Die Klamurke

Von Maskenbällen und Gemeinschaft freier Geister

(aus zwei Briefen an eine und die gleiche Person)

Odessa, am 21. März 2009

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Vermute, daß die Maskerade eine typische westliche Zivilisationskrankheit ist, in der alle von Geburt auf aufwachsen und von der sich nur die allerwenigsten mehr oder weniger freimachen können. Die Maske trägt man ja nicht nur gegenüber seiner Umgebung, sondern auch vor sich selbst; weswegen kaum jemand eine Ahnung hat, wer er sein könnte und was er eigentlich soll… Ich hab mich irgendwie rauswurschteln können; aber vermutlich auch nur, weil es mich Anfang der neunziger Jahre, mit schon leicht angeknackster Maske, nach Rußland verschlug und weil ich mich seitdem eher selten in den einstmals „heimischen“ Wohlstandgebieten aufhalte.

Der echte Europäer ist in seinem Kopf eingeschlossen; wer aus existentieller Betroffenheit und nicht bloß theoretisierend sich mit „geistigen Fragen“ auseinandersetzt ist für ihn einfach bloß ein Spinner: Betroffenheit ist komisch. Und Leute, die viel von Geist reden, sind in der Hinsicht unter Umständen noch schlimmer als ehrliche „Materialisten“. Hab ich alles studieren dürfen.

Die Leute können ja nix dafür. Ich denke, daß die Europäer, und darunter insbesondere die Vertreter des einstigen „Volkes der Dichter und Denker“, sich erst einmal der Wände bewußt werden müßten, durch die sie in ihren theoretisierenden Kopf eingeschlossen sind, bevor sie überhaupt daran denken können, sich zu irgendeiner „Geistigkeit“ vorzuarbeiten. Bevor diese Wände nicht fallen, wird die europäische „Geistigkeit“ sich auf ein belangloses, von mir aus stellenweise g’scheit klingendes Gerede über Geist beschränken, ganz ohne Geist.

Das inzwischen die gesamte Kultur paralysierende Verhängnis wurde in seinem Aufkommen ja von Leuten mit Durchblick beobachtet und beschrieben; der von dem Bildungsphilistertum offiziell sehr „geschätzte“ und in seiner Substanz nicht verstandene Goethesche „Faust“ ist in diesem Zusammenhang angesiedelt; später, als die Katastrophe bereits griffiger wurde, machte der gleichfalls von kaum jemandem verstandene Nietzsche darauf aufmerksam (einen Zusammenschnitt aus einem Nietzsche’schen Aufsatz hab ich hier veröffentlicht).

Problem ist ja, daß im Verlaufe dieser schleichenden kulturellen – und via Bewußtseinsverfinsterung auch „griffigere“ Katastrophen herbeizaubernden – Katastrophe solche Leute, welche die Mechanismen dieses Verhängnisses verstanden und beschrieben, dadurch unschädlich gemacht wurden, daß man sie als harmlose, teilweise lächerliche Wachsfiguren oder Zuckergüsse ins Bildungsphilister-Panoptikum stellte; und nun schreiben irgendwelche hochgelahrte Schwafler hochgelahrte Abhandlungen über sie, und geschniegelte Wichtigtuer glänzen mit Zitaten aus ihren Werken; und darüber vergißt man, ganz selbstverständlich, daß das Leute waren wie Sie und ich, die ihr Leben lebten, litten, manches verstanden, anderes nicht verstanden, die sich Mühe gaben, sich zurechtzufinden und die halt, aus dem Prozeß dieses „lebenshaften“ und nicht theoretischen Zurechtfindens heraus, dies und jenes auch schrieben. – Und statt daß man sie verstanden hätte, stellte man sie, weil sie so schön g’scheit wirkten, ins Bildungsphilisterpanoptikum… - Und so sehr hat man sich an sie als Panoptikum-Exponate schon gewöhnt, daß man ihr ehrliches Suchen gar nicht mehr wahrnehmen kann. Würde man es wahrnehmen, so würde man sie nämlich, den Gepflogenheiten entsprechend, unbedingt als komisch empfinden und als lächerliche Figuren beiseiteschieben.

Und weil der in seinem geistig-seelischen Gefängnis eingeschlossene Europäer keinen Zugang finden kann zu einem sich selbst tragenden Urteilsvermögen, weicht er aus auf griffiges „Anerkanntes“: von Staats wegen vergebene Diplome, Auszeichnungen und sonstige im äußeren, sozialen verwurzelte Krücken, die ihm das eigene Urteilen abnehmen. Genauso wie der seinem eigenen Urteil nicht trauende Katholik die Stütze des Papstes braucht.

