anlaß zu einem "Vernetzungsschritt" sollte ja, damit es sinnvoll wird, ein gewisses Anliegen oder zumindest ein Anflug von lebendigem Interesse sein [...]; damit es lebendig bleibt, sollte das Anliegen aber auch nicht zu schroff, schematisch und pragmatisch sein.

Fehlt das Anliegen und wird das Vernetzen zum Selbstzweck, so tauchen Leute auf, welche Kontakte sammeln wie Briefmarken. Ganz zu Anfang landete ich in einer Gruppe "Kontakte"; und da konnte ich dieses Extrem gründlich studieren. Ursprünglich hatte ich mich in diese Gruppe reingehakt, weil ich ein lockeres, menschliches, weniger pragmatisch ausgerichtetes Kontakteknüpfen vermutet hatte. Aber von Menschlichkeit war da keine Spur; da wurde der Einzelne zu einem abzählbaren Punkt degradiert, der nur insofern interessant war, als er die Kontaktezahl jeweils um eine Einheit erhöhen konnte (und Pflicht eines jeden Gruppenmitglieds war, jegliche Kontaktanfrage von jeglichem anderen Gruppenmitglied anzunehmen). Ich schlich mich dann kommentarlos wieder raus (dachte sogar daran, die während dieses Abenteuers angesammelten "Kontaktpunkte" wieder zu entfernen; ließ das dann aber, da ich niemanden vor den Kopf stoßen wollte); später sah ich dann, daß einer der Begründer oder Moderatoren sich zum Ziel gesetzt hat: es auf 5000 Kontakte zu bringen.

Eigentlich bin ich dankbar für dieses Abenteuer; mir wurden darüber einige im Netzwerken sich herausbildende "Karzinome" bewußt, die eigentlich einer näheren Untersuchung würdig sind.




Nachbemerkung Juli 2012:
Inzwischen – schon seit längerem – existiere ich bei Xing nur noch als Karteileiche. Die verbissene „Ernsthaftigkeit“, mit welcher dort bodenloser Blödsinn produziert wird, geht mir auf den Geist; irgendwie in ein rechtes Gespräch zu kommen ist fast nicht möglich.
Iss ja egal.
In Maßen bin ich inzwischen bei Facebook dabei; dort hat man ein breiteres Spektrum an Handlungsmöglichkeiten und kann das „Vernetzen“ so einrichten, wie es einem sinnvoll erscheint.
Raymond Zoller