Die Klamurke

In Russland Notiertes

Im russischen Nationalisten-Milieu

Samstag, den 20. Juni 1992 * Moskau

Gestern um 5 kam Galja. Sie war auf dem Weg zu einem "Meeting"; eine schon länger laufende Störaktion vor dem Fernsehsender (hatte gar nichts davon gehört); Protest gegen die "Verjudung" usw... der Fernsehens. Sie meinte, ich soll mitkommen [...]. Sie hatte Sascha Tchukov eingeladen sowie Ljoscha (den Balalaikaspieler); die sollten dort was spielen.

***

Da ist im Hintergrund eine gar merkwürdige Ideologie, die mir in ihren Umrissen noch nicht ganz klar ist. Ein paar Punkte [...]; Starkes Ausgerichtetsein auf die Traditionen von vor der Revolution; wobei eine Art "Zuckerbäckerrußland" sich abzeichnet, das nicht einmal so weit entfernt ist von den westlichen Vorstellungen; nur halt etwas differenzierter. - Der Bruder von Sinaida Grigorjevna - der auch in dieser Ecke beheimatet scheint - ist stark rassistisch eingestellt; vor allem gegen Neger hat er was. Solcher Rassismus scheint, in den verschiedensten Ausprägungen, typisch.

Irgendwann kam ich bei einem Gespräch mit Sinaida Grigorjevna auf Nietzsche zu sprechen. Nietzsche wurde von ihr in ein paar kurzen Strichen - die Einzelheiten sind mir entfallen; weiß nur, daß seine Schwester da noch erwähnt wurde - als verjudet dargestellt. - Von Solschenizyn will man nichts wissen; der ist Russophob. Die Begründung bleibt man schuldig; "ich weiß halt sehr vieles noch nicht...".

Auch gestern abend kamen wir auf Solschenizyn zu sprechen (Gesprächsfaden: Man muß in der Lage sein, sich gegen Angriffe zu wehren [beide einig]; ich: das mit dem Sichwehren ist heute nur wesentlich schwieriger als früher infolge der übermächtigen Staatsapparate; Beispiele Auschwitz, die sowjetischen Lager, in denen der Einzelne, und mag er noch so mutig sein, verloren und hilflos ausgeliefert ist; überhaupt: die übermächtigen Staatsmechanismem; ich kam dann auf den Aufstand im Kengir-Lager1 zu sprechen, von dem sie nichts wußte; dabei verwies ich auf den "Archipel Gulag"; und so kamen wir zu Solschenizyn). Sie hätte den Archipel Gulag nicht lesen können; sowas würde sie zu sehr aufregen (hierbei noch keinerlei Abneigung gegen Solschenizyn zu spüren). Ich kam auf die "Kolyma-Erzählungen" von Schalamov2 zu sprechen; davon hätte ich nur ein paar lesen können; diese Ausweglosigkeit sei mir zu viel; charakterisierte die distanziertere Darstellungsweise von Solschenizyn (die man von Schalamov aufgrund der ungleich schwierigeren Bedingungen nicht erwarten kann). Im Kontrast zu Schalamov begann dann eine Art Haß gegen Solschenizyn durchzuschimmern.

Ich weiß nicht, was Schalamov außer Gedichten und den Kolyma-Erzählungen sonst noch geschrieben hat; wenn sie aus den angegebenen Gründen den Archipel nicht gelesen hat, so müßte sie die Kolyma-Erzählungen noch viel weniger kennen. - Wie dem auch sei: Ich wolle doch nicht etwa behaupten, Solschenizyn sei begabter als Schalamov? Ich verteidigte mich: Ich könne leider nicht vergleichen; von Solschenizyn kenne ich praktisch das ganze Werk; und von Schalamov nur recht wenig. - Solschenizyn sei ausgewandert, und Schalamov nicht. Ich verbesserte, daß man Solschenizyn mit Gewalt abgeschoben hat. - Ein anscheinend wichtiger Punkt: Sie legte Wert darauf, daß Schalamov aus altem Adel ist und daß man ihn deshalb ganz anders behandelt hat; Solschenizyn sei ins Lager gekommen, weil er sich kritisch gegen Stalin geäußert hat. - Deutlich der Wert, der auf Schalamovs Zugehörigkeit zum Adel gelegt wird; während Solschenizyn einer vom Fußvolk ist, der einfach so reingerasselt ist; wie halt viele. -

***

Begleitete Galja dann zum WDNH, wo sie sich mit den Musikern verabredet hatte. Sascha wartete schon; kurz darauf stieß auch Ljoscha dazu. Standen etwas; Galja und Ljoscha gingen dann los; Sascha sagte, er käme nach. Ich unterhielt mich noch mit Sascha; dann ging Sascha auch los; und ich streunte noch etwas herum. Und stieß kurz darauf wieder auf Sascha. Schloß mich ihm kurzerhand an. - Galja war etwas irritiert, daß wir zu zweit zu ihnen stießen. Gingen eine Strecke Richtung Bushaltestelle; Sascha und ich frotzelten herum (Sascha hält von diesem ganzen Meetingzeugs genau so wenig wie ich); was Galja gar nicht mochte. Als ich dann mit Sascha schon fast übereingekommen war, daß ich mitkomme, mischte sich Galja ein: Ich sei müde und soll besser nach Hause gehen. Irgendwie war sie eingeschnappt. Was los war, verstand ich nicht

Ich ging dann tatsächlich nach Hause.

Ja nu. Gestern abend rief dann noch Sascha an; wollte mir die Klamurke - die ich ihm geliehen hatte - heute um zehn zurückbringen. Er kam; hatte es eigentlich eilig; doch dann saßen wir noch bis eins herum und redeten.