Ich brauchte lange, um all dies zu durchschauen. Inzwischen ist es mir plastisch, und ich leide weniger darunter. So gut durchschaue ich es, daß ich vermutlich ohne große Probleme ein dickes Buch über die Wurzeln unserer Katastrophe schreiben könnte; und eben weil ich es so gut durchschaue weiß ich auch, daß es völliger Unsinn wäre, außer in Briefen und in verstreuten kürzeren Notizen auch nur eine Seite darüber zu schreiben: weil nämlich niemand verstehen würde, was ich meine (und auch niemand es lesen würde, da ich ja durch keinerlei Papier nachweisen kann, daß ich was verstehe).

Da man den Menschen in seinem Streben und Bemühen im Allgemeinen gar nicht wahrnimmt, ist auch richtige Freundschaft nur noch schwer möglich: Befreundet können wir sein, solange du mir in dem, was mir grad wichtig ist, nützlich sein kannst oder so lange deine Gesellschaft mir aus was für Gründen auch immer angenehm ist. Doch wie könntest du mir nützlich sein, und wie könnte deine Gesellschaft mir angenehm sein, wenn du Probleme hast? Das ist deine Sache; werd erst mal mit deinen Problemen fertig; dann können wir wieder miteinander reden…

Ich stand mehrfach am Rande des Abgrunds, ohne daß jemand von meinen damaligen europäischen „Freunden“ mir geholfen hätte (dafür weiß ich, daß man beim Kaffeeklatsch sich über meine Situation lustig machte); hatte mehrfach gute Chancen, hochzukommen, sogar stark hochzukommen, wobei ich auch andere hätte mit hochnehmen können; was aber alles nicht zum Tragen kam, mich dafür streckenweise an den Rand des Abgrunds brachte, weil man mir geringfügigste Hilfestellung versagte (im Erfolgsfalle wäre man natürlich auf mich zugekommen; letztere häufig beobachtete Tendenz hab ich dann in einem kleinen belletristischen Text verarbeitet). - Mein früherer Freundeskreis bestand zum größten Teil eben aus Leuten, die viel vom „Geiste“ redeten wieauch von sozialer Erneuerung; und so viel redeten sie darüber, daß sie gar nicht dazu kamen zu verstehen, daß der Mensch ein soziales Wesen ist und daß man, um weiterzukommen, sich gegenseitig helfen muß. Dieses Volks hab ich inzwischen immerhin glücklich hinter mir gelassen…

Ich kann Ihre Situation also sehr gut verstehen; besonders zu Momenten, da man völlig hilflos ist, kann solche egozentrische Kleinkariertheit einen zur Verzweiflung treiben. Und ich finde Ihre Zeilen auch nicht übermäßig finster… Wenn ich was Lustiges will, les ich Gogol. Das Leben ist nun mal nicht so einfach, und das dogmatische „keep smiling“ wollen wir denjenigen überlassen, die sonst keine Sorgen haben.

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Odessa, am 5. April 2004

Das Ziel „Freie Gemeinschaft des freien Einzelnen mit anderen freien Einzelnen“ ist gar nicht so einfach zu erreichen und setzt voraus eine bewußte Auseinandersetzung dieser Einzelnen mit ihren privaten Motiven und Triebfedern, ein bewußtes Unterscheiden zwischen momentanen persönlichen Launen und dem Leben und Wirken in einer umfassenderen „Wahrheit“ (klingt in dieser Kürze recht vereinfachend und banal). Es ist ein reines erkenntnispraktisches Problem; und wer sich da nicht einen gewissen Überblick verschaffen kann, der ist für solche Gemeinschaft einfach nicht geeignet. (mit „Wahrheit“ meine ich natürlich nicht ein auf Autorität hin übernommenes Dogmensystem; det iss alles, wie gesagt, ein zutiefst erkenntnistheoretisches, oder besser gesagt, erkenntnispraktisches Problem.

Hab mich viel mit dieser Frage beschäftigt. Wo solche Gemeinsschaftsform einfach dogmatisch postuliert wird ohne Blick auf die zugrundeliegende Bewußtseinsproblematik – da entsteht ganz einfach Chaos, mitunter sogar recht blutiges, wie die Geschichte der verschiedenartigsten anarchistischen Versuche zur Genüge zeigen (doch auch ohne diese blutigen Versuche ist deutlich, daß Anarchismus ohne Berücksichtigung der Bewußtseinsproblematik unweigerlich ins Chaos führt)

Mir sind auch Ansätze bekannt, in kleinem Maße Gemeinschaften freier Einzelner unter kompetenter Berücksichtigung der Bewußtseinsproblematik anzuregen; doch das ging alles so sehr daneben, daß selbst viele von denjenigen, die mit diesen danebengegangenen Gemeinschaften näher zu tun haben oder sich dazu bekennen, gar nichts wissen von der zugrundeliegenden Freiheitsproblematik (ohne welche eine solche Gemeinschaft sich ihrer Struktur nach nicht von einem Kegelclub oder Fußballverein unterscheidet).

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Raymond Zoller