Das Meeting: Größtenteils Besoffene; Fanatismus; Fahnen; Krach. Nicht ernstzunehmen.

Zusammenlegen unserer Eindrücke ergab vorerst mal folgende Hypothese: Galja war eifersüchtig, weil wir uns abgesondert und unsere eigenen Gespräche geführt hatten; und dann verdächtigte sie Sascha - dessen "ideologische Unzuverlässigkeit“ sie offenbar schon früher erkannt hatte -, daß er mich agitierte.

Ich glaube, daß Galja nicht so tief in dieser Ideologie drinsteckt; gegen mich persönlich war sie offenbar nicht eingeschnappt; rief vorhin bei mir an; da schien alles in Ordnung.

Unabhängig davon sprachen wir u.a. über meine Situation. Sascha durchschaut die sehr gut; besser als ich. Er beharrt darauf, daß ich Schriftsteller bin; nur in einem Vakuum lebe und deshalb nicht weiterkomme; daß es irgendwann einen Durchschlupf geben muß. - An diesen Durchschlupf mag ich im Moment selbst nicht so recht glauben; die Situation ist zu festgefahren. Wir werden sehen.

So weit mal.

Zu Solschenizyn - Schalamov
Nachtrag 18. Dezember 2008

Ein Freund schickte mir das Link zu einem Artikel in der Frankfurter Rundschau über Schalamov und Solschenizyn: „In Hoffnungslosigkeit vollendet“ (kann natürlich nicht wissen, wie lange das Link funktioniert). – Ich antwortete mit nachfolgend wiedergegebenem Kommentar:

eigentlich sind diese Leute mir ein Ärgernis. Solschenizyn – das ist nicht der Ivan Denissovitsch (der mich selbst nicht übermäßig beeindruckt) und auch nicht der Archipel Gulag. Solschenizyn – das ist der kaum gelesene „Erste Kreis der Hölle“, die gleichfalls wenig gelesene „Krebsstation“ und, in allererster Linie, das praktisch überhaupt nicht gelesene zehnbändige „Rote Rad“. Selbst habe ich diese vielen tausend Seiten des „Roten Rades“ dreimal in einem Rutsch gelesen; und wie oft ich einzelne Bände gelesen habe – wüßte ich nicht zu sagen. Und auch jetzt würde ich darin lesen, wenn ich es griffbereit hätte.

Solschenizyn selbst hielt eben dieses „Rote Rad“ für sein wichtigstes Werk; und vielleicht kommt noch eine Zeit, wo die Menschen weniger verblödet sind und wo man diese vielen tausend Seiten zu würdigen weiß.

Ich aber bin der Ansicht, daß jemand, der diese zehn Bände nicht mindestens einmal durchgelesen hat und sie nicht bewußt innerhalb des Ganzen von Solschenizyns Werk betrachten kann, gar nicht das Recht hat, über Solschenizyn zu schreiben.

Als Nachtrag zu obigem nachträglichem Kommentar:

Meines Wissens wären nicht mit guten Russischkenntnissen ausgestattete deutschsprachige Leser selbst bei allerbestem Willen nicht in der Lage, die erwähnten zehn Bände des „Roten Rades“ durchzulesen, weilnämlich – so weit mit bekannt – das alles nur zum Teil ins Deutsche übersetzt wurde und weil die veröffentlichten deutschen Bände bereits vor Jahren verramscht wurden.

Dem Namen nach dürfte die Verfasserin jenes Artikels allerdings aus der russischsprachigen Ecke kommen und durch jene Einschränkung nicht betroffen sein. Bloß hat man nicht den Eindruck, als habe sie ihre sprachlichen Möglichkeiten genutzt, sich mit dem Werk jenes Menschen, über den sie so leichthin schreibt, in gebührendem Maße vertraut zu machen.

Ich hab ja tatsächlich, vor allem bei russischsprachigen Kritikern – die sich nicht so leicht darauf hinausreden können, daß sie das alles nicht lesen können, weil es nicht übersetzt ist – den Vorwurf gelesen: daß Solschenizyn zu viel schreibt. Wobei die hochgelahrten Damen & Herren offenbar nicht einmal selbst merkten, wie absurd ein solcher Vorwurf ist… Wenn es dich nicht interessiert und wenn es dir zuviel wird – ja nu, dann les es doch einfach nicht; zwingt dich ja niemand. Ich les auch vieles nicht, was mich nicht interessiert oder zu dem ich keine Zeit finde; aber es würde mir nie einfallen, den Verfassern solcher von mir nicht angeschauter Schriften den Vorwurf zu machen: daß sie zuviel schreiben.

Wenn ich die wichtigsten Werke eines Autoren (die auch er selbst ausdrücklich als seine wichtigsten Werke betrachtet), nicht gelesen habe, so sollte ich doch aber, redlichkeitshalber, darauf verzichten, in aller Öffentlichkeit über Leben und Werk dieses Autoren zu urteilen? Oder?


1)Vierzigtägiger Gefangenenaufstand in einem sowjetischen Straflager anno 1953, während welchem das Lager in der Hand der Gefangenen war. Dies war möglich, weil nach dem Tod Stalins und dem Fall Berijas die Lagerleitung nicht recht wußte, was tun und sich nicht zu energischen Maßnahmen entschließen konnte. Näheres etwa in Solschenizyns „Archipel Gulag“ III
2)Schalamov schrieb über die Straflager an der Kolyma, wo er inhaftiert war. Unter welchen Titeln (bzw.: ob überhaupt) Sachen von ihm in deutscher Übersetzung vorliegen, weiß ich nicht
Raymond Zoller